Demokratisierung der Arbeitswelt Mitmischen im Unternehmen

Digitalisierung verändert die Verhaltensweisen von Menschen – und in Zeiten der Digitalisierung wünschen sich die meisten Deutschen, dass Unternehmen demokratischer geführt werden.

TUM | AK | , aktualisiert

Mitmischen im Unternehmen

Foto: Robert Kneschke/Fotolia.com

Den eigenen Chef wählen und die Firmenstrategie mitbestimmen – Unternehmensalltag ist das noch nicht. Diese Studienergebnisse haben die TU München und das ISF München heute auf einer internationalen Konferenz vorgestellt. Bundesarbeitsministerin Nahles forderte dort, die Möglichkeiten der Digitalisierung für ein Mehr an Freiheit zu nutzen.

Der Startschuss für eine lebhafte Auseinandersetzung über eine neue Humanisierung der Arbeitswelt ist damit gefallen. Die digitale Vernetzung stellt die Arbeitsorganisation in Unternehmen auf den Prüfstand. Beschäftigte können und sollen ihr Wissen permanent teilen, Schnittstellen organisieren, über Abteilungsgrenzen hinweg interagieren. Das bedeutet auch: Unternehmen sind mehr denn je abhängig von der aktiven Beteiligung ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Doch Skepsis besteht, denn mitwirken wollen viele Mitarbeiter, Verantwortung tragen aber nur wenige. Können in Unternehmen überhaupt noch die wichtigsten Entscheidungen von einsamen Herrschern an der Spitze getroffen werden?

Schon heute gibt es Unternehmen, in denen Mitarbeiter das Management wählen, sich in Führungsrollen abwechseln, über Arbeitszeiten und Gehälter abstimmen, vor wichtigen Entscheidungen eingebunden werden oder die Bilanzen einsehen können. Über diese Modelle, Möglichkeiten und Herausforderungen, diskutierten Unternehmer, Gewerkschafter, Politiker und Wissenschaftler auf der Konferenz "Das demokratische Unternehmen – Aufbruch in eine neue Humanisierung der Arbeitswelt?" der Technischen Universität München (TUM), des Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung (ISF) München und der Human Ressources Alliance.

Bürger im Betrieb

Andrea Nahles, Bundesministerin für Arbeit und Soziales, erklärte, dass in unserem Arbeitsrecht die Demokratie im Unternehmen längst implementiert sei – mit Mitbestimmung, Kündigungssschutz, Gleichstellungsbeauftragten sowie Arbeits- und Gesundheitsschutz. "Demokratie fängt dort an, wo die Beschäftigten als ,Bürger im Betrieb’ ernstgenommen werden." Wo Vertrauen herrsche, steige Leistung, sei Raum für Innovation.
 
"Insbesondere die durch Digitalisierung veränderte Arbeitswelt bietet hier enorme Chancen und Möglichkeiten, ein Mehr an Freiheit und Vereinbarkeit von Leben und Beruf zu erreichen." Dies sei aber nur durch einen neuen Flexibilitätskompromiss möglich. "Demokratie im Unternehmen bleibt auch in Zukunft das richtige Modell." Wobei Mitbestimmung zu einem globalen Thema werden müsse.

Thomas Sattelberger, Vorsitzender der Human Ressources Alliance, forderte: "Demokratische Unternehmen sind eine neue Option der Unternehmensentwicklung und führen zu einem Systemwettbewerb, dem sich die starre deutsche Wirtschaft stellen muss. Vor allem Unternehmen, die von Innovationskompetenz leben, sind gefordert, nicht nur Souveränität bei Arbeitszeit und Arbeitsort sowie Mitsprache bei der Wahl von Führungskräften und Teamkollegen einzuräumen, sondern auch Mitarbeiter aktiv an der Entwicklung der Unternehmen teilhaben zu lassen."

Basisinformationen: Forschungsergebnisse der TU München und des ISF München

Die Erwartungen der Beschäftigten, die Strategien der Unternehmen und die Wirkungen neuer Organisationsformen haben offensichtlich noch keine richtige Passform: In einer repräsentativen Umfrage der TUM unter rund 1.000 Deutschen im Alter von 18 bis 65 Jahren stimmten rund zwei Drittel der Befragten ganz oder teilweise der Aussage zu, dass Unternehmen demokratischer geführt werden sollten. Attraktiv fand die Mehrzahl die Vorstellung, die eigene Führungskraft zu wählen, und mehr noch, die Firmenstrategie mitzubestimmen. Allerdings schätzten die Befragten es im Schnitt als wenig realistisch ein, dass diese Wünsche in Erfüllung gehen.

Kleine Unternehmen agieren demokratischer

Das spiegelt sich in den Einschätzungen von 45 Führungskräften, die die Wirtschaftswissenschaftler in einer zweiten Studie befragt haben: Die meisten Merkmale einer demokratischen Arbeitsorganisation werden auf der Chef-Ebene als schwer realisierbar betrachtet – vor allem die Möglichkeit der Mitarbeiter, betriebliche Daten wie etwa Gehälter einzusehen. Auffällig war, dass kleinere Unternehmen (zumindest in der Selbsteinschätzung) demokratischer agieren als größere. Dabei zeigt eine dritte TUM-Studie, dass dies für Unternehmen zum wichtigen Faktor im Wettbewerb um Personal und Geldgeber werden kann: Merkmale einer demokratischen Organisationsstruktur wirkten positiv sowohl auf die Attraktivität als Arbeitgeber als auch auf die Entscheidung, in die Unternehmen zu investieren. Probanden waren rund 200 Studierende und Berufsanfänger sowie 78 Investoren.

"Überall dort, wo Menschen unterschiedliche Perspektiven haben, wo es wichtig ist, Wissen, das auf mehrere Köpfe verteilt ist, zusammenzubringen – da sind demokratische Verfahren sehr geeignet", sagt Studienleiterin Prof. Isabell Welpe vom TUM-Lehrstuhl für Strategie und Organisation. "Technischer Wandel alleine, der nicht unterstützt wird von sozialem und organisatorischem Wandel, kann nicht funktionieren."

Mächtiges Controlling 

Dass die technischen Möglichkeiten nicht zwangsläufig zu mehr Demokratie führen, zeigt die Forschung des ISF München. In 14 Fallstudien der derzeit laufenden Forschungsprojekte "WING" und "Digit-DL" haben die Wissenschaftler in Unternehmen mehr als 150 Tiefeninterviews auf allen Hierarchieebenen geführt. Dabei stellten sie fest, dass viele Unternehmen mit den technischen Möglichkeiten der Datenauswertung rigide auf das Prinzip "Steuern nach Zahlen" setzen – was selbst bei einer flacheren Hierarchie zu mehr Entscheidungsmacht an der Spitze führt. Sogar Führungskräfte auf der mittleren Ebene geben an, sich als zahlengetriebene Exekutoren von Sachzwängen zu sehen. Von mehr Kontrolle sind auch Arbeitsfelder nicht ausgenommen, die eigentlich als prädestiniert für kollaboratives und eigenverantwortliches Arbeiten gelten, wie etwa die "Wissensarbeit".

Erfolgreiches Empowerment

Verbal besonders hochgehalten werden die Werte Transparenz, Zusammenarbeit und geteiltes Wissen, wenn Unternehmen mit Crowd- und Open-Innovation-Modellen arbeiten. Doch auch für die Mitarbeiter dieser Unternehmen bedeutet dies nicht immer mehr Entfaltungsspielraum. Stattdessen müssen sie sich vielfach gegen externe Ansprüche behaupten und erleben dies als Gefühl der Austauschbarkeit.

"Mit Blick auf die Demokratisierung der Arbeit bewegen wir uns auf eine Scheidelinie zu", sagt ISF-Vorstand Andreas Boes. "Neue Möglichkeiten der Beteiligung und des Empowerments der Mitarbeiter könnten demokratischen Unternehmen zum Durchbruch verhelfen. Gegenläufig ist aber auch eine Form der Herrschaft derjenigen denkbar, die die Daten besitzen."

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