Dresscodes im Job Im Anzug nach ganz oben

Kleider machen Leute. Sie machen aber noch weit mehr: Wissenschaftler der Columbia University haben herausgefunden, dass sie sich auch auf den psychologischen Zustand des Trägers auswirken und wir im Job besser werden.

Osia Katsidou, wiwo.de | , aktualisiert

Im Anzug nach ganz oben

Dresscode im Job 2

Foto: Rawpixel.com / Fotolia.com

Leger oder formell. Wer keinen konkreten Dresscode für seinen Beruf vorgegeben bekommt, hat fast jeden Morgen die Qual der Wahl. Dabei hat die Kleiderwahl unmittelbare Auswirkungen auf die Arbeitsqualität, wie eine Studie jetzt ermittelt hat.

Die Studienreihe "The Cognitive Consequences of Formal Clothing" der New Yorker Columbia University nahm sich den Dresscode vor und testete an Experimenten mit 60 Studenten, wie sich formelle und informelle Kleidung auf den kognitiven, also geistigen, Zustand auswirkt. Dazu wurden die Teilnehmer gebeten, sich im Wechsel für unterschiedliche Anlässe zu kleiden: So sollten sie einmal sportliche Kleidung tragen und sich dann so anziehen, wie sie zu einem Vorstellungsgespräch erscheinen würden.

Förmliche Kleidung schafft Distanz

Das Ergebnis: Die Kleidung beeinflusst das Denken. Denn die Antworten auf die Fragen der Wissenschaftler fielen je nach Kleidungsstil sehr unterschiedlich aus. Die Reaktionen der Studienteilnehmer, die ihre kognitive Leistung zeigt, ließen darauf schließen, dass sie in formeller Aufmachung abstrakter, also weniger konkret dachten. Außerdem gaben die Studenten zudem an, sie fühlten sich in Anzug mit Hemd oder Glanzschuh kompetenter. Außerdem spürten sie durch die förmliche Kleidung gleich mehr Macht. Dadurch entstünde eine soziale Distanz, schlossen die Forscher.

Die lässige Kleidung ließ die Teilnehmer im Gegensatz dazu weniger Macht empfinden – dafür aber mehr Nahbarkeit. Legere Klamotten verkleinern nämlich den zwischenmenschlichen Abstand. So wirkt man für sein Gegenüber aufgeschlossen und begegnet sich auf gleicher Ebene. Die Studie fand auch heraus, dass man in lässiger Kleidung sehr viel konkreter denkt und mehr auf Details achtet – eine Attitüde, die besonders in digitalen Berufen gebraucht wird, in denen man zum Beispiel Programmcodes schreibt oder technische Abläufe plant. Das könnte erklären, warum die legere Klamotte besonders in Technologie-Unternehmen und in der digitalen Start-up-Welt beliebt ist.

Kleiderwahl unterstreicht Individualität

Eine Erkenntnis der Studie war zudem, dass das abstrakte Denken, das durch formelle Kleidung gefördert wird, dann produktiver mache, wenn es darum ginge, über den Tellerrand zu schauen und auf einem höheren Level zu denken. Doch es gibt auch Produktivitätsargumente, die für eine lässigere Kleiderwahl sprechen. So wurde der Bekleidungsstil von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg nicht dafür bekannt, weil er sich damit besonders viel Mühe gibt. Ganz im Gegenteil: Seine grauen T-Shirts wurden bei einer Veranstaltung zum Thema, weil es immer die gleichen waren. Der Chef des sozialen Netzwerks erklärte, dass er immer diese eine Klamotte trage, weil ihm das die Zeit erspare, die das Zusammenstellen neuer Outfits bedarf. Eine ähnliche Methode hatte auch schon Steve Jobs mit seinen immergleichen schwarzen Rollkragenpullovern erkennen lassen.

Klaus Gorny, Sprecher von Facebook Deutschland, sagt, im Unternehmen gehe es beim Dresscode nicht in erster Linie um Produktivität, sondern um die Individualität der Angestellten. Er findet, dass jeder anziehen soll, womit er oder sie sich am wohlsten fühlt: "Egal ob mit Jogginghose, Hoodie und Adiletten oder Hemd und Anzug – be your authentic self." Genau so würden sich die Mitarbeiter am besten entfalten können.

Laut Abraham M. Rutchik, Hauptautor der Studie, ist das Tragen von formeller Kleidung wie eine Art Uniform, denn sie lässt Menschen anders denken, empfinden und auftreten. Selbst wenn die Start-up-Szene die Kleidung verändert, gibt es immer noch eine besondere Kommunikationskompenente von formeller Kleidung im geschäftlichen Kontext. "Ich denke, dass formelle Kleidung immer noch eine Form von Macht und Autorität ausdrückt. Allerdings sind Menschen wie Steve Jobs und Mark Zuckerberg ein klare Ausnahme zu dieser Regel", sagt der Forscher.

Karen Parker, Personalchefin bei adidas, findet, dass Kleidung ein Ausdruck von Kreativität ist. Deshalb gibt es in den Räumen des Sportherstellers auch keine Anzug-und-Krawatten-Politik. "Wir wollen sicherstellen, dass jeder einzelne Mitarbeiter sich bei adidas willkommen fühlt", sagt sie. Formelle Kleidervorgaben stünden dem bloß im Weg, findet die Personalerin und rät auch Bewerbern, nicht in Anzug und Krawatte zum Vorstellungsgespräch zu erscheinen. Bloß auf die richtige Schuhmarke sollten diese Acht geben.

Die Branche gibt oftmals den Dresscode vor

Doch nicht überall sind Individualität und Sportlichkeit willkommen. Eine Umfrage im Londoner Bankensektor, die Business Insider UK durchführte, ergab, dass sich Menschen dort vor allem darum bemühen, kleidungstechnisch nicht aus der Rolle zu fallen. Als wichtigste Faustregel gilt: "Wer sich unsicher ist, ob die Kleiderwahl passt, ist wahrscheinlich schon zu weit gegangen." Grundsätzlich sollte man sich an einen formellen Dresscode halten, konservative Farben und Muster beim Anzug oder Kostüm wählen und dabei nicht die Krawatte vergessen. Auch der sogenannte Casual Friday, an dem sich Mitarbeiter zur Ausnahme mal lässig kleiden dürfen, ist in Banken eher ungewöhnlich.

Rainer Wälde, Vorsitzender des deutschen Knigge-Rates, findet es gut, dass die Bekleidungsregeln sich gelockert haben. Allerdings ist er persönlich kein Freund davon, im beruflichen Alltag mit Jogginghose zur erscheinen. "Meine Empfehlung: typische Freizeitgarderobe wirklich erst nach Feierabend tragen" sagt der Anstands-Experte. Die wichtigste Regel sei laut Wälde, dass man sich dem Anlass und der Branche gerecht kleide: "In seriösen Branchen sollte Kleidung Sicherheit und Vertrauen ausstrahlen. Im kreativen und handwerklichen Bereich kann die Business-Kleidung auch funktional oder trendy sein." 

Legere Kleidung bei flachen Hierarchien

Grundsätzlich gilt: Straffe Kleiderregeln werden weiterhin in Branchen gern gesehen, in denen Hierarchien geordnet werden müssen. In anderen, in denen es kollegialer zugehen darf und der Austausch wichtiger ist, als die analytische Denkfähigkeit, darf es kleidungstechnisch immer lässiger werden. In Unternehmen, die bei Bewerberinnen und Bewerbern mit flachen Hierarchien punkten wollen, kann ein legerer Dresscode deshalb zusätzlich überzeugen.

Zudem hat die Tatsache, dass formelle Kleidung das abstrakte Denken fördert weniger mit Anzug, Kostüm oder Krawatte zu tun, sondern vielmehr damit, dass Menschen genau das für förmlich halten. Denn, so sagt die Studie hinter dem Dresscode, wenn jetzt jeder anfängt, Anzug zu tragen, wirkt die formelle Kleidung auch gar nicht mehr formell – und hilft am Ende auch nicht mehr dabei, abstrakter zu denken.


Zuerst veröffentlicht auf: wiwo.de

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