Elternzeit "Die Väter robben sich langsam heran"

Noch immer nutzen nur wenige Väter die Elternzeit. Laut aktueller Studie tasten sie sich nur langsam heran. Soziologin Svenja Pfahl erklärt, wieso aber gerade Männer der bürgerlichen Mitte in Elternzeit gehen und welche Vorteile die Auszeit für den Job bringt.

Zeit.de/Tina Groll | , aktualisiert

Frau Pfahl, in Ihrer Studie findet sich immer wieder das Wort Care-Verantwortung. Das klingt freundlicher und leichter als Familienarbeit. Deutet das neue Wort etwa einen Paradigmenwechsel an?
Der Begriff symbolisiert zumindest ein neues Bewusstsein: Die Fürsorge für die Familie wird nicht mehr länger nur als eine Phase im Leben einer Frau wahrgenommen. Care-Verantwortung meint nicht nur, dass sich Mütter um kleine Babys kümmern. Der Begriff meint den gesamten Bereich der Fürsorge für Familie. Dazu zählt auch die Pflege von Angehörigen. Es sind Themen, die jeden irgendwann in seinem Leben betreffen. Es geht um eine große Frage der Lebenslaufgestaltung von Frauen und Männern.

Sie sagen es: Es geht um Männer, die Familie als Teil ihrer Lebensaufgabe verstehen. Kann man ausmachen, wann dieser Bewusstseinswandel eingesetzt hat?
Das ist schon viele Jahre der Fall. Viele Männer finden sich in dem traditionellen Ernährermodell nicht mehr wieder. Männer setzen sich aktiv mit ihrer Rolle als Vater auseinander und haben den Wunsch, intensiv Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Aber die Erwerbsarbeit hat enge Strukturen und die gesetzlichen Rahmenbedingungen hinkten lange hinter der Lebensrealität der meisten Männer hinterher. Die Einführung des neuen Elterngelds im Jahr 2007 hat nun mit einem großen Schritt einiges verändert. Es sind jetzt nicht mehr nur postmoderne Väter, sondern ganz normale Männer in der Mitte der Gesellschaft, die eine Zeit lang aus dem Beruf aussteigen, um sich um ihre Kinder zu kümmern.

Wobei man ja nun nicht sagen kann, dass die Mehrheit der Väter auch intensiv Gebrauch von dieser Möglichkeit macht...
Man kann aber auch keine gigantischen Sprünge erwarten. Vor 2007 nahmen 3,5 Prozent der Väter Elternzeit, jetzt sind es immerhin 18 Prozent und ein weiterer Anstieg ist zu erwarten.

Was sind das für Väter?
Das haben wir versucht mit unserer Studie herauszufinden. Bislang hielt sich hartnäckig das Bild, dass es Akademiker in Großstädten sind. Aber das Bild ist differenzierter. 32 Prozent von ihnen leben in Kleinstädten und auf dem Land. Viele von ihnen sind konservativ. Sie sind Teil der bürgerlichen Mitte. Diesen Männern bedeutet Familie viel, sie möchten ein engagierter Vater sein. Ein großer Teil arbeitet als Angestellte und Beamte, als Ingenieure und in großen Unternehmen. Aber auch Mitarbeiter von kleinen Unternehmen sind darunter.

Welches der Ergebnisse Ihrer Studie hat Sie am meisten überrascht?
Dass immerhin 19 Prozent der Väter nach der Rückkehr in den Job ihre Arbeitszeit um rund ein Fünftel reduziert. Es ist eine neue Generation von Männern, die aktiv Gebrauch von Teilzeit- und auch Telearbeitsangeboten machen und sie fordern diese in ihren Betrieben auch aktiv ein. Sie setzen sich dafür ein, dass die Arbeit familienfreundlicher gestaltet wird, dass zum Beispiel Besprechungen erst ab 9 Uhr stattfinden, wenn sie ihre Kinder in den Kindergarten gebracht haben. Sie wollen, dass Dienstreisen, Abendtermine, Wochenendarbeit und Überstunden im Rahmen bleiben. Einige dieser Väter stellen infrage, warum ihnen wegen der Elternzeit der jährliche Urlaubsanspruch oder die Sonderprämie gekürzt wird. Das sind alles Dinge, auf welche die Unternehmen reagieren und reagieren müssen, die aber von den Müttern schon gar nicht mehr hinterfragt wurden.

Das klingt ja danach, als würden die neuen Väter die Arbeitswelt verändern. Aber gleichzeitig stellen Sie fest, dass der Großteil nur zwei Monate unterbricht und danach alles wie gehabt ist.
Zwei Drittel der Väter nimmt nur zwei Monate Elternzeit, trotzdem sind die Muster differenziert. Man muss schauen, wann die Väter die Auszeit nehmen, ob sie Teilzeitangebote nutzen und wie die Elternzeit an die Erwerbstätigkeit der Partnerin gekoppelt ist. Aber es stimmt: Der große Teil der Väter robbt sich langsam heran. Sie fürchten, dass der temporäre Ausstieg aus dem Job Nachteile für ihren beruflichen Status haben könnte. In der Realität erweisen sich die Befürchtungen dann jedoch oft als weniger schlimm. Viele Vorgesetzte reagieren sogar positiv auf den Wunsch ihrer Mitarbeiter, wobei man betonen muss, dass der gesetzliche Individualanspruch, den die Väter nun haben, ihre Verhandlungsposition im Betrieb auch deutlich stärkt.

Welche Erfahrung machen Führungskräfte, die selbst Väterzeit nehmen wollen?
Für sie ist es nicht schwieriger, obwohl man das vielleicht erwarten könnte. Ihnen kommt zugute, dass sie selbst gestalten können. Viele von ihnen kombinieren Elterngeldzeit mit Teilzeitmodellen oder sie nehmen eine sehr kurze Auszeit. Diese Männer sind wichtige Vorbilder, weil sie zeigen: Es ist nicht unmöglich, Führungsposition und Familie zu vereinbaren. Die Führungskräfte betonen, dass vieles mit einer guten Personalführung und Personalplanung zusammenhängt. Darum ist es auch wichtig, dass die Elternzeit sehr früh angesprochen und gut geplant wird. Die meisten Männer planen ihre Väterzeit sogar ein Jahr im Voraus. Darauf können sich die Unternehmen einstellen und so lässt sich auch der Wiedereinstieg gut planen.

Wie leicht gelingt den Vätern dieser Wiedereinstieg?
Das ist abhängig davon, wie viel Kontakt sie mit ihrem Unternehmen während der Elternzeit hatten. 86 Prozent der Väter haben angegeben, dass sie keine beruflichen Nachteile durch die Elternzeit erlitten haben. Was jedoch stimmt, ist, dass ihr beruflicher Aufstieg während der Auszeit stagniert – hinterher können jedoch die allermeisten rasch wieder anknüpfen und manche machen danach wichtige Karrieresprünge, gerade weil sie in der Elternzeit wichtige soft skills erworben haben.

Was ist Ihr Fazit: Werden wir in Kürze den Aufbruch der neuen Väter erleben oder bleibt es beim zweimonatigen Babyurlaub, den einige wenige, aber längst nicht alle nehmen?
Ich bin optimistisch, dass die Zahl der Väter in Elternzeit steigen wird und dass auch die Dauer der Auszeit länger wird. Aber die Männer sind vorsichtig. Viele beobachten erst einmal, nehmen beim ersten Kind acht Wochen und beim nächsten Kind dann vielleicht drei oder vier Monate. Dass wir bald erleben werden, dass 100 Prozent der Väter den Job unterbrechen, glaube ich aber nicht. Die traditionellen Rollenmuster sind dann doch noch zu stark und auch der wirtschaftliche Aspekt spielt hier eine wichtige Rolle: Männer verdienen in Deutschland immer noch rund 23 Prozent mehr als Frauen. Solange sich dies nicht ändert, werden wir auch nicht erleben, dass sich mit einem Sprung bei der Care-Arbeit alles verändert. Aber wir werden zukünftig einen leichten, allmählichen Anstieg des Engagements von Vätern wahrnehmen. Den Großteil der Kinderbetreuung werden wohl auch in der nächsten Zeit weiterhin die Frauen stemmen müssen.

Svenja Pfahl ist Diplom-Soziologin und Mitbegründerin des Instituts für sozialwissenschaftlichen Transfer (SowiTra) in Berlin. Die Fragen stellte Tina Groll.

(Zuerst erschienen auf ZEIT ONLINE)

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