Ende der Vollgaskultur Auftanken im Schlaf

Hektik, Druck und Überstunden: Das Leben auf der beruflichen Überholspur ist anstrengend, seelisch wie körperlich. Umso wichtiger ist genügend Schlaf. Nicht trotz des hohen Pensums – sondern gerade deswegen.

Daniel Rettig, wiwo.de | , aktualisiert

Auftanken im Schlaf

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Foto: BVDC/Fotolia.com

Eine Beförderung ist häufig der Beginn einer Karriere – bei Annette Grub war sie der Anfang vom Ende. Die 50-Jährige verbrachte ihr gesamtes Berufsleben bei einem Unternehmen der Versorgungswirtschaft, 2008 wurde sie zur stellvertretenden Abteilungsleiterin im Einkauf befördert.

"Zunächst war ich darüber froh", sagt Grub heute. Sie sollte ein Team mit sieben Mitarbeitern aus verschiedenen Kontinenten leiten, freute sich auf die Herausforderung und fühlte sich fachlich geeignet.

Kurz nach dem Jobantritt begannen die Probleme.

Grübeln bis der Arzt kommt

Zunächst konnte sie nur in den Nächten von Sonntag auf Montag nicht mehr gut einschlafen. Dann grübelte sie schon tagsüber, ob sie abends gut würde schlafen können. Ihr Arzt verschrieb ihr Schlaftabletten, die sie einmal in der Woche nehmen sollte.

Nach einigen Monaten schluckte sie die Pillen täglich – eine höhere Dosierung lehnte der Arzt ab.

Bald schlief sie pro Nacht höchstens drei Stunden, und auch das nur unruhig. Das hinterließ Spuren. "Ich war oft unkonzentriert, hatte Probleme, Auto zu fahren, und wollte in der Freizeit nur noch meine Ruhe haben", sagt Grub.

Zu schwach, um aufzustehen

Eines Morgens im April 2012 konnte sie nicht mehr aufstehen. "Ich war nicht krank", sagt Grub, "sondern einfach zu schwach." Der jahrelange Schlafentzug hatte sie ausgelaugt.

Grubs Beispiel zeigt: Wer im Job vorankommen will, für den ist gute Nachtruhe unerlässlich. Erst recht, wenn die Tage geprägt sind von Termindruck und Stress. Wenn Chefs zufriedengestellt werden wollen und Dienstreisen Jetlag verursachen.


"Wer tagsüber Vollgas gibt, muss seinen Akku abends aufladen", sagt Jürgen Zulley, bis 2010 Professor für Biologische Psychologie an der Universität Regensburg und einer der renommiertesten Schlafforscher. "Schlaf ist für Körper und Geist so wichtig wie Atmen, Essen und Trinken."

Das musste vor einigen Wochen auch ein Mitarbeiter der Frankfurter Volksbank zugestehen: Er hatte einen Zahlungsbeleg von 62,40 Euro auf 222.222.222,22 Euro hochgeschraubt.

Nicht aus Großzügigkeit oder krimineller Energie. Er war für einige Sekunden am PC eingenickt und dabei auf die Taste "2" geraten.

Weit verbreitete Störung

Das Ausmaß mag extrem und der Fall skurril sein – das Dilemma aber kennen viele. Schlaflosigkeit bei Nacht und Müdigkeit am Tag sind in Deutschland weit verbreitet.

Laut einer Untersuchung des Robert Koch-Instituts leidet hierzulande jeder vierte Erwachsene unter Schlafstörungen, elf Prozent finden ihren Schlaf nicht erholsam – schuld ist meist Stress: Fast die Hälfte der Deutschen schläft deswegen schlecht, ergab eine repräsentative Studie von Forsa.

Müde Manager

Die Personalberatung Heidrick & Struggles fand kürzlich bei einer Befragung von 1225 Top-Managern im Auftrag des "Handelsblatts" heraus, dass 42 Prozent der Befragten unter der Woche nur fünf bis sechs Stunden schliefen und viele über ständige Müdigkeit klagten.

Doch statt es zuzugeben, brüsten sich manche geradezu damit, mit wenig Schlaf auszukommen.

Dem ehemaligen Bertelsmann-CEO Thomas Middelhoff reichen pro Nacht angeblich drei Stunden, Deutsche-Bahn-Chef Rüdiger Grube kommt nach eigener Aussage mit vier Stunden Nachtruhe aus, ebenso Investor Lars Windhorst und Yahoo-Chefin Marissa Mayer. Moderatorin Sabine Christiansen empfahl den Deutschen gar einmal, weniger zu schlafen – eine Kuh käme schließlich auch mit drei bis vier Stunden aus.


Offenbar auch die Mehrheit unserer Politiker: Nach Angaben des Instituts für Demoskopie Allensbach schläft beinahe jeder dritte Politiker maximal fünf Stunden pro Nacht, mehr als 60 Prozent von ihnen sind oft übernächtigt. Kein Wunder: Seit Ausbruch der Euro-Krise treffen sich die Staats- und Regierungschefs regelmäßig zu Marathonsitzungen, gerne auch bis in die frühen Morgenstunden. Von den vergangenen Gipfeln endeten die meisten kurz vor Sonnenaufgang.

Vor wenigen Monaten bescheinigte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel im Gespräch mit der Zeitschrift "Brigitte" gar "gewisse kamelartige Fähigkeiten". Zwar stimme es nicht, dass sie nur vier Stunden pro Nacht schlafe. "Ich habe eine gewisse Speicherfähigkeit. Aber dann muss ich mal wieder auftanken."

Auf Reserve vorschlafen – ein Mythos unter vielen, die sich rund um den Schlaf ranken, an denen aber nichts dran ist. "Langfristig Schlaf zu speichern ist unmöglich", sagt Schlafexperte Zulley.

Wenig Nachtruhe – viele Unfälle

Niemand komme langfristig mit so wenig Nachtruhe aus: "Jedenfalls nicht ohne körperliche und geistige Schäden." Und diese Schäden beeinflussen auch das Verhalten am Arbeitsplatz:

Die US-Gesundheitsbehörde Centers for Disease Control and Prevention resümierte: Knapp fünf Prozent der Autofahrer verfallen regelmäßig dem Sekundenschlaf. Nach Angaben des amerikanischen Verkehrsministeriums verursachen Unfälle wegen Müdigkeit jedes Jahr 40.000 Verletzte und 1500 Tote.

Auch bei der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl 1986 oder der Havarie des Öltankers Exxon Valdez 1989 kamen Untersuchungskommissionen zu dem Ergebnis, dass Schlafentzug eine entscheidende Rolle spielte.

Schlechte Entscheidungen

Schon eine schlaflose Nacht kann das Urteilsvermögen erheblich beeinflussen, fand im Jahr 2011 der Hirnforscher Scott Huettel von der amerikanischen Duke-Universität heraus. Für eine Studie sollten 29 Freiwillige eine Nacht durchmachen und eine Nacht ausschlafen. Dann konfrontierte Huettel sie mit verschiedenen Entscheidungen. Und bemerkte: In müdem Zustand neigten die Probanden dazu, auf möglichst große Gewinne zu spekulieren, während sie ausgeschlafen lieber Verluste minimierten. Mit anderen Worten: Mit wachem Kopf entschieden sie vernünftiger, rationaler und risikobewusster.

Wenig Selbstdisziplin

David Wagner, Assistenzprofessor für Organisationsverhalten an der Management-Universität in Singapur, ist überzeugt: Wer weniger schläft, verdaddelt im Büro mehr Zeit im Internet. In einer Studie im Juni 2012 sollten 96 Studenten aufzeichnen, wie viele Stunden sie pro Nacht schliefen. Am folgenden Tag zeigte Wagner ihnen ein langweiliges Video. Ergebnis: Wer weniger und schlechter geschlafen hatte, vertrieb sich die Zeit bis zum Ende des Films öfters im Netz. Wagner geht davon aus, dass Schlafmangel die Selbstdisziplin senkt – und in diesem Zustand ist es verlockender, Zeit bei Facebook und Twitter oder auf Nachrichtenseiten zu verschwenden.


Inzwischen verhalten sich viele Manager und Unternehmen klüger. Vorbei sind die Zeiten der New Economy, in denen man nach Feierabend in die nächste Bar zog, die Nacht möglichst lange an der Theke verbrachte und morgens als Erster im Büro saß. Top-fit natürlich. Die Vollgaskultur hat ein Ende.

Denn es setzt sich die Erkenntnis durch, dass es selbst der stärkste Motor nicht dauerhaft auf der Überholspur aushält. Immerhin 60 Prozent der deutschen Top-Manager sagten laut Heidrick & Struggles, dass sie einen bewussten Lebensstil pflegen, um für den Job fit zu sein.

Zu diesen gehört etwa Peter Terium. Seit dem 1. Juli 2012 ist er Vorstandsvorsitzender des Energieriesen RWE, verantwortlich für 70.000 Mitarbeiter und 53 Milliarden Euro Jahresumsatz. In einigen Monaten wird der gebürtige Niederländer 50. Seine Gesundheit sei ihm "sehr wichtig", sagt er: "Und dazu gehört vor allem genügend Schlaf."
 
Gesundheit geht vor

Damit er den bekommt, verhält er sich sehr diszipliniert. Auch auf Dienstreisen versucht er, vor Mitternacht im Bett zu sein. Durchzechte Nächte an der Hotelbar? Eher nein.

"Wenn wir ehrlich sind, dann ist das, was nach Mitternacht und dem sechsten Bier an der Theke besprochen wird, kaum entscheidend für den Unternehmenserfolg", sagt Terium. "Wenn möglich, halte ich mich daran."

Außerdem meditiert er regelmäßig und macht Yoga, um ausgeglichen durch den Tag zu kommen – und abends entspannt ins Bett.

Neuer Phänotyp des Managers

Terium ist der Phänotyp des neuen Managers. Er hat die Geschicke von RWE ebenso im Blick wie seinen eigenen Körper. Nachhaltigkeit, eines der Schlagworte des neuen Jahrtausends, gilt nicht nur für die Strategie der Unternehmen, sondern auch für viele CEOs. Sie werden zum Gesundheitsmanager in eigener Sache.

Das bestätigt auch Felicitas von Elverfeldt. Die Diplom-Psychologin arbeitet seit 1995 als Executive Coach für Führungskräfte im mittleren und oberen Management von Großkonzernen. Im Schnitt arbeiten ihre Kunden unter der Woche bis zu 14 Stunden täglich, pro Nacht schlafen manche nur vier Stunden.

Inzwischen redet von Elverfeldt mit ihren Klienten nicht nur über geschäftliche Strategien oder personelle Entscheidungen. "Das Thema Gesundheit wird bei Führungskräften salonfähig", sagt von Elverfeldt, "und dazu gehört auch, richtig und gut zu schlafen."
 


Kein Wunder – denn langfristig ist Schlafentzug Raubbau am eigenen Körper. Wer nachts ständig zu wenig ruht, gefährdet nicht nur Kollegen und Mitarbeiter, sondern auch sich selbst. Die Folgen von schlechtem Schlaf sind bestenfalls hinderlich, schlimmstenfalls lebensgefährlich.

Das zeigt eine aktuelle Langzeitstudie des Schlafforschers Lars Laugsand von der Universität Trondheim, für die er elf Jahre lang mehr als 54.000 Norweger im Alter von 20 bis 89 beobachtet hatte.

Wer schlecht schlief, litt häufiger unter Herzproblemen – unabhängig von Ernährung, Gewicht oder Lebensumständen. Denn wenn unser Körper nachts nicht ruhen kann, schüttet er vermehrt Stresshormone aus – und die schaden mittelfristig dem Herz. Manche Forscher gehen gar davon aus, dass permanenter Schlafmangel die Lebenserwartung verkürzt.

Eingeschränkte Leistungsfähigkeit

Und die Leistungsfähigkeit senkt: Die französische Wissenschaftlerin Virginie Godet-Cayré vom Centre for Health Economics and Administration Research untersuchte im Jahr 2006 für eine Langzeitstudie knapp 800 Angestellte. Die eine Hälfte schlief gut, die andere lag häufig nachts wach. Und das wirkte sich nicht nur auf die Betroffenen aus, sondern auch auf ihren Arbeitgeber.

Wer schlechter schlief, fehlte krankheitsbedingt knapp sechs Tage im Jahr. Wer ruhig schlummerte, war nur 2,4 Tage abwesend. Besonders gefährdet: Schichtarbeiter.

Fünf Stunden Schlaf sind zu wenig

Wie wichtig Schlaf für die Leistung im Job ist, hat sich auch in den deutschen Chefetagen herumgesprochen. Ford-Deutschland-Chef Bernhard Mattes etwa schläft nach eigenen Angaben "sehr gut und meistens ausreichend". Meistens ist er müde genug, zügig einzuschlafen, aber die letzten Nachrichten im Fernsehen geben ihm das beruhigende Gefühl, den Tag informiert abzuschließen.

Unter der Woche kommt er meist auf sieben Stunden Schlaf, nur auf Dienstreisen sind es bisweilen weniger. Gerade dann achtet er darauf, abends wenig und leicht zu essen. In klimatisierten Hotels öffnet er gerne die Fenster. Und sofern es sein Zeitplan zulässt, geht er eine Runde joggen. Doch bisweilen kommt Mattes trotzdem nur auf fünf Stunden Schlaf: "Das ist machbar", sagt er, "aber nur für eine begrenzte Zeit."


Viele Personalabteilungen arbeiten deshalb an der Schlafkultur ihrer Belegschaften. Pharmakonzern Roche Diagnostics in Mannheim bietet seit 2012 regelmäßig Schlafseminare und Entspannungsübungen an.

Andreas Trautmann hat solche Kurse nicht mehr nötig. Der Deutschland-Chef der US-Agenturgruppe McCann Erickson profitiert einerseits von seiner Wehrdienstzeit bei der Marine – damals hatte er bei tagelangen Manövern Einsätze im Vier-Stunden-Wechsel. Andererseits jobbte er als Student als DJ und Barkeeper.

Seitdem kann er zwischendurch selbst in kurzen Schlafphasen Energie tanken.

Alarmzeichen erkennen

Das kommt ihm besonders zugute, wenn er zu Terminen fliegt. Als Vielflieger legt er Wert darauf, möglichst als Erster einzusteigen und immer einen Fensterplatz zu buchen, gerne mit Kissen. Dadurch schläft er meist vor dem Abflug ein, wird zwischendurch nicht gestört und kommt so auf die richtige Schlafdauer.

Aber was bedeutet das, richtig schlafen? Diese Frage hört Hans-Günter Weeß oft. Er leitet das Interdisziplinäre Schlafzentrum am Pfalzklinikum in Klingenmünster. Schlafbedarf sei abhängig vom Alter, Geschlecht und den Genen. "Jeder muss selbst herausfinden, wie viel Schlaf er braucht", sagt Weeß. "Wichtig ist nur, auf sich zu achten und Alarmzeichen rechtzeitig zu erkennen."

Schlaflabor und Schlafseminar

Annette Grub erkannte die Zeichen zu spät. Auf Anraten ihres Arztes besuchte sie im vergangenen Jahr erst ein Schlaflabor, dann ein Schlafseminar. Und stellte fest, dass der Preis für eine Fortsetzung ihrer Karriere zu hoch ist: Seit April 2012 ist Grub krankgeschrieben, im kommenden November verlässt sie das Unternehmen nach 28 Jahren Betriebszugehörigkeit. Dann will sie im Elektrofachbetrieb ihres Mannes mithelfen.

Immerhin sechs Stunden schläft Grub mittlerweile jede Nacht: "Ich kann nur jedem raten, Schlafprobleme ernst zu nehmen."

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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