Fair Company Nach der Uni noch ein Praktikum?

Nach der Uni ein Praktikum? Die Bachelor- und Master-Absolventen sind verunsichert: Nach dem Studium haben sie kaum Praxiserfahrung, sollen aber nun in die Arbeitswelt. Firmen bieten zu wenige feste Stellen, und die Fair Companies bevorzugen für Praktika Studenten.

Carola Sonnet | , aktualisiert

Wenn Friederike Harms über ihr bevorstehendes Praktikum spricht, klingt es, als ob sie beim Geheimdienst anfängt. Name der Firma? Abteilung? Gehalt? Das behält sie lieber für sich. Auch ihren echten Namen möchte die 22-Jährige nicht nennen, aus Angst. "Es war schwierig genug, diese Stelle zu bekommen. Ich will den Platz jetzt nicht verlieren." Immerhin: Ein Industrieunternehmen sei es, sagt sie. Besonders verschwiegen müsste sie also nicht sein. Eigentlich.

Derzeit aber ist Krise, und das Praktikum ist für Friederike Harms extrem wichtig geworden. Sie steht kurz vor dem Abschluss ihres Bachelor-Studiums und will vor dem Beginn ihres Masters Berufserfahrung sammeln. Dafür hatte sie bislang keine Zeit, das Studium ist straff organisiert. Die Fair Company-Regeln verhinderten jetzt, dass sie - für ein paar Monate - in ihrem Wunsch-Unternehmen einsteigen konnte. Weil Praktika demnach nicht für Absolventen gedacht sind, sondern für Studenten, erhielt Harms eine Absage.

Letzte Rettung Praktikum?

Eine komplizierte Situation. Die Unternehmen entlassen Mitarbeiter oder führen Kurzarbeit ein, und die Studenten fangen schon vor der Abschlussarbeit an, Bewerbungen zu schreiben. Hunderte sind es manchmal, und groß ist die Chance auf eine Festanstellung trotzdem nicht. Ein Praktikum scheint besser als nichts und die einzige Möglichkeit zu sein, überhaupt Zugang zu einem Unternehmen zu bekommen. Aber momentan ist nicht mal das sicher. Die Studenten und Absolventen sind verunsichert und sprechen ungern über ihre Suche.

Als Handelsblatt Junge Karriere die Fair Company-Initiative vor fünf Jahren gründete, war die Situation anders und die Notwendigkeit für Regeln offensichtlich: Praktikanten wurden in den schlimmsten Fällen ausgebeutet, schlecht oder gar nicht bezahlt und machten die Arbeit ihrer Kollegen mit. Feste Stellen wurden nicht neu besetzt, sondern durch ein monatelanges Praktikanten-Karussell ersetzt - auch wenn sie schon einen Hochschulabschluss hatten. Eine der Regeln lautet deshalb: Fair Companies bieten Praktika vornehmlich zur beruflichen Orientierung während der Ausbildungsphase an, also auch während des Bachelor-Studiums. Und: Ein Hochschulabschluss darf keine Voraussetzung für ein Praktikum sein.

Praktikumsabsagen häufen sich

So sehr sich diese Regelung bewährt hat: In der Krise führt sie dazu, dass zahlreiche Fair Companies beschlossen haben, jede Anfrage nach einem Praktikum mit einer Absage zu beantworten, wenn der Bewerber sein Studium bereits beendet hat. "Uns war wichtig, die Fair Company-Regeln im Markt zu etablieren, also haben wir Interessenten mit Hochschulabschluss auch davon abgeraten, sich für ein Praktikum zu bewerben", sagt Sandy Janus von der Unternehmensberatung Cirquent. Der Firma geht es auch um ihre Glaubwürdigkeit.

Die Kehrseite: Viele Bewerber, die ein Praktikum in der momentanen Lage als einzige Möglichkeit nach ihrem Abschluss sehen, beschweren sich über die Initiative. Die Unternehmen möchten jedoch vermeiden, dass Bewerber, die noch studieren, sich mit Hochschulabsolventen auf die selben Stellen bewerben müssen.

Fakt ist, dass es Cirquent und allen anderen Fair Companies frei steht, freiwilligen Bewerbern auch nach ihrem Abschluss ein Praktikum zu ermöglichen. Allerdings sollte zwischen den alten Diplom- und Magister- sowie den neuen Bachelor- und Masterabschlüssen unterschieden werden. Denn viele Bachelor-Absolventen haben während ihres Studiums nur selten die Möglichkeit, erste Berufserfahrungen zu sammeln und bewerben sich für ein Praktikum für die Zeit vor ihrem Master-Studium.

Unproblematisch sind Praktika also, wenn der Bachelor abgeschlossen ist und der Master bevorsteht. Das gilt auch für Studierende in einem Master-, Zweit- oder Aufbaustudiengang. Absolventen, die keine Möglichkeit sehen, eine Stelle zu finden, dürfen sich freiwillig auch nach ihrem Abschluss bewerben.

Wie sinnvoll Kurz-Berufserfahrungen nach dem Bachelor sein können, um herauszufinden, worauf man sich im Master spezialisieren will, zeigt das Beispiel von Thomas Hasselberg (siehe S. 3). Der 22-Jährige macht seinen BWL-Bachelor an der Uni Münster. Bevor er im Februar mit seinem Master beginnt, wird er für zwei Monate in Düsseldorf bei der West LB als Praktikant im Vertrieb arbeiten. Im Anschluss plant er ein weiteres Praktikum in einem Industrieunternehmen: "Ich bin mir noch nicht sicher, welche Richtung ich einschlagen möchte und will beide Bereiche kennen lernen", sagt er.

Bosch entwickelt Praktikumsangebot für Absolventen

Dass es auch für die Unternehmen ein Vorteil sein kann, Bachelor-Absolventen Berufserfahrung zu ermöglichen, bevor sie ihren Master machen, zeigt eine neue Initiative von Bosch. Mit dem "PreMaster" wurde kein neues Praktikantenprogramm geschaffen, sondern ein auf die Absolventen zugeschnittenes Angebot. Doreen Herz ist eine von 28 Teilnehmern der Pilotphase, eine der besonders leistungsstarken Bewerber, die anschließend die Möglichkeit haben, bei ihrem Masterstudium mit einem Kredit unterstützt zu werden (siehe S. 3). "Die Idee, ein Jahr zu arbeiten, bevor ich weiter studiere, hat mir sehr gut gefallen", sagt die 29-Jährige.

Die PreMaster-Teilnehmer werden mit 1900 Euro im Monat bezahlt und haben gute Chancen, nach ihrem Abschluss bei Bosch anzufangen. Jessica Heyser von der DGB Jugend begrüßt das Programm: "Für gute Arbeit angemessen bezahlt zu werden, sollte gerade nach dem Studium eine Selbstverständlichkeit sein." Von normalen Praktika nach dem Abschluss rät sie ab. "Der Klebeeffekt ist erwiesenermaßen gering."

Die Chance auf Übernahme ist gering

Laut einer Studie des Bundesarbeitsministeriums von 2008 übernahmen die Firmen nur elf Prozent der jungen, qualifizierten Beschäftigten, die während ihres Berufseinstiegs ein Praktikum machten, in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis. Acht Prozent erhielten einen befristeten Vertrag, drei Prozent mussten erneut als Praktikanten oder Leiharbeiter mit einem Honorarvertrag arbeiten. Befragt wurden 18- bis 34-Jährige mit abgeschlossener Berufsausbildung. Von den Befragten, die bereits Kontakt mit dem Arbeitsmarkt hatten, haben 20 Prozent nach dem Abschluss ein oder mehrere Praktika gemacht. Das entspricht hochgerechnet knapp zwei Millionen Menschen. Mehr als drei Viertel gaben an, während des Praktikums mindestens die Hälfte der Arbeitszeit als normale Kraft eingesetzt worden zu sein.

"Die Chancen auf eine Stelle sind nicht niedriger, wenn man statt eines Praktikums Bewerbungen schreibt oder Honorarstellen annimmt", sagt Jessica Heyser. Doch so frei in der Wahl sind Studenten selten. Ganz ohne Praxiserfahrung aus einem Praktikum geht es schließlich nicht. Und ein Funken Hoffnung, es darüber in eine feste Stelle zu schaffen, schwingt auch immer mit. Friederike Harms wird es so jedenfalls versuchen. Dass sie darüber ungern spricht, muss man verstehen - sie will ihre kleine Chance nutzen. Viele hat sie nämlich nicht.

"Jetzt ist meine letzte Chance, ein Praktikum zu machen", sagt Thomas Hasselberg. Der 22-Jährige studiert Betriebswirtschaftslehre an der Universität Münster und macht bald seinen Bachelor-Abschluss. Da er sich für das Master-Programm an der Uni Maastricht im Bereich Finance beworben hat, bleibt ihm noch bis Februar Zeit, um Berufserfahrung zu sammeln. Das Ziel: Eine bessere Vorstellung bekommen, was er in Zukunft machen möchte.

Im ersten Praktikum wird er zwei Monate lang bei der Westdeutschen Landesbank (West LB) in Düsseldorf arbeiten, denn der Finanzbereich hat ihn während des Studiums am meisten interessiert. "Unsere Ausbildung ist aber sehr allgemein angelegt, da habe ich von allem gleich viel gelernt." Deswegen will er sein Wissen jetzt vertiefen. Ob Hasselberg später aber bei einer Bank oder doch in einem Industrieunternehmen arbeiten will, kann er jetzt noch nicht sagen. "Ich will schon mal auf beiden Seiten des Verhandlungstischs gesessen haben."

Praktika helfen bei der Entscheidungsfindung

Für das Anschluss-Praktikum bei einem Industrieunternehmen hat er gerade mit den Bewerbungen begonnen. Die beiden kurzen und dafür sehr verschiedenen Erfahrungen sollen zeigen, welcher Bereich ihm eher liegt. Nach seinem Master-Abschluss hat er jedenfalls vor, sich nur noch auf feste Stellen zu bewerben. Das Programm in Maastricht dauert nur ein Jahr und die Vorlesungen sind auf Englisch. Damit sollte er gute Chancen haben, eine Anstellung zu finden - gerade wenn die Krise bis dahin ihren Tiefpunkt überschritten hat. Er zeigt, dass Praktika zwischen Bachelor und Master Sinn machen können.

Ursprünglich hatte Doreen Herz geplant, direkt im Anschluss an ihren Bachelor in Wirtschaftsingenieurwesen an der FH Trier einen Master of Science zu machen. "Eine Kommilitonin hat mich auf das PreMaster-Programm von Bosch aufmerksam gemacht, ich hab mich dann sofort beworben." Bosch hat eine Lösung entwickelt, um Bachelor-Absolventen qualifizierte Berufserfahrung zu ermöglichen, bevor sie sich im Master-Studium weiter ausbilden. 28 Teilnehmer arbeiten während der Pilotphase in Projekten mit, Doreen Herz hat sich für die Logistik im Bosch Production System (BPS) entschieden. Der 29-Jährigen steht ein Mentor zur Seite, der sie auch während ihres Masterstudiums begleiten wird.

Keine Verpflichtungen, aber gute Chancen

Noch bis Ende September arbeitet sie selbstständig an Projekten wie der Entwicklung eines neuen Konzepts für Anlieferer mit. "Hier kann ich viel Theorie aus dem FH-Studium anwenden. Die Idee, ein Jahr zu arbeiten, bevor ich weiter studiere, hat mir auch sehr gut gefallen", sagt Herz. Während des Master-Studiums können sich die Programmteilnehmer mit einem zinsfreien Kredit von bis zu 500 Euro im Monat unterstützen lassen. "Das ist ein hilfreiches Angebot", findet Herz. Auch eine Verpflichtung, bei Bosch zu bleiben, gebe es nicht.

Die Chance jedoch, nach Abschluss ihres Masters bei der Tochtergesellschaft Rexroth übernommen zu werden, seien ganz gut. Denn für das PreMaster-Programm wählt Bosch gezielt Bachelor mit guten Noten und gutem Englisch aus. Und legt Wert darauf, dass es sich nicht um ein normales Praktikum handelt.

"Employability"

Zu den Ideen der Bologna-Reform zählt, die Bachelor-Absolventen bereits während ihres Studiums auf den Beruf vorzubereiten. "Employability" heißt das auf Neu-Deutsch, der Bachelor soll, so die Vorgabe an die Lehre, ein berufsbefähigender Abschluss sein. Die Schlüsselkompetenz soll es den neuen Absolventen über die europäischen Grenzen hinweg ermöglichen, Arbeit zu finden und Deutschland international wettbewerbsfähiger machen. Jedoch sehen bisher nicht alle Bachelor-Programme ein Praxissemester vor, das nötig wäre und die Regelstudienzeit im Normalfall um ein Semester verlängert. So entscheiden sich viele Bachelor-Absolventen, die Zeit vor Beginn ihres Masterstudiums zu nutzen, um erste Berufserfahrungen zu sammeln.

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