Das befreiende Wort Mut zum Neinsagen

Wer immer zu allem "Ja" sagt, macht sich beliebt – könnte man meinen. Doch in Wahrheit leben Ja-Sager gefährlich: Sie schaden nicht nur ihrem Ruf – sondern auch ihrer Gesundheit.

Kerstin Dämon | , aktualisiert

Mut zum Neinsagen

Ein kleines Wort mit großer Kraft: Nein!

Foto: Sergey Nivens/Fotolia.com

"Könnten Sie noch?", "würdest du bitte...?", "du machst doch sonst auch..." – wer auf solche Aufforderungen chronisch mit Ja antwortet, hat ein Problem. Schlimmstenfalls endet man wie die Filialleiterin Sylvia Nester, die Karriereberater Martin Wehrle in seinem Buch "Bin ich hier der Depp? Wie Sie dem Arbeitswahn nicht länger zur Verfügung stehen" beschrieben hat.

Nester sagte nie Nein, was dazu führte, dass sie die Nächte im Warenlager ihrer Filiale schlief, um Einbrecher abzuschrecken. Der Chef hatte das für eine gute Idee gehalten. Weil sie Angst hatte, den Job zu verlieren, stimmte sie zu. Nach acht Monaten war Frau Nester gesundheitlich am Ende und ein Fall für den Therapeuten. Mit einem deutlichen "Nein" hätte sie sich das ersparen können. Frau Nester ist leider nicht die Einzige, die sich Dinge aufhalst, die sie gar nicht möchte. 2012 hat das Meinungsforschungsinstitut TNS mehr als 1.000 repräsentativ ausgewählte Deutsche befragt, ob es ihnen leicht fällt, eine Bitte abzulehnen. Das Ergebnis: 81 Prozent sagen zu oft Ja – und ärgern sich anschließend darüber. Wenn die Freunde fragen, ob man beim Umzug hilft, können 57 Prozent der Männer und 61 Prozent der Frauen nicht Nein sagen – und zwar unabhängig davon, ob sie Zeit haben, zu helfen.

Nicht einmal der Hund bekommt ein Nein

Wenn der Partner etwas möchte, sagen 52 Prozent der Männer und 46 Prozent der Frauen vorschnell Ja und sitzen dann in einem Kinofilm oder einer Opernvorstellung, für die sie sich nicht interessieren und für die sie das lange geplante Treffen mit den Studienkollegen abgesagt haben. Und wenn der Chef etwas will – egal, wie utopisch es sein mag – sagen 36 Prozent der Männer und 47 Prozent der Frauen sofort: "Na klar Chef, nichts lieber als das, Chef!" 14 Prozent haben sogar ein Problem damit, ihrem Haustier etwas abzuschlagen. Dann bekommt der Hund eben das Steak und schläft im Bett.

Doch wer sich nie widersetzt, kommt im Leben zu kurz, weiß der Entwicklungspsychologe Jürg Frick von der Pädagogischen Hochschule Zürich (PHZH). Wer ständig die eigenen Bedürfnisse ignoriere, um anderen zu gefallen oder um Konfrontationen aus dem Weg zu gehen, macht sich selber krank. Der Burnout wegen selbstgewählter Überforderung ist die logische Konsequenz.

Nein-Sagen – das gehört sich nicht

Doch woher kommt diese Ja-Sageritis, an der laut Umfrage schließlich vier von fünf Deutschen leiden? "Viele Probleme habe ihre Ursache darin, dass Menschen in ihrer Lebensgeschichte bestimmte Werte gelernt haben: Dass sie brav sein müssen, perfekt sein müssen oder nur geliebt werden, wenn sie tun, was man ihnen sagt", erklärt Frick. Wer von klein auf gelernt hat, dass ein "Nein, ich möchte das nicht" mit negativen Konsequenzen verbunden ist, tut sich deutlich schwerer, einen Wunsch abzuschlagen, als derjenige, dessen Grenzen immer akzeptiert wurden.

Die als Kind gelernten Muster treten dann auch im Erwachsenenalter auf. Viele Menschen hätten häufig größere Angst vor einer negativen Reaktion als nötig, erklärt Frick. "Viele malen sich Konsequenzen aus wie: die haben dann eine schlechte Meinung von mir oder sind enttäuscht."

Darüber hinaus ist es auch sehr bequem, Ja zu sagen: Man muss keinerlei negative Rückmeldungen fürchten, sich mit niemandem auseinandersetzen und zumindest kurzfristig gewinnt man Sympathie.

Allerdings werden Ja-Sager nicht um ihrer selbst Willen geliebt, sondern weil sie praktisch sind. Der Mensch neigt nun mal dazu, die Gutmütigkeit anderer auszunutzen. Auch die Eigenliebe und der Respekt vor sich selbst nehmen ab, wenn die Bedürfnisse anderer immer über den eigenen stehen und andere somit unser Leben bestimmen.

Ist das Ja-Sagen anerzogen?

Das Nicht-Nein-sagen-können ist ein Problem, das nicht vor Geschlecht oder Alter Halt macht. Sicherlich hat jeder schon einmal irgendetwas zugestimmt, was er eigentlich lieber nicht getan hätte. Es gibt aber Menschen, die eher dazu neigen, in die Gutmütigkeitsfalle zu tappen. "Was die Sozialisation beziehungsweise die Erwartungen anbelangt, haben Frauen eher eine Schwäche dafür, nicht Nein sagen zu können", sagt Frick. Männer beherrschten die Ja-Sagerei zwar auch, aber von Mädchen werde nun mal erwartet, dass sie brav und folgsam sind, wohingegen Jungs auch mal wild und stur sein dürfen.

Außerdem gibt es Berufe, die eine Nein-Schwäche fördern: "Wenn Sie im Lidl Büchsen ins Regal einsortieren und die Palette leer ist, wissen Sie, dass Sie Ihren Job erledigt haben. Aber es gibt eben auch Berufe, wo man immer noch mehr machen, sich immer noch besser vorbereiten kann", weiß Frick.

Helfersyndrom führt zum Burnout

So zeigt eine Studie der American Sociological Association, dass Krankenschwestern zur Ja-Sageritis tendieren. Und je mehr sie den Wunsch haben, durch ihr Tun anderen zu helfen, desto eher reiben sie sich auf. Bei einer Untersuchung unter 700 Krankenschwestern zeigte sich, dass diejenigen, die den Beruf hauptsächlich ergriffen haben, um anderen zu helfen, deutlich häufiger an Burnout erkrankten als andere Kolleginnen. Ein ähnliches Phänomen trete auch beim Lehrpersonal auf, weiß Frick. "Die haben hohe Ideale, wollen es gut machen und haben Schwierigkeiten, einen Punkt zu setzen", sagt er.

Die erwähnte Emnid-Umfrage hat auch gezeigt, dass besonders die Jüngeren ein Problem mit dem Wort Nein haben. 85 Prozent der 30- bis 39-Jährigen gaben an, ein Problem damit zu haben, auch einmal eine Bitte abzulehnen. Bei den Teilnehmern, die schon über 60 waren, sagten das 77 Prozent. Wenig verwunderlich, findet Frick: "Die 20- bis 30-Jährigen stehen beruflich noch am Anfang, da kann es negative Auswirkungen für die Karriere haben, wenn man sperrig ist und oft Nein sagt."

Bei den älteren Semestern sei einfach die Gelassenheit größer und die Angst vor Konsequenzen geringer. Wer kurz vor der Pensionierung stehe, mache sich nicht mehr allzu viele Gedanken, was ihm blühen könnte, wenn er mal keine Überstunden macht. Es gebe natürlich die Fälle, dass Angestellte entlassen werden, weil sie sich weigern, etwas zu tun. "Es kann aber auch passieren, dass das Gegenüber einem dafür gratuliert, dass man einen Einspruch gewagt hat", so Frick.

Problem erkennen

Das bestätigt auch die Hamburger Karriereexpertin Kerstin Hof: "Wenn ich auch mal Nein sage, kann ich mir sogar Respekt verschaffen, auch beim eigenen Chef." Denn schließlich ist das Geheimnis produktiver Menschen das Nein-Sagen. Denn nur dann kommt man überhaupt dazu, seine eigene Arbeit zu erledigen. Doch wie kommt man denn nun weg davon, jede noch so sinnfreie Arbeit anzunehmen, damit niemand enttäuscht ist?

Um aus dem Kreislauf aus Ja und Überforderung auszubrechen, muss man zunächst einmal bemerken, dass es überhaupt ein Problem gibt, so Frick. "Bei manchen braucht es einen starken Leidensdruck von Außen: Wenn beispielsweise der Partner sagt, dass er eine Trennung in Erwägung zieht, wenn man weiterhin alle Extraarbeiten erledigt, die der Chef einem aufträgt und deshalb nie zuhause ist", sagt er.

Abgrenzen lernen

Außerdem müsse der Betroffene etwas ändern wollen. Denn der Prozess der Abgrenzung kann unbequem werden. Frick: "Um mich abzugrenzen, muss ich mir vorher überlegen, welche Konsequenzen mein Nein hat und bereit sein, diese Konsequenzen auch auszuhalten." Der bequeme Ja-Sager muss also auf einmal die Verantwortung für seine Entscheidungen und sein Handeln übernehmen.

Wichtig ist, dass man konsequent beim Nein bleibt und daraus kein "Eigentlich habe ich keine Zeit für dich, aber..." wird. Eine Studie unter 120 amerikanischen Studenten, die im "Journal of Consumer Research" veröffentlicht wurde, zeigt, welchen Unterschied die Formulierung in punkto Konsequenz ausmachen kann. Die Studenten wurden in zwei Gruppen aufgeteilt. Die eine sollte auf Versuchungen, beispielsweise auf Eiscreme, reagieren, in dem sie sich sagte: "Ich kann kein Eis essen." Die andere reagierte mit "Ich esse kein Eis". Von den Studenten aus der "ich kann nicht"-Gruppe wurden 61 Prozent am nächsten Süßigkeiten-Regal schwach, bei der Kontrollgruppe waren es nur 36 Prozent.

Die Forscher wollten darüber hinaus herausfinden, ob die Formulierung auch einen Einfluss darauf haben kann, ob wir dauerhaft bei unserem Nein bleiben. "Man kann sich auf seine Arbeit konzentrieren, wenn es sein muss, aber wie vermeiden Sie auch täglich ablenkende Verhaltensweisen? Mit anderen Worten: Gibt es eine Möglichkeit, Nein zu sagen und dabei zu bleiben?", heißt es in der Studie. Und das Ergebnis: Ja, die gibt es. In einem weiteren Versuch wurden die Studienteilnehmer in drei Gruppen geteilt:

  • Eine sollte einfach "Nein" zu Versuchungen sagen.
  • Gruppe zwei sollte sich sagen: "Ich kann nicht" – Beispielsweise "Ich kann das Tennistraining heute Abend nicht ausfallen lassen".
  • Und die dritte Gruppe sollte die "ich werde nicht"-Strategie nutzen, also "Ich werde das Tennistraining heute Abend nicht ausfallen lassen."

Der Ton macht das Nein

Auch auf lange Sicht erzielte die Ausrede "ich kann nicht" das schlechteste Ergebnis, wogegen die "ich werde nicht"-Gruppe zum großen Teil bei ihrem Vorsatz blieb. Wer sich dazu entscheidet, Nein zu sagen, sollte das also auch klar formulieren: Ich übernehme keine Extraarbeit der Kollegen, ich mache nichts, wofür ich keine Zeit habe, ich treffe mich nicht mit Menschen, die ich nicht sehen möchte. Die Körpersprache hilft ebenfalls beim Nein sagen: Wer sich verlegen an der Kleidung nestelt, auf die eigenen Schuhspitzen starrt und den Kopf einzieht, während er ein "eigentlich lieber nicht" haucht, wirkt nicht nur wenig überzeugend, sondern gibt sich auch selbst keine Rückendeckung. Stattdessen den Rücken gerade halten, den Kopf erheben und sagen: "Nein, ich habe keine Zeit dafür." Dann bleibt nämlich wieder Zeit für die eigene Arbeit - und auch für die Freizeit.


Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de



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