EBS-Erbschaft Durch das Tal des Elends

Im ersten Interview erklären Rolf Wolff, der neue Präsident der EBS Universität, und Wirtschaftsdekan Richard Raatzsch, wie sie die skandalgebeutelte private Hochschule aufstellen wollen. Sie wollen zurück zu den Wurzeln der 40 Jahre alten Institution.

Interview von Stefani Hergert | , aktualisiert

Durch das Tal des Elends

Foto: Kwest/Fotolia.com

Der Raum, in dem der neue Präsident der EBS Universität, Rolf Wolff und der Dekan der Wirtschaftsfakultät, Richard Raatzsch zum Gespräch bitten, ist ein Statement. Dunkle Holzmöbel und Ledersofas zieren die nach der gleichnamigen Firma benannte Wempe Lounge im Schloss Reichartshausen in Oestrich-Winkel, in dem die private Hochschule ihre Wurzeln hat. An den Wänden hängen die Bilder ihrer Präsidenten, ein Porträt von Wolff, der im Oktober 2013 antrat, ist noch nicht dabei. Es stört ihn nicht. In Göteborg, wo er lange als Hochschulchef gewirkt hat, wurde sein Bild auch erst kurz vor seinem Abschied aufgehängt – und der war nach knapp zehn Jahren.

Ihre ersten Monate als Chef der EBS Universität, Herr Wolff, liegen hinter Ihnen. In der Zeit gab es einen Eklat zwischen Journalisten und Ihrem Aufsichtsratschef, Spekulationen um eine Planinsolvenz und die Ankündigung Ihres Kanzlers, die Hochschule zu verlassen. Ein Traumstart sieht anders aus.

Wolff: In diesem Raum, in dem wir miteinander sprechen, haben mir der Kanzler der EBS und ihr CEO, schon bevor ich hier angefangen habe, im Detail und sehr ehrlich die Probleme der Universität beschrieben. Ich wusste also, worauf ich mich einlasse. Wir konnten in der Woche vor Weihnachten verkünden, dass wir für dreieinhalb Jahre durchfinanziert sind – ein Traum wäre es gewesen, wenn wir damit einen Neustart hätten signalisieren können. Das ist sicherlich nicht so glücklich gelaufen.

Weil Ihr Chefkontrolleur Robert Koehler der Meinung war, Zahlen zur Situation der EBS gingen die Öffentlichkeit nichts an. Sie stehen aber unter massiver Beobachtung.

Raatzsch: Völlig zu Recht, ich habe damit kein Problem. Die Zahlen einer Universität gehen die Öffentlichkeit sehr wohl etwas an, egal, ob sie Geld vom Staat bekommt oder nicht. Wir haben Studenten, Forschungs- und Praxispartner, und wir spielen auch eine Rolle in der Region Wiesbaden. Dass man nicht jedes Detail in die Öffentlichkeit trägt, ist aber auch klar.

Wolff: Wir sind dabei, die Kultur zu verändern, das geht aber leider nicht über Nacht.

Durch den Untreue-Skandal um den früheren Präsidenten Christopher Jahns und die Finanzierungsprobleme hat der Ruf der EBS sehr gelitten. 2013 haben sich weniger Erstsemester eingeschrieben.

Wolff: Der Reputationsschaden hieraus ist groß, keine Frage. Vor allem beim Bachelor, für den sich Studenten aus einem Einzugsgebiet von 200 Kilometern rund um Wiesbaden bewerben. Wenn im BWL-Bachelor in diesem Jahr nur 250 Studenten anfangen, ist das für mich kein Problem, zumal unsere Master-Studiengänge wachsen. Zum Thema realistische Ziele: Unter der alten Führung wurden Wachstumszahlen versprochen, die schlicht illusorisch waren.

Vor Weihnachten gab es Spekulationen um eine Planinsolvenz. Wie weit war die EBS davon entfernt?

Wolff: Ich habe nie auch nur eine Sekunde an eine Insolvenz gedacht. Wir sind durch das Tal des Elends gekrochen, ja. Wir haben Ende Dezember einen Finanzierungsplan verhandelt und den auch unterschrieben. Das hätten die Banken nie für drei Jahre gemacht, wenn eine Insolvenz gedroht hätte. Wer den Blödsinn über eine angebliche Planinsolvenz in die Welt gesetzt hat, wissen wir bis heute nicht.

Raatzsch: Wir hatten Probleme, aber es war relativ klar, dass wir das schaffen. Schließlich haben uns ja auch die Ehemaligen mit 1,1 Millionen Euro unterstützt.

Sie haben im Dezember den Wachstumsplan Ihres Vorgängers kassiert. Wie sieht Ihrer aus?

Wolff: Wir planen dieses Jahr noch mit einem Verlust von 500 000 Euro, nächstes Jahr rechnen wir mit einem Gewinn. Die Business-School erwirtschaftet schon ein Plus, die Law School...

... die juristische Fakultät in Wiesbaden ...

Wolff: ... ist immer noch im Aufbau, mit der können wir erst Geld verdienen, wenn die ersten Absolventen das Staatsexamen abgelegt haben und wir schwarz auf weiß sehen, ob wir mit der Hamburger Bucerius Law School mithalten können. Und das ohne reichen Mäzen und ohne, dass wir heute noch eine große staatliche Unterstützung bekommen.

Ist das nicht das Grundproblem der EBS? Eine forschungsorientierte Hochschule lässt sich allein so gut wie nicht finanzieren.

Wolff: Natürlich würden wir gerne einen Mäzen finden, der 100 Millionen Euro auf den Tisch legt. Es geht aber auch ohne. Die EBS soll eine der fünf besten Business-Schools in Deutschland werden. Dafür müssen wir das Fundraising systematischer angehen.

Raatzsch: Wir haben doch in 40 Jahren gezeigt, dass es auch ohne Mäzen geht!

Wolff: Die Synergien aus Law School und Business-School nutzen wir bisher ja noch kaum. Da gibt es auch internationale Vorbilder, die etwa Masterprogramme als Mischung aus Jura und Wirtschaft aufgelegt haben.

Solche Programme wären auf einem Campus leichter umzusetzen. Bisher bildet die EBS in Oestrich-Winkel und in Wiesbaden aus.

Wolff: Wir sind eine kleine Universität, der ein gemeinsamer Campus natürlich helfen würde. Unter der alten Führung gab es den Plan, mit der Law School in Wiesbaden in das alte Gerichtsgebäude zu ziehen, von dem wir uns im Dezember verabschiedet haben. Das wirtschaftliche Risiko konnten wir nicht vertreten. Zwei Dinge sind nun möglich: Die EBS auf einem Campus in Oestrich-Winkel zu konzentrieren, wo sie ihre Wurzeln hat. Oder weiterhin zwei Standorte zu haben und entweder den jetzigen in Wiesbaden umzubauen oder in der Stadt einen neuen zu suchen.

Sie haben zum Amtsantritt gesagt, Sie hätten gerne zwei Monate Zeit, um einen Überblick zu bekommen, dann könne man über Strategien sprechen. 

Wolff: Die EBS hat in der Business-School schon immer Kinder aus Unternehmerfamilien ausgebildet. Wir haben Professoren, die, anders als ihre Kollegen an staatlichen Hochschulen, unternehmerisch denken und wir haben mehr als 200 Unternehmenspartnerschaften. Die müssen wir besser pflegen, und diese Partner müssen wir stärker in Lehre und Forschung einbinden.

Wie genau?

Wolff: Die Business-School soll eine "School for Business" werden. Für mich ist das kein Wortspiel. Wir können nicht alles machen. Forschung auf höchstem Niveau mit Veröffentlichungen in den besten Journals der Welt kann nicht unser Fokus sein.

So werden Sie nicht in den internationalen Rankings auftauchen.

Wolff: Das stimmt nicht. Da wollen wir schon hinein. Es wird an der EBS immer Professoren geben, die in den besten Journals publizieren.

Was bedeutet School for Business dann?

Raatzsch: Die Wirtschaft hat massive Erklärungsprobleme: starke Ungleichheiten global und in einzelnen Gesellschaften, Umwelt- und Nachhaltigkeitsprobleme, Artensterben, steigende Zahlen psychischer Erkrankungen, die geringe Zahl von Frauen in Führungspositionen und vieles anderes mehr. Das alles ist auch immer stärker für den Mittelstand interessant. Hier setzen wir in der Ausbildung an.

Wolff: Ich teile die Meinung des MBA-Kritikers Henry Mintzberg. Er argumentiert, dass Business-Schools Manager und keine MBAler ausbilden sollen. Er plädiert für einen Mix aus Theorie, Praxis und Kunst. Das ist modernes Management, das kann man auch schon im Bachelor machen. Zeigen Sie mir eine Business-School in Deutschland, die das strategisch macht.

Ist das eine Abkehr von der Strategie Ihrer Vorgänger?

Wolff: Ich würde es ,zurück zu den Wurzeln' nennen, aber in einem modernen Kontext. Es geht nicht darum, sich auf die Fachhochschule zurückzubesinnen. Ich wünsche mir, dass sich die Bachelorstudenten an der EBS am Anfang ihres Studiums mit den relevanten Zukunftsthemen wie Nachhaltigkeit oder Demografie beschäftigen. Auch dadurch erhoffe ich mir eine etwas andere Studentenschaft, mehr Studentinnen etwa. Unsere Absolventen sollen in mehr Branchen einsteigen als heute. Bisher fangen ja viele in den Beratungen und der Finanzindustrie an.

Sollen künftig noch mehr Praktiker lehren?

Wolff: Es geht darum, die Unternehmen systematisch und konsequent in die Business-School zu bringen. Das IMD Lausanne ist eine der besten Business-Schools der Welt – die Kollegen dort machen letztlich das, worüber wir reden. Die sind sehr stark in den Unternehmen verankert, und ihre Professoren publizieren dennoch in A-Journals. Der einzige Unterschied zu uns ist, dass sie keinen Bachelor anbieten.

Das IMD ist stark in der Weiterbildung, der Bereich ist das Problemkind der EBS.

Raatzsch: Wir sind dabei, die Weiterbildung zu stärken. Bei einer Reihe von Themen wie Leadership, Strategie, Nachhaltigkeit, Compliance oder Personalführung sind wir noch nicht so präsent, wie wir es gerne wären. Da sind wir dabei, das zu ändern. Außerdem verschwimmen derzeit die Grenzen zwischen Weiterbildung und Beratung; das ist ein völlig neues Geschäftsfeld. Wir haben Kollegen, die dieses Neuland gerade besiedeln.

Wolff: Wir sind noch nicht bei den 25 Prozent Beitrag zum Gewinn, den die Weiterbildung einmal ausmachen soll. Wir wollen die Gewinne aus der Weiterbildung in den nächsten zwei Jahren verdoppeln.

Herr Wolff, Herr Raatzsch, vielen Dank für das Interview.

Historie:

Die EBS Universität für Wirtschaft und Recht wurde 1971 als Fachhochschule für Wirtschaft gegründet und firmierte bis zum Aufbau der juristischen Fakultät 2011 als European Business School. Seit 1993 hat sie das Promotions- und seit 1998 das Habilitationsrecht. Sie bietet Bachelor- und Masterstudiengänge in Betriebswirtschaft, Weiterbildungs-Master wie den MBA sowie eine Jura-Ausbildung, die mit dem Staatsexamen abschließt, an. Sie hat rund 1 650 Studenten, für den BWL-Bachelor schrieben sich 2013 nur noch 218 Abiturienten (nach 278 im Vorjahr) ein.

Probleme:

Ein Grund für den Rückgang sind die Imageprobleme der Uni, die 2011 ein Untreueskandal um den damaligen Chef Christopher Jahns erschüttert hat, der wegen dieses Verdachts heute vor Gericht steht. Unter Jahns wurden Wachstumsziele ausgegeben, die Nachfolger Rolf Wolff heute als unrealistisch bezeichnet. Die EBS musste zudem einen Teil der 23 Millionen Euro vom Land für den Aufbau der Jurafakultät zurückzahlen. Die Finanzlage der EBS war offenbar schon seit Jahren alles andere als rosig. Etliche renommierte Professoren haben die Uni seit 2011 verlassen.

Der Präsident:

Rolf Wolff, Jahrgang 1953, führt seit Oktober 2013 die EBS Universität für Wirtschaft und Recht im Rheingau. Der Hochschulmanager stand fast zehn Jahre der School of Business, Economics and Law in Göteborg vor. Sein letztes Engagement an der Stockholm School of Economics endete wegen personeller Fehlentscheidungen nach weniger als einem Jahr.

Der Dekan:

Richard Raatzsch, Jahrgang 1957, ist seit 2008 Professor für Praktische Philosophie an der EBS und seit 2013 Dekan der Wirtschaftsfakultät. Er war zuvor unter anderem an der Universität St. Gallen, in Cambridge und Potsdam. Er lehrt und forscht auch zur Wirtschaftsethik.

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