Expat-Frauen Frauen in der Ferne

In einem fremden Kulturkreis zu arbeiten ist für Managerinnen herausfordernd.Vier von ihnen berichten über ihre Erfahrungen in den Emiraten, China, Russland und Afrika.

von Katrin Terpitz | , aktualisiert

Frauen in der Ferne

Foto: lassedesignen/Fotolia.com

Früher kündigten Frauen ganz selbstverständlich ihren Job, damit ihr Gatte im Ausland Karriere machen konnte. Heute wagen Frauen ganz selbstverständlich den beruflichen Schritt in die Welt – und wenn's nicht anders geht, bleibt der Partner zu Hause. Denn wer Karriere machen will, braucht Auslandserfahrung. USA, Schweiz, Großbritannien, Spanien, Frankreich und China sind Hauptziele deutscher Frauen, die die Firma ins Ausland schickt. Das zeigt eine exklusive Analyse von Internations für das Handelsblatt. Das Netzwerk von 1,5 Millionen Expatriates befragte insgesamt 14 000 Mitglieder weltweit.

Der Einfluss kultureller Unterschiede

Je nach Kulturkreis haben es Frauen im Beruf leichter oder schwerer als hierzulande. In Russland etwa ist der Anteil von Frauen im höheren Management mit 43 Prozent weltweit am höchsten, wie die Beratung Grant Thornton ermittelte. Auch in China wirkt das sozialistische Ideal der vollzeitarbeitenden Mutter nach: Das Topmanagement ist zu 38 Prozent weiblich. "Managerinnen werden in China im Geschäftsleben respektiert", bestätigt Malte Zeeck, Mitgründer von Internations.

In Japan dagegen sind Managerinnen mit neun Prozent Anteil noch rarer als hierzulande mit 14 Prozent. "In Japan, Indien und einigen arabischen Ländern ist es auch für ausländische Frauen schwierig, beruflich ernst genommen zu werden", beobachtet Zeeck. Frauen sollten dort noch mehr als Männer darauf achten, sich den kulturellen Gepflogenheiten anzupassen. "Sonst geraten sie ungewollt beruflich schnell in eine Außenseiterrolle", warnt Zeeck.

Vereinbarkeit von Familie und Beruf bei Expats 

Im Ausland ist es für Frauen oft noch schwieriger als sonst schon, Familie und Beruf zu vereinbaren. Für ihre Angehörigen verzichten Frauen eher auf einen Karriereschritt ins Ausland als Männer. Die Umfrage von Internations zeigt: Nur 16 Prozent der befragten weiblichen Expatriates haben minderjährige Kinder, aber 35 Prozent der ins Ausland entsandten Männer.

Ein großes Problem ist es, im Ausland für den Partner zeitgleich einen adäquaten Arbeitsplatz zu finden. Gerade mal acht Prozent der ins Ausland entsandten Fach- und Führungskräfte bekamen von ihrem Arbeitgeber Hilfe bei der Jobsuche für den Partner.

Die Folge: Jede dritte Frau, die von der Firma ins Ausland geschickt wird, lässt nolens volens ihren Partner in der Heimat zurück. Zum Vergleich: Nur jeder vierte fest liierte Mann geht laut Internations allein ins Ausland. Bei Doppelkarriere-Paaren etablieren sich neue Modelle: Immer öfter geht die Frau mit den Kindern ins Ausland, der Mann arbeitet in der Heimat – und pendelt.


"Frauen sind die Stärke der russischen Nation", davon ist Managerin Vera Hahn aus Moskau überzeugt. Frauen in Führungspositionen sind seit sozialistischen Zeiten Normalität. "Das macht es auch für ausländische Managerinnen einfacher", erzählt die gebürtige Österreicherin. Seit 2011 ist sie Geschäftsführerin von Bayer und Bayer Material Science in Russland. Dennoch gibt es auch in ihrem Arbeitsalltag kulturelle Besonderheiten: So sind Hahn zufolge Russen strikte Arbeitsanweisungen gewohnt und verlangen auch danach. "Anfangs habe ich die Aufgaben wie immer höflich verteilt, doch das wurde nicht als konkreter Arbeitsauftrag verstanden. Jetzt gebe ich rigoros Anweisungen: ,Das ist bis Freitag fertig auf meinem Tisch.'" Entweder ist man der Hammer oder der Amboss, heißt es in Russland.

Mitarbeiter seien nicht gewohnt, mit dem Chef zu diskutieren. "Deshalb stimme ich mich unter vier Augen vorher ab, damit niemand in großer Runde sein Gesicht verliert", erzählt die 47-Jährige.

Vorteile für Frauen

Viele Russen demonstrierten im Beruf Ernsthaftigkeit, indem sie unterkühlt aufträten. Doch hinter dem Pokerface seien Russen sehr herzlich und emotional, so die Erfahrung von Hahn. Bei der Begrüßung gibt es allerdings kulturelle Unterschiede: Männer küssen und umarmen sich, Frauen gegenüber ist man sehr zurückhaltend und schüttelt ihnen noch nicht einmal die Hand. "Russland ist eben die Brücke zwischen Europa und Asien", sagt Hahn.

Frauen hätten im russischen Geschäftsleben sogar Vorteile: Anders als Männer müssten Managerinnen nicht trinkfest sein. Es sei aber wichtig, das Glas für einen Toast zu erheben. 

Anderer Dresscode

Eine weitere Besonderheit: Die russische Frau betont stark ihre Weiblichkeit – gerade auch im Job. Extrem hohe Schuhe, lackierte Fingernägel und ein perfektes Make-up gehören dazu. "Auch meine Absätze sind heute höher als in Deutschland", gibt Hahn augenzwinkernd zu. In der Moskauer Bayer-Niederlassung hat die Managerin allerdings einen Dresscode eingeführt: "Die Röcke vieler Mitarbeiterinnen waren doch etwas zu kurz und die Ausschnitte zu tief. Wir haben viele internationale Besucher hier in Moskau, die waren irritiert."

Vera Hahn lebt mit ihren beiden Kindern im Grundschulalter in Moskau: "Hier ist unser Familienmittelpunkt." Ihr Mann, der in Bielefeld in leitender Funktion tätig ist, pendelt alle zwei Wochen nach Russland. Beide wechseln sich ab, wer Vorrang bei der Karriere hat. Hahn: "Wir wussten, die Fernbeziehung wird kein Spaziergang, aber das schweißt die Familie zusammen. Die Erfahrung in Russland möchten wir nicht missen."


Nora Müller-Alten hatte schon immer ein Faible für fremde Kulturen. "Neugier treibt mich an", erzählt die 29-jährige Beraterin. Die Darmstädterin arbeitet heute in New York für die Unternehmensberatung Boston Consulting Group. Von dort aus betreut sie soziale Projekte – unter anderem in Afrika. Da geht es etwa um innovative Ideen für Abwassersysteme in Flüchtlingslagern in Uganda und Äthiopien.

Rollkoffer, Pumps und Kostüm tauscht die Beraterin dann gegen Rucksack, Trekkinghose und Gummistiefel. Denn in Uganda muss sie durchaus auch Toiletten in Flüchtlingslagern inspizieren. "Ich habe keine Berührungsängste. Afrika ist faszinierend", betont die Volkswirtin mit einem MBA-Abschluss aus Yale.

Zwischen den Extremen pendeln

Momentan arbeitet Müller-Alten zwei Wochen in New York, wo auch ihr deutscher Freund lebt. Die restliche Zeit des Monats ist sie unterwegs. "Im Ausland habe ich viel über mich und meine deutsche Identität gelernt", meint sie. Zum Beispiel auch, wie unterschiedlich Probleme gelöst werden können. "Wenn in Afrika öffentliche Verkehrsmittel fehlen oder offizielle Finanzinstitute, wird das oft effizienter auf informellen Wegen gelöst oder mit innovativer Mobiltechnologie", sagt sie. Mikrokredite per Handy zum Beispiel sind dort verbreitet.

Die Arbeitswelten, zwischen denen die Beraterin pendelt, sind sehr verschieden. In den USA spielt Vielfalt in allen Facetten generell eine stärkere Rolle. So gibt es oft mehr Frauen im Team. "Viele meiner Kollegen sind in anderen Ländern aufgewachsen und bringen andere Sichtweisen mit. Schließlich hat hier jeder einen Migrationshintergrund", sagt Müller-Alten. Die Arbeitsatmosphäre in den USA findet sie informeller und dadurch persönlicher als in Deutschland. Allerdings sagte ihr auch einmal jemand: "Nora, I love your honesty!" Eine nette Umschreibung für: "Du bist zu direkt."


Rita Dicke war schon immer ein großer Asien-Fan. Oft hatte sie mit ihrer Familie Freunde in China besucht und gedacht: "Hier würde ich gerne mal leben und arbeiten." Vor zwei Jahren bekam die promovierte Chemikerin die Chance, für ihren Arbeitgeber Lanxess nach Schanghai zu gehen. "Für mich war der Posten zudem eine tolle Chance, ins operative Geschäft einzusteigen." Heute leitet die 53-Jährige das Asien-Pazifik-Geschäft für Wasserreinigungs- und Aufbereitungstechnologie von Lanxess. Sie ist eine von 140 Expats, die für den Spezialchemiekonzern in 18 verschiedenen Ländern arbeiten.

Als ihre Versetzung anstand, machte die älteste Tochter gerade Abitur. "Mein Chef hat mich immer sehr unterstützt und war einverstanden, dass ich den Job einige Monate von Deutschland aus betreute", erzählt Dicke.

Familie auf zwei Kontinenten

Ihr Mann arbeitet bei Bayer in leitender Position. Dass er seinen Job aufgibt, kam für die Familie nicht infrage. "Schließlich brauchte meine älteste Tochter, die gerade ihr Studium in Deutschland begonnen hatte, auch eine elterliche Anlaufstelle."

So siedelte Dicke im August 2013 mit ihrer jüngsten Tochter nach Schanghai über. Die 17-Jährige ist ebenfalls von China fasziniert. Rita Dicke muss viel reisen – ihr Verantwortungsbereich reicht von Indien bis Japan und von Südchina bis Neuseeland. Das ist eine gewisse Herausforderung, weil die Tochter dann allein in China bleibt. Sie übernachtet dann bei Freunden.

Reisen quer durch Asien

Durch ihre Reisen quer durch Asien ist Rita Dicke für die kulturellen Eigenheiten im Geschäftsleben sensibilisiert. "In China sind Frauen in Führungspositionen keine Seltenheit. Es ist üblich, dass Mütter Vollzeit arbeiten." In Japan dagegen ist Rita Dicke als Managerin eine Exotin. Denn selbst hochqualifizierte Mütter bleiben meist zu Hause.

Dicke hat gelernt, wie wichtig es in Asien ist, Vertrauen zu Geschäftspartnern und Kollegen aufzubauen. "In China sind Situationen, die als Gesichtsverlust gelten, tunlichst zu vermeiden. Probleme in einem Meeting, sachlich, aber direkt anzusprechen, wie wir es in Deutschland gewohnt sind, ist kontraproduktiv." Schwierigkeiten spricht die Deutsche nur unter vier Augen in einem separaten Raum an.

Dienstreisen zur Kölner Zentrale kann die Managerin mit Heimreisen kombinieren. "Ostern haben wir uns als Familie in der Mitte getroffen und gemeinsam Urlaub auf den Malediven verbracht." Da konnte Rita Dicke durchatmen, denn die Luftverschmutzung in China ist schlimmer als gedacht. Das Extrempendeln klappt überraschend gut, findet Dicke, auch wenn Außenstehende zuweilen den Kopf schütteln. "WhatsApp hält uns am Leben", scherzt sie über den Kurznachrichtendienst. Und am Wochenende trifft sich die Familie zu ausführlichen Videokonferenzen. "Wir sind eben eine globale Familie."


Marita Mitschein kennt die Welt. Die Softwareentwicklerin war in der Türkei Finanzchefin einer Fluglinie, leitete zehn Jahre ein Softwarehaus in den USA und war danach als Personalberaterin und Projektmanagerin in Deutschland und China unterwegs. Seit 2010 arbeitet die Kölnerin in Dubai. Für SAP verantwortet sie neue Wachstumsbereiche im gesamten Nahen Osten und Nordafrika. "Meine beiden Töchter sind aus dem Haus. Eine ideale Lebensphase, um im Ausland beruflich noch mal durchzustarten", findet die 58-Jährige.

Magische Gegensätze

An Dubai fasziniert Marita Mitschein die kontrastreiche Mischung aus Orient und Okzident. "Hier treffen Vergangenheit und Zukunft aufeinander: Kamele neben unbemannten Zügen, iPads in Beduinenzelten. All diese Gegensätze befinden sich auf magische Weise im Einklang."

Besonders imponiert Mitschein die arabische Gastfreundschaft. Vertrauen ist alles in der Wüste, um zu überleben. Geschäfte würden deshalb traditionell lieber mit Bekannten oder gar Freunden gemacht als mit schwer einzuschätzenden Fremden.

Kulturelle Regeln

Als Frau lebt es sich sehr sicher in Dubai, dennoch ist Mitschein in der Managerwelt eine Exotin – noch. Viele junge Araberinnen aber haben im Westen studiert und sind sehr ehrgeizig. "Die mit Abstand besten Noten in den SAP-Berater-Prüfungen haben die saudischen Frauen", betont sie.

Marita Mitschein akzeptiert die Regeln der arabischen Kultur, auch wenn diese dem westlichen Meinungsbild widersprechen. "Schließlich bin ich Gast hier." Dabei gilt auch, ein korrektes Erscheinungsbild zu wahren. Westliche Frauen sollten Schultern und Knie bedeckt haben und Männern zur Begrüßung nicht von sich aus die Hand anbieten. Ein Nicken tue es auch.

Aufbruchstimmung

In Saudi-Arabien etwa gibt es getrennte Büros für Männer und Frauen. Wenn Mitschein dort beruflich unterwegs ist, trägt sie die Abaya, ein bodenlanges schwarzes Kleid, und einen Schal als Kopfbedeckung. "Damit habe ich kein Problem als emanzipierte Frau. Ich fühle mich in der arabischen Welt dennoch als Geschäftsfrau respektiert", betont Mitschein.

Auch das Alter ist durchweg positiv besetzt – mit Weisheit und Erfahrung. "In den arabischen Ländern herrscht kein Jugendwahn." Mitschein schätzt es sehr, dass man mit Mitte 50 im Beruf nicht zum alten Eisen zählt.

"Ich kann nur jede westliche Managerin ermutigen, den Schritt ins arabische Ausland zu wagen. Hier herrscht überall Aufbruchstimmung", schwärmt sie. Die Begeisterung hat auch eine ihrer Töchter angesteckt: Sie denkt darüber nach, sich ebenfalls in Dubai beruflich niederzulassen.

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