Deutschlands beste Arbeitgeber Gesunde Leistungskultur

Sie sind stolz auf das, was sie gemeinsam leisten: Ohne übergroßen Leistungsdruck, dafür mit viel Eigenverantwortung entwickelt sich in vielen Unternehmen eine gesunde Arbeitskultur. Der Erfolg zeigt sich in einer überdurchschnittlichen Gewinnentwicklung sowie neuen Stellenangeboten. Das Handelsblatt präsentiert "Deutschlands Beste Arbeitgeber".

Katrin Terpitz | , aktualisiert


Foto: Yuri Arcurs/Fotolia

Aus Fehlern lernen...

Fünf Jahre lang arbeitete IT-Spezialist Uwe Rotermund als Angestellter. Die Zeit verbindet er mit unguten Erinnerungen. "Es herrschte eine Kultur des Misstrauens. Selbst externen Beratern wurde mehr vertraut als den eigenen Leuten", berichtet er.

Damals schwor er sich: "Wenn ich einmal selbst Chef bin, sollen sich alle in der Firma vertrauen und freundschaftlich zusammenarbeiten." Ab 1997 konnte er seine guten Vorsätze in die Tat umsetzen. Rotermund kaufte einen Teil einer IT-Beratung in Münster, in der er zuletzt tätig war.

Fortan entwickelte er mit Noventum Consulting seine eigenen Ideen von guter Arbeitsplatzkultur. Wichtig für ihn: Mitarbeitern zuhören, sich gegenseitig wertschätzen und jedem genug Freiraum zur Entfaltung geben.

...das zahlt sich aus

Rotermunds Strategie ist aufgegangen. Noventum ist heute nicht nur wirtschaftlich erfolgreich. Zum dritten Mal in Folge erreichte die IT-Beratung Platz eins bei "Deutschlands Beste Arbeitgeber" in der Kategorie 50 bis 500 Mitarbeiter.

Auf Platz zwei und drei folgen 2012 Atrias Personalmanagement und der Spielzeughersteller Lego. Great Place to Work, die Experten für Arbeitsplatzkultur, und das Handelsblatt zeichneten gestern Abend in Berlin insgesamt 100 Sieger in vier Firmenklassen aus.


Foto: Yuri Arcurs/Fotolia

Das Geheimnis des Erfolgs von Noventum Consulting? Eine gute Arbeitsplatzkultur ist hart erarbeitet und kostet viel Zeit und Mühe, betont Rotermund. "Da müssen andere Dinge, die scheinbar wichtiger sind, wie Kundenakquise, auch mal warten." Doch die Investition in Mitarbeiter zahle sich langfristig in barer Münze aus.

Das bestätigt die Analyse der 100 besten Arbeitgeber. 48 Prozent der Siegerfirmen bezeichnen ihre Gewinnentwicklung im Branchenvergleich als "überdurchschnittlich", weitere 24 Prozent sogar als "stark überdurchschnittlich".

Die Besten schaffen zudem mehr neue Stellen als vergleichbare Unternehmen. "Gute Arbeitgeber sind keine Sozialromantiker, sondern erfolgreiche Leistungsgemeinschaften", bringt es Frank Hauser, Geschäftsführer von Great Place to Work Deutschland, auf den Punkt.

Druck wirkt contraproduktiv

88 Prozent der Mitarbeiter der 100 Sieger sagen: "Ich bin stolz auf das, was wir gemeinsam leisten." Gute Arbeitsplatzkultur bedeutet nicht, Mitarbeiter weich zu betten, betont Rotermund. Jeder Mensch leiste schließlich gerne. Zu viel Leistungsdruck aber wirkt kontraproduktiv.

Genauso sieht man das bei SMA Solar Technology, Platz eins in der Kategorie über 5000 Mitarbeiter. Platz zwei und drei belegen die Techniker Krankenkasse und Telefónica Germany. "Eine Hochleistungskultur entsteht nicht durch Druck, sondern durch Zug. Druck erzeugt nur Widerstand in der Belegschaft", sagt Jürgen Dolle, Vorstand Personal beim Weltmarktführer für Solarwechselrichter SMA.


Foto: Yuri Arcurs/Fotolia

Wichtig sei, die Beschäftigten mitzuziehen. Dabei müsse die Führung lediglich die Richtung vorgeben. Der Arbeitgeber muss den Weg frei räumen, damit Mitarbeiter ihre Eigenmotivation voll entfalten können, so lautet auch das Credo des Personaldienstleisters DIS AG, Sieger in der Kategorie 501 bis 2000 Mitarbeiter.

Auf Platz zwei und drei folgen die IT-Beratung Netapp und der Industriespezialist W.L. Gore. "Wir setzen auf Menschen, die unternehmerisch denken und handeln", sagt Peter Blersch, Chef der DIS AG. Die Firma definiere lediglich die groben Leitplanken.

Die Beschäftigten der DIS AG arbeiten verteilt über 160 Niederlassungen und erhalten viel Eigenverantwortung. Etliche Ehemalige kommen von Wettbewerbern wieder zurück. Für Blersch der beste Beweis für eine gute Arbeitsplatzkultur.

Work-Life-Balance

"Sehr gute Arbeitgeber haben eine hohe Bereitschaft, sich auf die Belange jedes Einzelnen einzustellen", sagt Hauser. Sie fördern Mitarbeiter nicht nur fachlich, sondern in allen Lebenssituationen. Gerade auf die Balance zwischen Arbeit und Privatleben achten Unternehmen viel stärker als früher, beobachtet der Arbeitsplatz-Experte.
 
Die psychische Belastung ist jedoch auch für sehr gute Arbeitgeber eine Herausforderung. Bei den Preisträgern sagen 67 Prozent der Mitarbeiter: "Ich bleibe psychisch und emotional gesund." Bei den nichtplatzierten Firmen sagen das nur 47 Prozent.


Foto: Yuri Arcurs/Fotolia

Um dauerhafte Überarbeitung zu vermeiden, sind bei SMA Seminare zum Thema "Gesund führen – sich selbst und andere" Pflicht. "Wir appellieren an Führungskräfte, achtsam zu sich selbst zu sein. Nur dann können sie auch achtsam mit Mitarbeitern umgehen", sagt Personalvorstand Dolle. "Vorgesetzte wirken als Vorbild – im Guten wie im Schlechten."

Derzeit arbeitet SMA Solar an Mail-Richtlinien: Mails außerhalb der Dienstzeiten müssen weder gelesen noch beantwortet werden. Denn nur wer komplett von der Arbeit abschaltet, kann für den Job neue Energie auftanken, so Dolle.

Noventum etwa ermutigt Mitarbeiter, sich um ihre seelische Gesundheit zu kümmern und bietet für jeden kostenlose Trainings zur "Selbstverbundenheit" an. Rotermund betrachtet seine Leute ganzheitlich. Im familiären Notfall etwa gehen deshalb Mitarbeiter gegenüber Kunden vor. Rotermund: "Ist unser Mitarbeiter überfordert, hat der Kunde nichts davon."

"Frech-Daxe"

Beschäftigte privat zu entlasten, darum bemüht sich auch Volkswagen Financial Services, Platz eins in der Kategorie 2001 bis 5000 Mitarbeiter, gefolgt vom Handelsunternehmen Tegut Gutberlet Stiftung und dem Sensorhersteller Sick.

Die Braunschweiger Volkswagen Financial Services unterhält nach eigenen Angaben Deutschlands größten Betriebskindergarten. Die "Frech Daxe" haben 170 Plätze für Kinder von null bis sechs Jahren – geöffnet ist von 6.30 bis 20.30 Uhr. Mitarbeiter können ihr Kind flexibel einbuchen und kurz anrufen, falls es mal eine Stunde später wird. "Das nimmt arbeitenden Eltern, die sonst zur Kita hetzen müssten, viel Stress", sagt Christiane Hesse, Vorstand Personal und Organisation.


Foto: Yuri Arcurs/Fotolia

VW Financial Services zeichnet sich wie alle Sieger durch eine ausgeklügelte, permanente Feedbackkultur aus. Neben der jährlichen Mitarbeiterumfrage bekommen Vorgesetzte seit einem Jahr direktes Feedback vom Team über eine Live-Abstimmung per iPad.

Mitarbeiter beantworten 36 Fragen zum Chef. Das wahrt Anonymität, bringt aber sofort Ergebnisse, über die alle mit einem Moderator diskutieren. Über 80 Prozent der Vorgesetzten bekommen sehr gute Bewertungen. "Das zeigt uns: Es lohnt sich, in die Entwicklung von Führungskräften viel zu investieren", sagt Hesse.

"Vertrauenskultur ist ansteckend", das kann Noventum-Chef Rotermund nach 15 Jahren Selbstversuch nur bestätigen – wie auch seine Mitarbeiter. "Die Führungskräfte vertrauen auf unsere gute Arbeit, ohne sie ständig zu kontrollieren", sagen sie unisono.

Das gegenseitige Vertrauen wird belohnt. Rotermund schickt regelmäßig Mitarbeiter zum Arbeiten und Erweitern des Horizonts in Auslandsbüros nach Istanbul oder Südafrika. Denn der Vorzeige-Chef ist überzeugt: "Spaß bei der Arbeit hält gesund!"


Foto: Yuri Arcurs/Fotolia

Zum zehnten Mal hat die internationale Forschungs- und Beratungsfirma Great Place to Work Institute die Vergleichsstudie "Deutschlands Beste Arbeitgeber" durchgeführt. Das Handelsblatt und das Personalmagazin sind Medienpartner.

Insgesamt 406 Firmen mit über 50 Mitarbeitern haben diesmal ihre Qualität als Arbeitgeber auf den Prüfstand gestellt. Die besten 100 Unternehmen erhalten das Gütesiegel "Beste Arbeitgeber 2012".

Sie wurden in vier Größenklassen unterteilt. Die Wertung Great Place to Work untersuchte die Arbeitsplatzkultur nach Kriterien wie Glaubwürdigkeit, Respekt, Fairness, Stolz und Teamgeist. Es wurden 60 Einzelaspekte beleuchtet, welche die Beziehungen der Mitarbeiter zu Führungskräften, Kollegen und zum Unternehmen bestimmen.

Insgesamt etwa 100.000 Beschäftigte standen diesmal anonym Rede und Antwort und benoteten Arbeitgeber und Unternehmenskultur. Ihr Votum floss zu zwei Dritteln in die Wertung ein. Die Personalabteilung musste sich zudem einem umfangreichen Audit ihrer Arbeitsplatzkultur unterziehen. Dieses Ergebnis floss zu einem Drittel in die Bewertung ein.

Weitere Informationen unter www.greatplacetowork.de

Artikel teilen

Jetzt die besten Jobs finden.

Standort erkennen

    Ihr Browser ist veraltet. Deshalb können Sie diese Webseite nicht korrekt darstellen!

    Bitte laden sie einen dieser aktuellen, kostenlosen und exzellenten Browser herunter:

    Für mehr Sicherheit, Geschwindigkeit, Komfort und Spaß.

    Lade Seite...