Du bist nicht allein Überwachung im Job: Wie Chefs Mitarbeiter loswerden

Big Brother im Büro: Jeder Klick, jedes private Telefonat wird von Arbeitgebern registriert. Noch verhindert die Datenflut regelmäßige Kontrollen. Doch sobald ein Unternehmen einen Mitarbeiter loswerden will, rächt sich das Surfen im Job.

Astrid Oldekop | , aktualisiert

Sechs Leitz-Ordner, prall gefüllt mit ausgedruckten Mails und Anhängen, übergab der große Telekommunikationskonzern dem Arbeitsgericht - alle privaten Mails von Ralf Weber* aus den Jahren 2000 bis 2004. Der staunte nicht schlecht: Sein Arbeitgeber hatte passwortgeschützte Dateien aus Servern kontrolliert und Webers arbeitsrelevante Newsletter ebenso als privat eingestuft wie die 133 Mails an Freunde und die erhaltenen Spaß-Newsletter - Pornografie in den Augen des Unternehmens und Grund genug für eine fristlose Kündigung.
"Wenn ein Chef einen Mitarbeiter loswerden will, schaut er sich erst mal sein Internet- und E-Mail-Verhalten an. Die Wahrung der Persönlichkeit bleibt dabei auf der Strecke", resümiert Weber. "Wenn er auch die Kollegen überprüft hätte, hätte er alle entlassen müssen."
Alle tun's > Fast jeder surft, mailt, telefoniert privat im Job. Das bestätigt eine karriere-Umfrage unter 387 Nutzern. Nur jeder sechste lässt gänzlich die Finger von der privaten Nutzung dienstlicher Medien. Der Rest tummelt sich munter im Netz, steigert sogar bei Ebay mit und telefoniert auch schon mal mit Schatzi während der Arbeitszeit. "99 Prozent der Mitarbeiter verstoßen gegen die Regeln", sagt Bernhard Schmidt*. Er muss es wissen: Schmidt ist Systemadministrator in einem mittelständischen Bauunternehmen und Herr über die Technik, die private Netzaktivitäten sichtbar macht.
In Zeiten, in denen die Grenzen zwischen Job und Privatsphäre verwischen, in denen Unternehmen erwarten, dass Mitarbeiter in ihrer Freizeit erreichbar sind und Internet, Mail und Handy zum Alltag gehören, wähnen sich viele in trügerischer Sicherheit. Tatsächlich bewegen sie sich in einer Grauzone: Kein Gesetz, nur eine Vielzahl von Urteilen, regelt den Arbeitnehmerdatenschutz.
Selbst wenn der Arbeitgeber die private Nutzung verbietet, darf ein Mitarbeiter beispielsweise seinen Betriebsarzt wegen einer neuen Brille anmailen. Die Daten sind zwar irgendwie dienstlich, fallen aber in die Privatsphäre des Mitarbeiters und dürfen nicht vom Chef gelesen werden. Denn hier gilt das Fernmeldegeheimnis.
Was ein Chef darf, ist die eine Sache. Was er technisch kann, die andere. Wo immer PCs vernetzt sind, wo es Proxy-Server, Firewall und Spam-Filter gibt, ist jede Mail und jeder Klick im Netz auch ohne spezielle Software nachvollziehbar. Für die Sicherheit der Netze wird protokolliert, was das Zeug hält. Speicherplatz ist zu Spottpreisen zu haben. 1.000 gedruckte Seiten mit Verbindungsdaten speichert ein Administrator, der 200 Mitarbeiter betreut - pro Tag.
Chef liest mit > Vielen Arbeitgebern geht das bloße Protokollieren nicht weit genug. Gerrit Wiegand von der Software-Beratung Mainis schätzt die Zahl der kontrollierten Mails auf 40 Prozent. Bei großen Unternehmen mit aufwändigem Sicherheitskonzept werden neben den Verbindungsdaten auch die Mail-Inhalte protokolliert, weiß der IT-Berater.
Anbieter von Kontrollsoftware haben Hochkonjunktur. Der deutsche Marktführer Protectcom hat von 2001 bis 2004 rund 40.000 Lizenzen seiner Spionageprogramme verkauft. Für 2006 erwartet Geschäftsführer Carsten Rau eine Umsatzsteigerung von gut 30 Prozent. 80 Prozent seiner Kunden sind Unternehmen. Der typische Protectcom-Kunde hat 50 bis 100 Mitarbeiter und investiert einmalig 5.000 bis 10.000 Euro in die Software. Zehn Prozent der Kunden beschäftigen über 1.000 Leute, darunter vor allem Banken und Versicherungen.
"Viele Chefs haben sich einen 27-Zoll Bildschirm hinstellen lassen. Auf dem sehen sie mit Hilfe unserer Programme die vielen kleinen Mitarbeiter-Monitore in Echtzeit", schwärmt Rau. Sein Programm Orwell macht regelmäßige Bildschirmfotos. Neugierige Chefs können damit den Arbeitstag ihrer Mitarbeiter heimlich im Zeitraffer nacherleben. Erlaubt ist das nicht.
Gläserne Arbeitswelt > Die Unternehmen testen aus, was machbar ist: Noch hat ein Gericht die lückenlose Video-Überwachung von Post-Mitarbeitern verboten. Noch hat der öffentliche Druck Pharma- und Automobilunternehmen gezwungen, Drogenscreenings bei Einstellungen rückgängig zu machen. Noch kontrolliert kaum ein Unternehmen den Aufenthaltsort eines Mitarbeiters über die Informationen, die sein Handy aussendet.
Doch das Mithören in Call-Centern, vor allem von Banken, ist bereits gang und gäbe. Was eigentlich der Sicherheit der Kunden dient, setzt Mitarbeiter in Konkurrenz und erhöht den Leistungsdruck. In den USA experimentieren Unternehmen mit RFID-Chips in Mitarbeiterjacken, die Bewegungsmuster protokollieren - jeden Gang zur Toilette. In Deutschland soll 2010 Voice over IP das Telefonnetz ersetzen. Inhalte von Telefonaten werden dann per Spracherkennung genauso leicht verwertbar wie E-Mails. Und schon heute wird über den Einsatz von Gentests bei Einstellungen diskutiert.
"Wenn alles zugelassen wäre, was technisch machbar ist, wäre das Orwell in Reinkultur", sagt Claudia Schertel von Verdi-Innotec. "Dann wäre es leicht, Menschen gezielt aus ihrem Job zu bringen. Der Überwachungsdruck würde steigen, die Motivation sinken. Aber so weit sind wir gar nicht mehr davon entfernt."
Wenn Systemadministrator Schmidt aus der Überwachungspraxis erzählt, stehen einem die Haare zu Berge: Von Firmen, die alle Mails mit den Namen der Chefs oder der Konkurrenz herausfiltern. Die elektronische Spuren älterer Mitarbeiter besonders überprüfen oder interne Netzwerke nach dem Motto "Wer schreibt wem?" durchforsten. "Wenn mein Chef wissen will, was jemand macht, sage ich erst mal, das ist technisch nicht möglich", erzählt Schmidt. "Immer wenn gegen einen Mitarbeiter geklagt werden soll, bekomme ich eine Anfrage." Schmidt verweist dann auf geltendes Recht oder versucht, eine schriftliche Dienstanweisung zu bekommen.
Jede Branche geht mit der Überwachung anders um: "Die Telekommunikationsbranche, in der es an fast jedem Arbeitsplatz einen PC gibt, ist sensibilisierter als die Metall-Betriebe", hat Claudia Schertel beobachtet. Nach einer karriere-Umfrage unter den Dax-30-Unternehmen verbieten knapp die Hälfte der Unternehmen - vor allem Banken und Versicherungen - generell die private Internet-Nutzung. Nur wenige Firmen wie Adidas-Salomon lassen eine private Internet-Nutzung uneingeschränkt zu.
Der Rest erlaubt die "moderate Nutzung" - ein dehnbarer Begriff: Beim Handelskonzern Metro darf sie die dienstlichen Belange nicht beeinträchtigen, BASF-Mitarbeiter sollen in den Pausen surfen, beim Autobauer BMW kann das Netz nur genutzt werden, "wenn die Dringlichkeit einer Angelegenheit keinen Aufschub in die Freizeit gestattet und der zeitliche Aufwand von untergeordneter Bedeutung ist". Bei Münchner Rück und R+V Versicherung können hauseigene Internet-Cafés besucht werden - allerdings auch nur in der Pause. Doch selbst wenn die private Nutzung neuer Medien im Dienst erlaubt ist, wird regelmäßig oder in Stichproben kontrolliert. Nur die Metro Group gibt an, ihre Mitarbeiter nie zu überprüfen. Erstaunlich liberal zeigt sich Kontrollsystem-Anbieter Carsten Rau: "Ich würde meinen Mitarbeitern nie verbieten, privat ins Internet zu gehen, solange sich das in Grenzen hält." Die Spionagesoftware von Protectcom läuft zwar an allen Arbeitsplätzen mit, ausgewertet habe er sie aber noch nie. "Das sind sehr viele Daten, da habe ich besseres zu tun." Ebenso geläutert zeigt sich der ehemalige Protectcom-Kunde Yasin Quereshi von der Varengold Wertpapierhandelsbank: "Einem Vorstand fehlt einfach die Zeit für eine solche Kontrolle. Die Auswahl der Mitarbeiter bei der Einstellung muss dies ersetzen."
Auch wenn Big Brother im Büro wie bei Ralf Weber leicht zur Waffe werden kann, ist sich die Mehrzahl der Berufstätigen der Brisanz nicht bewusst. 56 Prozent der Befragten einer Studie von Steria Mummert Consulting haben sogar Verständnis für den Einsatz von Überwachungsprogrammen im Job. Protectcom-Chef Carsten Rau liefert die Begründung: "Die Leute denken, mehr Überwachung heißt auch mehr Sicherheit."
*Namen von der Redaktion geändert

1. Nichts bleibt verborgen. Jeder Tastenschlag, jeder Klick, alle Verbindungen können kontrolliert werden. Verhalten Sie sich generell am PC so wie im Gespräch mit einem Kollegen auf dem Flur. Tun Sie nichts, was Sie nicht auch am schwarzen Brett veröffentlicht sehen könnten.
2. Löschen zwecklos. Spezialisten können Ihre Daten wieder sichtbar machen. Überlegen Sie also gut, was Sie auf Ihrem PC speichern. Nachvollziehbar ist auch, welche Dateien Sie auf einen USB-Stick oder eine Diskette gezogen haben.
3. Sichern Sie Ihren PC ab. Sperren Sie Ihren Rechner in der Pause und hüten Sie Ihr Passwort. In 30 Sekunden kann ein neugieriger Kollege checken, welche Seiten Sie im Netz besucht haben. E-Mails, die ein Fremder von Ihrem PC aus verschickt, können ebenfalls unangenehme Folgen haben.
4. Wissen, was erlaubt ist. Informieren Sie sich, wie Ihre Firma die Internet-, Mail- und Telefonnutzung regelt. Steht es nicht im Arbeitsvertrag oder in einer Betriebsvereinbarung, fragen Sie Ihren Datenschutzbeauftragten oder den Betriebsrat.
5. Andere Länder, andere Sitten. Deutsche Töchter internationaler Firmen können oft nicht vermeiden, dass auch der Inhalt von E-Mails mitgeschnitten wird, wenn die Server im Ausland stehen. Da nützt keine Betriebsvereinbarung etwas.
6. Befolgen Sie die Spielregeln. Ist privates Surfen verboten, halten Sie sich dran. Bei Mails und Telefonaten beweisen Sie Augenmaß: Kein Chef wird eine Mail monieren, mit der Sie Ihren Partner informieren, dass Sie später nach Hause kommen. Gibt es keine offizielle Regelung, orientieren Sie sich an dem, was in Ihrem Unternehmen üblich ist. Auch wenn der Privatgebrauch des PCs erlaubt ist, dürfen Ihre Internet-Aktivitäten weder Ihre Arbeitsresultate mindern noch das Firmennetz gefährden.
7. Surfen Sie maßvoll. Das Internet wird zur modernen Zeitung. Niemand hat etwas dagegen, wenn Sie sich informieren - sofern es nicht nur im Sportteil ist. Grundsätzlich gilt: Nicht mehr als 30 Minuten am Tag privat im Job surfen, am besten in den Pausen. Und nichts tun, was abhängig macht - etwa vom Büro aus bei Ebay mitbieten.
8. Finger weg von heiklen Inhalten. Down- loads und Installationen von Software unbekannter Herkunft, die Viren einschleppen könnten, MP3-Files, Raubkopien, Pornografie und rechtsradikale Seiten sind absolut tabu. Überlegen Sie sich gut, wem Sie Ihre dienstliche Mail-Adresse geben. Fun-Newsletter sollten Sie besser privat abonnieren.
9. Halten Sie sich bedeckt. Sie denken an einen Jobwechsel? Dann sollte tunlichst keiner Wind davon bekommen. Wenn Sie auf der Homepage des Konkurrenten nach Stellenangeboten suchen, dann machen Sie das von zu Hause aus.
10. Bleiben Sie dran. Achten Sie auf neue technische Entwicklungen. Mit Voice over IP zum Beispiel können bald auch die Inhalte von Telefonaten in Texte umgewandelt und protokolliert werden.

Wo beginnt das Recht des Arbeitnehmers auf Privatsphäre?
Peter Schaar: Ein Chef darf zwar überprüfen, ob seine Mitarbeiter korrekt, sinnvoll und nach den Vorgaben arbeiten, aber er darf nicht lückenlos kontrollieren. Erlaubt sind nur Stichproben, und der Betroffene muss darüber informiert werden und die Möglichkeit erhalten, sein Handeln zu erklären. Jeder hat ein Recht darauf, zu erfahren, was sein Arbeitgeber über ihn speichert. Er kann ja auch verlangen, in seine Personalakten einzusehen. Eine Totalüberwachung passt nicht zum Menschenbild unseres Grundgesetzes. Es kann auch nicht im Interesse der Unternehmen sein, verschüchterte, total überwachte Mitarbeiter zu haben.
Was darf wie lange gespeichert werden?
Arbeitsresultate, Vertragsdaten, aber auch Informationen über die Leistung des Mitarbeiters dürfen grundsätzlich gespeichert werden. Manche Daten, wie Informationen über Kundenkontakte, braucht der Arbeitgeber ja noch nach dem Ende des Arbeitsverhältnisses. Die Dauer der Speicherung ist gesetzlich nicht genau geregelt. Die Daten sind dann zu löschen, wenn sie für den jeweiligen Zweck nicht mehr gebraucht werden. Je sensibler die Daten sind, desto schärfer ist die Zweckbindung. Manche Daten dürfen gar nicht erhoben werden.
Werden in Zukunft auf den Zeiterfassungs- und Kantinenkarten auch Gesundheitsdaten gespeichert?
Das kann ich mir nicht vorstellen. Denn es ist sehr gefährlich, immer mehr Daten aus unterschiedlichen Bereichen zusammenzuführen. Es darf nicht sein, dass die Essensauswahl in der Kantine mit den Daten der medizinischen Einstellungstests zusammengeführt wird.
Was raten Sie beim Umgang mit medizinischen Daten?
Nur wer der ärztlichen Schweigepflicht unterliegt, darf die Einzelheiten medizinischer Tests erfahren. Für den Chef reicht es zu wissen, ob ein Mitarbeiter geeignet ist oder nicht. Ich plädiere für ein grundsätzliches Verbot von Gentests im Arbeitsverhältnis. Hier darf es keine Aushandlung zwischen Arbeitnehmer und -geber geben. Gentests halte ich nur in extremen Ausnahmefällen für vertretbar, und nur mit voller Kenntnis des Betroffenen.
Bislang regelt das alles kein Gesetz. Wird es nicht langsam Zeit dafür?
Ja, denn es gibt viele Grauzonen: Internet- und Telefonnutzung, Überwachung im Job, Umgang mit medizinischen Daten, Übermittlung von Mitarbeiterdaten ins Ausland. Auch darf es nicht möglich sein, dienstliche Daten zu Werbezwecken zu verkaufen.
Trifft die Überwachung schon Bewerber?
Ja, ein Gesetz sollte auch den Umgang mit Bewerberdaten regeln. Diese sollten sofort nach einer Absage gelöscht werden - es sei denn, der Bewerber hat der weiteren Speicherung zugestimmt. Auch darf es nicht möglich sein, Bewerber genetisch daraufhin zu überprüfen, ob sie für Krankheiten anfällig sind oder sonstige erbliche Dispositionen aufweisen.
Die Fragen stellte Astrid Oldekop

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