Expats in Deutschland Wohlfühlfaktor mangelhaft

Wissenschaftler und Politiker wollen mehr ausländische Fachkräfte anwerben. Sie sollen den Fachkräftemangel lösen. Tatsächlich kommen die Ingenieure, IT-Experten und Ärzte auch – und hauen wieder ab. Wegen der Deutschen.

Kerstin Dämon, wiwo.de | , aktualisiert

Wohlfühlfaktor mangelhaft

Expats 2

Foto: Montri / Fotolia.com

Die kürzlich veröffentlichte Prognos-Studie hat sie wieder auf den Plan gerufen. Die, die mehr ausländische Fachkräfte nach Deutschland holen wollen. Und sie haben ja Recht: Schon heute finden viele Betriebe – vom Maschinenbauer bis zum Altersheim – keine Leute. Entwickler, Krankenpfleger, Elektrotechniker: Überall herrscht Bedarf. Achim Dercks, der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), sprach von 37 Prozent der Unternehmen, die mittlerweile Problemen bei der Besetzung von Lehrstellen hätten. 2030 sollen etwa drei Millionen Fachkräfte fehlen, 2040 sollen es rund 3,3 Millionen sein. Und selbst, wenn noch in diesem Jahr in Deutschland 3,3 Millionen Kinder zur Welt kämen – bis 2030 sind die keine ausgebildeten Mechatroniker, keine Informatikerinnen oder Landärzte, sie sind zwölf oder 13 Jahre alt.

Politiker und Wissenschaftler wollen deshalb mehr Menschen in den Arbeitsmarkt integrieren – und mehr ausländische Fachkräfte nach Deutschland locken. "Wohlstand und Wirtschaftswachstum bleiben nur erhalten, wenn es weiterhin eine hohe Zahl an Erwerbstätigen gibt. Dafür ist Zuwanderung dringend nötig", heißt es beispielsweise in der Studie "Arbeitsmarkt 2030" des Bundesarbeitsministeriums.

Gezielte qualifizierte Einwanderung gegen den Fachkräftemangel

"Einerseits müssen wir die inländischen Potentiale erschließen. Andererseits brauchen wir noch mehr qualifizierte Einwanderung und müssen dringend dafür werben", sagte die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz (SPD), bei der Vorstellung der Studie. Auch die Macher der Prognos-Studie sagen: ohne gut ausgebildete Fachkräfte aus dem Ausland werden wir das Problem nicht lösen.

Auch Kanzlerin Angela Merkel plädiert für eine stärkere Einwanderung qualifizierter Ausländer: "Wir wollen ein Fackräftezuwanderungsgesetz", sagte sie beim vergangenen Kanzlerduell. Die Bedingungen für die Einwanderung gingen dann nach den Wünschen Deutschlands. Besser sei es noch, dies europäisch zu regeln, man könne es aber auch national machen.

In Deutschland Karriere machen

Die gute Nachricht: Die gefragten Fachkräfte kommen nach Deutschland. Jedes Jahr rund 300.000. Deutschland ist inzwischen nach den USA das beliebteste Einwanderungsland, wie Arbeitsmarktstudien der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) belegen. Zwei Drittel von ihnen kommen aus den EU-Staaten nach Deutschland.

Sie kommen wegen der guten wirtschaftlichen Lage und der Karrierechancen, wie die aktuelle Expat Insider-Studie des Expat-Netzwerkes InterNations zeigt. Dafür wurden rund 13.000 Menschen befragt, warum sie im Ausland leben, wie lange sie vorhaben, dort zu bleiben, was sie beruflich machen und wie es ihnen in ihrer Wahlheimat geht. Demnach kommen die meisten Expats wegen der Karriere nach Deutschland:

• 67 Prozent wegen der sicheren Arbeitsplätze

• 54 Prozent wegen des vergleichsweise hohen Gehalts

• 65 Prozent wegen der guten Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben, von der beispielsweise die Amerikaner nur träumen könnten.

Nur wohl fühlen sich die Expats hier nicht. Die Deutschen zeigen ihnen die kalte Schulter. Willkommenskultur? Fehlanzeige.

68 Prozent der Expats beschreiben die Deutschen als reserviert, 58 Prozent fällt es schwer, deutsche Freunde zu finden: Letzteres zählt vermutlich zu den Gründen, warum Expats in Deutschland nicht wirklich heimisch werden – zirka einer von dreien fühlt sich überhaupt nicht zu Hause.

"Deutsche können oft unhöflich und unangenehm wirken," fasst ein britischer Teilnehmer seine Eindrücke zusammen. Wie die Länderauswertung für Deutschland zeigt, hapert es hier gleich an mehreren Ecken:

1. Beim Wohlfühlfaktor reicht es für Platz 23 von 65.

2. Beim Zugang zur lokalen Kultur belegt Deutschland im internationalen Vergleich Platz 48 - von 65.

3. Bei der Frage, wie schnell Fremde sich in ihrer neuen Wahlheimat zu Hause fühlen, reicht es für Platz 49 von 65.

4. In Bezug auf die Eingewöhnung im Gastland liegt Deutschland auf Platz 56.

Zum Vergleich: Was die Attraktivität als Arbeitsort angeht, belegt Deutschland Platz sieben von 65.

Reservierte Zurückhaltung im Norden

"Das Problem gibt es aber auch in Österreich, der Schweiz und in Skandinavien. Der Norden ist Fremden gegenüber allgemein eher zurückhaltend", sagt Malte Zeeck, Gründer und Co-CEO des Netzwerks InterNations. "Im Süden, in Südeuropa, aber auch in Lateinamerika, sind die Menschen sehr viel offener, gehen eher auf Fremde zu, sind zu Fremden freundlich und laden den neuen Kollegen vielleicht auch mal zum Abendessen ein", so seine Erfahrung.

Ein weiterer Grund, warum sich so viele hier fremd fühlen, sei die Sprache, die von 69 Prozent der Befragten als sehr schwer zu lernen beschrieben wird. "In anderen Ländern kommt man vielleicht noch mit Englisch weiter. Hier nicht." Dieses Problem wird auch in der Fachkräftedebatte immer wieder angesprochen: Grundkenntnisse der Sprache reichen in Deutschland nicht aus.

Wenig Toleranz für mangelnde Sprachkenntnisse

"Das betrifft zum Beispiel Arbeiten, die eng mit technischen Anlagen verknüpft sind, oder Jobs, in denen Menschen häufig Kundenkontakt haben", sagt der Sprecher der Industrie- und Handelskammer (IHK) Hannover, Stefan Noort. Das erschwere auch die Integration von Flüchtlingen in den hiesigen Arbeitsmarkt. Gut ist in Deutschland den meisten eben nicht gut genug.

Da spielt es für die Einheimischen auch keine Rolle, ob ein Migrant im Supermarkt Regale einräumt oder als Chirurg im Uniklinikum arbeitet: Er soll gefälligst perfekt Deutsch sprechen.

Wer auf IT-Experten aus dem Ausland angewiesen ist, darf nicht erwarten, dass die alle perfekt Deutsch können. "Die Chancen, gute Fachkräfte zu finden, verdoppeln sich, wenn Unternehmen ihre Stellen auf Englisch und Deutsch ausschreiben", sagt Paul D’Arcy, Marketingleiter der Jobsuchmaschine Indeed USA. Aus Erfahrung weiß er, dass sich die deutschen Betriebe mit der Offenheit gegenüber einer anderen Sprache oftmals ein bisschen schwer tun:

"Die deutsche Sprache war jahrelang ein Hindernis für Ausländer, in Deutschland ein Unternehmen aufzubauen. Mittlerweile ist man – besonders in Berlin – offen gegenüber Unternehmern, die Englisch sprechen."

Tatsächlich hört man in der Hauptstadt Englisch in vielen Lokalen – vor allem in Trendvierteln wie Neukölln, Kreuzberg und Mitte. Der Tourismus boomt und die Stadt hat viele englischsprachige Neubürger.

Expats bleiben unter sich – gezwungenermaßen

Da die größte Gruppen der Expats in Deutschland derzeit Amerikaner (elf Prozent) sind, wäre es jedoch nicht schlecht, wenn sich die Menschen auch außerhalb Berlins darauf einstellen würden, dass nicht jeder Neuankömmling bereits am ersten Tag fließend Deutsch spricht.

Da die Deutschen ihren neuen Kollegen und Nachbarn aber lieber die kalte Schulter zeigen, bleiben auch die Expats eher unter sich. 37 Prozent gaben an, dass vor allem andere Ausländer zu ihrem Freundeskreis zählen. Obwohl sich viele wünschen würden, Einheimische kennen zu lernen und Freundschaften mit ihnen zu schließen. Zeeck spricht von "regelrechten Expat-Blasen", die so entstünden.

Auf Sprache und Kultur einlassen

Bevor jetzt jemand mit dem moralischen Zeigefinger kommt: Auch so mancher Deutscher neige im Ausland zur Klumpenbildung: "Sie kaufen im deutschen Supermarkt, schauen deutsches Fernsehen, treffen nur Deutsche und lernen die Sprache nicht", sagt Zeeck. Er rät davon ab, sich in Expat-Zentren einzuschließen: sei es nun in Shanghai oder in Zürich. "Auch wenn man wegen des Partners ins Ausland gegangen ist, würde ich immer raten, sich auf die Kultur einzulassen und Einheimische kennen zu lernen", sagt er.

Einen herzlichen Empfang erleben die Expats dagegen in Bahrain (Platz eins), Costa Rica (Platz zwei) und Mexiko (Platz drei). Gemäß der Befragung sind Fremde in diesen Länder am ehesten willkommen. Ganz schlimm sei es in Griechenland, Nigeria und Kuwait. "Ich denke, in Ländern, wo das Wetter und die Lebensbedingungen gut und die Menschen freundlich sind, können sich Expats schon nach sechs Monaten zu Hause fühlen. In anderen leben die Menschen schon drei Jahre oder mehr und sagen: 'Ich bin immer noch nicht richtig angekommen.'"

Für immer in Deutschland zu bleiben, können sich entsprechend nur 30 Prozent der Expats vorstellen. 50 Prozent wollen nach maximal fünf Jahren wieder zurück nach Hause – oder in ein anderes Land. Hauptsache, weg.


Zuerst veröffentlicht auf: wiwo.de

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