Dieter Kurz "Man kann die Welt nicht am Schreibtisch verstehen"

Dieter Kurz, Vorstandsvorsitzender von Carl Zeiss, über das Arbeiten in der schwäbischen Provinz, seinen Lieblingsschriftsteller Martin Walser und Segeln auf dem Bodensee.

Gero Lawecki | , aktualisiert

Junge Karriere: Herr Kurz, die Zeiss-Zentrale sitzt in Oberkochen, 8000 Einwohner. Schreckt so viel Provinz viele Bewerber ab?

Dieter Kurz: Nein, ich habe zwar in fast jedem Bewerbungsgespräch mit dieser Frage zu tun. Aber ich kann jungen Bewerbern einen Konzern vorstellen, der viele interessante Aufgaben bietet und in dem die Karrierechancen bestimmt besser sind als in manchem Dax-Unternehmen. Wir sind sehr international und machen 84 Prozent des Umsatzes im Ausland. Aber abends langweilt man sich dann. Was das Privatleben betrifft: Stuttgart kann man in etwas über einer Stunde erreichen, München ist gut zwei Stunden weg. Das geht also schon. Wirklich wertvoll wird die Gegend, wenn man Familie hat.

Billige Grundstücke, niedrige Lebenshaltungskosten, der Euro ist ein bisschen mehr wert als in Stuttgart oder München. Fiel Ihnen der Umzug leicht, als Sie vor 29 Jahren aus Tübingen hierher kamen?

Nein, Tübingen ist schließlich Universitätsstadt und hatte schon mehr zu bieten, aber der Job ging eben vor. Ich habe 25 Jahre hier in Oberkochen gelebt, und das sehr gerne. Die Region hat mit den Städten Heidenheim und vor allem Aalen, das Sitz einer Fachhochschule geworden ist, auch kulturell einiges zu bieten: Kinos etwa, oder das Jazzfestival. Sie leben nicht mehr in Oberkochen? Meine Familie ist jetzt an den Bodensee gezogen, dorthin, wo ich aufgewachsen bin. Am Wochenende bin ich also dort, unter der Woche hier oder unterwegs auf Geschäftsreisen.

Bleibt Ihnen dann überhaupt noch genug Zeit für die Familie?

Wegen der hohen Belastung im Job ist das schwierig. Ich versuche so viel Zeit wie möglich mit der Familie zu verbringen. Alles unter einen Hut zu bringen, ist manchmal eine Herausforderung. Aber meine Frau und die Kinder haben Verständnis dafür entwickelt. Wir haben auch viel darüber gesprochen. Zeit für die Familie muss sein. Die nehme ich mir dann vor allem im Urlaub. Im Sommer war ich mit meiner Familie in einem Ferienhaus in den Bergen von Mallorca, im vergangenen Jahr waren wir in den USA.

Da haben Sie Ende der 80er-Jahre auch mal für zwei Jahre gearbeitet. Was haben Sie in den USA genau gemacht?

Ich hatte einige Jahre zuvor für Zeiss ein neues Elektronenmikroskop entwickelt und diesen Bereich danach als Geschäftsbereichsleiter geführt. Für das gleiche Geschäft bin ich in die USA gegangen. Dort hatten wir vor allem Vertrieb und Service. Ich habe also die Geräte verkauft, die ich vorher entwickelt hatte. Natürlich war damals der Auslandsanteil am Umsatz nicht so hoch wie heute. Aber der Gang nach Nordamerika hat sich im Nachhinein als sehr wertvoll für mich herausgestellt.

Säßen Sie ohne Ihre Auslandserfahrung heute auf dem Chefsessel?

Nein, das kann ich auch beweisen. Wie das denn? Kurz nachdem ich aus den USA wiederkam, habe ich den Geschäftsbereich Halbleitertechnik übernommen. Als ich den damaligen Vorstandsvorsitzenden unseres holländischen Kunden traf, sagte der mir, wie froh er sei, dass Zeiss einen Bereichsleiter habe, der fließend Englisch spricht. Man wird ernster genommen, wenn man versteht, wie die Amerikaner ticken. Damals war die Halbleiterbranche noch amerikanisch dominiert. Meine Erfahrungen waren also sehr wichtig.

Erst Entwickler, dann Verkäufer, jetzt Organisator. Was liegt Ihnen am meisten?

Mir lag das eigentlich alles. Weil ich Entwickler werden wollte, habe ich Physik studiert. Verkäufer habe ich lernen müssen. Und das in den USA, einem der spannendsten Märkte der Welt. Damit kam der Wunsch, dies alles organisieren zu wollen. Ein Schritt folgte auf den nächsten und alles hat mir Spaß gemacht.

Woran hatten Sie als Kind Spaß?

Ganz besonders an meiner elektrischen Eisenbahn. Mit Strom etwas zu bewegen, das fand ich sehr spannend. Deshalb habe ich mit dem Gedanken gespielt, Elektrotechnik oder Elektronik zu studieren.

Warum haben Sie es nicht getan?

Ich war auf einem guten naturwissenschaftlichen Gymnasium. Es gab damals schon eine Oberstufenreform, das heißt, die Sprachen waren reduziert. Dafür hatte ich verstärkt Mathe, Chemie, Biologie und Physik. Durch die Versuche im Unterricht habe ich erkannt, dass Elektrotechnik ganz nett ist, die Physik aber breiter und allgemeiner aufgestellt. Also habe ich mich dafür entschieden.

Wie waren Sie an der Universität: strebsamer Student oder Partygänger?

Ich war fleißig. Ich habe kaum nach links oder rechts geschaut, sondern mich ganz aufs Studium konzentriert. Ich hatte kein Stipendium. Meine Eltern waren zwar guter Mittelstand, aber ihr Auftrag lautete schon: Sieh zu, dass du fertig wirst! Ich war der Erste aus meiner Familie, der studiert hat, und wollte meine Eltern nicht enttäuschen. Nach elf Semestern war ich fertig und habe dann promoviert.

Das Studium haben die Eltern bezahlt?

Ja, und ich habe in den Ferien immer gearbeitet, um mir Extras wie ein Auto leisten zu können. Bei zwei Unternehmen habe ich gejobbt, weil ich das Arbeitsumfeld kennenlernen wollte. Ich bin am Bodensee aufgewachsen und habe bei Dornier gearbeitet, heute EADS, und dann bei Telefunken in Konstanz. Ansonsten habe ich als Briefträger gejobbt. Das war sehr angenehm, man fing früh morgens an, war aber mittags um 13 oder 14 Uhr fertig und hatte dann frei. Während der Promotion war ich wissenschaftlicher Assistent und habe mich selbst finanziert.

Warum sind Sie nicht an der Uni geblieben?

Wissenschaftliche Arbeit fand ich faszinierend. Aber zur damaligen Zeit war mir die akademische Karriere zu sehr von außen bestimmt. Ohne Mentor, der einen nach vorne bringt, war mir das zu unsicher. Ich habe mir gesagt: Mit dem, was ich kann, müsste ich mich in der Industrie zielgerichteter entwickeln können. Dann kam Zeiss. Ich habe mich breit beworben und hatte dadurch auch eine Reihe von Angeboten. Aber Zeiss wollte exakt auf dem Gebiet, auf dem ich promoviert habe, etwas Neues entwickeln. Ich bin als Fachmann auf einem mir bekannten Gebiet eingestiegen. Das war maßgeschneidert für mich.

Das Bewerbungsgespräch war also nur Formsache?

Das sicher nicht, aber es verlief außerordentlich positiv. Der Entwicklungsleiter, mit dem ich sprach, hatte einen umfassenden Plan für die nächsten drei Jahre aufgestellt. Das, was ich konnte, war ein Baustein davon. Insofern haben wir uns gut verstanden. Ich bin nach Hause gefahren und einige Tage später kam die Zusage.

Sie sind jetzt fast 30 Jahre bei Zeiss. Welche Nachteile hat das?

Wenn Sie so lange in einem Unternehmen arbeiten, ist die Gefahr natürlich groß, dass Sie nicht mehr über den Tellerrand blicken. Diesen Blick muss ich mir eben anders beschaffen.

Wie machen Sie das?

Netzwerke sind wichtig, Gespräche mit Kollegen. Ich tausche mich mit anderen Vorstandschefs aus. Ich besuche andere Unternehmen, schaue mich dort um. Und in unserem Aufsichtsrat sitzen gute Leute, die uns interessante Blickwinkel aufzeigen.

Wollten Sie nie wechseln?

Daran gedacht habe ich schon. Es gibt immer Phasen, in denen man sich fragt, ob man weitermachen will oder ob eine Alternative nicht reizvoller wäre. Das ist ganz normal. Aber immer dann, wenn es fast spruchreif war, bekam ich eine neue Aufgabe bei Zeiss angeboten. So wie 1994, als ich den Unternehmensbereich Halbleitertechnik übernommen habe. Das gewohnte Umfeld lag Ihnen doch sicher auch am Herzen. Das ist eine Abschätzung der Chancen und Risiken. Ein gewohntes Umfeld kann man besser einschätzen als eine neue Umgebung, die man nur aus Gesprächen oder Interviews kennt. Was die Chancen betrifft, hat Zeiss mich immer begeistert und aufs Neue überzeugt.

Wie häufig reisen Sie?

Die Hälfte der Woche bin ich hier in Oberkochen, sonst unterwegs. Im Grunde konstant rund um die Welt. Mal gehts in die USA, dann nach Südafrika, Europa sowieso und zwei- bis dreimal im Jahr nach Asien.

Nervt Sie das?

Nein, ich reise sehr gerne. Sonst könnte ich den Job auch nicht machen. Hier am Schreibtisch können Sie die Welt nicht verstehen. Egal, wie viel Sie telefonieren oder lesen - Sie müssen raus. Wenn ich unterwegs bin, will ich immer mindestens ein oder zwei Kunden vor Ort treffen. Und bitte nicht nur die Lieblingskunden, das kann jeder. Ich will mit Kunden sprechen, die gerade Konkurrenzprodukte gekauft haben. Ich will verstehen, warum sie die gekauft haben.

Und das spornt Sie zusätzlich an?

Natürlich. Als Vorstandschef und auch als Naturwissenschaftler. Ich will immer die besten und leistungsstärksten Produkte anbieten können. Carl Zeiss ist extrem innovationsorientiert, manche sagen über uns sogar innovationsbesessen. Wichtig ist, dass diese enorme Innovationskraft die Kundenbedürfnisse trifft.

Was fordern Sie dafür von ihren Mitarbeitern ein?

Ich möchte, dass sie zielorientiert, zügig und im Team arbeiten, und dass sie ständig besser sind als ihre Konkurrenten im Wettbewerb.

Das haben Sie auch immer beherzigt?

Ich gebe zu, dass ich Phasen hatte, in denen ich die Ziele etwas aus den Augen verloren habe. Da wurde es kritisch.

Inwiefern kritisch?

Ich will es mal so sagen: Mein Führungsstil wurde zu schnell, die Mannschaft kam nicht mehr mit, der Druck nahm zu und der Frust auch. Kollegen haben mich darauf angesprochen. Ich habe dann auch einen externen Coach dazugebeten, der mit uns in offener Runde alle Probleme durchgegangen ist. Das kam sehr gut an.

Was machen Sie, um abzuschalten?

Ich lese, Managementbücher oder Romane von Martin Walser. Als ich 18 Jahre alt war, hat ihn mein Deutschlehrer mal in den Unterricht eingeladen. Walser gehörte damals noch zur Gruppe 47 und war einer der jungen Wilden. Er hat mich sehr beeindruckt.

Ihr Lieblingsschriftsteller?

Ja. Und er stammt aus derselben Gegend am Bodensee wie ich.

Der Bodensee ist wichtig für Sie?

Im Segelboot auf dem Bodensee geht's mir gut. Nach einer Stunde auf dem Wasser ist der Kopf frei, dann bin ich ganz woanders.

Dieter Kurz: geboren 1948 in Tübingen, studierte in seiner Geburtsstadt Physik und schrieb anschließend seine Doktorarbeit über Halbleiter und Elektrostrahltechnik. 1979 begann Kurz seine Karriere bei Carl Zeiss in Oberkochen. In dem weltweit agierenden Optikunternehmen arbeitete Kurz in verschiedenen Positionen in der Forschung und Entwicklung, im Marketing und Verkauf und im General Management. Ab 1994 baute er als Unternehmensbereichsleiter die neue Halbleitertechniksparte mit auf. 1999 wurde Kurz in den Vorstand berufen, seit 2001 ist er Vorstandsvorsitzender von Carl Zeiss. Er trieb die Konzentration des Unternehmens auf die Sparten Halbleitertechnik, Medizintechnik, Mikroskopie, Industrielle Messtechnik und Markenoptik voran. Im ersten Halbjahr des laufenden Geschäftsjahres erzielte das Unternehmen einen Umsatz von 1,45 Milliarden Euro. Nach Steuern verdiente der im Stiftungsbesitz befindliche Traditionskonzern im ersten Halbjahr 149 Millionen Euro. 84 Prozent der Geschäfte macht Zeiss inzwischen außerhalb Deutschlands. Der Halbleiterbereich ist die größte Sparte und erzielte im ersten Halbjahr 610 Millionen Euro Umsatz.

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