Digitalisierung Raus aus der Komfortzone

Alle wollen, doch so recht kommt keiner voran. Woran hapert es bei der Digitalisierung? Eine Studie zeigt: Es hängt am Revierverhalten. Weil jeder auf seinen Pfründe und Strukturen beharrt, geht nichts voran.

Kerstin Dämon, wiwo.de | , aktualisiert

Raus aus der Komfortzone

Foto: kelly marken / fotolia.com

In wenigen Tagen beginnt wieder die CeBIT, die weltgrößte Messe für Informationstechnik. Thema in diesem Jahr - wenig überraschend - die Digitalisierung. Oder wie es auf Seiten der Messe heißt: "d!conomy: join - create - succeed". Fakt ist, die digitale Transformation ist in vollem Gange - und alle wollen mitmachen. Vom Mittelständler bis zum Dax-Konzern verweigert sich per se niemand dem Fortschritt. Zumindest nach außen hin nicht.

Die Digitalberatung etventure hat bei den 2.000 Großunternehmen in Deutschland mit einem Jahresumsatz von mindestens 250 Millionen Euro nachgefragt, wie es um die digitalen Zukunftspläne der Betriebe bestellt ist. Ergebnis: Bei sechs Prozent ist die Digitalisierung das wichtigste Thema, bei 78 Prozent kommt sie unter die Top drei beziehungsweise Top zehn. Nur 16 Prozent sagen: "Digitalisierung? Och, vielleicht morgen."

Unternehmen überlassen das Feld der Konkurrenz

Prima, könnte man jetzt sagen und der funkelnden neuen Welt beim Entstehen zuschauen. Nur: Obwohl alle mitmachen wollen, verläuft die Umsetzung der digitalen Transformation nur schleppend. Auf ein verändertes Kundenverhalten reagieren viele zögerlich bis gar nicht und auch gegenüber neues Technik herrscht oftmals Skepsis, wenn nicht sogar Schockstarre.

Das ist gefährlich. "Was der Buchmarkt und die Musikindustrie bereits schmerzlich erfahren mussten, könnte bald auch auf andere Branchen zutreffen: Wer jetzt nicht digitalisiert, überlässt die Wertschöpfung den großen Technologiekonzernen wie Google, Amazon oder Apple oder auch ganz neuen digitalen Angreifern, die in den Markt drängen", sagt Philipp Depiereux, Gründer und Geschäftsführer von etventure.

Chefs delegieren Digitalisierung weg

Dass Unternehmen offenbar Schulter zuckend das Feld räumen, liegt an zwei Dingen: Zum einen, dass nur in knapp der Hälfte der Fälle die Digitalisierung tatsächlich Chefsache ist. Die anderen 52 Prozent überlassen den Job der IT-, der Marketing- oder sonstigen Abteilungen. Dabei geht es doch um eine Modernisierung des Kerngeschäftes und nicht um eine neue Buchhaltungssoftware oder eine neue Werbekampagne.

"Wenn komplette Geschäftsmodelle und -abläufe eines Unternehmens digitalisiert werden sollen, greift das tief in sämtliche Prozesse des Unternehmens ein. Das bedeutet für das Unternehmen: Ist der Vorstand nicht Treiber des Digitalprozesses, wird die digitale Transformation nicht gelingen", ist Depiereux überzeugt. Das belegen auch die Daten der etventure-Studie eindeutig: Je stärker Vorstände und Geschäftsführer die Digitalisierung steuern, desto häufiger werden erfolgreiche Ergebnisse in den Großunternehmen sichtbar.

Doch das ist nicht das größte Problem: Interne Widerstände behindern die digitale Transformation mit Abstand am stärksten. Mit deutlichem Abstand und 65 Prozent Nennung steht an erster Stelle "die Verteidigung bestehender Strukturen" in den Unternehmen.

Interne Rangeleien blockieren Veränderung

Und je größer die Firma ist, desto größer sind auch die Grabenkämpfe. Die eine Abteilung will keine Befehle von der anderen entgegen nehmen, die nächste will ihre Arbeitsprozesse nicht umstellen – bisher war doch alles gut, so wie es war – und die andere Abteilung hat zu wenig Zeit, Personal, Budget - oder fühlt sich schlichtweg nicht zuständig. Was, zugegeben, in vielen Fällen auch so ist.

"Auch in der Zusammenarbeit mit unseren Kunden haben wir das Problem der internen Widerstände häufig erlebt", sagt Depiereux. Er empfehle deshalb, Innovationsprozesse zunächst außerhalb des Unternehmens, in einem geschützten Raum, zu starten. Dieser Bereich müsse völlig losgelöst sein von bestehenden Unternehmens- und IT-Infrastrukturen, um Freiraum für neues Denken zu schaffen und eine schnelle Entwicklung digitaler Geschäftsmodelle zu ermöglichen. "Für die Digitalisierung ist jedoch vor allem Schnelligkeit wichtig. Neue Ideen, die weder perfekt aussehen, noch perfekt funktionieren, werden direkt am Markt getestet, um Erfahrungen und Daten zu sammeln."

Raus aus der Komfortzone

Das dem Controlling zu erklären, ist vermutlich nicht leicht, aber notwendig. Von einem müssen Unternehmen sich frei machen: Dem Wunsch nach Perfektion und absoluter Sicherheit. Die Transformation wird nicht leicht und es wird Rückschläge geben. Aber wer erst einmal abwartet, was die Konkurrenz macht, um das System dann zu adaptieren und zu verbessern, der ist schneller weg vom Markt als er Digitalisierung sagen kann. "Digitalisierung heißt auch Angriff auf das Kerngeschäft", betont Depiereux. Damit das funktioniert, braucht es Mut, Innovationskraft, den Willen, sich von bestehenden Strukturen zu lösen - und die volle Rückendeckung der Chefetage.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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