Eltern-Ratgeber Studieren mit Kind

Verantwortung tragen, organisieren, netzwerken und die Finanzen im Griff behalten: Wer Kind und Studium unter einen Hut bringen will, braucht Topmanagement-Qualitäten. Und manchmal ein verdammt dickes Fell.

Dorothee Fricke | , aktualisiert

Wenn ihre Kommilitonen morgens um zehn verschlafen im Seminar sitzen und klagen, dass sie ihr Pensum mal wieder nicht geschafft haben, kann Annelie Eichhorn nur schmunzeln. Um diese Zeit hat die Politologiestudentin an der Uni Frankfurt schon Pampers gewechselt, Fläschchen gemacht, Milchzähne geputzt, Schnürsenkel zugebunden, erste Tränen getrocknet und Töchterchen Chantal (zehn Monate) und Sohn Joel (knapp drei Jahre) in Krippe und Kindergarten gebracht. "Ich habe ständig tausend Dinge zu koordinieren, aber irgendwie klappt es immer", sagt die 27-Jährige, die ihre Kinder ganz bewusst während des Studiums bekommen hat.

"Dass beide genau in den Semesterferien kamen, hatte ich allerdings nicht geplant", lacht die Studentin, die kein Semester ausgesetzt hat und der jetzt, im siebten, nur noch zwei Scheine bis zur Diplomanmeldung fehlen.

Täglicher Spagat 

Die Familienarbeit teilt sich Annelie Eichhorn mit Mann Stefan, der als Kinderkrankenpfleger im Schichtdienst arbeitet. Er ist ihre größte Stütze beim täglichen Spagat zwischen Wickeltisch und Uni-Bibliothek. "Wenn ich mal länger lernen muss, bringt er eben die Kinder ins Bett." Selbst mehrwöchige Praktika sind für Annelie Eichhorn so drin: In den nächsten Semesterferien wird sie bei der IG Metall in den Bereich Personalentwicklung hineinschnuppern.

Bei Katrin Schubert, allein erziehende Mutter aus Marburg, läuft es gerade nicht so glatt: Die 24-jährige Lehramtsstudentin für Deutsch und Biologie muss die Uni heute sausen lassen. Söhnchen Luca (15 Monate) kränkelt ein bisschen, seine großen blauen Augen sind ganz glasig. Dann ist auch noch Katrins Freundin als Babysitter abgesprungen. Statt Pädagogikseminar stehen an diesem Vormittag also Fiebermessen und Bilderbücher auf dem Programm.

Damit Katrin das Seminar wegen der Fehlzeiten überhaupt noch angerechnet wird, greift sie zu einem Trick: Eine Kommilitonin soll ihren Namen auf die Anwesenheitsliste setzen, doch die ist gerade nicht zu erreichen. "Hoffentlich hört sie die Mailbox noch rechtzeitig ab", überlegt die junge Mutter besorgt. Den Seminarstoff wird sie nachholen, wenn Luca abends im Bett liegt. Vor der Tagesschau ist das selten der Fall.

Annelie Eichhorn und Katrin Schubert gehören zu den rund sieben Prozent Studierenden in Deutschland, die bereits Eltern sind. Mehr als ein Viertel von ihnen sind wie Katrin allein erziehend. Ein typisches Studentenleben mit Semesterpartys und spontanem Kaffeetrinken ist für sie kaum drin. Jeder Tag muss straff geplant werden.

Pampers statt Partys 

Den Balanceakt bekommt längst nicht jede so gut hin wie Annelie und Katrin: Die Abbrecherquote unter Studentinnen mit Kind liegt bei geschätzten 40 Prozent, viele nehmen eine mehrsemestrige Auszeit, bevor sie das Studium wieder aufnehmen. Für Annelie Eichhorn steht außer Frage, woran es hapert: "Die Betreuungssituation gerade für Kinder unter drei Jahren ist in Deutschland katastrophal. Das ist echt ein Armutszeugnis", schimpft sie.

Obwohl die Frankfurterin ihre Kinder bereits während der Schwangerschaft in der einzig verfügbaren Kinderkrippe weit und breit angemeldet hatte, musste sie letztendlich doch jedes Mal kämpfen, damit ihre Kinder bereits mit einem halben Jahr aufgenommen werden konnten. "Bei Chantal stand ich zwei Wochen lang jeden Tag auf der Matte, bis auf einmal doch ein Platz frei war."

Anlaufstellen für Uni-Eltern

Von Krippenplatz und Ganztagsbetreuung für Klein-Luca kann Katrin in Marburg nur träumen. Sie ist ständig darauf angewiesen, dass Freunde und Nachbarn sich um den quirligen Blondschopf kümmern. Wenn ein wichtiges Referat oder eine Klausur ansteht, springt auch Katrins Mutter mal für ein paar Tage ein und holt den Enkel zu sich.

Die Kinderkrippe an der Uni kostet 270 Euro im Monat. Das kann sich Katrin, die vom Mietzuschuss ihrer Eltern und Erziehungsgeld lebt, nicht leisten. Sie hofft, dass alles einfacher wird, wenn Luca in den Kindergarten geht und sie endlich einen Nebenjob findet. "Im Moment werde ich überall abgelehnt, weil ich nicht flexibel genug bin."

Verständnislose Profs

Selbst an den Unis laufen junge Eltern gegen Mauern an. "In die Bibliothek darf ich meinen Sohn nicht mit reinnehmen, und als ich letztens um Aufschub für die Abgabe einer Hausarbeit gebeten habe, war der Dozent gnadenlos", berichtet Katrin. Und Annelie, die ihre Kinder in den ersten sechs Monaten mit in die Uni-Veranstaltungen genommen hat, ist sogar einmal aus der Vorlesung geflogen. "Wenn Sie Ihr Kind nicht ruhig bekommen, gehen Sie bitte", habe der Prof sie angeherrscht. Annelie Eichhorn saß in der nächsten Woche trotzdem wieder im Hörsaal - mit Chantal auf dem Arm. "Man darf sich eben nicht einschüchtern lassen und muss hartnäckig bleiben."

Trotz aller Widrigkeiten würden sich Katrin und Annelie jederzeit wieder pro Kind - und Studium - entscheiden. "Als junge Mutter geht man viel lockerer mit seinem Nachwuchs um", glaubt Katrin. "Schade nur, dass die Unis so schlecht auf Eltern eingerichtet sind."

Früh Kinder, leichter Karriere?

Ihre schlechten Erfahrungen bei der Nebenjobsuche bestärken Katrin in ihrem Berufswunsch, Lehrerin zu werden: "Das kann ich jedenfalls gut mit einer Familie vereinbaren." Annelie glaubt dagegen nicht an kinderfeindliche Arbeitgeber. Sie ist sicher, beim Berufseinstieg als Mutter sogar einen Startvorteil gegenüber anderen Absolventinnen zu haben. "Wenn ich mich bewerbe, sind meine Kinder aus dem Gröbsten raus, und an meinem Organisationstalent dürfte dann niemand mehr Zweifel haben."

So ähnlich hat auch Corinna Grautstück gedacht, als sie nach ihrem Studium an der Academy for Management Assistants in Lippstadt auf Bewerbungstour ging. Doch die ersten Vorstellungsgespräche machten sie um eine Erfahrung reicher: "Einigen Personalern ist buchstäblich die Kinnlade runtergeklappt, wenn ich erzählte, dass ich ein Kind habe. Danach war ich raus."

Vielleicht ist es kein Wunder, dass Corinna Grautstück ausgerechnet von einer französischen Firma angestellt wurde. Seit Ende 2003 arbeitet die 24-Jährige bei der Unternehmensberatung Natexis Pramex in Frankfurt. Dass man beim deutschen Nachbarn in Kind und Karriere keinen Widerspruch sieht, hat Grautstück bereits während ihres Auslandssemesters in Paris gemerkt: "Da muss sich in Deutschland noch eine Menge tun." Sie selbst hat auf jeden Fall noch viel vor: Demnächst fängt sie neben Job und Kind ein Fernstudium in BWL an.

Frauenbüro der Hochschule

Wenn sich Dozenten nicht kooperativ verhalten, wirkt ein Anruf aus dem Frauenbüro oft Wunder. Die Mitarbeiterinnen helfen auch in Organisationsfragen. Sie kennen die Situation vor Ort und können bei der Suche nach einem Betreuungsplatz oder einer Tagesmutter helfen. Für Uni-Eltern mit Geldproblemen stehen häufig lokale Finanztöpfe bereit.
Prüfungsamt Achtung (Langzeit-)Studiengebühren! Erkundigen Sie sich, ob Ihr Studienguthaben mit Kind neu berechnet wird oder gegebenenfalls eine Einstufung als Teilzeitstudierende(r) möglich ist.

Studentenwerk

Hier erfahren Sie, ob es am Studienort spezielle Eltern-Kind-Wohnheime gibt.

Bafög-Amt

Je ein zusätzliches Semester Bafög-Förderung gibt es für die Zeit der Schwangerschaft sowie für das erste bis fünfte Lebensjahr des Kindes; für das sechste bis zehnte Lebensjahr des Kindes wird die Förderung insgesamt für höchstens zwei Semester verlängert. Studierende mit Kind(ern) erhalten bei der Berechnung des eigenen anrechenbaren Einkommens und Vermögens zusätzliche Freibeträge.

Sozialamt

Zuschüsse vom Sozialamt stehen eingeschriebenen Studierenden nicht zu. Im Gegensatz zu Mutter oder Vater kann jedoch das Kind anspruchsberechtigt sein.

Jugendamt

Geringverdienende können beim Jugendamt einen Zuschuss zu den Kosten einer Tagesmutter beantragen.

Kindergarten/Krippe

Die Wartelisten sind gerade für Kinder unter drei Jahren sehr lang. Wenn möglich, sollte man sein Kind bereits während der Schwangerschaft anmelden.

Links

Alles Wissenswerte aus dem Bundesfamilienministerium zum Thema Kinder- und Erziehungsgeld 

Ausführliche Infos für studierende Eltern auf der Frauenbüro-Site der Uni Kaiserslautern

Die Hertie-Stiftung zeichnet regelmäßig besonders familienfreundliche Hochschulen aus.

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