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Digitalisierung der Arbeitswelt: Mehr Druck, weniger Sicherheit

Digitalisierung der Arbeitswelt Mehr Druck, weniger Sicherheit

Eine aktuelle Studie zeigt die Befürchtung der Beschäftigten, dass die Arbeitswelt mit der Digitalisierung härter wird. Dennoch blicken viele optimistisch in die Zukunft

Tina Groll, zeit.de | , aktualisiert

Mehr Druck, weniger Sicherheit

Foto: Weissblick / fotolia.com

Die Digitalisierung verändert die Arbeitswelt rasant – und damit ändert sich auch das Bild, das Erwerbstätige von Arbeit generell haben. Mehr als jeder zweite abhängig Beschäftigte in Deutschland sieht sich zunehmendem Druck und sinkender sozialer Sicherheit ausgesetzt. Aber es gibt auch Arbeitnehmer, die sich durch die Digitalisierung befreit fühlen und neue Chancen sehen, sich zu entfalten oder zu Wohlstand zu kommen. Das geht aus der Studie Wertewelten Arbeiten 4.0 hervor, die vom Bundesarbeitsministerium in Auftrag gegeben wurde.

Studie geht den Sorgen auf den Grund

Für die Studie wurden 1.200 Erwerbstätige auf Basis des Mikrozensus von 2013 über ihre Vorstellungen von Arbeit und damit verbundene Werte befragt. Zusätzlich flossen Daten aus ausführlichen Tiefeninterviews ein. Die Untersuchung soll dazu dienen, die Sorgen der Beschäftigten in Bezug auf den digitalen Wandel besser zu verstehen und daraus politische Handlungsempfehlungen abzuleiten.

Grundsätzlich lassen sich Arbeitnehmer in Deutschland der Studie zufolge in sieben verschiedene Gruppen einteilen. Die meisten (30 Prozent) möchten sorgenfrei von ihrer Arbeit leben können. Sie wünschen sich materielle Sicherheit, wollen aber nicht, dass sich die Arbeit noch stärker in den Privatbereich ausdehnt. Kritisch sehen sie den zunehmenden Konkurrenzdruck auf dem Arbeitsmarkt.

Spaltung der Gesellschaft

Sie haben den Eindruck, immer mehr arbeiten zu müssen, ohne dass sich ihre Leistung auszahlt. Im Gegenteil: Viele kritisieren eine zunehmende Spaltung der Gesellschaft und eine sinkende soziale Sicherheit. Arbeitnehmer mit dieser Perspektive befürchten, dass sich Druck und Unsicherheit in Zukunft verschärfen werden.

Ein ähnliches Bild auf die Arbeitswelt haben Angehörige der zweiten Gruppe. Sie treibt der Wunsch an, in einer starken Solidargemeinschaft leben und arbeiten zu wollen. Neun Prozent der Arbeitnehmer gehören dazu. Sie befürchten, dass jeder jederzeit ersetzbar sein wird und sich reguläre Jobs in prekäre Beschäftigungsverhältnisse auflösen werden.

Eine dritte Gruppe dagegen, zu der 15 Prozent der Befragten gehören, kann an der Arbeitswelt von heute durchaus positive Seiten erkennen. Angehörige dieser Gruppe glauben, dass sich Leistung noch immer lohnt und man mit Fleiß und Anstrengung weiterkommt. Diese Arbeitnehmer begrüßen die Digitalisierung, weil sie darin eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen sehen. Daher betonen sie, dass viele Arbeiten durch Technikeinsatz effizienter geworden seien.

Gruppe vier mit 11 Prozent der Befragten ist hier noch einmal deutlich positiver eingestellt. Die Angehörigen dieser Gruppe streben nach Führungspositionen, pushen sich selbst gern zu Höchstleistungen und sehen in dem zunehmenden Druck eher einen positiven Stress. Gesund zu bleiben ist für sie zentral. Sie blicken alles in allem hoffnungsvoll in die Zukunft.

Einige sehen Erfüllung in der Leistungsgesellschaft

Die fünfte Gruppe (10 Prozent) möchte sich in ihrer Arbeit selbst verwirklichen und teilt den positiven Blick auf die heutige Arbeitswelt. Diese Beschäftigten wünschen sich weniger Regulierungen und mehr Freiraum. Sie legen besonderen Wert darauf, Arbeitsort und -zeit flexibel wählen und sich fortwährend weiterbilden zu können. Viele von ihnen sehen die Arbeitswelt in einer Umbruchphase: auf den Weg hin zu einer Arbeitswelt, in der sie alle ihre Vorstellungen verwirklichen können.
 
Für die sechste Gruppe (14 Prozent) ist dagegen eine gesunde Balance zwischen Privatleben und Arbeit entscheidend. Diese Menschen wollen sich sowohl im Job als auch in der Familie und anderen Bereichen selbst verwirklichen. Einerseits blicken sie daher verhalten optimistisch auf die Zukunft, andererseits befürchten sie in Zukunft eine Arbeitswelt, die ihnen das Äußerste abverlangt. Sehr wichtig ist für Arbeitnehmer mit dieser Perspektive daher, dass Bedingungen für entspanntes Arbeiten geschaffen werden.

Selbsterfüllung findet nicht am Arbeitsplatz statt

Die siebte Gruppe schließlich sucht den Sinn jenseits der Erwerbsarbeit. 13 Prozent der Beschäftigten zählen dazu. Sie möchten eine Arbeitswelt, in der es soziale Gerechtigkeit gibt. Ansonsten stellen sie aber grundsätzlich infrage, dass Selbsterfüllung überhaupt in Erwerbsarbeit zu finden ist. Die Zukunft der Arbeitswelt bewerten sie entsprechend negativ.

Interessant: Alle Befragten gaben an, dass die Realität der Arbeitswelt in Deutschland nicht ihrem Ideal entspricht. Und grundsätzlich beurteilen sie die Arbeitswelt an sich pessimistischer als ihre eigene Situation. Fast zwei Drittel glaubt, dass Beschäftigte noch bis in die neunziger Jahre weniger belastet von Druck und Sorgen waren als heute. Dennoch geht jeder Zweite davon aus, dass sich die Arbeitswelt der Zukunft wieder mehr zum Ideal hin verändern könnte.

Alle wünschen sich eine stärkere Möglichkeit, Mitbestimmung auszuüben. Dazu gehört für die meisten, flexibler als heute zu arbeiten. Dabei gibt es aber kein einheitliches Bild: Während sich die einen mehr Telearbeit wünschen, wollen die anderen lieber ihre Arbeitszeit freier wählen können und können sich auch vorstellen, spät am Abend oder am Wochenende zu arbeiten. Andere wiederum lehnen dies ab und wünschen sich eine strikte Trennung zwischen Arbeit und Privatleben.

Einführung einer "Wahlarbeitszeit"

Was bedeutet das für die Politik? Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) kann sich eine "Wahlarbeitszeit" vorstellen, mit der es Beschäftigten künftig besser möglich sein soll, über ihre Arbeitszeit zu entscheiden. In vielen Berufen und Branchen sei es möglich, zeitlich und räumlich flexibel zu arbeiten. Auch ist ein Recht auf die Rückkehr in Vollzeit aus einer Teilzeitstelle heraus geplant. Zudem kann sich die Ministerin vorstellen, ein Recht auf Weiterbildungen einzuführen.

In Zukunft werden aber auch die Gewerkschaften wieder stärker gefragt sein. Die Studie zeigt, dass die Beschäftigten hierzulande die Macht derzeit vor allem bei den Arbeitgebervertretern sehen – ihnen sprechen sie auch ein schlechtes Image zu. Die Gewerkschaften erleben sie als wenig einflussreich. Zugleich wünschen sich die meisten befragten Arbeitnehmer aber, durch starke Interessensvertretungen unterstützt zu werden – allerdings möglichst durch konstruktives Verhandeln, das in Konsenslösungen mündet, und nicht durch harte Konfrontation mit der Gegenseite.

Zuerst veröffentlicht auf zeit.de

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