European School of Management and Technology Das deutsche Harvard

Der Präsident der Berliner ESMT spricht zum ersten Mal über seine Pläne für die private Hochschule, über die Vermischung von MBA und Weiterbildung sowie Absolventen, die nicht führen wollen.

Stefani Hergert | , aktualisiert

Das deutsche Harvard

Foto: ESMT

Herr Rocholl, zwei Ihrer Forscher haben jüngst geschrieben, dass viele Nachwuchskräfte keine Führungslaufbahn anstreben. Für eine Business-School, die Führungskräfte ausbildet, keine gute Nachricht.

Ich glaube nicht, dass wir hier eine "Generation Weichei" sehen, wie es ein Journalist vor kurzem geschrieben hat. Unsere Forscher, Laura Guillén und Konstantin Korotov, haben ja auch festgestellt: Wenn die Leute erst einmal in einer Führungsrolle sind, dann wollen sie auch die Verantwortung übernehmen. Der Nachwuchs kommt uns so schnell nicht abhanden.

Dennoch scheint eine klassische Führungslaufbahn so einige abzuschrecken.

Wir haben schon immer Führungskräfte ausgebildet, die unternehmerisch denken und verantwortlich handeln. Führen heißt ja nicht, knallhart den eigenen Willen durchzusetzen, sondern mit seinen Mitarbeitern etwas zu gestalten. Der Chef muss fachlich nicht zwangsläufig besser sein als seine Mitarbeiter. Das müssen wir dem Nachwuchs klarmachen.

Sie haben selbst erlebt, dass jemand ablehnt. Der Stanford-Professor Stefan Reichelstein sollte ESMT-Präsident werden, hat es sich dann anders überlegt. Sie bekamen den Job. Manche sagen, es habe den Beigeschmack der zweiten Wahl.

Aus den Gesprächen mit den Stiftern der Hochschule habe ich einen anderen Eindruck gewonnen. Sie waren mit meinem Job als Interimschef ja offenbar zufrieden, sonst wäre ich heute nicht Präsident der ESMT.

Hat die Absage Reichelsteins dem Ruf der Hochschule geschadet?

Das hat vielleicht am Anfang zu Irritationen geführt, aber nicht nachhaltig unseren Ruf beeinträchtigt. Wir haben die Situation so hingenommen, wie sie war und unseren Kurs klar weiterverfolgt. Mit meiner Ernennung haben sich die Stifter auch für Kontinuität entschieden. Über unseren Ruf mache ich mir wahrlich keine Sorgen.

Die Stifter, 25 deutsche Großunternehmen wie Allianz, Deutsche Bank oder Telekom haben die Hochschule gegründet und finanziert. Sie sollen sich nun zum Teil zurückziehen.

Von Zurückziehen kann gar keine Rede sein. Die Stifter unterstützen die ESMT weiterhin, auch wenn wir von den Unternehmen, die uns gegründet haben, unabhängiger werden. Wir sollen auf eigenen Füßen stehen, und das tun wir auch. In unserem MBA-Programm sind mittlerweile nur noch wenige Studenten aus den Stifterunternehmen. Allein im vergangenen Jahr haben wir etliche Unternehmen im Weiterbildungsbereich gewinnen können, die keine Stifter sind.

Damit verschwimmt die Grenze zwischen MBA und Weiterbildung.

Es wird Hybridmodelle geben, die Unterscheidung zwischen Studiengang und Weiterbildung wird vielleicht nicht mehr so strikt sein. Das sehen wir schon an vielen anderen Business-Schools.

Damit könnte das Niveau im MBA sinken. Für die Weiterbildung brauchen Teilnehmer zum Teil keinen Hochschulabschluss, für den MBA gibt es ein Auswahlverfahren.

Wenn hier jemand einen Abschluss macht, aber im Programm nichts gelernt hat, werden wir am Markt und in den Rankings abgestraft. Das werden wir nicht riskieren. Wer zu uns kommt, will das deutsche Wirtschaftsmodell verstehen, will etwa wissen, wieso es so erfolgreich ist.

Das heißt für Sie?

Unser Ziel ist es, unter den zwei, drei besten zu sein. Wir wollen in die Top-10 Europas kommen, laut einem Ranking für europäische Business-Schools sind wir schon der höchstplatzierte deutsche Anbieter. Die Zahl unserer Professoren soll von heute 22 auf 30 in den nächsten drei bis vier Jahren wachsen. Wir werden uns zudem auch inhaltlich weiter profilieren, mit den Schwerpunkten, die den Wirtschaftsstandort Deutschland ausmachen.

Die da wären?

Technologiemanagement, nachhaltige Führungsmodelle und die europäische Wettbewerbsfähigkeit. Wer zu uns kommt, will das deutsche Wirtschaftsmodell verstehen, will etwa wissen, wieso es so erfolgreich ist.

Die Anbieter hierzulande haben lange nicht herausgestellt, was sie von europäischen oder amerikanischen MBA-Anbietern unterscheidet. Sind sie jetzt aufgewacht?

In gewisser Weise schon. Aber erst durch die Krise und die Tatsache, dass Deutschland sehr gut durch diese Krise gekommen ist, wird das deutsche Modell stärker geschätzt. Diese inhaltliche Profilierung hatten wir schon, als ich vor knapp sechs Jahren aus den USA zurückgekommen bin. Anders als damals kann diese Position heute stärker herausgestellt werden.

Sie haben 145 Studenten. Genug?

Das sind nur die Studenten in MBA-Programmen, dazu kommen aber auch über 2 400 Teilnehmer pro Jahr in Weiterbildungsprogrammen. Der Ruf, den wir uns erarbeitet haben, hilft uns, die Zahl der Studenten in den bestehenden zwei MBA-Programmen zu erhöhen. Irgendwann kommen wir räumlich an unsere Grenzen. In den beiden MBA-Programmen haben wir uns bisher bewusst auf das Technologiemanagement und das Thema Nachhaltigkeit fokussiert, künftig werden wir breitere Themen besetzen. Möglich wäre es, Weiterbildungskurse modular anzubieten und mit "Credit Points" zu verbinden.

Sie haben gute Forscher und damit gute Platzierungen in Forscherrankings eingekauft. Die ESMT zahlt im Schnitt je Mitarbeiter 20 000 Euro mehr als ein Konkurrent.

Die veröffentlichten Gehaltszahlen von Hochschulen lassen sich kaum vergleichen, da die Strukturen unterschiedlich sind. Wir setzen aber ganz klar auf die besten Journals, und der Marktwert eines Professors bemisst sich nun einmal daran, wo er publiziert. Wir werden weltweit nur ernst genommen, wenn wir eine starke Forschungsorientierung haben. Die ESMT ist die einzige deutsche Hochschule, die über die Harvard Business School ihre eigenen Fallstudien verkauft.

Sie haben aber einiges aufzuholen: Das Promotionsrecht fehlt, die Zahl der Studiengänge ist überschaubar. Warum aufholen?

In den zehn Jahren unseres Bestehens haben wir bereits sehr viel erreicht und gehen Schritt für Schritt unseren Weg, auch im Fall des Promotionsrechts. In den Rankings für Weiterbildungsprogramme und für den Executive MBA sind wir mittlerweile ja auch in bester internationaler Gesellschaft. Wir sind optimistisch, dass uns das auch beim MBA gelingen kann. Ab dem nächsten Jahr erfüllen wir die Auflagen bezüglich der Klassengröße für das wichtigste Ranking. Und der internationale Akkreditierer AACSB hat uns auch sehr positiv bewertet.

Also doch das "Harvard Deutschlands", wie es 2002 einmal hieß?

Oh nein, wer auch immer das damals gesagt haben mag, das war schmeichelhaft, aber auf jeden Fall übertrieben. Nichtsdestotrotz sind wir schon sehr weit gekommen und spielen sicher nicht umsonst in der ersten Liga.

Hochschulen wie Mannheim weisen mehr Erfolge vor.

Jede erfolgreiche deutsche Business School ist für den Standort Deutschland ein Gewinn und macht das Land attraktiver für internationale Bewerber. Langfristig wird es in Deutschland zwei oder drei Business Schools geben, die international ganz weit oben mitspielen. Daneben wird es noch eine Handvoll geben, die national einen ganz guten Stand haben, und einige regionale oder Nischenanbieter.

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