Entspannung Buddeln und Grillen mit Kollegen

Unternehmen richten Gärten ein, in denen sich die Mitarbeiter entspannen können. In manchen Firmen werden die Angestellten selbst zum Gärtner.

Tina Groll, Zeit.de | , aktualisiert

Foto: Joujou/Pixelio

Grüne Oase im Innenhof

Sabine Schober ist passionierte Hobbygärtnerin. Mit ihrer Schwester teilt sie sich eine Kleingartenparzelle in Berlin. "Das Werkeln im Schrebergarten entspannt mich und es ist ein guter Ausgleich zur kreativen Kopfarbeit", sagt die Designerin. Diesen Ausgleich wollte die 42-Jährige auch ihren fünf Mitarbeitern ermöglichen und legte im Innenhof ihres Ateliers einen Firmengarten an. 

Das war vor zwei Jahren. Mittlerweile ist der Hof eine grüne Oase. In einer Ecke wachsen Sonnenblumen, die Designer haben Gemüsesorten ausgesät, einen Teich wollen sie noch anlegen. Bambus wächst auf der kleinen Gartenfläche, der Rhododendron macht sich prächtig und auch eine Sitzecke mit Grillstelle fehlt nicht. Dort verbringen die Hobbygärtner ihre Mittagspause und grillen an lauen Sommerabenden mit den Nachbarn.

Unternehmensgarten auch für Kunden

Hier empfangen sie auch Kunden. Natürlich habe sie ihre Mitarbeiter nicht zur Gartenarbeit verdonnert, sagt Schober. Die Angestellten seien ebenfalls leidenschaftliche Gärtner, hätten aber kein eigenes Gartengrundstück. Bei einem Sommerfest im Schrebergarten der Chefin fiel einstimmig die Entscheidung, aus dem Innenhof den Unternehmensgarten zu machen.

Das Anlegen war ein Firmenevent. Ausgesucht hat das Team die Pflanzen gemeinsam, die Chefin hat sie bezahlt. "Das Gärtnern ist zwar freiwillig, aber wir sind ein so kleines Team, da packt natürlich jeder mit an", sagt Max Kohlmann, ein Mitarbeiter Schobers.

Zuerst wollten sie die Arbeit per Wochenplan fair verteilen, doch diese Idee wurde wieder verworfen. "Der Garten soll ein Quell der Freude, Erholung und Entspannung sein, kein Zwang", stellt Schober klar. Je nach Jahreszeit verbringe aber jeder eine oder zwei Stunden in der Woche im Garten, meist ohnehin zusammen.

Foto: Joujou/Pixelio

Als Team besser zusammengewachsen

"Wir waren vorher schon ein prima Team, aber wir sind mit dem Garten noch stärker zusammengewachsen", sagt Schober. Sie hat beobachtet, dass sich ihre Angestellten nun mehr als vorher mit ihrer Firma identifizierten.
 
Der Arbeitspsychologe Tim Hagemann lobt die sinnstiftende Wirkung eines solchen Projekts. "Ich finde die Idee eines Firmengartens, in dem alle Mitarbeiter über die Hierarchie hinweg anpacken, überaus charmant. Gemeinsam einen Garten anzulegen, gibt Mitarbeitern eine Perspektive. Es hat etwas Symbolisches, einen Baum zu pflanzen", sagt Hagemann.

Mitarbeiter assoziierten damit Nachhaltigkeit und Langfristigkeit. Die körperliche Arbeit im Garten stärke das Vertrauen und wecke den Teamgeist. Zugleich sei die Gartenarbeit ein Gegensatz zur schnellen, flexiblen Arbeitswelt.

"Gartenarbeit bringt Entschleunigung." Genau die genießen auch die sechs Berliner Designer. "Wir arbeiten fast immer unter Zeitdruck, vieles muss sehr schnell gehen. In unserem Garten kommen wir zum Innehalten, da holen wir uns neue Anregungen, können ausprobieren. Es ist ein toller Ausgleich, Samen zu säen, Pflanzen beim Wachsen zu beobachten und darüber zu ganz neuen Ideen zu kommen", sagt Schober.

Bei Bionade wachsen die Limonadenkräuter

Ausgleich und Identifikation mit dem Arbeitgeber soll auch der Firmengarten des Brauseherstellers Bionade schaffen. Das Unternehmen plant derzeit einen Firmengarten auf dem Gelände der Brauerei, an einem Ort, wo es schon einmal einen Garten gab.

Hier sollen die Pflanzen wachsen, aus denen Bionade seine Kräuterlimonade braut: Holunder, Quitte, Malz, Hopfen, Gerste. "Es soll ein Garten zum Anfassen werden, in dem jeder Mitarbeiter die Rohstoffe im Wechsel der Jahreszeiten wachsen sieht", sagt Nicola Schuldt-Baumgart, Sprecherin des Unternehmens.

Anpacken im Garten sollen die Mitarbeiter jedoch nicht. Für die Pflege des Gartens soll ein Gärtner zuständig sein. Dafür gehen die Bionade-Mitarbeiter mindestens einmal im Jahr raus aufs Feld und helfen bei der Ernte im Spätsommer. Immer freitags ist eine andere Gruppe dran, alle 150 Mitarbeiter machen mit.

Foto: Joujou/Pixelio

Gemeinsame Ernte als Firmenritual

"Das ist ein Erlebnis! Die Ernte beispielsweise von Holunder ist echte Handarbeit", sagt Schuldt-Baumgart. "Man begreift ganz unmittelbar, woher unsere Produkte kommen und wie sie verarbeitet werden, die körperliche Arbeit im Team schweißt zusammen." Die gemeinsame Ernte sei mittlerweile ein festes Firmenritual.

"Solche gemeinsamen Rituale können sehr motivierend sein", sagt Arbeitspsychologe Hagemann. Auch sie dienten dazu, Identifikation mit dem Unternehmen und dessen Produkten zu schaffen. "In der modernen, digitalen Arbeitswelt ist für viele Menschen die Arbeit von den Zusammenhängen entkoppelt. Es ist jedoch für die Zufriedenheit wichtig, zu verstehen, wozu die Arbeit dient und wie ein Produkt entsteht."

Weleda schult Mitarbeiter in Pflanzenkunde

Darum geht es auch in Deutschlands wohl bekanntestem Firmengarten. Der Naturkosmetikhersteller Weleda pflegt ihn seit über 90 Jahren. Auf über 20 Hektar wachsen 260 verschiedene Pflanzenarten, 180 von ihnen verwendet das Unternehmen in seinen Produkten. Alle Pflanzen sollte ein Weleda-Mitarbeiter auch kennen, selbst wenn er in der Buchhaltung oder Verwaltung tätig ist. "Wir haben deswegen extra Schaugärten für unsere Mitarbeiter angelegt, wo auch Mitarbeitereinführungen stattfinden", sagt Tobias Jakob, Sprecher des Unternehmens.

Mit zum Programm zählen Vorträge und Fortbildungen für die Mitarbeiter über einzelne Pflanzen und ihre heilende Wirkung. Darüber hinaus sollen die Gärten den über 1000 Mitarbeitern zur Entspannung dienen. Gestaltungsvorschläge sind willkommen, selbst gegärtnert wird jedoch nicht. Diese Tätigkeit ist den Gärtnern und einem Landschaftsarchitekten überlassen.

"Ab einer gewissen Unternehmensgröße ist es kaum praktikabel, dass jeder Mitarbeiter im Garten arbeiten kann", sagt Psychologe Hagemann. Er empfiehlt das Konzept vor allem kleinen und mittleren Unternehmen, die auch über die nötige Infrastruktur verfügen: ein eigenes Grundstück, Duschen und genug Platz für Gartengeräte.

Betriebsbuddelei ist ansteckend

So wie bei Sabine Schober und ihren Mitarbeitern. Weil das Hinterhaus, in dem die Designer arbeiten, früher einmal ein Wohnhaus war, gibt es ein Badezimmer mit Dusche. Praktisch, um sich nach dem Garteneinsatz in der Mittagspause wieder frisch zu machen. Die Gartenkleidung und Geräte haben die Mitarbeiter im Keller untergebracht.

Das Beispiel von Schobers Designer-Garten hat übrigens bereits Schule gemacht. Auch die Bürogemeinschaft aus dem Haus gegenüber erwägt einen Gemeinschaftsgarten im Innenhof. Vielleicht werden Unternehmensgärten ja sogar ein Trend. 


Der Artikel ist zuerst erschienen auf Zeit.de


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