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Controller bei Brandt

Erbsenzähler, Pedanten oder Zahlenknecht - so oder ähnlich werden Contoller oft betitelt. Doch die Realität sieht anders aus, weiß Arno Lohmann, 36, "der Zahlenmanager mit Biss" bei Brandt.

Sabine Scheltwort | , aktualisiert

Der Controller von heute versteht sich als Sparringspartner des Managements. "Der Controller ist einer der bestinformierten Mitarbeiter des Unternehmens. Er weiß alles, er kennt alle Zahlen und Bereiche. Aber er darf nicht so auftreten. Nichts ist schlimmer als Besserwisserei," weiß Lohmann, der bei Brandt-Zwieback-Schokoladen in Hagen für Controlling und DV verantwortlich ist. Lohmann und seine sechs Mitstreiter geben Empfehlungen. Die Entscheidungen treffen andere in dem 87 Jahre alten Familienunternehmen, in dem die Gründer Carl und Gerda in Öl im Besucherraum hängen. Es wird heute in dritter Generation von Carl-Jürgen Brandt geführt.

Ob im Umgang mit dem Eigentümer, dem Marketingchef oder dem Werksleiter - der Controller sieht seinen Job pragmatisch. "Stures Blockieren bringt nichts. Wenn eine Entscheidung gegen unsere Empfehlung getroffen wird, dann muss man sie eben mittragen und versuchen, das Beste draus zu machen. Außerdem haben wir auch nicht die Weisheit gepachtet und lernen jeden Tag dazu."

Auch mit anderen Controller-Klischees räumt Lohmann, der Wirtschaftswissenschaft - eine Mischung aus BWL und VWL - in Bochum studiert hat, rasch auf. "Wenn etwas schiefgegangen ist, haben wir keinen Spaß daran, hinterher aufzutrumpfen nach dem Motto: Das haben wir doch schon immer gesagt. Es macht auf jeden Fall mehr Vergnügen, gute Zahlen als schlechte zu verkünden." Schließlich höre er selbst auch lieber Lob als Tadel für seine Arbeit.

Der 36-Jährige weiß, dass man sich als Controller mit Warnungen und Hinweisen auf Schieflagen nicht beliebt macht. Seine Strategie: Nicht warten, sondern aktiv werden, immer wieder zu den Betroffenen hingehen und sie überzeugen, dass man in einem Boot sitzt - ein steiniger Weg, aber erfolgreich. So ist es zum Beispiel auch gelungen, einen gestandenen Vertriebsmann, der jahrelang ohne Controlling gelebt hat und dies auch noch jahrelang tun wollte, vom Sinn und Zweck eines vernünftigen Zahlenwesens zu überzeugen. Lohmanns Motto: "Ich arbeite nicht gegen die Manager, sondern immer mit ihnen zusammen." Andererseits gilt auch: "Everybody's Darling darf man nicht sein wollen. Nur mit guter Laune geht's nicht. Man muss auch mal mit der Faust auf den Tisch hauen und den Buhmann spielen."

Dass Controller reine Zahlenfüchse seien - dieses Vorurteil fegt Lohmann ebenfalls vom Tisch: "Zahlen sprechen für sich - das ist ein dummer Spruch. Natürlich sprechen sie für uns Controller. Aber unser Job ist es, sie für die anderen sprechend zu machen. Auf die Analyse und die Kommentierung kommt es an." Kundenorientierung ist auch hier das Zauberwort. Der Controller dürfe nicht Berichte um der Berichte willen produzieren, sondern müsse sehen, welche Informationen gefragt seien.

Sein Interesse ist vor allem vorwärts gerichtet. "Wir versuchen, uns so wenig wie möglich mit der Vergangenheit zu beschäftigen und statt dessen sehr viel stärker in die Zukunft zu schauen", erzählt Lohmann. Maß der Dinge ist in der Regel das Geschäftsjahr, darüber hinaus die Dreijahresplanung. Das Controlling bei Brandt gliedert sich in Vertriebs-, Beteiligungs-, Forschungs- und Entwicklungs-, Budget- und Investitionscontrolling. Es ist direkt an die Geschäftsführung angehängt und liefert monatlich, manchmal auch wöchentlich Berichte.

Bei Brandt wird das Controlling frühzeitig in Entscheidungen eingebunden. So saß Lohmann mit am Tisch, als das Unternehmen im vergangenen Jahr entschied, ob ein weiblicher Nikolaus produziert werden sollte. Das Controlling hatte gerechnet, hatte einige Bedenken, wog das Risiko ab und stimmte dann doch zu, es einfach einmal zu probieren. Der Erfolg war immens, die "Nicola" im kessen Minirock wanderte durch die Presse und war bei den Kunden heiß begehrt.

Nicht immer ist die Arbeit eines Controllers so erfreulich. Mit Hilfe der Prozesskostenanalyse hat Lohmann nachgewiesen, wie zerfasert die Brandt-Schokoladenproduktion in Landshut war und wie teuer einzelne Schritte in Verwaltung und Produktion für die Herstellung kleinster Mengen sind. "Es war eine verzwickte Situation. Die Ware, die wir benötigten, hatten wir nicht, und die Ware, die wir hatten, brauchten wir nicht." Konsequenz: Brandt hat sich im vergangenen Jahr von einem Drittel des Umsatzes in der Schokoladenproduktion getrennt und stellt bewusst keine Kleinstchargen mehr her, die zwar Umsatz bringen, aber keinen Gewinn. "In diesem Fall war der Sortimentsschnitt der richtige Weg in die Profitabilität. Und die anfänglichen Gegner sind inzwischen davon überzeugt, dass es ihre eigene Strategie war", lacht Lohmann.

Nun steht erneut eine Entscheidung von großer Tragweite an. Das Controlling hat gezeigt, dass die Zwiebackproduktion in Hagen rentabler arbeiten könnte. Der Grund: Das 1912 gegründete Unternehmen hat immer wieder hier ein Stückchen und dort ein Stückchen angebaut, so dass inzwischen auf mehreren Etagen und über Ecken hinweg produziert wird - nicht eben effektiv. Daher ist die Entscheidung gefallen, neu zu bauen - vermutlich nicht weit vom heutigen Standort entfernt.

Heute hängt am Eingang in der Ennepetaler Straße ein Schild, auf dem "keine Einstellungen" in mehreren Sprachen von türkisch bis griechisch steht. Dieses Schild dürfte vermutlich mit in den Neubau wandern, denn dort wird die Produktion rationeller als bisher ablaufen. Dabei ist Lohmann keiner von denen, die sich die Hände reiben, wenn sie wieder Mitarbeiter freisetzen können. Im Gegenteil.

"Da bin ich mehr Volkswirt als Controller. Eine hohe Arbeitslosigkeit kann uns als Unternehmen und mir als Mensch, der in dieser Gesellschaft lebt, nicht gefallen - weder die hohen Sozialkosten noch die Konsumschwäche. Ein Arbeitsloser kauft nicht den teuren Zwieback, sondern greift zum billigen. Eine hohe Arbeitslosigkeit ist für jede Gesellschaft immer ein starker Risikofaktor."

Lohmann betont immer wieder, dass auch ein Controller nicht über die 100prozentige Weisheit verfügt. Aber wenn Entscheidungen mit Auswirkungen auf die Beschäftigung anstehen, muss sich das Controlling 100prozentig sicher sein, dass zumindest die Berechnungen stimmen. So wie 1995, als Brandt das Gebäckgeschäft an Bahlsen verkaufte.

1991 war das Geschäft wegen der Wiedervereinigung noch bombig gelaufen. Bahlsen wurde das Gebäck geradezu aus der Hand gerissen. 1992 folgte der Einbruch, kaum jemand wollte Ware. 1993 zeigte sich, dass dies kein vorübergehendes Problem war. Das Controlling rechnete mehrere Möglichkeiten durch. Die Folge: 1995 verkaufte Brandt an Bahlsen. Keine leichte Entscheidung, weder für das Controlling noch für den Eigentümer Carl-Jürgen Brandt.

Wachstum im Zwiebackgeschäft ist nur noch sehr langsam möglich. Schließlich ist Brandt hier schon unangefochten Marktführer mit einem Anteil von 85 Prozent. Im Schokoladengeschäft, in dem Brandt nicht unter eigenem Markennamen auftritt, sondern unter anderem für Milka produziert, ist dagegen viel mehr Bewegung als im Zwiebackgeschäft. Doch ganz langweilig wird es in der Branche so oder so nie, da der Lebensmittelhandel in Deutschland heiß umkämpft ist. Wenn Metro Allkauf schluckt, dann werden zuerst die Einkaufskonditionen verglichen. Falls sich dabei herausstellen sollte, dass Allkauf einen Artikel günstiger als die Metro bekommen hat, muss der Vertriebsmann zum Rapport antanzen. Und dann kann auch der Controller nur noch trösten.

Lohmann arbeitet mit Leib und Seele im Lebensmittelgeschäft. Für ihn war es die richtige Entscheidung, nach Studienabschluss und Praktika bei Brandt 1990 ohne Trainee-Schleife direkt im Vertriebscontrolling einzusteigen. Seit 1995 leitet er das Controlling, vor anderthalb Jahren bekam er dazu die Verantwortung für die Datenverarbeitung. Jetzt wäre der nächste logische Schritt, Entscheidungen nicht nur vorzubereiten, sondern selbst zu treffen, also ins Management zu wechseln.

"Im Mittelstand ist man nicht nur ein kleines Rädchen im Getriebe. Man braucht mehr Mut, muss mehr Allrounder sein. Wir haben immer alle wichtigen Themen gemeinsam erarbeitet," sagt Arno Lohmann. Sein Resümee: "Während man sich als Controller in einem Konzern auch mal hinter Zahlen und Berichten verstecken und in sich gekehrter sein darf, steht man hier immer mitten in der Öffentlichkeit. Da muss man wegen der kürzeren Wege und der schnelleren Entscheidungen auch häufiger mal improvisieren."

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