Die Höhle der Löwen "Gründer dürfen nicht träumen, sondern müssen hart arbeiten"

Seit vergangenem Dienstag läuft die dritte Staffel der Gründer-Show "Die Höhle der Löwen". Im Interview sprechen Frank Thelen und Neu-Juror Carsten Maschmeyer über Größenwahn und das nächste große Ding.

Daniel Rettig und Oliver Voß, wiwo.de | , aktualisiert

"Gründer dürfen nicht träumen, sondern müssen hart arbeiten"

Die Höhle der Löwen 2

Die Löwen (v.l.): Carsten Maschmeyer, Judith Williams, Frank Thelen, Jochen Schweizer und Ralf Dümmel.

Foto: VOX / Benno Kraehahn

Herr Maschmeyer, das ist aber kein Gründer-Outfit …

Carsten Maschmeyer: Immerhin lasse ich inzwischen die Krawatte weg. Und meine dunkelste Hemdfarbe war früher Weiß, jetzt wage ich auch mal Hellblau. Zumindest eine kleine Anpassung hat also stattgefunden.

Sie sind einer der bekanntesten und gleichzeitig umstrittensten deutschen Unternehmer. Warum machen Sie bei der „Höhle der Löwen“ mit – Imagepflege?

Maschmeyer: Nein. Politik und Wirtschaft reden ständig, dass man die Gründerszene unterstützen muss. Ich wollte aber etwas tun und möchte durch mein Mitwirken einen aktiven Beitrag für die Stärkung der Gründerkultur leisten. Gleichzeitig habe ich große Freude daran, mein Wissen und meine Erfahrung an junge Talente weiterzugeben und sie finanziell zu unterstützen, wenn mich ihre Idee überzeugt. Darum reizt es mich sehr, als "Löwe" dabei zu sein und das zu tun, was ich täglich mache: Gründer und Geschäftsmodelle zu beurteilen.

Zur Person

  • Carsten Maschmeyer

    , 57, Studienabbrecher und Milliardär. Sein Vermögen verdiente er mit dem Finanzdienstleister AWD, den er ein paar Jahre nach seinem abgebrochenen Medizinstudium aufbaute. 2009 schied er aus dem Vorstand aus.


  • Frank Thelen

    , 40, Risikokapitalgeber und Exskater. Sein erstes Start-up gründete er mit 18, für das zweite erhielt er über eine Million D-Mark an Wagniskapital. Mit der Dotcom-Krise ging das Start-up pleite, er gründete aber weiter.


Kannten Sie die Show vorher?



Maschmeyer:

Ich bin von der "Höhle der Löwen" seit der ersten Staffel begeistert – weil es eine unterhaltsame Fortbildung für fast jeden ist. Wer gründen und sich selbstständig machen will, bekommt eine gute Anleitung. Alle anderen können zusätzlich etwas für Präsentationen, Bewerbungsgespräche oder Verhandlungen lernen. Und nicht zuletzt ist die Sendung für mich eine gute Dealflow-Source.

Bitte was?

Maschmeyer: Ich investiere seit einigen Jahren in Start-ups, vor allem aus den Bereichen Internet, Technologie und Gesundheit. Durch die Sendung bekomme ich früher als andere Investoren Kontakt zu Gründern und auch zu solchen, die ich sonst vielleicht nie kennengelernt hätte, weil sie in ganz anderen Branchen unterwegs sind.

Herr Thelen, kommen die wirklich interessanten Start-ups denn überhaupt in die Sendung?

Frank Thelen: Ja, definitiv. Ich stimme Carsten zu, auch ich habe viele Gründer und Geschäftsmodelle gesehen, die ich sonst nie kennengelernt hätte. Ich glaube nicht, dass ich sonst in eine Biosuppe investiert hätte, so wie im Falle von Littlelunch in der vorigen Staffel. Außerdem bewerben sich zunehmend etablierte Gründer aus der Szene – weil sie wissen, wie stark die Show geworden ist.

Herr Maschmeyer, wie haben Sie die Start-ups denn erlebt?

Maschmeyer: Meine ohnehin schon hohen Erwartungen wurden übertroffen. Es waren ein paar tolle Innovationen dabei, die das tägliche Leben vereinfachen. Aber natürlich gab es auch Momente, in denen ich mich gewundert habe.

Zum Beispiel?

Maschmeyer: Wenn jemand 5.000 Euro Umsatz macht und eine Bewertung von acht Millionen Euro aufruft. Da war ich teilweise schon überrascht.

Thelen: So etwas kommt immer wieder vor, längst nicht nur in der "Höhle der Löwen". Es gibt nun mal Gründer, die sich völlig über- oder ihren Markt komplett falsch einschätzen. Die verbringen zu viel Zeit auf dem US-Gründerportal Techcrunch und denken nun, dass ihre Idee direkt eine Milliarde wert sein soll, wie die berühmten Einhörner im Silicon Valley. Das ärgert mich natürlich genauso.

Sind Sie daran nicht auch selbst beteiligt? Immerhin betonen Sie immer wieder, dass mehr Leute gründen sollten.

Maschmeyer: So ist es. Doch das Problem ist nicht der Mangel an Mut, sondern der Mangel an Realitätssinn. Wer für fünf Prozent eines Unternehmens 500.000 Euro haben will und kaum Umsatz verbucht, der lebt im Fantasia-Land.

Thelen: Natürlich verstehe ich es als meinen Auftrag, den Gründergeist zu fördern. Wir wollen den Menschen erklären, wie Gründen funktioniert. Aber dazu gehört eben auch, dass man den Menschen die Wahrheit sagt. Gründer dürfen nicht träumen, sondern müssen hart arbeiten. Potenzielle Investoren prüfen alles, wirklich alles ab. Sie wollen sehen, dass der Gründer buchstäblich Gras frisst; dass er bereit ist, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche zu arbeiten; und sie wollen sehen, wie weit er schon gekommen ist. Aber wer sofort von einer hohen Bewertung ausgeht und sich noch nicht mal die Zeit genommen hat, die Wettbewerber zu analysieren, der ist raus.

Haben Sie denn den Eindruck, dass die Qualität der Gründer – sowohl in der Sendung als auch im Allgemeinen – besser wird?

Thelen: Ja, da gibt es durchaus einen Lerneffekt. Was aber nicht heißt, dass es nicht auch schlechte Ideen gibt. Man darf nie vergessen: Ein Investor muss spüren, dass der Gründer die Extrameile geht – sonst ist er raus. Ein Start-up zu gründen ist kein Kindergeburtstag.

Wem geben Sie Ihr Geld?

Thelen: Manchmal höre ich einem Gründer zu, der mir sein Geschäftsmodell erklärt und mein Geld will – und verstehe auch nach mehreren Minuten überhaupt nicht, was er eigentlich macht. Im Grunde läuft es auf drei recht simple Fragen hinaus: Was ist dein Markt? Warum bist du besser? Was ist dein Problem – und wie lautet deine Lösung? Wer mir diese Fragen nicht beantworten kann, bekommt mein Geld nicht.

Was ist wichtiger, das Geschäftsmodell oder der Gründer?

Maschmeyer: In der Immobilienbranche sagt man ja gerne: Lage, Lage, Lage. Ich sage: Team, Team, Team. Im Zweifel ist mir ein erstklassiger Gründer wichtiger als ein erstklassiges Geschäftsmodell. Aber ich muss das Produkt natürlich trotzdem so gut verstehen, dass ich mich frage: Macht es das Leben irgendeiner Zielgruppe – hoffentlich einer möglichst großen – bequemer, schneller, besser, gesünder? Würde man dafür bezahlen? Außerdem läuft in meinem Kopf eine Art Minifilm ab, wenn mir jemand eine Geschäftsidee vorträgt.

Und wovon handelt der?

Maschmeyer: Ich stelle mir gedanklich vor, der Gründer hätte irgendwo eine Filiale. Dann frage ich mich: Wie lang wäre die Schlange davor? Es muss ja nicht gleich wie beim neuen iPhone von Apple sein, dass die Menschen mit Schlafsäcken vor dem Geschäft zelten, um das neue Produkt zu bekommen. Aber bevor ich investiere, überlege ich mir: Wenn die Leute von der Idee wüssten – wie heiß wären sie darauf? Würden sie Schlange stehen, um es zu bekommen?

Weiß man nicht innerhalb weniger Sekunden, ob jemand eine gute Idee hat?

Maschmeyer: Ich höre natürlich sofort auf mein Bauchgefühl, möchte aber auch rational die Marktchancen analysieren. Das gebietet alleine der Respekt gegenüber den Gründern. Und ich will auch ausschließen, dass ich eine gute Chance verpasse.

Thelen: Ich bin da härter. Wenn ich nach ein paar Minuten merke: Das passt nicht zu mir – dann bin ich raus.

Und wann bleiben Sie drin?

Thelen: Wenn es klick macht. Ich muss mir vorstellen können, dass das Produkt jemand nutzt, den ich kenne. Und dass das Unternehmen zumindest das theoretische Potenzial hat, irgendwann 100 Millionen Euro wert zu sein. Aber selbst wenn man eine Absage bekommt: niemals frustriert sein! Selbst für Mark Zuckerberg war es einst schwierig, Kapital zu bekommen.

Inwieweit sind Mentoren wie Sie entscheidend für den Erfolg einer Idee?

Thelen: Für mich sind sie das essenzielle Erfolgsrezept. Start-ups, die eng mit erfahrenen Experten zusammenarbeiten, haben eine größere Chance.

Investieren Sie bei der "Höhle der Löwen" wirklich Ihr eigenes Geld?

Thelen: Ja.

Angeblich sind bislang von 35 Deals im Nachhinein 26 gescheitert …

Thelen: Beide Seiten müssen daran arbeiten, dieses Verhältnis zu verbessern. Aber es werden immer Deals scheitern, da wir in der Sendung keine komplette Prüfung durchführen können. Und wenn ich zuerst 250.000 Euro verspreche, um hinterher festzustellen, dass viele Angaben des Gründers nicht stimmten – dann gebe ich ihm sicher nicht mein Geld.

An wie vielen Unternehmen sind Sie eigentlich insgesamt beteiligt?

Thelen: Insgesamt sind es 15 Unternehmen.

Maschmeyer: Genauso, wie wir die Höhe unserer Investments noch nicht vor Ausstrahlung öffentlich machen dürfen, möchte auch der Sender bis zum Schluss die Spannung hochhalten. Deswegen äußere ich mich auch nicht über die Anzahl der Beteiligungen. Aber so viel kann ich verraten: Es kommen einige neue dazu.

Und wie behält man da den Überblick? Schreiben Ihnen die Unternehmer jede Woche eine Mail, wie es gerade so läuft?

Thelen: Anfang des Jahres habe ich meinen CEO-Posten bei Scanbot abgegeben. Seitdem fokussiere ich mich nur noch auf die Unternehmen und investiere jede verfügbare Minute. Von den insgesamt 15 befinden sich vier in der frühen Aufbauphase. In dieser Phase schreibe oder telefoniere ich so gut wie täglich mit den Gründern. Um sie optimal zu unterstützen, braucht es viel Zeit. Wir entwickeln zusammen Marketingkonzepte, ich spreche mit potenziellen Werbepartnern, oder wir optimieren die Webshops.

Maschmeyer: Gemeinsam mit meinem Team stehen wir im intensiven Austausch mit den Gründern. Ich besuche die Unternehmen regelmäßig, wir telefonieren häufig und schreiben uns SMS oder E-Mails. Dadurch bin ich bei den meisten Unternehmen sehr nah dran und stecke tief in den Themen.

Wenn Geld nicht mehr die Hauptmotivation ist – ist die Beteiligung an Unternehmen dann so eine Art Zockerei?

Thelen: Mir macht es Spaß, große Konzerne herauszufordern. Das treibt mich an. Es hat eine gewisse Magie, mit einem kleinen Team, das Tag und Nacht arbeitet, die Etablierten in den Hintern zu treten. Das ist für mich wie eine Droge. Natürlich machen mich die Misserfolge fertig, aber die Erfolge sind umso schöner.

Maschmeyer: Es geht nicht ums Zocken. Es macht vor allem Spaß, seine eigenen Erfahrungen an junge Gründer weiterzugeben. Außerdem haben sich in einer Welt ohne Zinsen die Regeln für Vermögende geändert. Sie müssen sich entweder an Unternehmen beteiligen, Aktien kaufen oder Immobilien erwerben. Ich bin Unternehmer durch und durch. Und wenn es Spaß macht, kommt als Folge oft auch der wirtschaftliche Erfolg.

Sie könnten aber auch einfach das Leben genießen.

Maschmeyer: Urlaub ohne Ende ist nichts für mich. Nachdem ich mein Unternehmen an Swiss Life verkauft hatte, habe ich das mal ein halbes Jahr lang genossen. Aber wenn man sich morgens nach dem Frühstück nur noch fragt, ob man nun zuerst ein Buch liest und danach joggen geht oder umgekehrt – dann wird das relativ schnell langweilig.

Und was wird das nächste große Ding?

Thelen: Ich tippe auf Lilium Aviation. Das Start-up baut einen Privatflieger mit Elektroantrieb. Ein höchst komplexes Projekt – aber wenn es klappt, wird es die Art verändern, wie die Menschen von A nach B kommen.

Maschmeyer: Ich tippe auf den Bereich Fintech, Biotech, Internet of Things oder Share Economy. Aber wir werden sicherlich auf einem ganz anderen Gebiet überrascht. Umso wichtiger also, dass man offen bleibt und mit vielen Gründern redet. Da stimmt das Sprichwort: Man muss erst 1000 Frösche küssen, bevor man die Prinzessin findet.

Zuerst veröffentlicht auf: wiwo.de

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