Ende der klassischen Rollenverteilung Der neue Typ Mann

Seit Jahren diskutieren Politik und Wirtschaft darüber, wie Frauen Beruf und Familie besser vereinbaren können. Doch die wahren Profiteure dieser Entwicklung sind häufig gar nicht die Frauen – sondern die Männer.

Daniel Rettig, wiwo.de | , aktualisiert

Der neue Typ Mann

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Foto: detailblick/Fotolia.com

Die Zukunft von James Renier entschied sich an einem Freitagabend im Januar 1997. Der gebürtige Amerikaner arbeitete damals als Tennistrainer in Wien – und erinnert sich noch heute genau an die Kleidung seiner Schülerin: Jogginghose, Fleecejacke und Laufschuhe. Als sie den Platz betrat, konnte Renier nicht ahnen, dass die Frau seines Lebens vor ihm stand.

"Ich habe sie wegen ihrer Schuhe ermahnt, sie hätte sich damit auf dem Tennisplatz ernsthaft verletzen können", sagt Renier heute. Als die Schülerin das nächste Mal zum Training kam, hatte er drei verschiedene Paar Tennisschuhe besorgt: "Ich wusste, dass sie keine Zeit hatte, eigene Schuhe zu kaufen."

An dieser Rollenverteilung hat sich seitdem nicht viel geändert.

Frau vor einer Herkulesaufgabe 

James Renier, 53, ist der Ehemann von Ursula Soritsch-Renier. Die 46-Jährige ist seit April 2013 Chief Information Officer (CIO) beim Schweizer Maschinenbauer Sulzer in Winterthur. Dort soll sie die IT-Infrastruktur vereinheitlichen, was eine echte Herkulesaufgabe ist. Und das nicht nur, weil der Konzern weltweit 17.000 Mitarbeiter hat. Sondern weil ihr Posten ein Schleudersitz ist – Soritsch-Renier ist der dritte Sulzer-CIO innerhalb von drei Jahren.

Umso wichtiger ist es, dass sie zu Hause von ihrem Job abschalten kann. Dass sie sich nicht um eine saubere Wohnung und einen vollen Kühlschrank kümmern muss. Oder darum, den achtjährigen Sohn nachmittags zum Taekwondo zu bringen.

Das alles erledigt ihr Ehemann James. Freiwillig.

Der Mann als emotionaler Versorger

Die Familie kann vom Gehalt seiner Frau gut leben, er muss kein Geld verdienen. Neben der Rolle als Hausmann bleibt ihm genug Zeit, vormittags selbst Sport zu treiben. Dieses Jahr will er wieder wettkampfmäßig Tennis spielen, bald startet die Sommersaison bei den Herren über 45. Darauf bereitet er sich sorgfältig vor.

Viel wichtiger ist ihm allerdings, dass er seiner Frau Halt für ihre Karriere gibt und zu Hause eine Atmosphäre schafft, in der sie entspannen kann. "Ich versorge meine Frau nicht finanziell, sondern emotional – aber das finde ich mindestens genauso wichtig. Ich möchte dieses Leben jedenfalls nicht missen und bereue nichts."

Egal, ob es um den Ausbau von Kindergartenplätzen, bessere Betreuungsmöglichkeiten oder die Einführung der Elternzeit geht: Seit einigen Jahren diskutieren Vertreter aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft darüber, wie die Deutschen Beruf und Familie besser miteinander vereinbaren können. Doch meistens dreht sich die Debatte vor allem um die Rolle der Frauen.

Die einen appellieren an Abiturientinnen, häufiger wirtschaftsnahe oder ingenieurwissenschaftliche Fächer zu wählen. Die anderen verlangen, dass Personalverantwortliche bei neuen Stellenbesetzungen vor allem Bewerberinnen berücksichtigen. Wieder andere fordern von Politikern eine gesetzliche Frauenquote, um den Anteil weiblicher Führungskräfte in Unternehmen zu steigern.

Keine Frage, für alle Positionen gibt es Pro und Contra. Doch im Dickicht der Diskussion wird eines häufig vergessen:

Die wahren Profiteure der Emanzipation sind oft nicht die Frauen – sondern die Männer.

Diesen Eindruck gewinnt, wer in deutsche Wohnzimmer und Küchen blickt. Dort gibt es immer mehr Männer, die die Freiheiten nutzen, die ihnen die Emanzipation der Frauen gewährt. Die aus dem Korsett der Karriere ausbrechen und es sich im Windschatten ihrer Frauen gemütlich machen. Die Lieblingshobbys ausüben, Kinder versorgen und sich lang gehegte Träume erfüllen – während ihre Partnerinnen die Hauptverdiener sind.

Diese Männer empfinden die Rolle als Hausmann, Chauffeur oder selbstständiger Zweitverdiener nicht als Grund zur Sorge, sondern als Anlass zur Freude. Sie sehen sich nicht als Verlierer. Sondern als Gewinner.

"Wann ist ein Mann ein Mann?", fragte 1984 der Sänger Herbert Grönemeyer. Die Antwort ändert sich derzeit. Für Michael Meuser kein Zufall.

Gründe für neue Rollenverteilung

Der Soziologieprofessor der Technischen Universität Dortmund gilt als Deutschlands führender Männerforscher. Er macht für die neue Rollenverteilung vor allem drei Punkte verantwortlich. Zum einen kam mit der aktuellen Generation die Frauenbewegung auf und mit ihr die steigende weibliche Erwerbsquote: Etwa 70 Prozent aller deutschen Frauen gehen mittlerweile einer bezahlten Arbeit nach.

Zum anderen stieg die Unsicherheit auf dem Arbeitsmarkt – befristete Verträge sind nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel. Wie das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) kürzlich meldete, gab es im Jahr 2001 550.000 Arbeitsverträge, die ohne sachlichen Grund befristet waren. 2013 waren es schon 1,3 Millionen.

Außerdem änderten sich die ökonomischen Bedingungen: Einst genügte selbst in der Arbeiterschicht ein Einkommen, um die ganze Familie zu ernähren. Heute reicht auch in Mittelschichtfamilien ein Gehalt häufig nicht aus.

Wenn Männer eine Familie gründen, befinden sie sich in einem Spannungsverhältnis. Einerseits wollen sie für die Familie sorgen und Geld verdienen, andererseits ein guter Vater sein und Zeit für ihr Kind haben. Früher entschieden sie sich in dieser Situation meist für die Rolle als finanzielle Versorger. Doch heute haben bei Männern Kinderbetreuung und berufliche Selbstverwirklichung immer häufiger Vorrang vor dem Strampeln im Hamsterrad und der Rolle des Rabenvaters.

James Renier etwa ist mit seiner Rolle sehr zufrieden. Er war 1984 aus seiner Heimat Chicago nach Wien gezogen, um an der Universität für angewandte Kunst zu studieren. 1988 eröffnete er in Chicago seine eigene Galerie, doch 1994 zog er wieder zurück nach Wien. Zwei Jahre später verdiente er sein Geld als Tennistrainer.

Seine Schülerin Ursula Soritsch arbeitete damals als Projektmanagerin bei Philips Consumer Electronics. Die beiden verliebten sich und wurden ein Paar. Sechs Monate nach dem ersten Treffen sollte sie ins Philips-Hauptquartier nach Amsterdam wechseln. Ein Sprung auf der Karriereleiter, den ihr Mann unterstützte. Er begleitete sie in die Niederlande – wo er seine Passion für die Kunst auslebte.

Schritt für Schritt – er wandert mit

Das Paar wohnte in einem großen Haus, Renier richtete sich ein Atelier ein, knüpfte Kontakte in der Kunstszene, stellte seine Werke aus, unter anderem im Museum van Bommel van Dam in Venlo. 2005 kam der gemeinsame Sohn zur Welt – Mutter Ursula ging ein halbes Jahr später wieder arbeiten, Vater James wechselte Windeln, kochte Brei, übernahm die Arzttermine.

Bereits ein Jahr danach bekam Reniers Frau das Angebot, für Philips Healthcare in der Nähe von Boston zu arbeiten. Der nächste Schritt auf der Karriereleiter, wieder ging Renier mit. Kümmerte sich um den Sohn, gab anderen Kindern Tennistraining. Und stand im Januar 2013 kurz davor, seinen Lebenstraum zu verwirklichen: unbedingt mal ein High-School-Tennisteam zu trainieren.

Doch dann bekam seine Frau die Möglichkeit, CIO von Sulzer zu werden. Wieder ein Schritt auf der Karriereleiter, wieder ging Renier mit. Also folgte der nächste Umzug, diesmal von der US-Ostküste in die Schweiz – seit Sommer 2013 lebt die Familie in Winterthur. Und hier ist Renier glücklich. "Ich habe mich schnell eingelebt, wir haben viele Kontakte geknüpft, gehen in Museen oder ins Theater. Und meine Rolle als Hausmann macht mir Freude."

Bilder sagen alles

Jede Revolution hat ihre Bilder. Manchmal sind sie laut und brutal, auf ihnen sieht man Polizisten in Schutzanzügen und Demonstranten im Strahl von Wasserwerfern. Manchmal sind diese Bilder leise und dezent. Ein solches Symbol setzte vor wenigen Wochen Getty Images. Die Fotoagentur verkündete eine Zusammenarbeit mit LeanIn.org, der Non-Profit-Organisation der Facebook-Geschäftsführerin und Zweifach-Mutter Sheryl Sandberg. In der Datenbank von Getty lagern 150 Millionen Fotos. Nun befinden sich dort auch 2500 Aufnahmen der LeanIn-Collection.

Darauf sieht man Frauen, die im schicken Kostüm eine Leiter hochklettern. Oder solche, die im einen Arm ein Baby halten und im anderen eine Aktentasche. Sandberg hat auch Fotos von Männern im Angebot. Darauf haben sie sich Babys umgeschnallt oder gehen mit ihrer kleinen Tochter Hand in Hand spazieren. Kurzum: zu sehen sind moderne Männer. So wie Christian Buechler.

Der 38-Jährige arbeitet seit 2001 bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young in Köln. Inzwischen hat er sich zum Senior Risk Manager hochgearbeitet. Vereinfacht gesagt, hilft er anderen Unternehmen dabei, Prozesse zu entwickeln, mit denen sie Risiken frühzeitig erkennen und bewältigen können – zumindest an drei Tagen in der Woche. An den restlichen Tagen ist er Hausmann und Vater.

Männern wie Buechler reicht es nicht mehr, ihre Kinder morgens höchstens kurz zu sehen, ihrer Frau einen schnellen Kuss zu geben, ins Büro zu verschwinden, erst abends wiederzukommen und nur am Wochenende Zeit für die Familie zu haben.

Deshalb entscheiden sich viele Väter inzwischen dafür, länger Elternzeit zu nehmen. Nicht aus Faulheit, Genügsamkeit oder mangelnder Qualifikation. Sondern aus ökonomischem und seelischem Kalkül. Beruflich bringt ihnen das häufig keine Nachteile. Im Gegenteil.

Keine große Überwindung

Buechler kann das bestätigen. Im Oktober 2008 kam seine erste Tochter zur Welt, im Februar 2012 die zweite. Schon vor der Geburt des ersten Kindes beschloss er mit seiner Frau, dass sie die ersten sechs Monate nach der Geburt zu Hause bleibt und er danach neun Monate.

Buechler: "Das war keine große Überwindung, letztendlich ist es doch eine Frage der Prioritäten. Und für mich ist es eben wichtig, nicht nur Kinder zu haben, sondern mir auch Zeit für sie zu nehmen."

Deshalb entschied er sich nach dem Ende der ersten Elternzeit dazu, in Teilzeit zu arbeiten. Glücklicherweise kommt ihm sein Arbeitgeber hier entgegen.

Familiäre Verpflichtung und berufliche Weiterbildung

Ernst & Young will auch jungen Vätern den Spagat zwischen Job und Privatleben erleichtern. Deshalb unterstützt die Beratung Väternetzwerke, bietet Vorträge, gibt Broschüren heraus. "Familiäre Verpflichtungen und berufliche Weiterentwicklung schließen sich nicht aus", sagt Recruiting-Chef Marcus Reif, "und die Erfahrungen der Mitarbeiter in ihrer Elternrolle bereichern unser Unternehmen."

Deshalb arbeitet Christian Buechler seit Januar 2010 auf einer 60-Prozent-Stelle. An seinen freien Tagen organisiert er das Familienleben, bringt seine Töchter morgens in den Kindergarten und holt sie nachmittags wieder ab. Danach geht es zum Sport, in den Zoo oder in den Garten.

Finanziell ist das für die Familie kein Problem. Denn Buechlers Frau ist seit mehr als sieben Jahren Finanzchefin in der deutschen Niederlassung eines US-Konzerns: "Für sie war es nie ein Thema, ihren Beruf aufzugeben oder in Teilzeit zu arbeiten. Deshalb kommt diese Aufteilung unserer Vorstellung eines gemeinsamen Familienlebens sehr entgegen."

Klar, als Buechler diese Entscheidung traf, war er gewissermaßen ein Exot. Auch heute nehmen seine meisten männlichen Kollegen in der Regel nur zwei oder drei Monate Elternzeit. Doch inzwischen findet Buechler Vorbilder an den höchsten Stellen: Im Januar kündigte Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel an, sich künftig den Mittwochnachmittag freizunehmen, um seine Tochter Marie aus dem Kindergarten in Goslar abzuholen. Mitte Dezember erklärte Jörg Asmussen, dass er als Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank zurücktreten werde – weil er sich seinen "beiden sehr jungen Kindern" widmen wolle. Auch der britische Prinz William nahm nach der Geburt seines Sohnes George erst mal zwei Wochen Urlaub von seinem Job als Helikopter-Pilot bei der Luftwaffe – als erstes Mitglied der Königsfamilie überhaupt.

Natürlich wird Bundesminister und SPD-Chef Gabriel den Mittwochstermin ab und an mal schwänzen. Ex-Banker Asmussen wird auch in seiner neuen Position als Staatssekretär im Bundesarbeitsministerium nicht nur Zeit für seine Kinder haben.

Doch Fakt ist: Es ist inzwischen gesellschaftlich akzeptiert, dass Männer Frau und Kinder auch offiziell vor Geld und Karriere stellen – ohne dafür kübelweise Spott und Häme zu ernten oder gleich als Schwächling und Verlierer dazustehen. Er darf die sprichwörtliche zweite Geige spielen, während sie das Orchester anführt und finanziell über die Runden bringt.

Lästerei und mitleidige Blicke

Natürlich funktioniert kein Kulturwandel über Nacht. Noch 2006 bezeichnete der damalige CSU-Landesgruppenchef Peter Ramsauer die geplante Einführung der Elternzeit als "Wickelvolontariat". Wie hartnäckig solche Machoattitüden sind, musste kürzlich auch der "Spiegel"-Chefredakteur Wolfgang Büchner erfahren. Als er vor Dienstantritt tatsächlich vier Wochen Elternzeit nahm, lästerte ein Redakteur in der "Berliner Zeitung", natürlich anonym: "Wir sind doch nicht bei 'Frau im Spiegel'."

Wenn Volker Baisch solche Sprüche hört, weiß er, dass er seinerzeit die richtige Entscheidung getroffen hat.

2001 war er Führungskraft in einer Bildungseinrichtung, als seine erste Tochter Marla zur Welt kam. Baischs Frau arbeitete damals als selbstständige Unternehmensberaterin. Als Marla ein Jahr alt war, nahm er ein Jahr Elternzeit, seine Frau ging Vollzeit arbeiten. Im Alltag spürte Baisch häufig beinahe mitleidige Blicke, egal, ob im Wartezimmer beim Kinderarzt oder beim Einkaufen an der Supermarktkasse. Außerdem stellte er fest, dass es kaum Anlaufstellen für junge Väter gab. Deshalb gründete er eine solche Anlaufstelle selber – in einer Kneipe in Hamburg.

Sich wandelnde Unternehmenskulturen

2002 entstand daraus zunächst der Verein Väter e. V. Der wollte Männern Informationen rund um Geburt, Kindererziehung und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bieten. Während seiner Elternzeit merkte Baisch, dass er nicht mehr in seine Position zurückkehren wollte. Stattdessen widmete er sich seinem Projekt. Gewann die Hertie-Stiftung und den Hamburger Senat als Partner, machte sich nach der Elternzeit selbstständig. Und aus dieser Idee entstand ein soziales Geschäftsmodell.

Derzeit hat Baisch so viel zu tun wie nie: "Die junge Generation von Familienvätern hat andere Vorstellungen. Sie wollen eben nicht nur ein Kind zur Welt bringen, sondern auch Zeit für das Kind haben." Deshalb berät Baisch Unternehmen, veranstaltet Seminare und Workshops. Alles mit dem Ziel, auch jungen Vätern die Vereinbarkeit von Job und Familie zu erleichtern.

"Nicht selten ist dafür ein Kulturwandel erforderlich", sagt Baisch. Der lasse sich nicht verordnen, sondern müsse vorgelebt werden – und zwar angefangen bei der obersten Führungsebene. Sie sollten täglich klarmachen, dass sie Familienväter dabei unterstützen, Job und Familie zu vereinbaren – ohne berufliche Nachteile zu erleiden. Und davon, da ist Baisch sicher, würden die Arbeitgeber selbst profitieren.

Nun gibt es durchaus Menschen, die die neue Rollenverteilung problematisch sehen. Manche glauben, dass das Ego eines Mannes leidet, wenn seine Frau beruflich erfolgreicher ist. Denn Männer, so die Annahme, seien stärker auf Konkurrenz aus und fühlten sich bei einem Erfolg der Partnerin bedroht. Außerdem definierten sie sich vor allem über Dominanz und Überlegenheit. Dementsprechend leide ihr Selbstbild unter einer starken Frau.

Aber wie ist das in der Realität? Kommen die Männer mit ihrer Rolle tatsächlich nicht klar? Lassen sich Paare vielleicht sogar häufiger scheiden, wenn die Frau der Hauptverdiener ist?

Diesen Fragen widmeten sich vor wenigen Wochen die Soziologinnen Shireen Kanji von der Universität von Leicester und Pia Schober vom Wirtschaftsforschungsinstitut DIW in Berlin. Für ihre Studie analysierten sie die Lebenssituation von knapp 4000 britischen Paaren, die ab dem Jahr 2000 an einer repräsentativen Langzeituntersuchung teilgenommen hatten. Das Ergebnis war eindeutig: Eine Frau als Hauptverdienerin gefährdete die Beziehung keineswegs. Bei jenen Paaren war das Trennungsrisiko nicht größer als bei traditionellen Konstellationen. Mehr noch: Zwischen dem vierten und siebten Lebensjahr des Kindes war das Risiko einer Trennung sogar geringer, wenn die Frau wesentlich mehr verdiente als der Mann. "Die Vermutung, dass das höhere Gehalt der Frau die Beziehung gefährdet, ist zumindest in Großbritannien haltlos", resümierten Kanji und Schober.

Neue Leidenschaft

Auch Christoph Landwehrs hat kein Problem damit, weniger zu verdienen als seine Frau. Der 60-Jährige verließ im Juni 2010 nach elf Jahren seinen gut bezahlten Job als Prokurist und Personalleiter beim Callcenter-Anbieter Jäger + Schmitter Dialog in Köln – und machte sich selbstständig.

Schon immer hatte Landwehrs ein Faible für leckeres Essen und guten Wein. Seit den Neunzigerjahren hatte er Weinseminare besucht, diverse Zertifikate und Diplome erworben. Irgendwann fragten seine Kollegen, ob er nicht Weinverkostungen anbieten wolle. Das kam gut an, die Interessenten wurden mehr. Und irgendwann dachte Landwehrs: jetzt oder nie.

Er bietet private Verkostungen, verkauft Wein, schult Servicekräfte für Restaurants, berät den Fachhandel. Derzeit verdient er meist weniger als die Hälfte im Vergleich zu seiner früheren Position. Doch er klingt mindestens doppelt so glücklich, auch wenn er genauso viel arbeitet. "Ich gehe viel freier mit meiner Zeit um und gehe meiner Leidenschaft nach, ohne primär auf das Geld achten zu müssen." Und das kann er sich auch deshalb leisten, weil seine Partnerin eine hohe Position bei einem Versicherungskonzern hat: "Ich wusste also, dass ich finanziell kein allzu großes Risiko eingehe. Andernfalls hätte ich mir den Schritt nicht zugetraut."

Spielraum für Träume

Andreas Lutz kennt solche Fälle gut. Der Gründerberater hilft seit 2003 Menschen dabei, sich selbstständig zu machen. Deshalb weiß er, dass die neue Rollenverteilung viele Existenzgründungen erst ermöglicht. "Wenn auf dem Ehemann nicht die Verantwortung liegt, Partnerin und Familie ernähren zu müssen, reduziert das den Erfolgsdruck", sagt Lutz. Männer seien heute weniger auf die klassische Ernährer-Rolle fixiert. "Deshalb wächst für sie der Spielraum, eigene Träume zu verwirklichen."

Landwehrs hat seine Entscheidung keine Sekunde bereut. Die neue Rollenverteilung hat ihn dazu angestachelt, mit dem neuen Unternehmen schnell erfolgreich zu sein. Denn seine Frau soll gar nicht erst denken, dass er zu Hause faulenzt.

"Heute kann ich sagen: Neben der Heirat meiner Frau war der Schritt in die Selbstständigkeit die beste Entscheidung meines Lebens."

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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