Expatriates Aufbruch-Stimmung in Singapur

Deutschland ist nicht die Welt. International werden Fach- und Führungskräfte der Branchen Finanzen, Logistik und Pharma gesucht. Beliebtes Ziel für Auswanderer: Singapur. Der Stadtstaat in Südostasien gilt als modern, dynamisch und offen für Immigranten.

Ulrike Heitze | , aktualisiert

Egal, welchen westlichen Ausländer man im betriebsamen Central Business District von Singapur zum Leben und Arbeiten in dem asiatischen Stadtstaat befragt, alle greifen zu positiven Vokabeln: "Dynamisch!" "Modern!" "Tolle Aufbruchstimmung!" "Einfach super!" Zurück in die Heimat will keiner.

Tatsächlich treffen westliche Expats in Singapur, verglichen mit anderen asiatischen Ländern auf fast optimale Arbeitsbedingungen. Die technische und kommunikative Infrastruktur ist top. Und im multikulturellen Stadtstaat herrscht ein vertrautes, wirtschafts- und leistungsorientiertes Klima - hohes Engagement wird deshalb auch im Job verlangt und goutiert. Singapur macht es Expatriates leicht, sich wohl zu fühlen, stellt auch Gitte Zeidler fest. Seit zweieinhalb Jahren ist die Bankerin als deutsche Entsandte bei der Commerzbank in Singapur tätig. "Manchmal fehlen mir Herbstlaub und Schneegestöber - eben die Jahreszeiten", sagt die 31-Jährige. "Und Freunde und Familie, die in Deutschland geblieben sind." Und sonst? "Nein, sonst alles bestens!"

So wie die gebürtige Bremerin leben und arbeiten inzwischen rund 6 500 Deutsche im südostasiatischen Tigerstaat. Das sind 60 Prozent mehr als noch vor vier Jahren. Dieser Zuzug hat gute Gründe: Deutschland ist Singapurs wichtigster europäischer Handelspartner - über 700 deutsche Unternehmen sind vertreten, darunter nahezu alle Konzerne und großen Mittelständler. Oft verfolgen sie von diesem innenpolitisch stabilen Ort aus ihre Aktivitäten in China, Indien, Malaysia, Thailand oder Indonesien.

Und auch wenn die Wirtschaftskrise zweifellos dem seit Jahren boomenden Stadtstaat nun einen Dämpfer versetzt - statt der zuletzt erreichten Wachstumsraten von sieben bis acht Prozent wird 2009 ein Minus von zwei bis fünf Prozent erwartet - so tangiert die Krise die mehreren Hunderttausend hochqualifizierten Fach- und Führungskräfte mit fremden Pässen kaum. "Die Deutsch-Singapurische Industrie- und Handelskammer (IHK) beobachtet keine nennenswert erhöhte Rückkehrerrate bei deutschen Expats", sagt Tim Philippi. Er ist der IHK-Direktor vor Ort.

Im Gegenteil. Es ergeben sich noch immer neue Chancen. Denn die Regierung des kleinsten Staates in Südostasien hält an ihrem Kurs fest, sich in den Bereichen Finanzen, Logistik, Biotech- und Pharmaforschung als Hotspot in Asien zu etablieren und sich außerdem zu einem führenden Bildungsstandort der Region zu mausern. Längst schon haben die weltweit führenden Business Schools Filialen eröffnet, um einheimische wie europäische Manager weiterzubilden. Die finanziellen Voraussetzungen, die Wirtschaftskrise glimpflich zu überstehen, sind besser als in vielen anderen Staaten der Welt. "Singapur ist sehr gut aufgestellt. Es gibt keine Staatsverschuldung und eine relativ hohe Liquidität", sagt Matthias Zimmermann. Er ist Managing Director für Südasien bei der Investmentbank Unicredit. Der Experte geht davon aus, dass der Inselstaat mit dem Anspringen der Weltwirtschaft überproportional vom globalen Wachstum profitieren wird.

Visionen und finanzielle Ressourcen sind also vorhanden, was fehlt, sind einheimische Fachleute. Zum Ausgleich der früheren Einkind-Politik und der drohenden Überalterung der Bevölkerung betreibt die Regierung inzwischen seit Jahren eine vorausschauendere Familienpolitik und erleichtert ausländischen Profis die Einreise sehr. Von den rund drei Millionen Arbeitnehmern sind bereits ein gutes Drittel Ausländer. Der Stadtstaat macht es ausländischen Fachleuten nicht nur leicht zu kommen, sondern auch zu bleiben. Das notwendige Arbeitsvisum stellt die zuständige Behörde "Ministry of Manpower" auf Online-Antrag innerhalb von durchschnittlich nur vier Wochen aus. Geradezu verlockend niedrig sind die Einkommensteuern in Singapur. Die Sätze liegen zwischen 3,5 und 20 Prozent. Durch hohe Freibeträge wird der Spitzensatz für Expats nur selten fällig.

Tatsächlich treffen westliche Expats in Singapur, verglichen mit anderen asiatischen Ländern, auf fast optimale Arbeitsbedingungen. Es herrscht ein vertrautes, wirtschafts- und leistungsorientiertes Klima - hohes Engagement wird deshalb auch am Arbeitsplatz verlangt und goutiert. Gitte Zeidler schätzt vor allem ihr internationales Arbeitsumfeld: "Im Büro arbeite ich mit Kollegen vieler Nationalitäten zusammen. Das ist unglaublich inspirierend. Und als Ausländer unter vielen Ausländern kommt man besser zurecht als als einziger Fremder unter lauter Inländern. Die Lösungsfindung ist bei uns sehr europäisch. Wir kommen schnell zu Ergebnissen", sagt die Bankerin.

Ganz ohne Anpassung geht es aber auch in der Boom-Metropole nicht. "Meine norddeutsche Direktheit habe ich gegenüber den asiatischen Kollegen sehr zurücknehmen müssen", erzählt Zeidler. Auch für Lars Vetterlein aus Wilhelmshaven fiel der Kulturschock klein aus. Er ist seit 2004 in Singapur und nun für das Hamburger Emissionshaus Lloyd Fonds tätig. Dafür hat der 33-Jährige zunächst eine Niederlassung aufgebaut und betreut nun mit drei Mitarbeitern einen offenen Schifffonds. Er kümmert sich darum, dass für die im Fonds enthaltenen Frachter und Tanker alles rundläuft. "Das Geschäft wird überall ähnlich betrieben, egal ob in Hamburg, London oder Singapur", sagt der gelernte Schifffahrtskaufmann. Singapurs großer Bonus: Alle wichtigen Akteure sind auf kleinster Fläche konzentriert, Netzwerke sind so einfacher zu pflegen.

Und auch wenn im Zuge der Wirtschaftskrise im Hafen erkennbar weniger Container zum Umschlag stehen als noch vor einem Jahr, ist der inzwischen mit einer Einheimischen verheiratete Deutsche davon überzeugt, dass "in Singapur die Musik spielt". Darüber hinaus betonen die meisten Expats den Wohlfühlfaktor Singapurs. "Die deutsche Expat-Community ist sehr aktiv. Egal, ob für Beruf oder Freizeit, für alles finden sich Gleichgesinnte", berichtet Commerzbankerin Gitte Zeidler. Die Zugereisten profitieren von einer attraktiven Palette an Freizeit-, Kultur- und Konsummöglichkeiten. Sowie von einer technischen und sozialen Infrastruktur - von Kita bis Krankenhaus -, die sich manche europäische Stadt wünschen würde. Im alljährlichen Staatenvergleich der Mercer-Unternehmensberatung zur Lebensqualität ist Singapur in puncto Sicherheit sogar Weltspitze. Allerdings sorgen rigide Strafgesetze und eine gewisse Überwachungsmentalität für diesen Spitzenplatz.

Ausländer bleiben in Singapur häufig unter sich - auch was das Wohnen angeht. Denn die weit verbreiteten staatlich bezuschussten Wohnblocks stehen nur Einheimischen zu. Die stark anziehenden Preise speziell bei privatem Wohnraum - verursacht durch die enorme Nachfrage und oftmals noch durch Spekulanten angeheizt - haben vielen Expats in den vergangenen Jahren das Leben schwer gemacht. Längst nicht alle haben in ihren Entsendungsverträgen eine Regelung vorgesehen, nach der die Firma die Mietkosten unbegrenzt übernimmt.

Matthias Zimmermann von der Investmentbank Unicredit stellt fest: "Singapur ist für Expats teurer geworden." Wegen des Booms der letzten Jahre liegt Singapur 2008 im Lebenshaltungsindex der Unternehmensberatung Mercer auf Platz 19. Und ist somit zwar noch günstiger als Tokio, Seoul oder Hongkong, aber beispielsweise deutlich teurer als New York. Experten erwarten jetzt einen Preisverfall. In den von der Regierung kontrollierten Medien findet die Weltwirtschaftskrise recht unaufgeregt und nur in homöopathischen Dosen statt. Deshalb ist die Stimmung generell auch nicht so depressiv und aufgewühlt wie etwa in Europa oder in den USA. Und ein Staat, der in den vergangenen zehn Jahren die Asienkrise, das Platzen der Internetblase, SARS und die Vogelgrippe hinter sich gebracht hat, ist ohnehin nicht mehr so leicht zu erschüttern.

Arbeitsgenehmigung
Aber bitte nur mit „Pass“

Wer als Angestellter oder Selbstständiger in Singapur arbeiten will, braucht eine Bewilligung, die sich online beim Ministry of Manpower unter www.mom.gov.sget beantragen lässt. Das benötigt rund vier Wochen. Fach- und Führungskräfte, die ihre Qualifikationen nachweisen können, erhalten in der Regel problemlos eine Genehmigung. Jeder Antrag muss grundsätzlich von einem in Singapur eingetragenen Unternehmen - meist dem Arbeitgeber - unterstützt werden.

Es existieren diverse Arbeitsgenehmigungen:

- Die Kategorie „P“ beim Employment Pass (EP) erhalten Kandidaten aus der Verwaltung, freie Berufe, Manager, Unternehmer, Investoren oder Künstler. Der Pass gilt zwei Jahre und kann bis zu fünf Jahren verlängert werden. Das nötige Mindesteinkommen liegt bei 3.500 S$, rund 1.800 Euro, pro Monat.

- „Q“-Pässe – ebenfalls für zwei beziehungsweise fünf Jahre – bekommen Facharbeiter, Techniker oder andere Bewerber mit seltenen, aber gesuchten Qualifikationen. Nachgewiesen werden muss ein Einkommen ab 2.500 S$, etwa 1.300 Euro, sowie bestimmte Qualifikationsniveaus. Mit einer hiesigen technischen Ausbildung sollte der Nachweis kein Problem sein.

- Wer in Singapur bleiben möchte, kann nach einigen Jahren „Permanent Resident“ werden. Ein Punktesystem, das Gehalt, Qualifikation, Alter, Aufenthaltsdauer et cetera wertet, entscheidet über die Bewilligung.

- Wer sich erst vor Ort auf Jobsuche machen will, braucht ein „Employment Pass Eligibility Certificate“. Es verschafft einem ein Jahr Zeit zur Suche. Voraussetzung: bestimmte Uniabschlüsse oder ein Fachkräfte-Visum.

- Kurzfristjobs bis zu vier Wochen lassen sich mit einem  Short-Term-Employment-Pass abdecken. Voraussetzung: Mindestsalär 2.500 S$ und gewisse Berufsqualifikationen.

- Für Studenten und Praktikanten existieren – je nach Art und Länge des Aufenthalts und Höhe des Einkommens – mehrere Pass-Varianten: Student Pass, Training Employment Pass, Work Holiday Programm. Infos dazu beim Mom.

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