Dienstrad statt Dienstwagen Das Fahrrad als neues Statussymbol

Immer mehr Führungskräfte verzichten gerne auf den Dienstwagen: Drei Entscheider berichten, wie sie mit Alternativen zum Firmenauto klarkommen.

Anne-Sophie Lang | , aktualisiert

Das Fahrrad als neues Statussymbol

Foto: vitaliy_melnik/Fotolia.com

Großes Eckbüro und dickes Auto – dass die Statussymbole der Entscheider an Bedeutung verlieren, hört man oft. Der jungen Generation sei anderes wichtig: flexible Arbeitszeiten sowie die Balance von Arbeit und Privatleben. Ein Dienstwagen? Wozu denn? Der ist in der Großstadt ja nicht mal praktisch, wo Parkplätze rar sind und man mit Fahrrad, Bus und Bahn genauso gut vorankommt. Außerdem schadet er der Umwelt.

Gesunde Alternative

Dieses Denken mag modern sein – auf den obersten Chefetagen ist sie allerdings nicht angekommen. Wer bei größeren Unternehmen nachfragt, erfährt: Fast alle Vorstände und Geschäftsführer fahren Firmenautos und häufig keine kleinen, spritsparenden, sondern die wuchtigen Modelle von Audi, BMW und Mercedes.

Dennoch gibt es einige Manager, die auf Alternativen zum Auto setzen. Der Ikea-Chef Peter Agnefjäll etwa bugsiert sein Gepäck schon mal auf dem Fahrrad zum Flughafen. "Ich verzichte, wann immer es möglich ist, auf das Auto und nutze das Fahrrad", sagt er. "Das ist gut für meine Gesundheit und die Umwelt, und es kostet rein gar nichts."

Kosten einsparen

Solche prominenten Beispiele sind zwar noch rar. Was das Gros ihrer Mitarbeiter angeht, so interessieren sich Unternehmen aber längst für alternative Mobilitätsformen. Aus guten Gründen: So sinken etwa der Verwaltungsaufwand und die Kosten für einen Fuhrpark, wenn Mitarbeiter auf Fahrräder, Carsharing oder auf Bus und Bahn umsteigen. Die neue griechische Regierung weiß das; eine frühe Amtshandlung von Alexis Tsipras war, die Dienstwagen seines Kabinetts zum Verkauf zu stellen.

Michael Schramek leitet eine Unternehmensberatung für nachhaltige Mobilität, er hat für sich selbst mal nachgerechnet: Alle beruflichen Strecken mit dem Firmenauto zu fahren kommt ihn im Jahr rund 30 000 Euro teurer als sein Mobilitätsplan für dieses Jahr – viel Bahn, etwas Fahrrad, etwas Carsharing und ganz wenig Taxi. In seiner Rechnung berücksichtigt Schramek, dass man in der Bahn einigermaßen produktiv arbeiten kann. Fahrradfahren hat einen anderen Vorteil – es hält fit und gesund. Es sind also nicht nur geringere Kosten, derentwegen sich für Unternehmen eine Abkehr vom Auto lohnt, sondern auch leistungsfähigere Mitarbeiter. Außerdem lockt ein flexibler Mobilitätsmix junge Talente. Und nebenbei kann die verringerte CO2-Bilanz werbewirksam präsentiert werden.

Grünes Image pflegen

So kommt es, dass Konzerne wie Bayer oder E-Bay mit Carsharing-Unternehmen kooperieren und Firmen wie die Commerzbank und BMW ihren Mitarbeitern Fahrräder zur Verfügung stellen. Und dass die Deutsche Bahn ihren Führungskräften seit 2013 die Wahl zwischen Dienstwagen und dem sogenannten Mobilitätsbudget bietet – einer Bahncard 100 mit diversen Zusatzleistungen. Und dass der Pharmahersteller Daiichi Sankyo Europe rund 800 Mitarbeiter mit individuellen Plänen versorgen will, wie sie ihre Arbeitswege künftig gut und grün zurücklegen können.

Allein an den dicken Karossen der Vorstände ändert das wenig. "Die meisten Spitzenkräfte sind zu lange anders sozialisiert worden", sagt Michael Schramek. "Die haben da noch Schwierigkeiten." Das könnte sich ändern: Wenn auch auf diesen Positionen der Nachwuchs nachrückt, dem Autos nicht mehr wichtig sind. Einige wenige Vorbilder auf Managerpositionen hat er schon.

An einem normalen Arbeitstag radelt Thomas Windel rund 50 Kilometer weit. Windel ist Abteilungsleiter im Bereich Finance bei der Commerzbank in Frankfurt am Main und lebt in Königstein im Taunus. Sein Arbeits- und Wohnort liegen rund 25 Kilometer voneinander entfernt. Einen Firmenwagen braucht der 47-Jährige trotzdem nicht. Die eigene Muskelkraft macht das Auto überflüssig. Seit rund zehn Jahren fährt er viel Rad – und nimmt sogar an Triathlon-Wettkämpfen teil. Schließlich überlegte er sich: Warum nicht mit dem Fahrrad auch zur Arbeit fahren? An vier Tagen in der Woche radelt Windel nun bis zum Commerzbank-Hochhaus. Das ist sein Training.

Fahrrad-Pendler bei jedem Wetter

Anfangs sei er noch eine Ausnahme gewesen, sagt er. Mittlerweile ist die Zahl der fahrradfahrenden Pendler gewachsen. In Königstein trifft sich an manchen Tagen morgens eine ganze Gruppe, um gemeinsam nach Frankfurt zu radeln. Banker, Anwälte. Die meisten radeln regelmäßig, auch im Winter. "Problematisch ist das Radfahren nur bei Glätte", sagt Thomas Windel. Er hat sich extra zwei Räder angeschafft: ein Rennrad für den Sommer und ein Crossrad für den Winter. Rund eine Dreiviertelstunde braucht er pro Strecke. Abends etwas länger, weil es auf dem Rückweg bergauf geht. Dafür hilft ihm das Radeln nach der Arbeit beim Abschalten, anders als eine nervige Autofahrt. Und morgens würde Windel mit dem Wagen im Berufsverkehr ohnehin beinahe genauso lange brauchen wie mit dem Rad.

Im Commerzbank-Gebäude angekommen, duscht Windel und zieht sich um – tauscht Radler- gegen Anzughosen. Die Schuhe hat er meist im Spind, die Hemden in der Reinigung, das Sakko im Büro. Muss er später am Tag einmal innerhalb Frankfurts zu einem Termin – etwa zu einem anderen Standort oder zu einem Kunden – nutzt er eins von 50 Stadtfahrrädern, die die Bank ihren Mitarbeitern seit dem vorigen Herbst kostenlos zur Verfügung stellt. Und weitere berufliche Reisen legt er ohnehin mit dem Flugzeug zurück.

Statussymbol Rennrad

Wie viel Geld Thomas Windel durch sein Radeln im Vergleich zum Autofahren spart, hat er nie genau ausgerechnet – darum geht es ihm aber auch nicht, sondern um den sportlichen Aspekt. Er merkt, wie die viele Bewegung ihm guttut, wie sie seiner Gesundheit nutzt. "Mein Arzt ist sehr zufrieden", sagt Windel und lacht. Der Manager ist seit fast 20 Jahren bei der Commerzbank. Er hatte lange einen Dienstwagen. "Als ich anfing, war das durchaus ein Statussymbol", sagt er. Bis 2010 fuhr er einen VW Touareg. Aber der stattliche Wagen verlor für ihn nicht nur an Bedeutung, er nützte dem Triathleten zuletzt auch schlicht nichts mehr. Thomas Windels ganzer Besitzerstolz gilt heute seinem Rennrad.

Klar gibt es Nachteile: Die S-Bahn ist zu Stoßzeiten rappelvoll, hat oft Verspätung. Frank Schabel kommt abends später nach Hause als früher, als er noch ein Auto hatte. "Man muss umdenken", sagt er, "und Wartezeiten akzeptieren." Schabel nutzt sie etwa, um Kaffee zu trinken und E-Mails zu lesen. Er hat sich angewöhnt, im Zweifel immer den früheren Zug zu nehmen, um keinen Anschluss zu verpassen.

Frank Schabel ist Marketingleiter beim Personaldienstleister Hays. Ihm würde ein Dienstwagen zustehen; er fuhr auch lange einen – früher pendelte er allerdings auch von Heidelberg nach Wiesbaden und brauchte ein Familienauto. Inzwischen radelt er morgens zum Heidelberger Bahnhof, zur Not im gelben Regencape, um die S-Bahn zum Firmensitz nach Mannheim zu nehmen. Seinen Dienstwagen hat Schabel vor einigen Jahren abgegeben.

Dienstwagen Cash auf die Hand

Die Rate, einen Betrag im hohen dreistelligen Bereich, bekommt er nun ausbezahlt. Das ist bei seinem Unternehmen in der Verwaltung in einigen Fällen möglich.

Die Vorteile des Bahnfahrens überwiegen für den 54-Jährigen die Nachteile: Er spart Geld, tut der Umwelt etwas Gutes und steht nicht im Stau. "Mit dem Zug fährt es sich einfach stressfreier", sagt er. Das liegt allerdings auch daran, dass das Bahnnetz dort, wo Schabel lebt, dicht ist. "In der Pfalz oder im Odenwald würde das nicht gehen", sagt er. Dann würde auch er mit dem Auto fahren.

Produktive Pendel-Zeit

Aber angenehmer findet Schabel es, im Zug lesen zu können und auf dem Rad den Kopf freizubekommen. "Ich bin mit dem Fahrrad aufgewachsen", sagt er, "Autos waren mir nie so wichtig." Seinen ersten Wagen besaß er erst mit 31 Jahren. Falls er heute doch mal einen braucht, weil er größere Einkäufe oder Wasserkisten transportieren muss oder einen Ausflug mit seiner Tochter unternimmt, nutzt er Carsharing.

Dass er mit der Wahl seiner Fortbewegungsmittel in Managerkreisen eher ein Exot ist, wundert Schabel. "Ich finde es manchmal den hellen Wahnsinn, dass Menschen meiner Generation erstaunt und irritiert sind, wenn sie erfahren, dass ich kein Auto habe", sagt er. Der Nachwuchs sei da anders, ihm sei etwa wichtig, mit verschiedenen Geräten flexibel und mobil arbeiten zu können – aber nicht, ein dickes Auto zu fahren. "Das hängt sicher von der Sozialisation der Menschen ab", sagt Schabel. Dass Führungskräfte repräsentative Wagen fahren, sei nun einmal lange Standard gewesen.

Schabel dagegen hält es mit den jungen Leuten: Das Statussymbol Dienstwagen bedeutet ihm nichts. "Wenn ich über meinen Wagen und nicht über meine Person wirken würde", sagt er, "dann hätte ich für mein Verständnis etwas falsch gemacht."

Etwa zweimal pro Woche muss Stefanie Kertscher zu Firmenkunden fahren, mal 30, mal 40, mal 60 Kilometer pro Strecke. Kertscher ist Direktorin der Berlitz-Sprachschule in Mannheim. Zusätzlich zu ihren Führungsaufgaben berät sie Firmenkunden in Sachen Sprachkurse. Für diese Fahrten lohnt sich kein Firmenwagen, entschied ihr Arbeitgeber. Stattdessen zahlt ihr das Unternehmen die Nutzung des Carsharingverbunds Stadtmobil und hält so den eigenen Fuhrpark klein, genauso wie die Kosten, die an ihm hängen. Stadtmobil verlangt von Kunden einen Grundbetrag von 33 Euro im Monat, die eigentlichen Nutzungskosten hängen von Fahrzeugklasse, Uhrzeit und gefahrenen Kilometern ab.

Stefanie Kertscher findet das Konzept gut. Sie war gerade 23 Jahre alt, als sie bei ihrem vorherigen Arbeitgeber im Vertrieb anfing – mit einem Mini als Dienstwagen. Das Firmenauto war damals für sie noch eine tolle Sache, zumal sie die Einzige in ihrem Freundeskreis war, die eines fahren durfte; darauf war sie stolz. Aber nach und nach setzte eine gewisse Entzauberung ein: Schließlich bekommt man auch einen Dienstwagen nicht völlig umsonst, sondern muss Steuern dafür zahlen, wenn man ihn privat nutzen will. Außerdem fühlte Kertscher sich verpflichtet, den Wagen vorsichtiger zu behandeln als ein eigenes Auto. Mit der Zeit wurde ihr der Firmenwagen immer weniger wichtig. In ihrem neuen Job vermisst sie ihn nicht.

Flexibel nach jeweiligen Bedürfnissen buchen 

Das Carsharing, das sie heute nutzt, ist für die 27-Jährige praktisch: Im Umkreis von einem Kilometer um ihr Büro herum finden sich immer um die zehn Fahrzeuge, die sie nutzen kann. Ihre Mitarbeiter übernehmen die Buchung für sie, Berlitz zahlt.

Ein paar Schritte von Kertschers Büro entfernt parkt häufig ein blauer Ford Fiesta. Ihn fährt sie am liebsten. Dazu hält sie ihre Zugangskarte an das Lesegerät hinter der Windschutzscheibe. Dann gibt sie in einen Bordcomputer im Handschuhfach eine PIN ein und kann den Schlüssel entnehmen. Dann noch kurz checken, ob mit dem Auto alles in Ordnung ist, Sitz und Spiegel einstellen – klar, alles etwas aufwendiger als im eigenen Auto.

Aber das Carsharing hat dafür auch viele Vorteile: Kertscher kann sich aussuchen, welchen Wagen sie an welchem Tag fahren möchte – etwa einen größeren, wenn sie mal viele Bücher zu einem Kundentermin mitnehmen muss – und sie weiß, dass sie ihn nachher um die Ecke wieder abstellen kann. "Mit dem eigenen Auto müsste ich deutlich weiter weg parken", sagt sie. Gleichzeitig ist die Berlitz-Direktorin froh, überhaupt mit dem Auto unterwegs sein zu können – und nicht auf die Bahn angewiesen zu sein: "Das wäre mir zu unflexibel", sagt sie. "Dann sitzt man im Termin, der geht länger als geplant, aber der Zug wartet leider nicht." Bei Stadtmobil kann sie in solchen Fällen meist einfach anrufen. Dann gilt die Reservierung länger.

Artikel teilen

Ihr Browser ist veraltet. Deshalb können Sie diese Webseite nicht korrekt darstellen!

Bitte laden sie einen dieser aktuellen, kostenlosen und exzellenten Browser herunter:

Für mehr Sicherheit, Geschwindigkeit, Komfort und Spaß.

Lade Seite...