DIGITALISIERUNG | Radikaler Umschwung "Digitalisierung greift die Grundfesten der Unternehmen an"

Derzeitige Veröffentlichungen zur Digitalisierung sind an Dramatik kaum zu überbieten: Von technologischer Transformation ist die Rede, von Strukturwandel und massiver Bedrohung der Arbeitsplätze. Disruptive Ideen ziehen Traditionsunternehmen den Boden unter den Füßen weg.

Interview: Anne Koschik | , aktualisiert

"Digitalisierung greift die Grundfesten der Unternehmen an"

Karl-Heinz Land ist Unternehmensberater in Fragen der digitalen Transformation, Visionär und "Digitaler Darwinist", Gründer der Management-Beratung Neuland

Foto: neuland

Ist die althergebrachte Unternehmenslandschaft in ernster Gefahr? Oder verfallen wir einem Mythos und erleben nur den modernen Gang der Dinge?

Die Digitalisierung hat immense Auswirkungen. In 15 bis 20 Jahren ist die Hälfte der Arbeit, so wie wir sie heute kennen, weg. In 30 bis 40 Jahren wird es keine Arbeit mehr geben, die Menschen unbedingt leisten müssten. Arbeitsplätze verschwinden, es wird eine "Massenarbeitsbefreiung" geben. Dinge verschwinden, die wir kennen und damit verschwinden auch Unternehmen, die sie produzieren. Ich bezeichne das als Dematerialisierung.

Was verstehen Sie darunter?

Ich will das kurz erklären: Schlüssel, Ausweis, Geld, Kino-, Flugzeug- oder Bahnticket – wer braucht die noch, wenn das Smartphone per QR-Code die notwendigen Daten übermittelt? Und wenn diese Dinge nicht mehr gebraucht werden, werden sie auch nicht mehr hergestellt. Im Falle des Tickets werden also Papier, Drucker, Tinte unnötig. Wenn es kein Geld mehr gibt, was zu 90 Prozent auf deutschen Druckmaschinen hergestellt wird, liegen die Produktionsstätten brach. Die Dematerialisierung ist in vollem Gange und das hat Folgen – von der Produktion über die Verpackung, Disposition, Vermarktung bis hin zur Logistik und mehr.

Geht es Ihrer Ansicht nach mit der Digitalisierung sogar zu langsam voran?

Nein. Digitalisierung führt zu Vernetzung und dann zur Automatisierung. Die Kette ist immer die gleiche. Jeder strebt nach immer höherer Produktivität, das ist nicht aufzuhalten. Menschen müssen dann nicht mehr arbeiten – außer vielleicht Hebammen oder ein Schreiner, der Exklusivität verspricht und etwas herstellt, über das man sich differenzieren kann. Aber generell sollten wir uns nicht gegen den "arbeitsfreien" Menschen wehren.

Wovon sollen Menschen leben, wenn sie kein Geld mehr verdienen können?

Die Schweizer entscheiden am 5. Juni über ein bedingungsloses Grundeinkommen für jeden. Das ist doch ein Anfang. Und wenn man Digitalisierung vernünftig nutzt, entsteht eine Share-Economy mit allen Vorteilen für die Ökologie.

Die Ökonomie aber bleibt auf der Strecke?

Naja. Das Ganze setzt natürlich ein Umdenken voraus. Etwa beim Auto. Zu wieviel Prozent nutzen wir es wirklich? Der Kunde braucht doch nicht das Auto als persönlichen Besitz, er will Mobilität.

Unternehmen werden sich mit dieser Theorie nur schlecht anfreunden können…

Viele Unternehmen sind noch nicht bereit dazu. Sie machen sich kein Bild davon, wie radikal das alles sein wird. Digitalisierung greift die Grundfesten der Unternehmen an. Und das hat mit dem Erstellen einer App oder einen Web-Shop rein gar nichts zu tun. Es geht um Produkt- und Service-Innovationen. Die digitale Reife der Unternehmen in Deutschland ist erschreckend gering.

Inwiefern?

Ein Beispiel: Ein Schlüsselhersteller muss sich nicht über die Masse seiner Schlüsselrohlinge definieren. Er muss neu denken und einen IT-Entwickler einstellen, der digitale Schlüssel entwickelt. Das geschieht noch nicht. Ein Autohersteller baut bluetooth in seine Fahrzeuge ein, damit das Entertainment funktioniert. Er versteht aber nicht, dass das Auto selbst zum Entertainment wird. Viel besser aufgestellt sind Unternehmen, die mit Lifestyle zu tun haben, denn sie betreiben viel Interaktion, die zur digitalen Reife beiträgt.

Was ist der größte Fehler, den Unternehmen derzeit machen?

Ihnen fehlt die Bewusstheit und damit die Bereitschaft, radikal neu zu denken.

Die meisten Unternehmen haben – so eine Kienbaum-Studie – noch keinen "Digital-Chef" und organisieren die digitale Transformation weitgehend dezentral. Woher rührt die Angst der Unternehmen vor digitalen Visionen?

Das verstößt gegen unsere deutsche DNA: Wir sind Maschinen-, Anlagen-, und Automobilbauer, wir sind grundsolide, wir machen alles 110prozentig, wir haben die meisten Weltmarktführer. Aber so zu denken ist ein Fehler. Denn ja, wir haben in Deutschland mit 1483 Hidden Champions die meisten Weltmarktführer. Aber: Darunter sind nur zwei Weltmarktführer im Bereich IT, nämlich SAP und die Software AG. Der Rest produziert. Wenn nun aber die ganzen Produkte gar nicht mehr benötigt werden, wenn die Zuliefererkette ausfällt, was dann?

Wie sollten Unternehmen denn denken?

Ein gutes Beispiel für die digitale Transformation ist das Unternehmen Cewe, Erfinder des Fotobuchs. Früher stand es in Konkurrenz zu Kodak, das 128.000 Mitarbeiter beschäftigte und 90 Prozent des Marktanteils besaß. Heute ist Cewe größer und globaler als vor 20 Jahren, als die Krise durch die digitale Fotografie begann. Wie kam es zu dieser Entwicklung: Kodak, das selbst die digitale Fotografie erfunden hatte, verleugnete diese, weil es sich als Unternehmen mit fotografischen Filmen und Fotolaboren nicht selbst kannibalisieren wollte. Cewe dagegen erkannte die Zeichen der Zeit und nutzte sie, indem es die Fotolabore runterfuhr und den Fotografiegedanken mit dem Fotobuch neu belebte. Die Lehre daraus ist: Wer die Zeichen der Zeit verdrängt, geht unter.

Müssen Abteilungen jetzt reorganisiert werden?

Der Fisch stinkt vom Kopf her. Der Digitalisierungsgrad muss zentral von oben entwickelt werden vor dem Hintergrund, dass die Märkte gerade durcheinander gerüttelt werden. Beispiel Airbnb. Im vergangenen Jahr hat dieses Unternehmen mit 600 Mitarbeitern mehr Übernachtungen vermittelt als die gesamte Hilton Group weltweit mit 362.000 Mitarbeitern, 4000 Hotels und 670.000 Zimmern. Früher waren Unternehmen automatisch geschützt vor anderen, weil der Kapitaleinsatz enorm war. Aber Airbnb muss nicht sehr viel investieren, die Share-Economy macht's möglich. Vergleichbares geschieht gerade in allen anderen Industrien. Die neue Share-Economy nutzt Vorhandenes und passt es den modernen Anforderungen an.

Worauf müssen sich Mitarbeiter einstellen: Dass sie mit ihren Unternehmen untergehen?

In den nächsten Jahren passiert schon sehr viel. In zehn Jahren wird es keine LKW-Fahrer mehr geben und auch keine Taxi-Fahrer – selbstfahrende Autos und Lastwagen sorgen dafür. Von 35.000 Banken-Filialen werden 30.000 schließen müssen. Denn wurden noch vor 20 Jahren 90 Prozent der Bankengeschäfte in Filialen abgewickelt, geschieht das heute bereits zu 95 Prozent online. Das rächt sich. Auch viele Steuerberater werden verschwinden, wenn Buchhaltung aus der Cloud so einfach wird. Sogar Ärzte und Juristen verlieren den größten Teil ihre Aufgaben, wenn 80-90 Prozent der Diagnosen bzw. Rechtsfälle vom Computer erledigt werden. Das früher gute Verhältnis von Kapital und Bildung hat sich in ein ungünstiges Verhältnis verkehrt.

Welche Aufgaben werden Menschen übernehmen?

Der Mensch benötigt Methodenkompetenz, kümmert sich um Beziehungen und Emotionen. Bildung wird groß werden, damit Menschen ihre Methodenkompetenzen erweitern können. Außerdem können Menschen ihre Kreativität ausleben. Vor allem müssen sie alte Denkmuster aufgeben. Bestimmte Tätigkeiten sind nun mal stupide, ob im Handwerk oder in der Juristerei. Das ist totaler Wahnsinn! Wir gehen ins Zeitalter der Algorithmen und der "arbeitsbefreiten" Menschen, das ändert alles. Erkennen und nutzen wir diese neuen Chancen.
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