Deutschland Die Regionen der Zukunft

Es muss nicht immer London, Paris oder Berlin sein. Spannende Jobs und hohe Lebensqualität gibt es auch fern der Ballungszentren. Von Ostwestfalen über die Main-Spessart-Region bis zum Bodensee - Junge Karriere stellt Regionen mit Zukunft vor.

S. Hergert, C. Sonnet, M. Detering | , aktualisiert

Landluft statt Smog, einsame Kühe auf der Wiese statt Menschenmassen in der Fußgängerzone, mit dem Fahrrad über ruhige Wege zur Arbeit statt mit dem Auto im Feierabendstau. Die Metropolen strapazieren die Nerven, auf dem Land ist vieles einfacher. Nicht nur das Leben.

Das Schweizer Wirtschaftsforschungsinstitut Prognos hat im Auftrag des Handelsblatts untersucht, wer zu den wettbewerbsstarken Regionen zählen wird. Alle 413 Kreise und kreisfreien Städte in Deutschland wurden auf ihr Potenzial hin in sieben zukunftsträchtigen Wirtschaftszweigen geprüft. Also: Welche Regionen bieten über die Krise hinaus langfristig Perspektiven? Das Ergebnis: Hamburg, Berlin, München und Frankfurt sind stark - keine Frage. Doch Bodensee, Paderborn, Main-Spessart, Heilbronn und Chemnitz sind auch attraktiv, vielleicht sogar spannender als die bekannten Metropolen, wenn es wieder aufwärts geht.

Jede dieser fünf Regionen abseits der großen Ballungszentren, die Junge Karriere auf den nächsten Seiten vorstellt, hat eigene Stärken, Schönheiten und skurrile Seiten. Chemnitz steht - durch den starken Maschinenbau - 20 Jahre nach dem Mauerfall der nächste Wandel bevor. Der Kreis Heilbronn lockt als Baden-Württemberg in komprimierter Form, auf Platz 25 der Prognos-Gesamtwertung hat er es mit den Schwergewichten Fahrzeug- und Maschinenbau geschafft. Wer hingegen das junge Paderborn bereist - 40 Prozent der Einwohner sind unter 35 -, spürt den Gegensatz zwischen Tradition und Moderne, der die Firmen der Informations- und Kommunikationstechnologien prägt.

Rund um die Wälder des Landkreises Main-Spessart bieten kleine Maschinenbauer lukrative Jobs, auch die Mess-, Steuer- und Regeltechniker sind hier richtig stark. Und am Bodensee kann man viel mehr machen als nur Urlaub. Der Kreis steht beim Maschinenbau auf Platz eins im Prognos-Ranking und in der Gesamtschau auf Rang 20. Die angrenzenden Kreise Ravensburg und Konstanz sind hingegen in der Gesundheitswirtschaft sehr gut aufgestellt. Die gesamte Region wächst, während viele andere Einwohner verlieren.

Die Konkurrenz der Städte ist enorm. Es gibt Bars, Restaurants und Kinos im Überfluss, dazu Einkaufsmeilen in der Innenstadt, das Fitnesscenter mit eigenem Spa in der Nähe und eine Videothek um die Ecke. Diese Vielfalt wirkt wie ein Magnet. Auch auf namhafte, internationale Unternehmen, die sich in prominenter Lage präsentieren wollen. Wer dagegen aufs Land zieht, muss mit Vorurteilen klarkommen: zu provinziell, zu langweilig, zu deutsch. Nur unbekannte Firmen mit biederen Produkten seien dort zuhause, heißt es, und dass es an Internationalität mangele.

Die fünf Regionen im Überblick:

Doch gerade in den ländlichen Gegenden Deutschlands sitzen kleine und mittelständische Unternehmen, die in ihren Nischen Markt-, ja sogar Weltmarktführer und zugleich Global Player sind. Viele Familien- oder inhabergeführte Unternehmen sind darunter, die schon mal mehrere Zehntausend Mitarbeiter beschäftigen. Firmen wie der Automobilzulieferer Benteler, der Tunnelbohrbauer Herrenknecht oder Trumpf mit der Inhaberfamilie Leibinger. Sie fühlen sich noch verantwortlich für das, was sie selbst, ihre Eltern oder Großeltern aufgebaut haben, für ihre Mitarbeiter und für die Region, in der sie groß geworden sind.

Es sind Unternehmen, die selbst in der Krise fortführen, was sie seit Jahrzehnten leben. "Wir sind positiv überrascht über die Konstanz der Familienunternehmen im Recruiting, auch über die Krise hinweg", sagt Stefan Klemm vom Entrepreneurs-Club. Das hat er in einer Befragung unter Firmen, die am Karrieretag Familienunternehmen teilnehmen, herausgefunden: Statt nun weniger Fach- und Führungskräfte zu suchen, verstärken sie ihr Recruiting. Sie denken in längeren Zeiträumen, machen sich nicht abhängig von Quartalsergebnissen und suchen Mitarbeiter, unabhängig von der Wirtschaftslage. Die meisten der befragten Unternehmen wachsen auch jetzt noch.

Wer die berufliche Herausforderung sucht, findet sie auch fernab der Metropolen. Nichts spricht dagegen, nach zwei Jahren zurück in die Stadt zu ziehen, wenn es nicht funktionieren sollte. Doch wenn man sich einmal darauf einlässt, etwas Neues wagt, spricht vieles dafür, dass man die gewonnenen Vorteile und die Lebensqualität nicht so schnell wieder aufgibt. Zumal man in einer kleinen Stadt leichter Freunde findet. Keiner lebt anonym, jeder ist schnell erreichbar, der Zusammenhalt unter den Mitarbeitern und Nachbarn ist größer. Ohne eigenes Engagement klappt das natürlich nicht - wer neu ist und dazugehören möchte, muss aktiv werden, auf die Menschen zugehen. Auch eine Portion Beharrlichkeit gehört dazu. Doch es lohnt sich.

Herzlich willkommen im Abenteuer Land.

Die fünf Regionen im Überblick:

Paderborn - Kühe contra Computer

Paderborn hat ein Informationsproblem: "Natürlich ist es schwierig, jemanden von Paderborn zu überzeugen", gibt Nikolaus Risch zu. Aber nur, weil zu wenig Leute wüssten, wo die Stadt liegt und was sie ausmacht. "Wer erst mal hier ist, will so schnell nicht mehr weg", sagt der Präsident der Universität Paderborn. Zu konservativ, zu klein, zu katholisch, so lautet das Bild, gegen das er angeht. Dabei steht hier die Vergangenheit im direkten Kontakt mit der Zukunft: Das platte Land von Ostwestfalen-Lippe (OWL) mit seinen vielen Höfen ist eine der am dichtesten besiedelten Technologie-Regionen Deutschlands.

Mehr als 2000 landwirtschaftliche Betriebe bewirtschaften in und um Paderborn große Flächen, halten Rinder, Milchvieh oder Schweine. In Paderborn gibt es ein Traktorenmuseum, aber auch das größte Computermuseum der Welt. Der Computer-Pionier Heinz Nixdorf hat die Region maßgeblich geprägt und die Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Wissenschaft vorangebracht.

Bis 2015 soll Nordrhein-Westfalen zur Zukunftsregion Nummer eins in Deutschland werden. Dieses ehrgeizige Ziel hat sich die Landesregierung gesetzt. Dafür entsteht jetzt die Technologiemeile an der Paderborner Fürstenallee: Drei riesige Forschungs- und Entwicklungsbauten sind geplant, die Bauarbeiten beginnen Anfang 2010. Bis zu 1000 neue Arbeitsplätze sollen langfristig entstehen, viele der Projekte für die IT-Meile laufen schon. Größter Einzelgesellschafter ist mit 55 Prozent die Uni Paderborn, beteiligt sind aber unter anderem auch die Stadt und die Industrie- und Handelskammer.

Die enge Vernetzung mit der Forschung macht den Standort für Unternehmen interessant. Zwei von drei Geldautomaten in Deutschland tragen den Namen eines der größten Arbeitgeber der Region: Wincor Nixdorf. Grün spiegeln sich die Scheiben des flachen Glaskastenbaus der Zentrale im bedeckten Nachmittagshimmel. Ein riesiger Parkplatz bietet Platz für die mehr als 2000 in Paderborn Beschäftigten. Der Linienbus an der Hauptstraße hält nur alle halbe Stunde, aber ohne eigenes Fahrzeug wäre man in Paderborn ohnehin ziemlich aufgeschmissen.

Frankfurt, Venedig, Florenz - Paderborn!

Anke Oestereich hat eins. Bevor sie vor fünf Jahren aus ihrer Heimat Hamburg nach Paderborn zog, hatte sie schon in Frankfurt, Venedig und Florenz gewohnt. Und jetzt Paderborn. "Die Wege sind kürzer, das Umland ist wunderbar grün." Studiert hat sie Italienisch, Kunstgeschichte und Pädagogik, all das, was sie am meisten interessierte. Sie arbeitet bei Wincor Nixdorf im Marketing und in der Kommunikation für Osteuropa, Afrika und den Mittleren Osten. "Dafür musste ich am Anfang erst mal mein interkulturelles Verständnis ausbauen."

Mit der Mentalität der Einwohner hatte sie sich dafür schnell arrangiert. "Die sind den Hamburgern ähnlicher als ich dachte." Nur das Leben sei ruhiger, nicht so "bunt". Es gebe nicht so viele individuelle Szenen oder kulturelle Gruppen und auch nur zwei Kinos. Aber das mache nichts, sagt sie. Nur der Hamburger Hafen und das Wasser, das fehlt ihr hier.

Paderborn gilt als konservativ, der Altersdurchschnitt der Einwohner von 39,5 Jahren belegt diese These allerdings nicht. Paderborn zählt zu den jüngsten der größeren Städte. Im Stadtgebiet wohnen etwa 140000 Menschen, das Einzugs- und Pendlergebiet umfasst insgesamt etwa 300000. Die Arbeitslosenquote liegt bei 7,2 Prozent, knapp unter dem Bundesdurchschnitt von acht Prozent.

Alles Gründe, die Andreas Hilgers überzeugten, obwohl er Angebote von Unternehmen in anderen Städten hatte. Er entschied sich für dSpace, ein Spin-off der Uni Paderborn, das sich seit der Gründung 1987 zu einem Pionier in der Mechatronik entwickelt hat. Hilgers ist in einem 120-Seelen-Dorf groß geworden, studiert hat er Elektrotechnik in Köln. Der Ingenieur mag die Paderborner Größe, und er hat schnell Anschluss gefunden. "Dass die Ostwestfalen stur sind, stimmt nicht, sie sind nur nicht so impulsiv."

Darauf muss man sich einlassen, dann ist Paderborn eine "Liebe auf den zweiten Blick", wie Hilgers sagt. Und dann blitzt sie auch wieder auf, die Zukunft der Stadt. dSpace zum Beispiel, sein Arbeitgeber, zählt bei der Entwicklung von Fahr- und Flugzeugsimulatoren zu den führenden Unternehmen. Julia Merker hat es ebenfalls nach Paderborn verschlagen. Die 32-Jährige könnte im etwa eine Autostunde entfernten Dortmund als Anwältin arbeiten. Aber sie zog ein Forsthaus im Grünen vor, einen Kilometer entfernt von den nächsten Nachbarn. "Ich dachte, wenn schon Land, dann auch richtig." Für den Chipkartenhersteller Sagem Orga organisiert sie Messen in Deutschland und unterstützt das internationale Team.

Selbst ihre Kollegen aus Paris, die jede Woche anreisen, freuen sich, wenn sie hier mal ihre Ruhe haben und eine Kuh sehen, sagt sie. Nur ihre Freunde aus Berlin machten sich zu Beginn über ihre neue Wohnung lustig. Aber deren Schadenfreude ist inzwischen verklungen. "Die müssen in Berlin erst mal einen Weile laufen, bis sie im nächsten -dreckigen - Park sind."

Schwarzes Loch
Wer von dem Weltraumphänomen des schwarzen Lochs spricht, meint Überreste von toten Sternen. Deren Anziehungskraft ist so hoch, dass sie alles verschlingen. Selbst das Licht. Das gilt auch für Paderborn und Bielefeld.

Bielefeld ist die Stadt, die gar nicht existiert. Diese Verschwörungstheorie entstand vor etwa 15 Jahren im Internet. Seitdem wurde sie immer weitergesponnen und hält sich hartnäckig, als sogenannte Bielefeldverschwörung. Dass die Stadt, nur eine halbe Stunde von Paderborn entfernt, mit mehr als 300 000 Einwohnern die größte in Ostwestfalen-Lippe ist, spielt keine Rolle. Jetzt soll sogar ein Film über den "Bielefake" gedreht werden.

Dass Paderborn als schwarzes Loch bezeichnet wird, hat andere Gründe: die konservativen Wähler, der Einfluss der Schützenvereine und die Omnipräsenz der katholischen Kirche im Erzbistum. Dass dem High-Tech-Standort immer noch der Vorwurf der Rückständigkeit gemacht wird, erkennt man auch an der Antwort auf die Frage nach der Steigerung der Farbe schwarz: "Schwarz - Münster - Paderborn". Abhilfe schaffen könnte vielleicht der neue Schützenkönig: Er ist türkischer Muslim.

Friedrichshafen - Arbeiten, wo andere Urlaub machen

In der Manzeller Bucht geht am 2. Juli 1900 der erste Zeppelin in die Luft, schwebt 18 Minuten über dem Bodensee, bis zu 400 Meter hoch. Eine Gedenktafel erinnert daran. Heute ziehen Ruderer in Ufernähe ihre Bahnen, flitzt der Katamaran nach Konstanz auf die andere Seeseite, wo sich massive Berggipfel erheben. Als Urlaubsregion kennen die meisten Deutschen den Bodensee.

Wer sich umdreht, steht vor einer blassgelben, langgezogenen Fabrikhalle. Hier montieren 1500 Mitarbeiter von MTU Friedrichshafen, heute eine Marke von Tognum, Motoren. Ihre rund 4500 Kollegen werkeln am zweiten Standort in der Innenstadt Friedrichshafens. MTU Friedrichshafen, der Automobilzulieferer ZF, EADS, Zeppelin und unzählige Mittelständler haben hier ihren Sitz. Die Region steht für die Old Economy Deutschlands wie kaum eine andere, ist einer der größten Maschinenbaustandorte. Doch als Wirtschaftsregion kennen nur die wenigsten den Bodensee.

Der Bodenseekreis macht gerade einmal 30Prozent seines Umsatzes mit Tourismus, 70 Prozent kommen aus der Industrie, dem Gewerbe und den Dienstleistungen. Zudem haben sich das benachbarte Ravensburg und Konstanz zu bedeutenden Standorten der Gesundheitswirtschaft entwickelt.

Neue Mitarbeiter zu rekrutieren, ist für die Unternehmen hier nicht so schwer. "Die meisten finden sich relativ leicht damit ab, hierher zu ziehen", sagt Tognum-Personalvorstand Joachim Coers. So wie Maschinenbauerin Eva Cochems, die hier Urlaub und Arbeit verbindet. Sie kam für ein Praxissemester, schrieb dann ihre Diplomarbeit hier und stieg nach dem Studium bei MTU ein. In Jeans und Bluse läuft sie durch den schmalen Gang zu den Versuchsständen bei MTU, der Pferdeschwanz wippt mit jedem ihrer forschen Schritte. Sie kümmert sich als Versuchsingenieurin um die Abgasnachbehandlung, koordiniert und betreut Versuche mit den MTU-Motoren. Ihr Arbeitstag begann heute um 6.15 Uhr. "Viele hier beginnen recht früh und haben dafür am Nachmittag Zeit für den See", sagt sie.

Zur Entspannung über Berg und Tal

Das Wasser und die Berge sind es, die jährlich fast 230000 Touristen allein nach Friedrichshafen ziehen. Wenn im Sommer auch noch Messebesucher die Stadt bevölkern, kommen Fußgänger ohne Probleme über die Straße, weil der Verkehr steht. Eva Cochems nimmt es sportlich. Sie fährt leidenschaftlich gern Mountainbike und Rennrad, 90 Kilometer über Berg und Tal dürfen es schon mal sein. "Oft setze ich mich auch abends noch aufs Rad zum Abschalten. Das genieße ich total", sagt sie. Was sie begeistert: Selbst kleinste Wege seien beschildert.

Ausschlaggebend für ihre Entscheidung, zu MTU zu gehen, war der Bodensee nicht. Der Job passte und sie kann sich weiterentwickeln, das war ihr wichtig. Inzwischen hat sie hier ihre Heimat gefunden, ist angekommen und hat neue Freunde. "Ich genieße es jeden Tag, hier zu wohnen." Am "Dit" in ihrer Aussprache hört man, dass sie nicht aus der Region stammt. Sie ist in der Nähe von Trier aufgewachsen, hat dort studiert und wollte danach in eine andere Region, den "Horizont erweitern".

Das haben auch die Landräte und Wirtschaftsförderer getan. "Die Wirtschaft endet nicht an Verwaltungsgrenzen", sagt Hans-Joachim Hölz von der Wirtschaftsförderung im Landkreis Ravensburg. Der Wirtschaftsraum Bodensee umspannt vier Landkreise, doch eigentlich gehören das österreichische Vorarlberg und die Nordschweiz auch dazu.

Von der Old zur New Economy ist es hier nicht weit. Keine 15 Minuten braucht der Regionalzug ins mittelalterliche Ravensburg, der Stadt der Türme und Tore. Die kleinen Gassen der Innenstadt sind das Einkaufszentrum der Region. Am Samstag trifft man sich hier auf dem Markt, abends kommen die Jungen sogar aus Friedrichshafen und bevölkern die Kneipen und Cafés. Kliniken, Reha-Einrichtungen und vor allem die Bäder machen den Landkreis zum Gesundheitsstandort, von Ulm über Biberach bis Konstanz bündeln sich hier Pharmaunternehmen.

Jeden Morgen um sechs Uhr geht Tanja Huth auf die Fähre. "Das ist immer noch wie Urlaub, ich kann in Ruhe frühstücken, mit Blick auf die Berge und den See", sagt die Biologin. Sie wohnt in Konstanz, zwischen ihrem Haus und dem Arbeitgeber Vetter Pharma in Ravensburg liegt der See. Vetter stellt Spritzen und andere Behälter her und befüllt sie mit Wirkstoffen großer Pharmahersteller.

Tanja Huth prüft diese Stoffe. Die 34-Jährige ist eine von drei Teamleitern in der Produktkontrolle. Aus der Nähe von Neu-Ulm zog es sie an den Bodensee. Wandern, Skifahren, Klettern und Rudern - ihre Hobbys spiegeln wider, was in der Region möglich ist. Zum Wandern auf dem Hausberg Säntis auf Schweizer Seite ist es nicht weit, auf die Piste geht sie am Montafon. In diesem Jahr ist sie auch den Radmarathon rund um den Bodensee mitgefahren, die Gold-Etappe musste es sein, 220 Kilometer an einem Tag.

Huth will hier bleiben, hat gerade ein Haus gekauft. Viel Platz ist wichtig. Wenn man am Bodensee wohnt, wird das Heim schnell zum Feriendomizil für Freunde.

"Fünf-Länder-Eck"
Der Bodensee - das Drei-Länder-Eck. So kennt man die Region. Selbstbewusste Einheimische sprechen gerne auch vom Fünf-Länder-Eck, nämlich dann, wenn sie Bayern, Baden, Württemberg und Vorarlberg als eigenständig betrachten und mit der Schweiz vermählen.

Aber auch der klassische Dreiklang -Deutschland, Österreich, Schweiz - macht die wirtschaftliche und wissenschaftliche Zusammenarbeit deutlich. Die Beziehungen zum österreichischen Vorarlberg sind eng, in der Nordschweiz, wo es weniger Industrie gibt, sind die Unis St. Gallen und Thurgau wichtige Partner.27 Hochschulen aus vier Ländern bilden die Internationale Bodensee-Hochschule, Thurgauer Studenten können zu Vorlesungen nach Konstanz fahren, Forscher arbeiten an gemeinsamen Projekten.

Netzwerke wie Biolago mit mehr als 60 Biotechfirmen und Unternehmen der Lebenswissenschaften sowie Forschungseinrichtungen sorgen für länderübergreifenden Austausch. Eine seeumspannende Wirtschaftsförderung soll einmal entstehen. Und privat existieren die Grenzen ohnehin kaum noch. Wer hier lebt, fährt am Wochenende eher nach Zürich als nach Stuttgart oder München.

Neckarsulm - Das Ländle im Kleinen

Wie wird denn das nun richtig ausgesprochen? Neckars-ulm oder Neckar-sulm? So genau wissen das auch einige Einheimische nicht. Dabei ist es ganz einfach: Neckar und Sulm fließen hier zusammen. Also heißt es Neckarsulm. Die Stadt hat mehr Arbeitsplätze als Einwohner. Audi beschäftigt hier 14000 Mitarbeiter, die Schwarz-Gruppe hat hier ihren Sitz. Bosch forscht und entwickelt wenige Kilometer entfernt. Das sind die Großen. IT-Unternehmen wie TDS, ICP vortex oder Bechtle und zahlreiche Automobilzulieferer sind hier gewachsen. Das sind die Kleineren.

Neckarsulm liegt im Landkreis Heilbronn. Und der ist ein Abbild von Baden-Württemberg, das "Ländle" im Kleinen also. Maschinen- und Fahrzeugbau dominieren, hinzu kommen starke Mittelständler aus der IT-Branche, die Arbeitslosenquote ist trotz Krise mit 5,1 Prozent gering. Und auch die Landschaft hier spiegelt das Bundesland wider: An fast jedem Hügel wird Wein angebaut, der Neckar ist das Erholungsgebiet vor der Haustür und die Löwensteiner Berge locken nicht nur Motorradfahrer.

Fast 62000 Menschen arbeiten in den vom Wirtschaftsinstitut Prognos herausgearbeiteten Zukunftsbranchen, allein 17000 im Fahrzeugbau. Ein Vorteil: Wer hierher kommt, muss nicht gleich wieder umziehen, wenn er den Arbeitgeber wechselt. "Im Umkreis von 50 Kilometern sitzen ein halbes Dutzend Top-Mittelständler", sagt Heiner Diefenbach, Vorstandsvorsitzender des ITDienstleisters TDS. Hinzu kämen die schöne Umgebung, vielfältige Freizeitmöglichkeiten und ein toller Menschenschlag. Bodenständig sei man hier, wo Franken, Schwaben und Baden aneinandergrenzen. Ein Fleck zum Wohlfühlen.

Das findet auch Eva-Maria Werner, die aus dem Westerwald kommt, Maschinenbau an der Hochschule Darmstadt studiert hat und für ihre Anstellung beim Automobilzulieferer Bosch in die Region zog. Nur die Menschen, die seien ja schon ein bisschen gewöhnungsbedürftig, sagt die 32-Jährige. "Man spricht eben auch nicht die gleiche Sprache." Sie bevorzugt, das ist deutlich hörbar, das Hochdeutsche. An Wörter wie "Preschdlengsgsälz" (Erdbeermarmelade) musste sich die Zugereiste erst einmal gewöhnen. Anpassen wird sie sich sprachlich aber nicht.

Eva-Maria Werner und ihr Team stimmen bei Bosch Engineering Motorsteuergeräte zum Beispiel auf Sportwagen kleinerer Hersteller ab. Dafür muss sie die Wagen testen. Spaßfaktor: hoch. Nur zu hohe Absätze sollte sie dabei nicht tragen. Die schwarzen Lederpumps mit den kleinen Absätzen, die sie heute zu Jeans, weißer Bluse und kariertem Blazer trägt, sind noch in Ordnung.

Die Highlander im Forschungszentrum

Bosch hat 2004 in Abstatt einen Forschungs- und Entwicklungsstandort mit heute fast 3000 Mitarbeitern eröffnet, die Nähe zum bestehenden Standort war für die Standortwahl entscheidend. Auf einem Hügel thront das Bosch Forschungszentrum: moderne Gebäude, über eine Art Piazza verbunden, mit Blick auf Weinberge und Gänsezucht auf den Nachbarhügeln. "Ein paar Leute in Abstatt nennen uns die Highlander", sagt Bernhard Bihr, Geschäftsführer der Engineering-Tochter von Bosch. In dieser Abgeschiedenheit tüftelt es sich wohl besser.

Dabei hätten auch die Winzer diesen Flecken gerne genutzt. Als Bagger den Boden für das Zentrum aushoben, stellte sich heraus, dass die Erde ideal für den Weinbau ist. Doch sie werden es verschmerzen. Immerhin liegt schon die größte Rotweingemeinde Deutschlands im Landkreis. Die vielen Winzer hier verkaufen ihren Lemberger oder Trollinger direkt ab Hof, wenn ihn die Gäste nicht direkt in den Besenwirtschaften trinken. Einmal im Jahr steht das große Weinfest an. "Zum Weindorf in Heilbronn trifft sich dann die ganze Region", sagt Andreas Heinrich.

Sein Arbeitgeber, der IT-Dienstleister Bechtle, hat sich am Rande Neckarsulms einen modernen Flachbau auf die grüne Anhöhe gestellt - mit Glasfront und sonnigem Atrium, in dem mit Mensch-ärgere-dich-nicht-Figuren das Wachstum von fünf Mitarbeitern bis zu heute 4400 dargestellt ist. Eine typische Geschichte für die Region. Der 27-jährige Informatiker schrieb hier seine Diplomarbeit und arbeitet heute in der ITSicherheit. Ursprünglich kommt er aus der Nähe von Limburg.

Der Landkreis ist auf Zugezogene angewiesen. Schon vor der Krise fehlten Fachkräfte, auch weil die Region im Bundesland den letzten Platz bei der Zahl der Hochschulplätze pro Einwohner belegt. "Der Fachkräftemangel wird nach der Krise ganz schnell wiederkommen", sagt Landrat Detlef Piepenburg. Die muss erst einmal überwunden werden. Aber dann ist jeder, der sich vorstellen kann, zwischen Fluss und Weinbergen zu wohnen, und eine etwas beschwerliche Anreise nicht scheut, willkommen.

Heilbronn ist nämlich noch immer eine IC- und ICE-freie Zone, nahezu historische Regionalzüge rumpeln hierher über die Gleise. Automatische Türen oder Klimaanlage? Auf den meisten Strecken Fehlanzeige. Zumindest auf dem Weg nach Würzburg könnte es bald besser werden. Es ist geplant, die Strecke auszubauen. Auch in diesem Punkt holt die Provinz auf.

Wasser und Wein
"A bissle oiga", ein wenig speziell, sind sie ja, die Schwaben. Die Winzer heißen "Wengerter", ihren Wein trinkt man in Besenwirtschaften, also kleinen Lokalen oder Gasthäusern, in denen sie zu ihren Tropfen auch meist kleine Brotzeiten anbieten. Ob geöffnet ist, sieht man am Besen, der am Straßenrand hängt.

Die Gegend im Neckartal um Heilbronn ist das Herz des württembergischen Weinbaus. Die Reben haben hier schon die Römer in den fruchtbaren Boden gesetzt. Und angeblich wusste bereits der Hofkaplan Kaiser Maximilian I. im 16. Jahrhundert, dass es in Heilbronn den besten Neckarwein gibt. Mehr als 500 Hektar Rebfläche hat die Stadt und ist damit eine der wichtigen Weinbaugemeinden hierzulande. Die besten Weine sollen angeblich vom Staufenberg sowie dem Stifts- und Wartberg kommen.

Übertroffen wird Heilbronn aber von Brackenheim im Landkreis. Die Stadt hat mit allen Teilen gerade einmal 15000 Einwohner, rühmt sich jedoch, nicht nur die größte Rotweingemeinde Deutschlands zu sein, sondern auch die größte Lembergergemeinde der Welt. Lemberger und Trollinger sind wohl die bekanntesten Rotweinsorten. Weißweine wie Riesling oder Silvaner gibt es hier aber auch.

Wiesthal - Zwischen Grün und Großstadt

Marco Traulsen zog für seinen Job über 650 Kilometer quer durch Deutschland. Der 27-Jährige ist in einem kleinen Ort in Schleswig-Holstein aufgewachsen und hat in Flensburg studiert, immer das Meer vor der Tür. Heute arbeitet Traulsen in einem Tal im Spessart. Wenn er aus dem Bürofenster schaut, sieht er Bäume, nichts als Bäume. Neben dem Firmenparkplatz grast eine Herde Schafe, dahinter erhebt sich bereits der bewaldete Berghang.

Traulsen ist Personalreferent beim Messtechnikhersteller Wenzel am Rande des 1400-Seelen-Dorfs Wiesthal. "In Schleswig-Holstein habe ich bereits alles gesehen. Ich wollte ausprobieren, ob ich auch zurechtkomme, wenn ich auf mich ganz allein gestellt bin", sagt er. So ganz wollte er sich auf die nordbayerische Provinz dann aber doch nicht einlassen. Er wohnt lieber in Würzburg und pendelt morgens und abends 50 Kilometer. "Ich brauche einfach das Gefühl, dass ich sofort in ein Kino oder unter Leute gehen könnte, wenn ich denn möchte", sagt der Betriebswirt.

Der Landkreis Main-Spessart ist einer der wirtschaftlich erfolgreichsten Regionen in Deutschland. Hier gibt es nicht nur Wald und Weinberge, sondern auch viele High-Tech-Unternehmen. Der Landkreis liegt zentral zwischen Frankfurt und Würzburg. Im Schatten der beiden Großstädte gehen deshalb auch Akademiker auf Jobsuche, die nach dem Trubel in einer Universitätsstadt nicht sofort auf das Land ziehen wollen. Diesen Schritt wagen viele erst nach einigen Jahren. "Faktoren wie der Wald, die gute Luft, die geringe Kriminalität, Kinderfreundlichkeit und die ländliche Idylle werden dann wichtig, wenn Kinder im Anmarsch sind", sagt Oliver Freitag von der Industrie- und Handelskammer Würzburg-Schweinfurt.

Viele junge Mitarbeiter von Wenzel pendeln. "Die reisen täglich aus Würzburg, Aschaffenburg oder Frankfurt an oder sind Wochenend-Heimfahrer", sagt Geschäftsführerin Heike Wenzel-Däfler. Auch Marco Traulsen zog es vor allem wegen des Jobs in die Region. Der 27-Jährige machte am Ende des Studiums ein Praktikum in München. Einer seiner dortigen Kollegen wechselte zu Wenzel, so stieß er auf das kleine Unternehmen. Als Personalreferent hält Traulsen Kontakt zu Universitäten, er sichtet Bewerbungsunterlagen und führt Einstellungsgespräche. "Da wir nur eine kleine Personalabteilung sind, kriege ich die ganze Bandbreite an Personalaufgaben mit", sagt Traulsen. Die Arbeit bei einem Mittelständler sei abwechslungsreicher als bei einem Konzern. Dafür nimmt er die lange Anfahrt in Kauf.

Die Region steht trotz der Wirtschaftskrise gut da. Während die Arbeitslosenquote bundesweit zuletzt bei rund acht Prozent lag, betrug sie im Kreis Main-Spessart 3,5 Prozent. Größter Arbeitgeber ist der Hydraulikhersteller Bosch-Rexroth in Lohr. Dort arbeiten rund 6000 Mitarbeiter. Im Dunstkreis des Global Players siedelten sich viele andere Unternehmen der Branche an.

Schicker Wohlstand

Selbst die größten Städte im Landkreis sind beschaulich: Lohr, Karlstadt und Marktheidenfeld haben 11000 bis 16000 Einwohner. In der Marktheidenfelder Altstadt stehen jahrhundertealte Fachwerkhäuser, schmale Gassen führen hinunter zum Main, alles ist fein herausgeputzt. In dem Ort tummeln sich aber nicht nur erholungssuchende Touristen. Am Abend zieht es noch einige junge Leute in die Kneipen und Cafés. Am Mainufer plaudern Paare auf der Terrasse eines schicken Cafés, das mit seiner dezentblauen Beleuchtung und mediterranen Einrichtung auch in München oder Zürich einen guten Eindruck hinterlassen würde. An den Ausfallstraßen der Stadt stehen neue, gläserne Autohäuser, die eigentlich viel zu groß sind für den kleinen Ort. Der Eindruck ist eindeutig: Hier herrscht Wohlstand.

Das Geld verdient wird etwa auf dem Dillberg, einem Gewerbegebiet am Ortsrand. Dort sitzt der Automatisierungshersteller Elau, der Steuerungen und Antriebe für Produktions- und Verpackungsmaschinen herstellt. Elau ist wenig bekannt, nur wenige Hochschulabsolventen stoßen so einfach auf das Unternehmen. Eine eigene Universität gibt es im Landkreis nicht. "Die meisten jungen Ingenieure rennen zu den Großkonzernen. Die wissen gar nicht, welche spannenden Aufgaben es auch bei anderen Unternehmen gibt", sagt Klaus Weyer, der Leiter des Strategischen Marketings.

Um das zu ändern, kooperiert Elau mit mehreren Hochschulen. Die Studenten an den Fachhochschulen in Würzburg, Schweinfurt und Aschaffenburg sowie an der Universität Kassel erhalten von ihren Professoren praxisnahe Aufgaben, für die Elau die Technik zur Verfügung stellt. Auch mit Praktika und Diplomarbeiten werden die Studenten auf das Nischenunternehmen aufmerksam.

Einer, für den es keine schönere Region als den Spessart gibt, ist Sebastian Diehm. Er programmiert bei Elau die Software für die Automatisierung von Maschinen. Der 29-Jährige ist in Hasloch, einem kleinen Dorf im Spessart, aufgewachsen und hat an der Fachhochschule Würzburg Technische Informatik studiert. Er informierte sich auch bei Unternehmen in Würzburg und München nach Arbeitsstellen, blieb dann aber doch im Spessart. Er hat dort viele Freunde, und auch seine Frau kommt hierher. Er wohnt nun in Wertheim, einer 24000-Einwohner-Stadt im Nachbarlandkreis. "Wertheim hat eine romantische Altstadt. Und die Stadt ist so groß, dass da auch mal etwas los ist", sagt Diehm. Beim "Night-Groove" sorgen Bands für gute Stimmung in allen Kneipen und Restaurants, und auf der hoch über der Stadt gelegenen Burg Wertheim führen Schauspieler Theaterstücke auf.

In der Region seien auch die Karriereaussichten besser, meint Diehm. Neben dem Studium hatte er für ein Unternehmen in Aschaffenburg programmiert, das Software für Banken und Versicherungen entwickelt. Dort saß er mit Dutzenden Kollegen in einem Büro, alle Mitarbeiter betreuten denselben Kunden. "Man bearbeitete dort immer nur kleine Detailfragen. Das konnte ich mir langfristig nicht vorstellen", erzählt der Informatiker. Über einen Freund, der bei Elau ein Praktikum gemacht hatte, hörte er zum ersten Mal von Elau. "Ich hatte die Hoffnung, dass man im Mittelstand schneller eigene Projekte machen kann und Verantwortung übernimmt", sagt er. Die Hoffnung hat sich erfüllt: Diehm ist inzwischen einer von zwei Projektleitern in einem sechs Mitarbeiter großen Entwicklerteam.

Wie erkläre ich es meinen Freunden?
Wen es in die Provinz verschlägt, der sollte sich auf eine nervende Frage gefasst machen: "Was willst du denn da?" Wer das nicht spontan beantworten kann, hat wohl etwas falsch gemacht. Am besten kalkuliert man daher gleich beim Vorstellungsgespräch mehr Zeit ein, erkundet die Stadt und fragt junge Leute. Landkarte, Reiseführer und das Internet helfen ebenfalls, Freizeitangebote ausfindig zu machen.

Im Landkreis Main-Spessart könnte die Antwort dann lauten: "Hier kann man wunderbar mountainbiken." Tief abfallende Täler und steile Berghänge erfordern großes Können. Einer der größten Fahrradmarathons findet im Spessart statt. Oder man macht die Freunde neidisch mit dem Satz: "Kommt mich mal im Winter besuchen, dann können wir Ski fahren." Zum Beispiel im Skigebiet Winterloch bei Heigenbrücken.

Wenn das nicht hilft, rettet vielleicht noch der Verweis auf Bier und Wein. Viele fränkischen Städte haben eigene Brauereien, und aus der Rebsorte Silvaner wird Wein hergestellt, der als einer der besten in Deutschland gilt.

Chemnitz - Die zweite Wende

Karl Marx ist sieben Meter groß, dunkelgrün und guckt sehr ernst. Er steht in Chemnitz, der Stadt, die früher Karl-Marx-Stadt hieß, direkt neben der Straße der Nationen. Nachts strahlen Scheinwerfer ihn an, auf den ersten Blick könnte man denken, es habe sich gar nicht viel geändert seit der Wende. Aber die Stadt hat eine rasante Entwicklung hinter sich.

Die riesigen Volkseigenen Betriebe (VEB) hat die Treuhand nach der Wende in kleinere Unternehmen aufgeteilt. Viele von ihnen gibt es heute noch, sie bilden die Grundlage für das enorme Wirtschaftswachstum der letzten Jahre. So ist der Umsatz im verarbeitenden Gewerbe zwischen 7,2 und 13,7 Prozent gewachsen. Der Maschinen- und Anlagenbau wuchs 2007 sogar um 15,7 Prozent. 20 Jahre nach der Wende steht die Region jetzt erneut vor massiven Veränderungen: Zahlreiche Zulieferer im Fahrzeugbau haben ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt, um sie so lange wie möglich halten zu können. Der Maschinenbau leidet unter dem massiven Auftragseinbruch, aber auch hier werden die meisten Fachkräfte gehalten. Weil sie wissen, wie schwer es wäre, sie nach der Krise zurückzuholen.

Anja Göhler kommt das sehr entgegen, sie will in Chemnitz bleiben. Sie arbeitet beim Maschinenbauer Starrag-Heckert, der aus dem VEB Werkzeugmaschinenkombinat Fritz Heckert hervorgegangen ist. Das Unternehmen hatte in der DDR zeitweise 5000 Mitarbeiter, damals wurden viele Teile noch selbst gefertigt, die heute zugeliefert werden. Göhler ist die einzige Software-Entwicklerin in ihrem Team. Aber sie hatte nie ein Problem mit Männerdomänen, trägt ihre schwarzen Haare kinnlang und ein Tattoo wickelt sich um den Oberarm.

Die 30-Jährige entwirft Bedienoberflächen für die großen Präzisionsfräsmaschinen, die anschließend beim Kunden Teile für Autos oder Windräder herstellen: "Ich baue die Brücke zwischen Mensch und Maschine." Dass sie aus der Region kommt, hört man an der Art wie sie "jetze" und "ebend" sagt. Die studierte Wirtschaftsinformatikerin bewarb sich nach dem Abschluss deutschlandweit, und entschied sich dann ganz bewusst für Starrag-Heckert und Chemnitz. Weil die Menschen so herzlich und offen seien undweil man hier so gut und günstig wohnen könne. Das Unternehmen fertigt weltweit, nur wenige Mitarbeiter kommen aus den alten Bundesländern.

"Wenn man sich die Mühe macht, die schönen Seiten von Chemnitz zu entdecken, findet man sie auch", sagt Anja Göhler. Der erste Eindruck der Besucher sei meist nicht der beste, das weiß sie. Doch sie fährt oft mit ihrem Fahrrad und dem Fotoapparat durch die Stadt. "Die Stadt hat so viele Gesichter." Zum Beispiel das größte Gründerzeitviertel Europas, den Kaßberg. Sie mag das Eisenbahnmuseum und das Industriemuseum besonders. Hier gibt's die Vergangenheit zum Anfassen, denn die Industrie hat die Stadt groß gemacht und prägt die Region noch immer.

Schon jetzt fehlen in 30 Prozent der Industrieunternehmen der Region die Fachkräfte. Die Abwanderungsbewegung, die in zwei Wellen insgesamt 60000 Einwohner aus der Stadt geschwemmt hat, ist gestoppt. Die Leute kommen zurück oder entdecken die Region überhaupt erst. Das ist so wichtig, weil nach der Wende vor allem die Jüngeren abgewandert sind, die plötzlich arbeitslos waren. Sie haben ihre Kinder woanders bekommen, den Nachwuchs, der jetzt so fehlt. Der demografische Wandel hat Chemnitz fest im Griff, der Altersdurchschnitt liegt mit 49,5 Jahren weit über dem Bundesdurchschnitt von knapp 42 Jahren.

Fokus auf Maschinen- und Fahrzeugbau

Gerade deshalb bieten sich hier Chancen für junge, qualifizierte Kräfte. 50 Prozent der Arbeitnehmer werden bis 2020 in Rente gehen, für jede vierte Stelle wird ein Akademiker gesucht. Mit dem Fachkräfteportal "Chemnitz zieht an" von 18 mittelständischen Unternehmen und der Wirtschaftsförderung soll ihnen diese Suche erleichtert werden. "Wir tun, was wir können", sagt Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig. Sie hat einen festen Händedruck, trägt die Haare kinnlang und hat sich einen Schal über die Schulter gelegt. In ihrem braun getäfelten Amtszimmer spricht sie vom Übergang zu einem modernen Standort für den Maschinen- und Fahrzeugbau. "Wer bereit ist für eine Stadt, die nie fertig sein wird, sollte nach Chemnitz kommen." Andererseits: Das Lohnniveau liegt in Ostdeutschland immer noch unter dem des Westens, und die großen Konzerne errichten ihre Zentralen zumeist woanders.

"Aber man braucht hier nicht so ein hohes Gehalt", betont Ulrich Geissler, der Wirtschaftsförderer der Stadt. Mit 20 Prozent weniger Einkommen als in den Metropolen habe man hier den gleichen Lebensstandard. Der Quadratmeterpreis liegt bei fünf Euro: Eine 80-Quadratmeter-Wohnung kostet 430 Euro warm. Das hat auch mit der DDR-Geschichte zu tun, die noch an jeder Ecke sichtbar ist: Frisch sanierte Altbauten neben leerstehenden Gebäuden mit zugenagelten Fenstern, die oft nur noch abgerissen werden können. "Ungleichzeitigkeit der Entwicklung" nennt Geissler das. Die Innenstadt wurde in den letzten zehn Jahren für insgesamt 500 Millionen Euro neu gebaut. So sind scharfe Kontraste wie auf dem Marktplatz entstanden, mit dem alten Rathaus neben der neuen verspiegelten Kaufhof-Fassade. Der vor sechs Jahren aus Frankfurt am Main Zugezogene lobt: "Das macht uns hier so schnell keiner nach."

Weitere Wege in die Moderne geht die Industriestadt Chemnitz und die Wirtschaftsregion um sie herum mit dem Aufstieg der erneuerbaren Energien. Die Deutsche Solar AG, Tochter der Solarworld aus Bonn, hat ihren Platz in Freiberg gefunden, auf halber Strecke zwischen Chemnitz und Dresden. Christian Löbel arbeitet dort als Prozessingenieur. Der 25-Jährige hat in Freiberg Maschinenbau studiert, sein Spezialgebiet ist die regenerative Energieversorgung. "Entwicklungsingenieur bei Siemens hörte sich auch verlockend an. Aber ich habe mich gegen das Großraumbüro im Großunternehmen entschieden", erklärt er seine Entscheidung, da zu bleiben, wo auch seine Familie und seine Freundin wohnen. Er ist hier fest verwurzelt. Große Städte besucht er zwar gerne, möchte aber nicht in einer leben müssen.

Die Deutsche Solar AG sucht vor allem Ingenieure und Naturwissenschaftler, in der Fertigungshalle arbeiten hauptsächlich Männer. Löbel ist Prozessingenieur der Kristallisation, dem Prozess, der aus dem Rohsilizium das Material für Solarzellen schafft. "Das große Wachstum des Unternehmens hat mich gereizt", erzählt er. Und die Überschaubarkeit von Freiberg, ohne den Stress und die vielen Menschen. Er sagt das ganz ruhig, und man kann sich gut vorstellen, wie gerne er an den Wochenenden seine Zeit im Park verbringt und entspannt ein Buch liest. "Ins Erzgebirge kann man eine Radtour machen, im Winter gehen wir da Ski fahren."

Für Sachsen spricht also mehr, als man zunächst denkt, vor allem wenn man noch nie dort war. Karl Marx war auch nie in Chemnitz. Heute üben die Skater von seinem Sockel ihre Sprünge. Und zeigen, dass man Vergangenheit und Zukunft auf ganz eigene Weise verbinden kann.

Und nü? Ein kleiner Kurs Sächsisch für Anfänger

Daach!: Hallo! 
Duhsdämah eingoofn gehn?: Gehst du einkaufen? 
Ebend: genau, stimmt, sehe ich genauso 
Eggsdahse: das höchste aller Gefühle 
Färrdl säggse: 17.15 Uhr 
Ei forrbibbch!: Na, so was aber auch! 
Jetze: jetzt, sofort 
Gaffee dringgn: Kaffee trinken 
Gall Maxx: ehemaliger Namensgeber der Stadt 
geene: keine 
Leibsch: Leipzig 
Roster: Bratwürstchen im Brötchen 
Nü?: kaum zu übersetzen, sinngemäß "nicht wahr?", aber auch "jetzt?" 
Sä währn enschulldchn (auch: Barrdong!): Entschuldigen Sie bitte 
"We wisch ju a plesant dschörni": Gute Reise (im Zug oder für englischsprachige Gäste)

Tatsache ist, dass niemand, der nicht aus Sachsen kommt, den Dialekt so echt nachahmen kann, dass ein echter Sachse das nicht raushören würde. Duhn das nuh alle forschdehn?

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