Diskussion Auf Umwegen zum Traumjob

Lieber bleiben oder etwas Neues wagen? Junge Karriere wollte es genau wissen ­ und lud zur Diskussionsrunde ein. Mit dabei: Zwei Frauen, die sich auf Umwegen zum Traumberuf durchgeboxt haben. Und zwei Männer, die den Traum beerdigt haben, um gaaanz vernünftig zu werden.

B. Domke, A. Eicker | , aktualisiert

Heute will jeder einen Beruf, der ihn ausfüllt und glücklich macht. Trotzdem sind nach Schätzungen von Experten 60 Prozent der Deutschen unzufrieden mit ihrer Arbeit. Ist der Traumjob also eine Utopie?

Anja Röder: Ein großer Teil dieser 60 Prozent sind vermutlich nur von der momentanen Situation frustriert, nicht allgemein von ihrem Beruf. Die Menschen werden eben immer egoistischer und wollen ihre Vorstellungen auch durchsetzen. Wenn dann etwas nicht 100-prozentig funktioniert, gefällt ihnen gleich der ganze Job nicht mehr.

Markus Mörl: Ich bin sehr beschützt aufgewachsen, aber immer mit dem Anspruch: Verwirkliche dich selbst, du bist der Star, du kannst Bundeskanzler werden. Wenn man dann in seinem Traumjob ist, merkt man vielleicht: Es ist auch jeden Tag das Gleiche.
Wieso landen denn so viele in einem unbefriedigenden Job? Es heißt doch immer: Jeder ist seines Glückes Schmied.

Gerhild Wendland: Ja, aber das ist nur den wenigsten bewusst.

Guido Wedig: Familie und Freunde spielen bei der Berufswahl immer noch eine ganz große Rolle. Vielen ist ihr Job schon vorbestimmt, weil sie ständig zu hören bekommen: Du wirst sicher Lehrer oder Verkäufer. Deshalb kommen sie gar nicht auf die Idee, dass sie sich selbst einen Beruf aussuchen können.

Markus: Oft ist die Entscheidung auch vom Zufall abhängig. Ich weiß noch, wir waren 18 und sind mit der Klasse zum Arbeitsamt getappt. Da hat uns ein Journalist von seinem Beruf erzählt, und in der Pause waren wir uns alle einig: Jetzt werden wir Journalisten. Dann kam einer vom Auswärtigen Amt, erzählte uns von Reisen und vom doppelten Gehalt ­ und auf einmal wollten wir alle Diplomat werden.

Anja: Bei der Entscheidung kommen aber noch andere Faktoren dazu: Sind Arbeitsplätze vorhanden, habe ich eine Perspektive, entspricht dieser Job überhaupt den Wertvorstellungen der Allgemeinheit? Wenn nicht, dann habe ich richtig zu kämpfen. Deshalb muss ich mir von vornherein darüber im Klaren sein, ob ich diese Kämpfe ertragen kann und will.

Gerhild, Du hast Dir Deinen Job als Betreuerin von Basketball-Spielern von einer Berufsfindungs-Expertin quasi auf den Leib schneidern lassen. Gibt es eigentlich für jeden Menschen einen einzigen Beruf, der wie angegossen passt?

Gerhild: Nein, ich glaube, dass es für jeden sogar sehr viele solcher Jobs gibt. Zumindest muss es nicht nur ein Job sein. Ich könnte mir auch vorstellen, in fünf Jahren ein Café aufzumachen oder ein Gesundheitszentrum, Trendscout zu werden oder etwas mit Design zu machen. Wenn man etwas weiter gestreute Interessen hat, dann sieht man doch nicht nur eine Möglichkeit, glücklich zu werden. Ich habe schon immer Schwierigkeiten gehabt, einen bestimmten Traumjob zu definieren. Wenn mich als Kind jemand gefragt hat, ,Was willst du werden?, dann habe ich aufgezählt: Arzt, Rechtsanwalt, Sportler, Trainer, Künstler, Designer. Das alles sind Berufe, die mich interessieren.

Job-Hopping ersetzt für Dich also den einen, großen Traumjob?

Gerhild: Es ist ja sowieso nicht mehr üblich, dass man sich einen Beruf aussucht und den dann ein Leben lang macht. Aber man sollte den Wechsel wirklich als Chance ansehen und nicht gleich eine Krise kriegen bei dem Gedanken, wieder etwas Neues lernen zu müssen.

Aber wird das Umsatteln mit zunehmendem Alter nicht immer schwerer?

Markus: Ja, das stimmt. So viel Energie hätte ich auch gar nicht. Man kann vielleicht ein, zwei Mal im Leben einen großen Sprung machen. Mindestens einmal am Tag frage ich mich: Was machst du eigentlich hier? Ist das das Richtige? Und dann mache ich doch weiter.

Warum hast Du denn überhaupt Deine Sängerkarriere aufgegeben?

Markus: Das Musikgeschäft ist kurzlebig. Um da länger zu existieren, muss man schon sehr begabt sein. Ich wollte nicht so enden wie Rex Gildo: von Möbelzentrum zu Möbelzentrum tingeln und mich dann eines Tages aus dem Badezimmerfenster stürzen. Das mit der Musik war ein Jugendtraum, den ich mir verwirklicht habe. Aber ich wollte schon damals gerne auf der anderen Seite des Schreibtisches sitzen ­ nicht um einen Vertrag betteln müssen, sondern anderen Leuten Verträge aushändigen.

Der Wunsch nach Einfluss und Sicherheit dürfte Dir auch bekannt vorkommen, Guido ...

Guido: Ja, Sicherheit war für mich der bestimmende Faktor, als ich vor der Entscheidung stand, eine Musical-Ausbildung zu machen oder ein Angebot der Deutschen Bank anzunehmen. Da man mich an der Hochschule der Künste nicht genommen hat, war mir schon klar, dass ich wohl kein überragendes Talent habe. Außerdem hätte ich fürs Musical wieder eine dreijährige Ausbildung machen müssen und hätte danach weniger verdient als bei der Bank. Und das auch nur, wenn ich immer lückenlos Engagements bekommen hätte.

Und was hat Dich an dem Bankjob gelockt

Guido: Ich bin angestellt, muss mir nicht immer wieder etwas Neues suchen, kriege monatlich mein Geld und kann damit rechnen, dass ich bis zum Rentenalter in meinem Beruf arbeiten kann. Als Musical-Darsteller könnte ich tanzend vielleicht bis 35 auf der Bühne stehen, danach müsste ich mich wieder umorientieren.

Hast Du die Hoffnung auf einen Traumjob denn jetzt an den Nagel gehängt?

Guido: Nein, gar nicht. Wenn man das eine nicht haben kann, muss man sich halt einen anderen Traumjob suchen. Und mein Wirtschaftsinformatik-Studium ist ja nicht nur vernünftig, sondern macht mir auch Spaß.
Hat es für Euch etwas mit Leistungsbereitschaft zu tun, ob jemand es schafft, seinen Traumjob zu ergattern?

Markus: Wer Erfüllung, Ansehen oder Macht haben will ­ also all das, was wir einem Traumjob zuschreiben ­, muss schon einen überdurchschnittlichen Einsatz bringen.

Guido: Vernunftjobs sind eher verfügbar, da ist öfter mal ein Platz zu besetzen. Den Traumjob muss man sich dagegen erst mal erkämpfen ­ oft gibt es den ja noch gar nicht offiziell.

Gerhild: Ja klar, dann muss eben eine ABM-Stelle in eigener Mission her.

Das klingt so selbstverständlich ­ aber wie würdet Ihr dabei vorgehen?

Gerhild: Ich kann aus eigener Erfahrung eine persönliche Beratung sehr empfehlen. Auf meine Berufsfindungsberaterin bin ich aufmerksam geworden, als ich bei meinem Arzt im Wartezimmer saß und in einer Zeitschrift blätterte. Da stand ein Bericht über Jobwechsel in jungen Jahren, bei dem ihre Adresse erwähnt war. Sie saß auch noch in Berlin, und ich dachte: Das kann kein Zufall sein. Ich bin krank von meinem Job und habe eigentlich das Gefühl, ich müsste etwas anderes machen. Also habe ich ein Coaching mit ihr vereinbart.

Und die Berufsfindungsberaterin hat Dir gesagt, was Du in Zukunft machen sollst?

Gerhild: Sie hat mit mir erforscht, warum ich unglücklich mit meinem Job bin, ob das an der augenblicklichen Situation liegt oder generell an dem Beruf. Und dann haben wir überlegt: Was kann ich, was will ich, und welche Tätigkeiten kann ich damit ausüben?
Muss es denn unbedingt eine professionelle Berufsberatung sein?

Gerhild: Nein, das können auch Freunde übernehmen. Hauptsache, es sind positiv, konstruktiv und kreativ denkende Menschen. Also jemand, der seine eigenen Vorstellungen trennen kann von demjenigen, um den es geht.

Guido: Wichtig ist auch Neugier ­ man sollte mit möglichst vielen Leuten darüber sprechen, was sie beruflich machen. Nur so lernt man Jobs kennen, von denen man vorher noch nie etwas gehört hat.

Beratung, Neugier ­ und was braucht man noch bei der Suche nach dem Traumjob?

Markus: Eine Grundtendenz, dass ich mich für ein Thema interessiere. Glücklich, wer sein Hobby zum Beruf machen kann.

Gerhild: Gut, das trifft aber nicht auf jeden zu. Es gibt Leute, die können das ganz gut auseinanderhalten. Die wollen einen Beruf, den sie nach Feierabend abhaken können. Ich habe ja auch eine Zeit lang geglaubt, ich sei glücklich mit meinem Ingenieursjob. Vielleicht, weil ich dachte: Wenn mir mein Hobby irgendwann keinen Spaß mehr macht, dann macht mir auch mein Beruf keinen Spaß mehr.

Was war denn das für ein Gefühl, als Ihr irgendwann gemerkt habt: Ich muss mich umorientieren?

Anja: Als ich damals nach dem Abi eine Absage von der Polizei bekam, ist bei mir eine Welt zusammengebrochen ­ so ähnlich wie bei dem kleinen Drachen Grisu, der immer Feuerwehrmann werden wollte und nicht sein durfte. Ich hatte noch nicht mal andere Bewerbungen geschrieben. Deshalb bin ich damals in eine Resignation gefallen, in der ich jeden Job gemacht hätte.

Gerhild: Ich finde Dich übrigens als Beispiel supergut, um zu zeigen, dass so eine Totalabweisung nicht das Ende für den Traumjob ist. Es bedeutet einfach nur: Geh einen anderen Weg, der dir erst mal viele andere Möglichkeiten offenbart, aber dich am Ende auch wieder zu deinem Traumziel bringen kann.

Anja: Ich hätte ja niemals geglaubt, dass es noch einen anderen Weg dahin gibt.

Gerhild: Das ist ja gerade das Problem: Man glaubt immer, es gebe nur diesen einen Weg. Und wenn ich jetzt nicht Trainee bei Siemens werde oder diese Schauspielschule mich nicht aufnimmt, dann ist mein Leben verpfuscht ­ ach was!
Wärst Du denn heute auch Polizeirätin, wenn Du direkt mit einer Ausbildung für den gehobenen Dienst eingestiegen wärst, Anja?

Anja: Ich glaub's ehrlich gesagt nicht. Es ist eine Heidenarbeit, sich dort hochzukämpfen und dann den Sprung vom gehobenen in den höheren Dienst zu machen.

Guido: Dann hat es so sein sollen. Du warst für höhere Aufgaben bestimmt.

Gibt es eigentlich untrügliche Merkmale, an denen Ihr Euren Traumjob erkennt?

Gerhild: Es muss etwas sein, was ich leidenschaftlich gerne mache ­ das, wofür ich alles stehen und liegen lasse. Für mich war die Zeit, die ich für den Sport aufgewendet habe, niemals ein Opfer. Ich habe ja in dem Jahr, als ich am meisten Stress bei der Arbeit hatte, parallel noch in der Zweiten Bundesliga Basketball gespielt. Und irgendwo war die Kraft da. Ich wollte das einfach, und deshalb ging es auch.

Markus: Es ist ein guter Test, wenn man während der Arbeit plötzlich auf die Uhr guckt, sieht: Oh, es ist schon acht ­ und man hat gar nicht gemerkt, wie die Zeit verging. Ganz wichtig ist es natürlich auch, Freude an der Arbeit zu haben. Da halte ich es immer noch mit meinem Lied von damals: Ich will Spaß. 

Markus Mörl/43 Früher: Popsänger der Neuen Deutschen Welle Heute: Geschäftsführer und Chefredakteur Berlin, Anfang der 80er-Jahre: Ein Jurastudent marschiert durch die Tür eines Produzenten, singt vor ­ und ist ein paar Monate später ein Popstar. Als "Markus" surft Markus Mörl auf der Neuen Deutschen Welle, singt Hits wie "Gib Gas, ich will Spaß". Vier Jahre lang steht er auf der Bühne, dreht sogar einen Kinofilm, doch irgendwann ist er den ewigen Kampf um Plattenverträge leid. Er fängt wieder an zu studieren ­ diesmal BWL ­, steigt bei einem Musiklabel ein und wird später Geschäftsführer eines Media-Unternehmens. Heute arbeitet er in der Geschäftsführung eines Internet-Startups und als Chefredakteur der Zeitschrift "Sesselwechsel".

Anja Röder/34 Früher: Führungsnachwuchs in der Möbelbranche HEUTE: Polizeirätin Als die Absage von der Polizei Nordrhein-Westfalen kommt, ist Anja Röder am Boden zerstört. Schon vor dem Abitur war für die Siegenerin klar: zur Polizei will sie, basta. Doch jetzt scheint der Traumberuf für immer passé. Also studiert sie Wirtschaftswissenschaften und startet als Trainee in einem Möbelunternehmen ­ mit der Aussicht, später ein Möbelhaus zu leiten. "Aber so ganz mein Traum war das nicht", sagt Anja Röder trocken. 1995 stößt sie auf eine Stellenanzeige der Berliner Polizei, bewirbt sich sofort und wird genommen. Es folgen drei Jahre Ausbildung ­ und dann das Angebot, den Polizeiabschnitt 66 im Ostberliner Bezirk Köpenick zu leiten. Ihr Wirtschaftswissen ist bei der Verwaltungsreform begehrt. "Auf mich passt jedes Exoten-Klischee", lacht sie. "Ich bin eine Frau, Quereinsteigerin und Westdeutsche." Und eine Kämpfernatur.

Guido WediG/24 Früher: auf dem Weg zum Musical-Darsteller Heute: Student der Wirtschaftsinformatik Schon als Kind sitzt Guido Wedig gebannt vorm Fernseher, wenn "Fame" oder "Dirty Dancing" laufen. Aber erst viel später packt ihn selbst das Tanzfieber. Während des Wehrdienstes stößt der Beckumer zu einer Gesangs- und Tanzgruppe. Er hat Talent, spielt bald eine Hauptrolle. Obwohl er kurz nach der Premiere seine Ausbildung bei der Deutschen Bank beginnt, bewirbt er sich bei der Berliner Hochschule der Künste ­ und bekommt eine harsche Absage. Soll er es weiter als Künstler versuchen? Als die Deutsche Bank ihm eine attraktive Stelle anbietet, fällt die Entscheidung: für den sicheren Arbeitsplatz. Inzwischen hat er die Stelle wieder aufgegeben, um Wirtschaftsinformatik zu studieren ­ seine zweite große Leidenschaft ...

Gerhild Wendland/31 Früher: Ingenieurin für Verfahrens- und Umwelttechnik Heute: Assistentin der Geschäftsführung in der Basketball-Spielergewerkschaft und Basketball-Trainerin Als sie zum ersten Mal einen Basketball in der Hand hält, ist Gerhild Wendland zehn Jahre alt. Von da an lässt sie der Sport nicht mehr los. Nach dem Abitur sind sich ihre Freunde sicher: Gerhild wird Sport studieren. Doch wegen der schlechten Chancen schlägt sich die Berlinerin den Trainerberuf aus dem Kopf und studiert Verfahrens- und Umwelttechnik. Ihr Job als Ingenieurin in der Halbleiterbranche gefällt ihr, aber es gibt ständig Stress mit der Chefin. Irgendwann sind Selbstbewusstsein und Gesundheit so angekratzt, dass sie kündigt, ohne einen neuen Job zu haben. Eine Berufsfindungsexpertin macht ihr Mut auf Neues. Heute betreut Gerhild Wendland bei der Basketball-Spielergewerkschaft freiberuflich Spieler und Sponsoren, arbeitet zudem als Trainerin. Existenzangst ist kein Thema mehr für sie: "Immer wenn ich Arbeit gesucht habe, habe ich auch Arbeit gefunden."

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