DSW-Aufsichtsratstudie Aufsichtsräte streichen mehr ein

Die deutschen Großkonzerne lassen sich ihre Aufsichtsräte immer mehr kosten. Allein die Deutsche Post hat ihren Aufsehern das Gehalt um 88,5 Prozent erhöht. Warum das so ist und wer sich das teuerste Kontrollgremium leistet.

Kerstin Dämon, wiwo.de | , aktualisiert

Aufsichtsräte streichen mehr ein

Foto: Bacho Foto / fotolia.com

"Aufsichtsrat ist ein wunderbarer Beruf", schrieb der Wirtschaftswissenschaftler Jürgen Gaulke 1996 in seinem Buch "Der Klub der Kontrolleure – Das Versagen der deutschen Aufsichtsräte". Zitat: "Die Zahl der Sitzungen hält sich im Rahmen, das gereichte Essen ist stets erstklassig, das bei der Übernachtung bezahlte Hotel meist das erste Haus am Platze und obendrein sitzt der Aufsichtsrat direkt neben furchtbar interessanten und wichtigen Leuten, die er vielleicht noch einmal brauchen kann."

Entsprechend kurzweilig liest sich auch das Anforderungsprofil eines Aufsichtsrates: "Aufgabe des Aufsichtsrates ist es, den Vorstand bei der Leitung des Unternehmens regelmäßig zu beraten und zu überwachen. Er ist in Entscheidungen von grundlegender Bedeutung für das Unternehmen einzubinden."

Vorzeigbares "Schmerzensgeld"

Unbestritten ist das Leben der Chefaufseher sicher nicht immer so schön wie dargestellt. Bei dem Energieriesen RWE etwa muss sich das Kontrollgremium derzeit nicht nur mit der Suche nach dem geeigneten Chef herumschlagen, es soll den Konzern auch in die Atom-, Kohle, Öl- und Gasfreie grüne Zukunft führen. Und mit Ferdinand Piëch hätte im April vermutlich auch niemand tauschen wollen. Sein Nachfolger bei VW, Hans Dieter Pötsch, ist sicher nicht zu beneiden.
 
Allerdings bekommen die Chefaufseher – nicht nur bei VW oder RWE – ein entsprechendes Schmerzensgeld für ihre Leiden. Im Geschäftsjahr 2014 haben die Aufsichtsräte der Dax-Konzerne insgesamt rund 85,7 Millionen Euro verdient – das entspricht einem Plus von 9,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Bezüge der Chefaufseher bei den Dax-30-Unternehmen sind damit zum fünften Mal in Folge angestiegen, wie die aktuelle Aufsichtsratsstudie der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) zeigt.
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12,1 Million Euro für VW-Aufsichtsrat

Wie jedes Jahr führt das Kontrollgremium des Autobauers Volkswagen die Liste der bestbezahlten Aufsichtsräte an: Insgesamt 12,1 Million Euro überwies VW im vergangenen Jahr an die Aufsichtsratsmitglieder. 2013 bekamen die Mitglieder des 20-köpfigen Gremiums noch 9,8 Millionen Euro – also 24,3 Prozent weniger.

Auch die anderen Konzerne haben bei den Bezügen kräftig aufgeschlagen. Die Deutsche Post ist Spitzenreiter: Sie zahlte ihrem Aufsichtsrat 88,5 Prozent mehr als noch im Jahr 2013. Aber auch bei Daimler (plus 19,7 Prozent) und der Deutschen Bank (plus 18,8 Prozent) war ein deutlicher Anstieg der Bezüge auszumachen. Bei den Unternehmen der Indizes MDax, SDax und Tec-Dax stiegen die Bezüge der Kontrollgremien ebenfalls – allerdings liegt die Steigerungsrate dort bei rund fünf Prozent. So ließen sich die MDax-Unternehmen ihre Kontrolleure 53,8 Millionen Euro kosten, die Aufsichtsräte der SDax-Gesellschaften bekamen insgesamt 16 Millionen und die im TecDax gelisteten Unternehmen gaben sogar nur 10,6 Millionen Euro aus.

Die Bezüge der Chefaufseher selbst stiegen weniger stark an. Im Mittel ging 2014 jeder Aufsichtsratschef mit 365.000 Euro nach Hause, das entspricht einem Plus von 7,4 Prozent. Auch hier ist VW wieder Spitzenreiter: Piëch bekam im Jahr 2014 – Vergütung inklusive "sonstige Vergütungsbestandteile" 1.186.500 Euro. Das ist nicht nur ein Plus von 20,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Der ehemalige Aufsichtsratschef ist auch der einzige in der Dax-Familie, der die Ein- Millionen-Euro-Grenze knackt.

Größtes Plus verbucht Deutsche Post-Aufseher

Paul Achleitner, Chef des Aufsichtsrates der Deutschen Bank, belegt mit 819.000 Euro den zweiten Platz. An dritter Stelle folgt der Siemens-Chefaufseher Gerhard Cromme mit 615.500 Euro. Seine Bezüge sind damit um 0,2 Prozent gefallen. Beim Chefkontrolleur der Münchner Rück gingen die Bezüge sogar um 10,3 Prozent zurück. Allerdings bekam Bernd Pischetsrieder immer noch 322.000 Euro.

Den größten Gehaltszuwachs verbuchte Deutsche Post-Aufseher Wulf von Schimmelmann: Seine Vergütung stieg im Vergleich zum Vorjahr um 114,4 Prozent auf 338.000 Euro und somit noch etwas stärker als die Gesamtvergütung des Post-Aufsichtsrats. Wie bereits in den Vorjahren bekam der Merck-Aufsichtsratschef als einziger weniger als 100.000 Euro. Plus 114,4 Prozent, minus 10,3 Prozent, plus 88,5 Prozent.

Die Frage ist, warum sich die Bezüge mancher Kontrollgremien – und mancher Chefaufseher – so stark verändert haben. Im Deutschen Corporate Governance Codex, der Aufgaben und Vergütung eines Aufsichtsrates regelt, heißt es in Punkt 5.4.6: "Die Mitglieder des Aufsichtsrats erhalten eine Vergütung, die in einem angemessenen Verhältnis zu ihren Aufgaben und der Lage der Gesellschaft steht. Wird den Aufsichtsratsmitgliedern eine erfolgsorientierte Vergütung zugesagt, soll sie auf eine nachhaltige Unternehmensentwicklung ausgerichtet sein."

Hat der Aufsichtsrat der Deutschen Post im vergangenen Jahr also fast 90 Prozent mehr Arbeit gehabt als noch 2013? Laut der DSW haben die Konzerne ihre Vergütungsmodelle mitunter umgestellt, was die Veränderungen bei den Bezügen verursacht hat. So wurde auf der Hauptversammlung der Deutschen Post 2013 eine Umstellung der Vergütung auf eine reine Festvergütung beschlossen. Die macht sich jetzt bezahlt.

Die Analyse der Vergütungsstruktur der Dax-30-Unternehmen zeigt allerdings auch, dass sich die variable Vergütung weiter auf dem Rückzug befindet. Nur noch fünf Unternehmen verwenden eine ausschließlich kurzfristige variable Vergütung, wobei als Kennziffern die Dividende oder das EPS gewählt werden. Eine AG setzt auf eine Kombination von kurzfristiger und langfristiger variabler Komponente und weitere fünf Gesellschaften bemessen die variable Komponente ihrer Aufsichtsratsvergütung ausschließlich an langfristigen Faktoren.

Variablen sinken gegenüber dem Festgehalt

Schon seit Jahren stellen die Unternehmen immer mehr auf Festgehälter für ihre Vorstände und Aufsichtsräte um: Während 2006 insgesamt 32 Prozent der Gesamtvergütung für Aufsichtsräte als Festgehalt gezahlt wurde, stieg dessen Anteil bis 2014 auf 49 Prozent. Demgegenüber sank der Anteil der variablen Vergütungsbestandteile im gleichen Zeitraum von 48 Prozent auf nur noch 25 Prozent.

Diese Art der Bezahlung sorgt auch dafür, dass deutsche Konzernlenker "nur"U 54 mal mehr verdienen als ihre Angestellten. In Großbritannien oder den USA, wo eine aktienkursbasierte Vergütung eher üblich ist, bekommen CEOs auch schon mal das 200- beziehungsweise 300-Fache. Da ist es kein Wunder, wenn Microsoft-CEO Satya Nadella 63,4 Millionen Euro einstreicht.

Zuwachs der kurzfristigen variablen Vergütung bringt den Geldsegen

"Während deutsche Manager in erster Linie für das Erreichen mittel- bis langfristiger Ertragsziele belohnt werden und zudem der Anteil der fixen Vergütung recht hoch ist, setzen US-Gesellschaften vor allem auf Shareholder-Value und belohnen die Vorstände für steigende Aktienkurse", erklärt Jürgen Kurz von der DSW.

Da Vorstände und Aufsichtsräte in Deutschland nicht darauf hoffen dürfen, von einem plötzlichen Kursanstieg reich gemacht zu werden, können sie es beispielsweise halten wie VW: Die Wolfsburger verdanken ihren Geldsegen einem Zuwachs der dividendenabhängigen, kurzfristigen variablen Vergütung. Oder man macht es wie Daimler: Dort hat man dem Aufsichtsrat ganz simpel eine Gehaltserhöhung von fast 20 Prozent verordnet.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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