Dresscode für Männer Wie viel Farbe darf es sein?

In Berlin und Paris präsentieren Designer Mode für kalte Tage: zarte Farben für Frauen, Schwarz für Männer. Dabei können Männer im Büro Farbe tragen - allerdings wohl dosiert. Wie Sie sich nicht zum Papagei machen.

Kerstin Dämon, wiwo.de | , aktualisiert

Wie viel Farbe darf es sein?

Foto: Andrea Izzotti / fotolia.com

Am 19. Januar begann in Berlin die Mercedes-Benz Fashion Week. Noch bis Freitag stellen 47 verschiedene Marken und Designer die Modetrends für Herbst und Winter vor. Bei Frauen gilt: Transparente Stoffe, florale Designs, zerbrechliches, zartes Blau und Silber, Erdtöne liegen im Trend. Männermode ist dagegen martialisch, die Farben sind schwarz, blau, grau, weiß – so wie immer.

Auch bei der Vorstellung der Herbst- und Wintertrends für Männer in Paris am 20. Januar waren zwar die Designs auffällig, bei den Farben hielt man sich jedoch an Altbewährtes. Vielleicht einmal ein roter Pullover zur dunklen Hose, oder eine grüne Jacke auf grauem Hemd. "Das ist auch der Jahreszeit geschuldet", sagt Stil-Beraterin Elisabeth Motsch. "Im Winter sind die Farben immer dunkler als im Sommer."

Kräftige Farben gehören höchstens auf die Krawatte

Zwar zeigte Guccis neuer Kreativchef Alessandro Michele schon im Frühjahr 2015 in Mailand eine sehr weibliche Männermode – Seidenmäntel mit Pelzmanschetten, Spitzenhemden und Blusen – aber bei der Farbwahl war auch hier klar: Man(n) trägt höchstens das Hemd einmal in einem anderen Blauton als sonst. Alles andere wirkt schnell unseriös. Und gerade im Berufsleben will schließlich niemand verspielt wirken. Der Chef im pinken Rüschenhemd mit bonbonrosa Krawatte? Eher ein Clown als ein Verhandlungspartner. Feuerrote Socken zu knallgrüner Hose? Netter Komplementärkontrast, der aber im Geschäftsleben zu Irritationen führt.
 
Im klassischen Businessumfeld darf es nicht zu bunt zugehen, weiß Motsch. Frauen werde da etwas mehr zugestanden, aber Männer tragen im Geschäftsleben nun mal keinen smaragdgrünen Anzug.

Also alles grau in grau? Mitnichten, sagt Stil-Experte Bernhard Roetzel: "Farbe ist das Salz in der Suppe." Roetzel gilt mit seinem in 19 Sprachen übersetzten Buch "Der Gentleman. Handbuch der klassischen Herrenmode" als Gentleman-Papst schlechthin. Außerdem schrieb er einen "Schuh-Guide für Männer" sowie "Der Gentleman nach Maß – Maßgeschneiderte Herrenkleidung." Er bedauert die Kapitulation vor den Risiken der Farbe. "Die Wahl der Nicht-Farbe Schwarz ist Ausdruck von Hilflosigkeit", sagt er.

Und der Deutsche macht nun einmal gerne alles richtig. Bevor man(n) sich also mit dem gelben Hemd in die Nesseln setzt, greift er lieber zu dem, was schon zu Großvaters Zeiten als zeitlos schön galt. "Kein Wunder, dass in Deutschland so viel Schwarz getragen wird – vom Outdoorjacken-Fan bis zum Anzugträger", so Roetzel. Auch Motsch ist gegenüber etwas Farbe in der Business-Kleidung nicht grundsätzlich abgeneigt. "Die Krawatte darf gerne kräftige Farben haben", so Motsch. Beim Businesshemd müssen es dann wieder dezente Farben sein. Pastelltöne sind schon an der Schmerzgrenze. Wer Farbe wagt, müsse die außerdem gut kombinieren können. Ein Rat, den sie ihren Klienten gibt: "Wenn man sich unsicher ist, ob etwas passt, sollte man es nicht machen."

Andere Länder, andere Farben

In Großbritannien – also der Heimat des klassischen Gentlemans – treibt der Geschäftsmann es bunt: "Beim englischen Gentleman gilt es als Ausdruck von Klasse, wenn er zum dunkelblauen Nadelstreifenanzug quietschrosa Strümpfe trägt", erzählt Roetzel. Auch ein rotes Innenfutter sei typisch britisch, nach dem Motto: "außen konservativ, innen verrückt." Die Italiener etwa seien bei der Wahl der Farben wieder wesentlich zurückhaltender. "Diese Farbigkeit, wie sie seit Jahrzehnten von Paul Smith oder Hackett vorgeführt wird, gilt in Italien als papageienhaft", so Roetzel.

Wer geschäftlich nach Italien muss, sollte also zurückhaltend auftreten – dunkelblaues Sakko, hellblaues Oxford-Hemd, dunkelblaue Wollkrawatte, graue Flanellhosen und dunkelbraune Chukkaboots. Bei einem Business-Trip nach London darf es dagegen gerne farbiger sein.

Und in der deutschen Arbeitswelt? Extravagant britisch oder lieber zurückhaltend italienisch? Derzeit seien bordeauxrote Krawatten der letzte Schrei, wie Motsch erzählt. Wer die zum dunklen Anzug trägt, macht damit aber eher einen staatstragenden Eindruck. Bei hellen Stoffen sei das dunkle Rot dagegen ein schöner Hingucker.

Wie bei allem gilt auch bei farbiger Business-Kleidung: Die Dosis macht das Gift. Und es kommt natürlich auf Branche und Umgebung an. Was bei Jung von Matt erlaubt ist, kann bei der Deutschen Bank zu schrägen Blicken, wenn nicht sogar zum Gespräch mit dem Vorgesetzten führen. Zu dunkel dürfe es aber auch nicht werden: Je höher die Position, desto dunkler die Farbe, erklärt Motsch. "Ich persönlich bin ein großer Freund von Richtlinien, die klar vorgeben, wie man sich wann zu kleiden hat. Die Mitarbeiter können ja nicht riechen, wie es die Vorgesetzten gern hätten", sagt sie.
 
Gibt es solche Regeln nicht, hilft, was immer hilft: nachfragen.

Business oder Smart Casual? Die Umgebung zählt Nicht nur der Chef, auch die Umgebung entscheidet darüber, wie bunt es sein darf. "Im Smart-Casual-Bereich sind traditionell mehr Farben erlaubt", weiß Roetzel. "Da kann also unbesorgt ein groß karierter Tweed in Hellgrün-Blassrosa und Hellblau mit einer violetten Kordhose, Rosa Cardigan und hellblauen Strümpfen kombiniert werden. Wer sich mit einem Farbgewitter aber nicht wohlfühlt, kann auch bräunlich melierten Tweed mit einer rostroten Kordhose tragen."

Außerdem komme es auf die Intensität der Farbe an, so der Stil-Experte. Im Business könne man getrost ein weißes Hemd mit rosa Streifen zum dunkelblauen Anzug tragen und dazu eine rote Krawatte. Dazu dunkelblaue Strümpfe und schwarze Schuhe. Die gleichen Farben ließen sich natürlich auch auf ein Businessoutfit für Damen übertragen.

Was beim bloßen Lesen vielleicht schon in den Augen weh tut, sei gar nicht so extravagant. Da Weiß und Schwarz keine Farben sind, bleiben noch Dunkelblau, Rosa und Rot als übrig.

"Als Farbe im Sinne von Auffälligkeit werden aber nur der rosa Streifen und das Rot des Binders wahrgenommen", sagt Roetzel. Damit sei es aber auch genug, mehr Farbe wäre bei diesem Beispiel fehl am Platze, wie er sagt. Grundsätzlich gilt: "Das Businessoutfit verträgt genau einen farbigen Gag, nie aber zwei. Wenn Sie also eine auffällige Krawatte tragen, sollte der Rest Ton in Ton gewählt werden." Von Motiv-Krawatten ist dennoch dringend abzuraten – Gag hin oder her.

Mit Reaktionen rechnen

Und eines sollte man beim Griff zur Neonkrawatte bedenken: anders als das unauffällige Modell löst dieser Binder Reaktionen aus – die nicht zwangsläufig positiv sind. Wenn das Gegenüber das eigene Outfit nicht für modisch, sondern für eine optische Beleidigung hält, hat das im Geschäftsleben mitunter Konsequenzen.

"Wer Farbe trägt, muss es ertragen können, damit nicht immer gut anzukommen – und vielleicht auch mal einen Auftrag nicht zu bekommen", sagt Motsch. Es gebe Leute, die es schaffen, mit ihrem Hang zu Farbe und Mode einen Kult zu schaffen und sich selbst zur Marke zu machen. Doch dafür braucht es eben ein gewisses Standing: Wenn der Chef einen roten Anzug zum grünen Hemd trägt, sagt vermutlich niemand etwas. Beim Azubi sieht das anders aus.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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