Erfolgreiche Chefetage Der Bart muss ab

Wer die neue Rolle als Chef gut ausfüllen will, muss authentisch und nachvollziehbar sein – auch optisch. Rhetoriktrainer Stefan Wachtel über Joe Kaesers Einstand als Siemens-Chef und die Gleichförmigkeit in den Vorstandsetagen deutscher Unternehmen.

Manfred Engeser, wiwo.de | , aktualisiert

Der Bart muss ab

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Foto: Darren-Baker/Fotolia.com


Herr Wachtel, kann man mit Bart nicht mehr CEO eines großen Unternehmens werden?

Wachtel: Warum?

Als der Siemens-Aufsichtsrat Joe Kaeser zum neuen Vorstandsvorsitzenden von Siemens ernannt hatte, war in der Öffentlichkeit die Überraschung groß. Nicht wegen der Personalie selbst: Diskutiert wurde vor allem über Kaesers Optik, unter anderem über das Fehlen seines einst mächtigen Schnauzbarts – und das, obwohl er den schon vor fast einem Jahr abrasiert hatte.

Ein Bart muss nicht hinderlich sein – eine Karriere befördern wird er in diesen Kreisen aber wohl eher nicht. Zumindest, wenn der Zugang zu Menschen eines der Unternehmensziele ist.

Wirken Bartträger unsympathisch?

Ob auf Fotos oder im direkten Gespräch: Mit Bart hinterlässt man beim Gegenüber unwillkürlich einen finstereren Eindruck. Glattrasierte Männer wirken auf Betrachter und Gesprächspartner einfach offener. Und wenn Offenheit zum Markenkern eines Unternehmens zählt, sollte der oberste Darsteller dieser Unternehmensmarke dem nachkommen.

Gilt das auch für schlankere Personen im Vergleich zu fülligen Menschen? Kaeser wirkt bei seinem ersten öffentlichen Auftritt als Siemens-Chef auch deutlich asketischer als zu seiner Zeit als Finanzvorstand.

Zumindest traut man durchtrainierten, asketischer wirkenden Menschen mehr Ausdauer und Durchsetzungsvermögen zu – kein unwichtiger Aspekt bei der Besetzung eines solch aufreibenden Postens.


Vom gemütlichen Käser Sepp, einem Bartträger und Mitglied der örtlichen Feuerwehr aus der niederbayerischen Provinz zum parkettsicheren, glatt rasierten, global versierten Joe, der den Umlaut aus seinem Nachnamen getilgt hat: Wie glaubwürdig ist die Verwandlung des neuen Siemens-Chefs?

Auf mich wirken die Veränderungen, die Kaeser offenbar bewusst vorgenommen hat, nicht aufgesetzt, sondern durchaus authentisch und nachvollziehbar. Kaeser ist offenbar jemand, der an sich arbeitet, sich verbessern möchte. Hier versucht einer, seiner neuen Rolle entsprechend aufzutreten. Da weiß einer, was er tut, wie weit er gehen kann. Schon im Alten Testament steht zurecht: "Wenn's köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen." Soll heißen: Naturtalente gibt es nicht.

Glattrasiert, durchtrainiert, maßkonfektioniert: Die Spitzen der deutschen Top-Unternehmen scheinen fast geklont. Hat das Barocke ausgedient auf Deutschlands Chefetagen?

Ich beobachte zumindest, dass allzu Extremes der Unternehmensmarke schadet und sehr auf Disziplin sowie zuverlässige körperliche und geistige Fitness geachtet wird. Kein Alkohol, ausreichend Schlaf, die Haare kurz, die Kleidung passend. Die wollen keinen Ärger machen, fühlen sich eher der Unternehmensmarke als der eigenen Persönlichkeit verpflichtet. Individueller Geschmack hat im Zweifel hintan zu stehen. Da fliegt die Krawatte eben aus dem Kleiderschrank, selbst wenn es das geliebte Geburtstagsgeschenk der Tochter ist.

Wäre es angesichts der drohenden Verwechselbarkeit nicht doch empfehlenswert, ein paar äußerliche Schrulligkeiten zu pflegen, um sich vom Durchschnitt abzuheben?

Das liegt nahe – aber die scheinbare Gleichförmigkeit ist doch strukturell bedingt. Wo die Rollen ähnlich sind, werden die Menschen auch in Spitzenjobs gleich aussehen. Wer es so weit nach oben geschafft hat, gleicht einer professionellen Lernmaschine, die genau weiß, welche Rolle sie zu geben hat.


Demnach hätte sich Mercedes-Boss Dieter Zetsche schon längst von seinem Walross-Schnauzer trennen müssen. Und Fiat-Boss Sergio Marchionne von seinen Pullovern, die er ja selbst bei Einladungen im Kanzleramt trägt.

Wiedererkennung ist durchaus ok. Sie kann das Salz in der Suppe, der nötige Farbtupfer sein – aber nur, wenn alles andere stimmt.

Wie wichtig ist die Optik für die Karriere – auch und gerade bei Männern?

Sie wird zunehmend wichtiger – und beschränkt sich ja längst nicht nur darauf, wie einer aus der Wäsche guckt – also auf Gewicht und Kleidung. Es geht darum, wie einer durch die Tür kommt, ob er Glaubwürdigkeit und Vertrauenswürdigkeit ausstrahlt – nicht zuletzt durch seine rhetorischen Fähigkeiten. Will man sich gern mit jemand unterhalten, hat er schon gewonnen.

Wie hat sich Kaeser in dieser Hinsicht geschlagen bei seinem ersten öffentlichen Auftritt als Siemens-Chef?

Prima. Er hat bei seiner Rede nicht nur einfach einen Text abgelesen, der ihm vorgelegt wurde – wie es bei vielen seiner CEO-Kollegen übrigens noch üblich ist.

Kaeser hat unbefangen gesprochen und ganz locker auf die Fragen der Journalisten geantwortet – und für seinen Auftritt am Ende sogar Beifall von Mitarbeitern bekommen, die sich spontan unters Publikum gemischt hatten. Das ist schon mehr als die meisten von sich behaupten können.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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