Fachkräfte gesucht Wer rettet unser Wasser?

Wasser gilt als wertvollste Ressource. Doch das blaue Gold ist bedroht. Missmanagement, der Klimawandel, der Konsum und die ansteigende Weltbevölkerung machen es zu einem raren Gut. Daher sind Fachkräfte gefragt, die das Wasser schützen.

Judith Schallenberg | , aktualisiert

Die Sonne brennt, Regen fällt höchstens im Winter ein bisschen, und doch blüht mitten in Abu Dhabi das Leben. Verdorrte Pflanzen und Bäume sucht man vergebens. "Alles ist unglaublich grün", sagt Mareike Boccola. "Dass wir in der Wüste leben, spüren wir nur an der Hitze." Der Grund ist recht einfach. In dem ölreichen Emirat wird großzügig bewässert. Es gibt zahllose Parks und Brunnen, künstliche Oasen und Seen. Selbst die Golfplätze sind in blendendem Zustand. Sie werden mit Abwasser am Leben gehalten, das auch beim Autowaschen und zur Stadtbegrünung zum Einsatz kommt.

Mareike Boccola, 33, ist Teil dieses Systems. Sie ist für Befesa Agua tätig, eine spanische Firma, die sich auf Meerwasserentsalzung, den weltweiten Bau von Kläranlagen und Anlagen zur Trinkwasseraufbereitung spezialisiert hat. Am Golf baut Boccola das Geschäft ihres Arbeitgebers aus. "Die Region hier lebt von Meerwasseraufbereitung." Die Betriebswirtin, die aus Hamm stammt, erlebt die große Ausnahme, denn der Menschheit geht das Wasser aus. Während die westliche Welt davon noch wenig spürt, wird der Mangel zum globalen Problem. "Der Druck auf die Ressource Wasser wächst", sagt Bernd Rusteberg. "Das ist eine große Chance für Fachkräfte mit Wasserfokus." Der promovierte Wasserwirtschaftsingenieur lehrt an der Uni Göttingen den internationalen Masterstudiengang Hydrogeologie und Umweltgeowissenschaften.

Das Wasser wird knapp

Schon heute hat ein Großteil der Menschen keinen Zugang zu Wasser. In den nächsten Jahrzehnten geht es an die Reserven. Laut UN-Kommission für nachhaltige Entwicklung (CSD) leben in 15 Jahren 47 Prozent der Weltbevölkerung in Niedriglohnländern mit unzureichender Wasserversorgung. Zugleich bedrohen häufigere Dürren die Landwirtschaft. Überflutungen, Staudammprojekte, ungeklärte Fragen des Wasserrechts bringen die Staaten zusätzlich in Aufruhr und können schlimmstenfalls zu bewaffneten Konflikten oder Kriegen führen. Zu den Gründen zählen Missmanagement, der Klimawandel, Konsum und die Weltbevölkerung: Sie hat sich in den letzten 50 Jahren verdreifacht. Zugleich hat sich der Wasserverbrauch etwa versiebenfacht.

So düster die Prognosen sind: "Die Berufsaussichten sind glänzend", sagt Christian von Hirschhausen, Inhaber des Lehrstuhls für Energiewirtschaft an der TU Dresden und Forscher am Deutschen Institut für Wirtschaft (DIW) Berlin. "Sie sehen es täglich in der Zeitung: Wenn man über das Klima spricht, spricht man über Wasser. Wenn von den Millennium-Zielen die Rede ist, ist die Rede von Wasser. Der Hunger in der Welt - eine Krise, die am Wasser hängt."

Jobs sind in vielen Bereichen vorhanden

Wasserexperten - Ingenieure, Ökonomen, aber auch Politologen oder Juristen - entwickeln Strategien zur Deckung des Wasserbedarfs einer Region: Trinkwasser, Abwasser, Wasser für die Industrie und zur Bewässerung. Sie kümmern sich um die Infrastrukturen, reduzieren den Wasserverlust, bauen Anlagen oder simulieren die Auswirkungen von Wasserwirtschaftsvorhaben auf eine Region. Andere sind im Hochwasserschutz aktiv. Jobs bieten Beratungen, Ingenieurgesellschaften, internationale Entwicklungsbanken, Nichtregierungsorganisationen, der Umweltschutzsektor, Verwaltungen oder Institutionen in Lehre und Forschung.

In Deutschland sind laut Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) rund 100000 Personen in der Wasserwirtschaft tätig - die Autowirtschaft zählt weniger direkte Arbeitsplätze. Deutschland ist weltweit der zweitgrößte bilaterale Geber im Wassersektor und zahlt pro Jahr 350 Millionen Euro an 27 Kooperationsländer, vor allem in Afrika. Eine Folge sind zukunftsorientierte Arbeitsplätze: Den deutschen Wassermarkt beherrschen mittelständische Unternehmen wie Huber SE im bayerischen Berching, aber auch Big Player wie Veolia Wasser GmbH. Die Tochtergesellschaft des europäischen Energie- und Umweltdienstleisters Veolia Environment ist Partner für Kommunen und Industrie im Wasser-, Abwasser- und Stadtwerkegeschäft.

Deutsche Wassertechnologien haben einen Weltmarktanteil von 16 Prozent, höher liegen nur die USA mit 20 Prozent. Deutsche Unternehmen fertigen und liefern Komponenten und Systeme zur Wasseraufbereitung und Abwasserbehandlung in alle Welt, etwa Membranen. Angaben zum globalen Fachkräftebedarf gibt es nicht, sagt Adrian Puigarnau, 30, Programme Officer bei der International Water Association (IWA) in Den Haag. Die weltweite Vereinigung der Wasserfachleute will nachhaltige Lösungen für die Probleme der Wasserversorgung und der Abwasserentsorgung entwickeln und verbreiten. "Viele Mitarbeiter des Sektors gehen in den nächsten Jahren in Rente", sagt Puigarnau. "Schon jetzt mangelt es an Ingenieuren und Wissenschaftlern."

Wasser muss ganzheitlich gemanagt werden

Der junge Chemiker verantwortet bei der IWA das Programm "Young Water Professionals" für Mitglieder unter 35 Jahren. Für sie, vom Consultant bis zum Mitarbeiter einer NGO, entwickelt Puigarnau Workshops oder Mentoringprogramme. "Als künftige Leader im Wassersektor stehen sie vor jeder Menge Herausforderungen", sagt er. "Wassermangel, Klimawandel, soziale Probleme in Schwellenländern - da unterstützen wir sie." In Zukunft brauche man die ganze Expertise. Biologen, Architekten, Ökonomen, Juristen: "Der Bedarf an fachlicher Vielfalt steigt, je weiter der Klimawandel fortschreitet", sagt Puigarnau. "Wir brauchen das ganzheitliche Management von Wasser", bestätigt auch Ingenieur Bernd Rusteberg.

Zum Tragen kommt das vor allem in der Entwicklungszusammenarbeit. Jens Götzenberger, 32, Umwelt- und Hygienetechnikingenieur, arbeitet in Madurai bei der DHAN Foundation. Die indische Entwicklungsorganisation führt ein Programm zur dezentralen Abwasserreinigung durch, gefördert vom deutschen Centrum für internationale Migration und Entwicklung (CIM). "Ich mache den Job leidenschaftlich gern", sagt der gebürtige Wetzlarer.

Der einzige Deutsche an Bord ist Lehrer, Consultant, Trainer, Autor und Fundraiser zugleich: Er bringt Ingenieuren in Indien die Technik der dezentralen Abwasserreinigung bei, organisiert Workshops für Regierungsvertreter, schreibt Handbücher, vernetzt die Organisation mit Partnern. Gerade plant er mit seinem Team einen öffentlichen Toilettenkomplex für ein Dorf. "80 Prozent der Häuser hier sind ohne sanitäre Einrichtung", sagt Jens Götzenberger. Die Arbeitsbedingungen seien schwierig. "Hitze, Stromausfälle, platzende Termine sind alltäglich. Aber man sollte sich selbst nicht zu wichtig nehmen."

Nicht jede Unterstützung ist hilfreich

Gelernt hat er das zu Studienzeiten. Als Student der Umwelt- und Hygienetechnik an der FH Gießen verschlug es ihn im berufspraktischen Semester nach Nicaragua. "Eigentlich wollte ich nach Australien oder Kanada, fand aber spontan keine Stelle." Aus heutiger Sicht ein Glück: "Die sechs Monate dort haben meine zukünftige Berufs- und Lebensplanung grundlegend geändert." Die eigenen Erwartungen herunterzudampfen, das rät auch Joyeeta Gupta, Juristin am Unesco-IHE Institute for Water Education im niederländischen Delft. "In Teilen Afrikas und Asiens gibt es Frauen, die kilometerweit laufen, um Wasser für ihre Familien zu holen", sagt sie. "In einer Region wollten Hilfsorganisationen etwas tun, brachten das Wasser direkt zu den Häusern der Armen. Die Folgen waren fatal: Die Frauen blieben zu Hause und verloren ihre Freiheit."

Wer etwas bewirken will, muss sich in die Situation der Menschen hineindenken. "Westliches Effizienzdenken scheitert", sagt Gupta. Sie gibt ihr Wissen am Unesco-IHE an Postgraduierte weiter. Die können dort seit 2008 zum Beispiel einen Master of Science in Water Management machen. Zu den Vertiefungsrichtungen zählt Water Conflict Management. Genauso wichtig sind Vermittlungsqualitäten. Betriebswirtin Mareike Boccola ist in Abu Dhabi eine Art Schnittstelle zwischen ihrem Arbeitgeber und den Regierungen der Emirate. "In Verhandlungen sitze ich schon mal Deutschen gegenüber - in der Wasserbehörde hier besetzen sie Schlüsselpositionen", sagt sie. Auch um Lieferanten oder Ingenieurbüros zur Konzeption im Anlagenbau kümmert sie sich.

Gelernt hat sie ihr Handwerk in München und Schanghai. Nach dem Studium an der Fachhochschule Dortmund ging sie als Marketing-Managerin zunächst zu einem Münchener Start-up, das mit einer innovativen Membrantechnologie gerade weltweit den Wassersektor aufmischte. Boccola wurde nach Peking geschickt, wo sie dreieinhalb Jahre lang die Chinageschäfte des Unternehmens aufbaute. Dann kam der Ruf aus Spanien an den Golf.

"Die Möglichkeiten in dieser Branche sind einzigartig", sagt Adrian Puigarnau vom IWA. Zwar verdiene man in der Finanzbranche vielleicht mehr. Aber hier gehe es um Innovationen und darum, "etwas zu bewegen, für uns und unseren Planeten". Ingenieur Bernd Rusteberg rät daher zu Aufbruchsgeist. Wer im Wassersektor etwas erreichen wolle, solle sich bemühen, schnell Verantwortung zu kriegen - und die dann gut umzumünzen. "Man darf sich in Wasserjobs nie als kleines Rädchen sehen!"

Das Interview zum Thema: "Wasser ist eine Herausforderung"

Die Personen
Mareike Boccola, 33, hat in Dortmund studiert, in Schanghai gelernt und arbeitet jetzt für eine spanische Firma in Abu Dhabi. Die Betriebswirtin ist die Schnittstelle zwischen ihrem Arbeitgeber und den Regierungen der Emirate. Am Golf ist Wasser ein bedeutendes Thema. "Die Region hier lebt von Meerwasseraufbereitung", sagt sie.

Jens Götzenberger, 32, Umwelt- und Hygienetechniker, bringt Ingenieuren im indischen Madurai die Technik der dezentralen Abwasserreinigung bei. In einem Dorf, in dem 80 Prozent der Häuser keine sanitären Einrichtungen haben, plant er gerade einen öffentlichen Toilettenkomplex. Er sagt: "Ich mache den Job leidenschaftlich gern."

Studiengänge Wasserwirtschaft

TU Dresden: Bachelor/Master Wasserwirtschaft; fachübergreifender Studiengang u.a. mit den Themen Grundwasserwirtschaft, Wasserchemie, Abfallwirtschaft und Altlasten

Uni Duisburg-Essen: Bachelor/Master Water Science; Themen: effiziente Ressourcennutzung, Abwasserreinigung, chemische und biologische Zusammenhänge

TU Cottbus: Master Hydro-Informatics and Water Management; englischsprachiger Studiengang mit Partner-Unis in England, Spanien, Frankreich und Vertiefungsmöglichkeiten

Uni Göttingen: Master Hydrogeologie und Umweltgeowissenschaften; internationaler Studiengang mit den Themen Wasser-Ressourcen Management, Schadstofftransport im Untergrund und Grundwassermodellierung im Locker- und Karstgestein

Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg: Bachelor Ressourcenmanagement Wasser; siebensemestriger Studiengang mit dem Ziel, für komplexe Planungs-, Steuerungs- und Managementaufgaben in Energie- und Wasserwirtschaft auszubilden

Unesco-IHE Institute for Water Education, Delft/Niederlande: vier Master-Programme zur Umwelt- und Wasserwirtschaft; die größte Ausbildungsstätte für Wasserwirtschaft entwickelt seit 2003 weltweite Standards, um die Ressource Wasser effizient zu nutzen Studiengänge Wasserwirtschaft

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