Fachkräftemangel Rasend schnell zum neuen Job

Arbeitgeber suchen Nachwuchs im In- und Ausland. Bei originellen Bewerbungsaktionen werden sie fündig.

Ruth Lemmer | , aktualisiert


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Spektakuläre Recruiting-Aktion

Der Höhepunkt seines Wirtschaftsingenieurstudiums fand nicht auf dem Campus in Deggendorf statt, sondern unter Motorenröhren auf dem Hockenheimring: Christian Klein ging mit dem Formula-Student-Team "Fast Forest" seiner Uni an den Start. 2009 und 2011 berechnete der Nachwuchsingenieur den Materialeinsatz seines Teams, 2010 konstruierte Klein die Bremsanlage für den Rennwagen. Unterstützt wurde der studentische Rennstall von Reifenhersteller Continental – mit Material, Know-how und Fahrtrainings.

Kleins Leistung an der Rennstrecke überzeugte den Sponsor: Auf ein Praktikum folgte die Bachelorarbeit, dann der erste Job – der gelernte Bankkaufmann und studierte Wirtschaftsingenieur arbeitet jetzt im Qualitätsmanagement. "Hier kann ich in den nächsten Jahren noch viel lernen", sagt der 24-Jährige.

Die Formula Student Germany ist die spektakulärste Recruiting-Aktion für den Ingenieurnachwuchs. Der Verband Deutscher Ingenieure (VDI) schickt ab Dienstag wieder 110 Teams aus aller Welt auf die Rennpiste.

Heiß umworbene Studenten

Die interdisziplinär geübten und auf Sieg gepolten Studenten werden von potenziellen Arbeitgebern heiß umworben: Audi und BMW, Dekra, SKF und Bosch engagieren Talente beinah vom Fleck weg. Die Suche nach den Besten geht Hand in Hand mit der Furcht vor dem Fachkräftemangel.

Die Manpower-Gruppe prognostizierte im Februar 2012 eine Fachkräftelücke von 4,4 Millionen Arbeitnehmern in Deutschland für 2020. Ingenieure gehören schon jetzt zu den begehrtesten unter den Hochschulabsolventen.

Aber auch Wirtschaftswissenschaftler, Ärzte und sogar Quereinsteiger aus den Geisteswissenschaften mit sehr guten Noten können an originellen Firmenveranstaltungen teilnehmen, um potenzielle Chefs kennenzulernen: Beim Speed-Recruiting auf Messen zum Beispiel haben Arbeitgeber und Aspiranten nur Minuten für ihren Erstkontakt. Beim Krimidinner kommen sie sich zwischen Mordaufklärung und Menü näher. Beim Geocaching gehen künftige Mitarbeiter und Manager gemeinsam auf elektronische Schnitzeljagd.

APPetithäppchen fürs spontane Kennenlernen

Die Agentur Young Targets hat sich auf solche Bewerbungsveranstaltungen der unterhaltsamen Art für den begehrten Fachkräftenachwuchs spezialisiert. Der Karlsruher Mittelständler CAS Software, seit Jahren in der Liste der besten Arbeitgeber und dennoch für den Erstkontakt mit bescheidenen Chancen gegen international bekannte Namen wie SAP, setzt auf solch auffällige Aktionen.

Gerade stellte das Unternehmen seine Räume für das jährliche Barcamp bereit – ein Treffen, bei dem jeder Teilnehmer eine eigene Session anbieten kann. Morgens wird elektronisch abgestimmt, wer zum Zuge kommt. "Wasgehtapp" und "Bitte nicht stören" sind Projekte, in denen die Barcamp-Teilnehmer konkret Software entwickeln.

"Mit diesen ungewöhnlichen Aktionen wollen wir die Studierenden auf uns aufmerksam machen und spontan ihr Interesse wecken", sagt Martin Hubschneider, CAS-Vorstandsvorsitzender. Weil IT-Experten fehlen, umwirbt CAS auch neue Mitarbeiter im Ausland. Im ungarischen Szeged kooperiert das deutsche Unternehmen mit der dortigen Universität und gewinnt so Spezialisten wie den Wirtschaftsinformatiker Daniel Kelemen.


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Der 29-Jährige lernte Deutsch von seiner schwäbischen Großmutter, über ein Erasmus-Stipendium und ein Praktikum kam er zum deutschen Softwareanbieter, wo er inzwischen als Webdesigner arbeitet. "Das war mein Traum", sagt Kelemen. "In Karlsruhe gefällt mir die Atmosphäre in der Stadt und in der Firma. Auch in Stresszeiten kann man im Team mit Spaß arbeiten."

Nicht nur in Osteuropa, auch in Spanien, Portugal und Griechenland akquirieren deutsche Arbeitgeber – allerdings gilt die Sprache als Hürde. Denn in deutschen Zentralen reicht Englisch alleine nur selten. Die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung der Bundesagentur für Arbeit bereitet deutschen Unternehmen den Weg zu Jobmessen im Ausland und konnte im vergangenen Jahr 290 Fachkräfte mit Deutschkenntnissen vermitteln.

Etwas Nachhilfe ist vonnöten, da sich nicht viele Akademiker von alleine auf den Weg machen wie die Spanierin Mireia Choy Martinez. In den Niederlanden arbeitete die Ingenieurin mit Abschlüssen in Chemie und Industrie zunächst in einem Start-up. "Nach Amsterdam ist mir mein Freund gefolgt. Als er dann einen guten Job in Fulda fand, war ich dran, ihm hinterherzuziehen", sagt die junge Spanierin. "Ich wollte aber in ein größeres Unternehmen einsteigen."

Wo die meisten suchen

Das fand sie in Continental. In Hannover, und damit 250 Kilometer von Freund und Fulda entfernt, absolvierte sie ihr Traineeprogramm gemeinsam mit Portugiesen, Ägyptern, Türken und nur einem Deutschen. Inzwischen arbeitet die 26-Jährige in der Forschungsabteilung des Reifenproduzenten.

Über all die in die Ferne strebenden Ansätze der Personalsuche sollten Unternehmen allerdings die nahe liegenden Methoden nicht vergessen. Denn – so lautet zum Beispiel die Erfahrung der SMS Group – von den Auszubildenden kommen inzwischen zwar 30 Prozent übers Internet zum internationalen Anlagenbauer mit Hauptsitz in Düsseldorf, aber eben auch weitere 30 Prozent über Freunde, Familie und Mitarbeiter Mitarbeiterempfehlungen.

Persönliche Empfehlungen

Bei Hochschulabsolventen machten die persönlichen Empfehlungen etwa ein Viertel aus. Ein Beispiel dafür ist Julia Heker. Der Essenerin war vor ihrem Abitur klar: "Ich will eine Ausbildung machen und Geld verdienen." Sie hörte genau hin, was ihre Schwester Sandra von ihrer Ausbildung bei SMS erzählte: zeichnen mit Lineal und Tusche, nicht malen. Logische PC-Programme, kein elektronischer Schnickschnack. Freundliches Arbeitsklima, keine Ellenbogenmentalität.

Erfolgreich bewarb sich die jüngere Schwester als technische Zeichnerin bei SMS.

Im Anschluss an ihre Ausbildung hat Julia Heker doch noch an der FH Düsseldorf studiert - mit 700 Euro Studienstipendium pro Monat von SMS Siemag. Ihrem Chef war es wichtig, die tüchtige Nachwuchskraft an das Unternehmen zu binden. Die Investition hat sich gelohnt: Inzwischen konstruiert die 25-Jährige Alu-Kaltwalzwerke bei ihrem alten Arbeitgeber.


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Auch Vodafone lässt sich das Anwerben und Halten vielversprechender Newcomer etliches kosten und setzt dazu auf außergewöhnliche Aktionen: Die 28-jährige Führungskraft Jana Flindt erinnert sich: "Mein Bewerbungsgespräch am Vodafone-Firmenstand habe ich bei der Summer Challenge an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt während der Wettkämpfe im Sportdress und mit Flipflops geführt."

Mit Erfolg: Flindt wurde für das Traineeprogramm engagiert, nur zwei Jahre später ist sie Gruppenleiterin im Vertrieb.

Als ihre Schwester Ilka von der FH Münster einen Praktikumsplatz suchte, vermittelte die Ältere die Jüngere an Vodafone. Seitdem hält die Personalabteilung zu Ex-Praktikantin Ilka sehr engen Kontakt.

Hochschul-Botschafterin für den Arbeitgeber

Denn die 25-Jährige ist ein sogenannter Vodafone-"Ambassador" geworden: An ihrer Hochschule betätigt sie sich als Botschafterin für den Düsseldorfer Arbeitgeber. Ihre selbst ausgedachten Werbeaktionen unterstützt der Telekommunikationsanbieter finanziell.

So hat sie zum Beispiel in der Adventszeit rund 2000 Euro bekommen, um an einem Stand in Vodafone-Rot Handy-Kekse, Handy-Keksausstecher mit Firmenlogo und Informationen über den Arbeitgeber an ihre Kommilitonen zu verteilen. Rund 40 Kontakte von Interessenten konnte Ilka Flindt danach der Personalabteilung nennen.

Ihre eigene Festanstellung und damit der Vermittlungsbonus für ihre Schwester Jana dürften wohl nur noch ein Frage der Zeit sein.

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