Eric Abrahamson "Aufräumen ist Zeitverschwendung"

Nieder mit dem Ordnungswahn: Unordentliche Menschen sind effizienter, glücklicher und mächtiger, behauptet Eric Abrahamson in seinem Buch "Das perfekte Chaos". Warum? Das erklärt der Management-Professor im Gespräch mit Junge Karriere.

Katharina Sekareva | , aktualisiert

Junge Karriere: Wie können unordentliche Menschen effizienter sein als ordentliche, wenn sie länger brauchen, um alles zu finden?
Eric Abrahamson:
Das stimmt nicht: Ordentliche Menschen verbringen 36 Prozent mehr Zeit mit Suchen.

Wirklich?
Wenn sich alle Unterlagen auf Ihrem Schreibtisch häufen, dann haben Sie doch alles griffbereit. Oft ist der Preis von Ordnung viel höher als der Nutzen. Wenn Sie zehn Dokumente auf dem Tisch ansammeln, bevor Sie sie in den Aktenschrank einsortieren, dann müssen Sie dafür nur einmal aufstehen. Wenn Sie jedes Dokument sofort einsortieren, dann müssen Sie zehnmal aufstehen. Sie verlieren Zeit, in der Sie wichtigere Aufgaben erledigen könnten.

Manche Unternehmen verlangen aber von ihren Mitarbeitern, dass ihr Arbeitsplatz immer ordentlich aussieht.
Wenn ich perfekt aufgeräumte Schreibtische sehe, dann frage ich mich: Wann arbeiten die Leute, wenn sie so viel aufräumen? Außerdem hat ein Mitarbeiter, in dessen Unterlagen Chaos herrscht, eine Machtposition, weil er nicht so leicht zu ersetzen ist.

Unordnung bedeutet also Macht? 
Ja, nehmen sie Al Kaida als Beispiel. Diese Organisation ist so mächtig, weil ihre Strukturen so undurchsichtig sind. Hier gilt das gleiche Prinzip: Ordnung kostet Zeit und Geld und führt nicht unbedingt zu mehr Erfolg.

Sie raten also jedem, der erfolgreich sein will, zu mehr Chaos? 
Bei absolutem Durcheinander kommen Sie zu nichts, das ist klar. Aber zu viel Ordnung kann sich wie Scheuklappen auswirken. Arnold Schwarzenegger hatte überhaupt keine Pläne für seine Karriere, ergriff aber spontan die Chancen, die sich ihm geboten haben. So ist er vom Gewichtheber zunächst Filmstar und dann sogar Gouverneur von Kalifornien geworden.

Viele Studenten studieren, ohne zu wissen, wo sie später arbeiten wollen. Nach dem Studium wissen viele es immer noch nicht. 
Das ist absolut in Ordnung! Sie sollten so viel ausprobieren, wie es nur geht.

Dennoch plagt das schlechte Gewissen, das sich angesichts von Chaos im Leben ausbreitet. 
Tatsächlich schämen sich 60 Prozent der Menschen deswegen! Aber was ist Ihnen wichtiger: ein schöner Abend mit Freunden und Zeit für Ihr Hobby, oder wollen Sie das Hobby aufgeben, weil Sie aufräumen müssen, bevor Ihre Freunde kommen? Räumen Sie doch das ganze Zeug in ein Zimmer und schließen Sie die Tür. 

Eltern sollten ihre Kinder also nicht dazu zwingen, ihr Zimmer aufzuräumen? 
Wollen Sie lieber ein gutes Verhältnis zu Ihrem Kind haben oder sich ständig wegen Unordnung streiten? 

Haben Sie das Buch geschrieben, weil sie als Kind ungern aufgeräumt haben? 
Das wird mir oft unterstellt. Ich behaupte aber, dass Leute, die Ratgeber zur besseren Organisation schreiben, ihren Ordnungswahn rechtfertigen wollen. Kinder sollten lieber ihre eigene kreative Art entwickeln, die Dinge zu ordnen.

Also fördert Unordnung Kreativität?
Auf jeden Fall. Im Grunde verhindert Ordnung alles Neue. Wir hätten unser Buch fast nicht schreiben können, weil die Buchhändler uns gesagt haben, sie wüssten nicht, in welches Regal sie es einsortieren sollten.

Weniger Ordnung ist gut für die Wirtschaft? 
Viele Firmen lassen sich von teuren Unternehmensberatungen erklären, wie sie ihre Arbeit effizienter gestalten. Sehr häufig ist das Geldverschwendung. Das Schaffen neuer Ordnungen, wie Fusionen oder Umstrukturierungen, geht in 70 Prozent der Fälle schief. Dagegen kann ein gewisses Maß an Unordnung unerwartete Vorteile bergen.

Zum Beispiel? 
Es gibt Unternehmen, die ihre Mitarbeiter nach dem Zufallsprinzip im Gebäude verteilen. So treffen Leute aus dem Marketing und aus dem Controlling häufiger aufeinander, im Gespräch entstehen dann Ideen, die es sonst nie gegeben hätte.

Wie reagieren Chefs, wenn Sie ihnen erklären, dass ihr Unternehmen weniger Ordnung braucht?
Alle Manager lassen sich überzeugen, wenn sie sehen, dass Risiken und Kosten der Ordnung deutlich höher als der Nutzen sind. Gerade für schnell wachsende Unternehmen kann es sich lohnen, erst das Geld in Kundenakquise zu stecken statt in Ablagesysteme. Wenn sie eine stabile Größe erreicht haben, können sie sich auch Gedanken über Systematisierung machen.

Buchtipps:

"Das perfekte Chaos. Warum unordentliche Menschen glücklicher und effizienter sind", von Eric Abrahamson und David H. Freedman. 283 Seiten, 18 Euro, Econ 2007

"Chaos ist die Regel. Wie Unternehmen Naturgesetze erfolgreich anwenden",von Richard T. Pascale, Mark Millemann und Linda Gioja. 280 S., 29,90 Euro, Econ 2002

"Das Chaos und seine Ordnung", von Stefan Greschik. Einführung in die Chaos-Theorie für Nicht-Physiker, mit Anwendungsbeispielen unter anderem aus Medizin und Wirtschaft. 118 Seiten, 8 Euro, dtv 1998

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