Digitale Nomaden Arbeiten, wo andere Urlaub machen

Fester Arbeitsplatz und feste Arbeitszeiten? Für digitale Nomaden eine Arbeitsform, bei der man Lust, Inspiration und die eigene Freiheit zu schnell verlieren kann. Doch es gibt andere Wege.

Vanessa Verena Wahlig, wiwo.de | , aktualisiert

Arbeiten, wo andere Urlaub machen

Paradiesisch Arbeiten 1

Foto: Creativa Images / Fotolia.com

Als Selbstständige, Unternehmer oder Freelancer ist ihr Arbeitsplatz digital und von jedem Ort der Welt abrufbar. Ob in einem Coworking Space in Thailand, in einem Café in Hamburg oder am Strand in der Karibik. An Orten, wo andere Urlaub machen, arbeiten die digitalen Nomaden – ganz wie sie es wollen. Sie arbeiten ortunabhängig.

Streng genommen sind mit dem Begriff Nomaden eher Weltenbummler gemeint, jedoch lässt sich das Konzept auf alle übertragen, die ihre Zeit gerne frei einteilen und das an unterschiedlichen Arbeitsorten. Gleichzeitig ist es aber auch eine Abkehr von einem klassischen Bürojob und starren Arbeitszeiten.

Auch immer mehr Deutsche folgen dem Konzept: Laut einer Studie des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, die 2016 unter dem Titel "Wertewelten Arbeiten 4.0" erschien, sehen 93 Prozent der Befragten für ihre Zukunft bis in das Jahr 2030 den Aspekt, über Arbeitszeit und Arbeitsort selbstständig und frei bestimmen zu können, als den zentralsten Wunsch für die Gestaltung des eigenen Arbeitsplatzes.

Was für viele Menschen noch Zukunftsmusik ist, ist für Tim Chimoy und Sascha Boampong schon Realität. Ihr digitales Business dreht sich rund um das Thema ortsunabhängiges Arbeiten. Chimoy zählt zu den ersten bekannten digitalen Nomaden Deutschlands und berät auch Unternehmen zum ortsunabhängigen Arbeiten. Sascha Boampong stellt zusammen mit seinem Kollegen Timo Eckhardt im "Digitalen Nomaden Podcast" die Lebenskonzepte unterschiedlicher digitaler Nomaden vor und gibt damit Empfehlungen für diesen Lifestyle.

Jeder muss für sich selbst ein Konzept ausarbeiten

"Digitaler Nomade ist kein Beruf, sondern vielmehr ein Way of Life. Im Grunde genommen geht man nur einer anderen Daseins Form von Selbständigkeit nach", sagt Boampong. Das Konzept funktioniere deshalb auch von Zuhause. Man könne somit privat an einen Ort gebunden sein und geschäftlich ortsunabhängig. "Jeder Digitale Nomade beziehungsweise jede Person die ortsunabhängig arbeitet, hat seine eigenen Plätze an denen er gut arbeiten kann, was für den einen super funktioniert, muss nicht heißen, dass es ihm ein anderer nachmachen kann", sagt Boampong. Und das sei eigentlich auch einer der entscheidenden Tipps: Jeder muss für sich selbst das Konzept ausgestalten, denn auch nur so könne man wirklich flexibel bleiben.

Podcasts, E-books oder Seminare zum Thema zeigen, dass sich um das Thema ortsunabhängiges Arbeiten eine große Community gebildet hat. Seit etwa fünf Jahren ist diese Gemeinschaft der digitalen Nomaden auch in Deutschland am wachsen. Verbunden über Facebookgruppen, Slakegruppen oder auch beim gemeinsamen Arbeiten in Coworking Spaces, steht am Anfang fast jeder Entscheidung digitaler Nomade zu werden, sich in dieser Community zu vernetzten und Gleichgesinnte zu suchen. Denn das Leben als Digitaler Nomade bringt nicht nur Zustimmung im Umfeld mit sich. 

Fleiß und Selbstreflexion sind notwendig

"Viele Probleme können Menschen, die nicht so arbeiten nicht nachvollziehen. Für Tipps zu Programmen und Jobs ist die Community unerlässlich. Man kann damit auch seinen eigenen Erfolg beschleunigen", sagt Boampong. Doch bevor es wirklich soweit ist und man als Digitaler Nomade auch Geld verdienen kann, steht viel harte Arbeit an.

"Am Anfang muss man auch Rückschläge hinnehmen. Erfolg über Nacht gibt es nicht. Deshalb sollte man sein Tun auch oft selbstkritisch reflektieren, da man von all den Möglichkeiten auch erst einmal erschlagen sein kann", sagt Boampong.

Tim Chimoy rät deshalb auch erst einmal einen Plan zu haben, bevor man seinen Job kündigt und von heute auf morgen die Entscheidung trifft damit auch sein Leben grundlegend zu ändern. "Du sollest dir vorher überlegen, welches Leben du führen möchtest und das auch mit Zukunftsblick auf die nächsten fünf bis zehn Jahre", sagt Chimoy, der bereits seit 2012 als Digitaler Nomade lebt. Er hat für sich mittlerweile einen Mittelweg gefunden und arbeitet die meiste Zeit von seinem Büro von Zuhause.

Zuhause ist er zur Zeit in Thailand. "Der Aspekt, dass man das digitale Nomadentum auch auf einen Lebensabschnitt begrenzen kann, darf man auch nie vergessen. Sein ganzes Leben nur auf Reisen zu sein, funktioniert nicht. Als Menschen brauchen wir auch immer Bezugspunkte. Heimat muss zwar nicht ortsgebunden sein, aber für mich ist sie da, wo Menschen sind, die ich mag", sagt Chimoy. Nicht jeder muss zudem zu 100 Prozent den Aspekt Nomade ernst nehmen. So könne man auch einfach gewisse Prinzipien aufnehmen.

Ständig auf Reisen zu sein – nur ein Modell von vielen

Hier sieht der Betreiber von Earthcity.de auch die Zukunft des Lebenskonzeptes: "Es gibt viele Facetten des digitalen Nomaden und ich denke eine Art Mix in der Mitte aus Freiheit, Selbstbestimmung und Verantwortungsbewusstsein, dass nicht jeder auch um die ganze Welt reisen muss um ortsunabhängig zu arbeiten, wird sich in Zukunft bei den meisten digitalen Nomaden durchsetzen."

Bei allen Tipps und innovativen Beispielen darf jeder, der mit dem Gedanken spielt digitaler Nomade zu werden, nicht vergessen, dass man Selbstständiger ist. Das bedeutet, dass man sein Geld selbst generieren muss, seinen Tag selbst organisieren muss und dass man für die soziale Absicherung wie beispielsweise die Altersvorsorge selbst sorgen muss.

Vieles kann man sich anlesen und von den Erfahrungen anderer digitaler Nomaden profitieren, aber am Ende sollte jeder seinen eigenen "Traum" vom ortsunabhängigen Arbeiten leben und umsetzen.

Die Studie des Bundesministerium für Arbeit und Soziales zeigt auch, dass die Anzahl der Digitalen Nomaden in den nächsten Jahren ansteigen könnte. Aber das Konzept des ortunabhängigen Arbeitens passt nicht nur auf das Profil von Selbstständigen. In den USA stellen immer mehr Unternehmen ihren Mitarbeitern frei, von wo aus sie arbeiten wollen. Was in Deutschland auch als Telearbeit bekannt ist, könnte schon in naher Zukunft mit dem Lifestyle des digitalen Nomaden zusammenkommen. So ist man als Arbeitnehmer frei und doch gebunden.


Zuerst veröffentlicht auf: wiwo.de

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