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Down Under Leben und arbeiten in Australien

Australiens Wirtschaft bleibt trotz Finanzkrise auf Immigranten angewiesen. Die Anreize sind groß: Endlose Sandstrände und über 300 Tage Sonne im Jahr ziehen Menschen aus aller Welt nach Down Under. Doch das vermeintliche Traumland für Auswanderer hat auch seine Tücken.

Barbara Bierach | , aktualisiert

„Probleme werden offen angesprochen und die Lösungsstrategien der Australier sind mitunter ziemlich hemdsärmelig.“ Tobias Bücheler, 37, mag die Geschäftskultur in Australien. „Die Leute hier sind pragmatisch und direkt“, findet der Chief Investment Officer der Allianz Gruppe in Sydney. Bernd Martin kann nur zustimmen: „Die Zusammenarbeit hier ist unkompliziert. Vielleicht stimmt das Klima die Menschen ein wenig milder?“ Der 42-jährige Projektmanager für Business Development bei Fresenius Medical Care genießt die multikulturelle Atmosphäre seiner Wahlheimat, in der Australier, Neuseeländer, Europäer, Südafrikaner und Asiaten friedlich kooperieren. Den entspannten Umgang der Menschen miteinander schätzt auch Ariane Falkenberg, Personalmanagerin beim Zertifizierungs-Unternehmen NCS International: „Im Gegensatz zu den Deutschen haben die Australier in der Regel gute Laune und das versüßt mir oft den Tag!“

 Australien hat Anlass zur Fröhlichkeit, nicht nur dank Traumstränden und 300 Tagen Sonne im Jahr. Ein wirtschaftlicher Boom über zwei Dekaden sorgte für Wachstum – in vielen Branchen allerdings auch für einen Mangel an qualifizierten Arbeitskräften. Der machte das Land offen für gut ausgebildete Migranten. In der Folge ist Australien eines der letzten großen Einwanderungsländer der Erde: Allein im vergangenen Jahr kamen über 190 000 Menschen auf den nur 21 Millionen Einwohner zählenden Kontinent. Jeder vierte Bürger mit australischem Pass ist nicht im Land geboren; trotzdem klappt der kulturelle Mix, Rassenunruhen sind hier weitgehend unbekannt.

Es gibt folglich kaum ein anderes Land, in dem sich interkulturelle Fähigkeiten besser trainieren ließen. Nach Englisch ist Chinesisch die am häufigsten gesprochene Sprache, dazu kommen so ziemlich alle anderen asiatischen und europäischen Idiome. Viele internationale Konzerne sind auch deswegen vor Ort, weil sie hier leicht das mehrsprachige Personal finden, um von Australien aus den gesamten südostasiatischen Raum zu beackern. Ausländische Führungskräfte und ihre Familien ziehen gerne nach Down under, lässt sich hier doch das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden: Das Land gilt als Abenteuerspielplatz mit hohem Freizeitwert, gleichzeitig ist es sicher und politisch stabil. Medizinische Versorgung, Schulsystem und Lebensqualität sind erstklassig, kurz: Hier wird auf hohem Niveau gearbeitet und geforscht.

Entsprechend beliebt ist Down Under bei deutschen Auswanderern. Umfragen zufolge liegt es nach den USA und Kanada auf Platz drei bei den außer-europäischen Wunschzielen. Doch längst nicht jeder Australien-Fan kann einfach so die Koffer packen. Bei aller Gelassenheit im Lebensstil, das „offizielle Australien“ ist ein durchaus bürokratischer Apparat. Wer umsiedeln will, braucht ein Visum und das kriegt nur, wer entweder von einem Unternehmen ins Land gebeten wird oder einen Beruf hat, der hier gefragt ist.

Die Liste mit den erwünschten Professionen ist allerdings lang: Begehrt sind vor allem Ingenieure, Experten für Landwirtschaft oder Bergbau, IT-Spezialisten, Kaufleute und medizinisches Personal. Chirurg Volker Benseler, 34, beispielsweise arbeitet seit fünf Jahren am renommierten Forschungszentrum Centenary Institute, wo er sich mit immunologischen Fragen bei Organtransplantationen beschäftigt. Der Mediziner kam an das zur University of Sydney gehörende Zentrum, weil ein renommierter Arzt aus Deutschland vielversprechende Kollegen nachholte. 

Benseler „wollte immer mal ins Ausland“, das ihm angebotene Forschungsprojekt „klang super“ und „die Aussicht auf Sydney, Sonne, Strand und Surfen“ fand er attraktiv. Vor blauäugigem Überschwang jedoch kann er jedoch nur warnen: Nicht jeder Doc, der ankommt, wird in einer der großen Städte Beschäftigung finden. Besonderer Ärzte-Mangel herrscht in den ländlichen Gebieten und wer nicht als Forscher gefragt ist, landet unter Umständen im dünn besiedelten Outback. „Wer neu hierher kommt, muss sich erst mal hinten anstellen.“ Warnungen sind auch aus dem Deutschen Generalkonsulat in Sydney zu hören, das immer wieder mit Landsleuten zu tun hat, die auf eigene Faust mit zu hohen Ansprüchen, zu kleinem Budget  und zu geringen Englischkenntnissen ins Land kommen, stranden und dann erwarten, auf Staatskosten wieder nach Hause geflogen zu werden – was übrigens nicht ohne weiteres zu den konsularischen Services gehört.

Wer in Deutschland nicht klar kommt, wird in der Regel auch im Ausland Probleme kriegen, zumal der Lebensalltag in der Fremde keineswegs so locker zu bewältigen ist, wie ein Urlaubsprogramm. Allianz-Chefinvestor Tobias Bücheler ist seit knapp drei Jahren in Sydney und hat den Kulturschock längst überwunden. Denn den gibt es durchaus, findet der gebürtige Schwabe: „Wer nach Asien oder Lateinamerika geht, rechnet von vorne herein mit einer gewissen Fremdheit. Australien jedoch wirkt auf den ersten Blick sehr vertraut. Doch tatsächlich gibt es echte Unterschiede – und wer hier Erfolg haben will, muss die verstehen lernen.“ Volker Benseler beobachtet beispielsweise, dass „wir Deutschen hier oft als unhöflich und grob wahrgenommen werden“ und empfiehlt daher Interessierten, sich nicht nur gründlich auf die fremde Sprache vorzubereiten, sondern auch auf die angelsächsischen Gepflogenheiten. 

Wer mit denen klarkommt, wird Australien jedoch genießen. So wie Bergbauingenieur Thomas Kaltschmidt. Er ist zwar erst 25, aber schon Teil des fünfköpfigen Planungsteams für Bohren und Sprengen im Kohlebergwerk Dawson. Das liegt in Moura, im Herzen von Queensland. Angefangen hat alles 2006 mit einem dreimonatigen Praktikum bei der australischen Tochter von Anglo American. „Die haben gesehen, dass ich zupacken kann“, erinnert er sich und so konnte er schon ein Jahr später nach Queensland zurückkehren, um seine Diplomarbeit zu schreiben. „Dafür konnte ich direkt an einer Machbarkeitsstudie arbeiten – das wäre bei uns eine Aufgabe für einen Ingenieur mit zehn oder 15 Jahren Berufserfahrung,“ erzählt Kaltschmidt.

Nach dem Diplom in Deutschland rückte er mit einem Dreijahresvertrag in Dawson ein: „In Australien herrscht so ein Mangel an Fachpersonal, dass jeder, der willig und fähig ist, schnell interessante Aufgaben kriegt.“ Diese Erfahrung teilt Ariane Falkenberg: „In Deutschland hätte ich mindestens drei Jahre länger gebraucht, um auf das selbe hierarchische Niveau zu kommen. Hier kriegen engagierte Leute schneller Verantwortung als anderswo.“

Der Boom der vergangenen Jahre führte in der Tat zu großem Personalmangel, nicht nur im Bergbau. Personalexpertin Falkenberg kann das nur bestätigen: „Fach- und Führungskräfte sind heiß umkämpft.” Die Finanzkrise schwächt natürlich auch die australische Wirtschaft, doch die Arbeitslosenquote war lange auf Rekordtief und steigt auch jetzt nur langsam. Trotzdem hat die Regierung die Migrationszahlen für allem für Handwerker wie Maurer, Klemptner oder Schreiner unlängst um 14 Prozent gekürzt, um den heimischen Arbeitsmarkt zu entlasten. Für Mediziner, Ingenieure und IT-Spezialisten bleibt jedoch einstweilen alles beim Alten.

Der auf Visafragen spezialisierte Immigrationsanwalt Davorin Cajic sagt: „Die Wirtschaft bleibt abhängig vom Zufluss gut ausgebildeter Leute, eine signifikante Deckelung der Einwandererzahlen ist nicht vorgesehen. Mag sein, dass es künftig schwerer werden wird, auf eigene Faust zu kommen und auch ohne konkretes Stellenangebot ein Visum bewilligt zu kriegen,“ meint Cajic. „Wer jedoch die richtige Ausbildung und ein Jobangebot vorliegen hat, sollte keine Probleme kriegen.“ Wer zwei Jahre lang erfolgreich im Land ist, kann die permanente Aufenthaltsgenehmigung beantragen, weitere zwei Jahre später winkt bereits die Staatsbürgerschaft. 

Wege nach Australien gibt es viele. Tobias Bücheler wurde vom Arbeitgeber Allianz ins Land geschickt, Volker Benseler ist heute als „Academic Researcher“ auf Antrag seines Instituts vor Ort. Personalmanagerin Ariane Falkenberg, Projektchef Bernd Martin und Bergbauexperte Thomas Kaltschmidt kamen alle zunächst zum Schnuppern für ein paar Monate als Praktikanten ins Land, sowohl Martin als auch Kaltschmidt schrieben ihre Diplomarbeit mit Hilfe von australischen Arbeitgebern. Gemeinsam ist ihnen, dass sie sich in das Land verliebten, nach Hause zurück kehrten und dann systematisch ihren Umzug vorbereiteten. 

Alle fünf würden dasselbe jederzeit wieder machen und können auch anderen empfehlen, sich nach Down Under aufzumachen. „Australien ist der Heimat ähnlich genug, um einen unkomplizierten Einstieg zu erlauben“, findet Tobias Bücheler, „aber noch fremd genug, um noch Herausforderung zu sein.“ Ariane Falkenberg sieht die Auslandserfahrung als „persönliche Bereicherung und beruflichen Wettbewerbsvorteil“, Volker Benseler will seinen „erweiterten Horizont keinesfalls missen“, Thomas Kaltschmidt freut sich über sein hier geschaffenes „internationales Netzwerk“. Bernd Martin sagt „mir fehlt hier gar nichts“ - und hat inzwischen sogar die australische Staatsbürgerschaft angenommen.

Visa
Punkte sammeln

Der australische Rechtsanwalt Davorin Cajic, der als zugelassener Einwanderungsberater die Kanzlei Advanced Migration Solutions in Sydney führt, ist auf Visafragen spezialisiert.. Er sagt: „Grundsätzlich ist Australien offen für gut ausgebildete Leute. Gerade deutsche Spezialisten sind in vielen Branchen sehr beliebt“. Neben den Touristen-, Studenten- und Praktikantenvisa gibt es im Wesentlichen vier Gruppen an Visa-Typen für erwachsene Einwanderungswillige:

- Qualifizierte Fachkräfte, die auf eigene Faust kommen wollen, brauchen die Zulassung zur „Skilled Migration”. Wer in die urbanen Zentren will, muss für ein entsprechendes Visa 120 Pluspunkte sammeln, für ländliche Gegenden reichen 100. Punkte gibt es für berufliche Fähigkeiten und Ausbildung, Alter (unter 45), Berufserfahrung und gute Englisch-Kenntnisse. Zusätzliche punktet, wer auch einen qualifizierten Lebenspartner mitbringt. Eine Liste der gefragten Qualifikationen – die so genannte “Migration Occupations in Demand List” mit denPunktwerten der jeweiligen Ausbildung steht online unter www.immi.gov.au/allforms/pdf/1121i.pdf. Diese Liste wird zwei Mal im Jahr an die Bedürfnisse der Wirtschaft angepasst.

- Die Gruppe der „Employer Sponsored“ Visas gibt’s für Fachleute, die auf Wunsch eines australischen Arbeitgebers ins Land kommen. Zunächst wird ein Visa 457 erteilt. Dauer-Einwandern kann der Arbeitgeber zwei Jahre später gemäß des Employer Nomination Schemes (ENS) eine Position anbieten, solange er die Stelle nicht mit einer australischen oder in Australien ansässigen Arbeitskraft besetzen konnte.

- Das so genannte “Business Skills Visa“ versucht, erfolgreiche Geschäftsleute ins Land zu bekommen. Es bekommen entweder die Führungskräfte großer Firmen oder Kapitalgeber, die in Australien investieren wollen.

- Das „Working Holiday Programm“ bietet jungen Deutschen zwischen 18 und 30 Jahren an, in Australien Urlaub zu machen und nebenbei auch zu arbeiten. Mit dem Visa Subclass 417 kann man bis zu zwölf Monate in Australien bleiben und maximal sechs Monate für ein Unternehmen arbeiten. Wer sich in der Landwirtschaft verdingt, kann auch zwei Jahre bleiben.

Weitere Informationen gibt es online unter www.immi.gov.au oder bei der Australischen Botschaft in Berlin [email protected]. Hilfreich ist auch Barbara Barkhausens Buch „Traumland Australien – Auswandern leicht gemacht“, Verlag Interconnections, 18 Euro. Konkrete Hilfe zum Ausfüllen der Formulare und beim Einwanderungsprozess findet sich unter www.ams-visas.com.

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