Coaching Was Manager von jungen Menschen lernen können

Wenn junge Menschen Manager coachen, machen sie Schluss mit Ideenstaus und Denkverboten – notfalls auch mit Knete. Protokoll eines ungewöhnlichen Pilotprojektes.

Cornelia Schmergal/wiwo.de | , aktualisiert


Foto: PeterAtkins/Fotolia

Kindermanager: Wie entsteht Kreativität?

So also hat sich Paula eine Managerin vorgestellt. Als eine Frau mit durchgedrücktem Rücken, einem sehr hochgereckten Kinn und etwas umständlichen Kleidern. Als eine Frau, die offensichtlich niemals lacht und über ihr Arbeitsleben mit näselnder Stimme sagt: "Mir ist wichtig, dass ich wichtig bin."

An dieser Stelle kichert es vernehmlich im Publikum, dort, wo die echten Manager sitzen.

Paula ist zwölf Jahre alt und ihre Führungserfahrung beschränkt sich bislang darauf, dass sie neulich zur Klassensprecherin gewählt wurde. Bis zu diesem Morgen hat sie mit leibhaftigen Führungskräften noch nie zu tun gehabt.

Nun aber steht sie vor Geschäftsführern und Unternehmensgründern und improvisiert sich in eine unbekannte Welt – in eine Welt, in der es Chefsessel, Vorstandsassistentinnen und umständliche Kleider gibt.

Klein anfangen und große Führungsfragen lösen

Zwei Tage lang wird Paula an diesem Wochenende mit einem halben Dutzend Erwachsenen verbringen. Gemeinsam mit 15 anderen Kindern und Jugendlichen zwischen 12 und 16 Jahren nimmt sie an einem Workshop für Schüler und Manager teil.

Es geht um Motivation und die Lösung großer Führungsfragen: Wie entsteht Kreativität? Wie nutzt man die Energie einer Gruppe? Wie löst man seine ganz persönlichen Denkblockaden? Und damit erst gar kein Missverständnis aufkommt: Es sind die Kinder, die hier die Erwachsenen belehren. Nicht etwa umgekehrt.


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In einem alten Fabrikgebäude im Norden Berlins organisiert die European Leadership Academy (ELA) mehrmonatige Fortbildungen für Manager. 16.400 Euro kostet etwa das zehnmonatige Führungskräfteprogramm, Einführung in Meditation und Entspannungstechniken inklusive.

Die Zielgruppe, sagt ELA-Geschäftsführer Guido Fiolka, seien "Menschen, die bereit sind, über konventionelle Denkweisen hinauszugehen". Seit der Finanzkrise scheint das besonders gefragt zu sein.

Neulich hat die ELA beim Handelskonzern Metro eine Gruppe Finanzexperten gecoacht, auch andere Dax-Unternehmen schicken ihre Mitarbeiter zum Training. Zu den Kunden gehören außerdem Hugo Boss, die Berliner Charité oder die Universität Freiburg.

Nicht mit den Wölfen heulen

Früher sprachen die Manager schon mal mit Pferden, hangelten sich durch baumhohe Klettergärten oder heulten mit den Wölfen in den brandenburgischen Wäldern. Heute sind andere Herausforderungen gefragt – Kinder.

Zum ersten Mal gehört zum ELA-Programm, dass gestandene Manager sich vom Nachwuchs die Meinung sagen lassen. Es ist ein Pilotprojekt, vor dem die Erwachsenen durchaus Respekt entwickeln. "Ich habe etwas Ehrfurcht, weil man ja nie weiß, wie Kinder ticken", sagt Rasmus Symanzik, ein 26-jähriger Startup-Unternehmer, der sich vor Seminarbeginn an seine Kaffeetasse klammert. "Im Management denkt man oft viel zu zielfokussiert", sinniert Unternehmerkollege Roland Siebert.


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Im Workshop geht es um echte Probleme aus dem Managerleben. Die erwachsenen Teilnehmer schleppen sie schon lange mit sich herum.

Der preisgekrönte 52-jährige Filmemacher Gerardo Milsztein etwa möchte wissen, wie man einen Financier für einen Streifen gegen Gewalt an Schulen findet. Startup-Unternehmer Symanzik überlegt, wie ein Internet-Werkzeug für freie Journalisten aussehen müsste. Und Karrierecoach Oliver Hirsch grübelt, wie man das Popularitätspotenzial ehemaliger Profisportler heben kann.

Sie alle hoffen auf konkrete Antworten, die in gemeinsamen Arbeitsgruppen gebastelt werden – unter Anleitung der Kinder. "Ich möchte wissen, welche Barrieren ich im Kopf habe", erzählt Evelyn Pieper, die als Managerin bei einem großen Pharmaunternehmen arbeitet. "Kinder sind unbefangen. Viele Erwachsene benehmen sich leider, als hätten sie einen Stock verschluckt – gerade im Berufsleben."

Kaum Berührungsängste

Von der Technikexpertin ahnt man, dass ihre Mitarbeiter vermutlich vor Schreck erbleichen würden, würde sie im echten Berufsleben so ausdauernd geduzt und geknufft wie an diesem Wochenende. Für die Schüler indes ist vor allem eines beeindruckend: Dass "die Evelyn" einen Hund hat.

Überhaupt zeigt der Nachwuchs kaum Berührungsängste: Die Gruppenleiter, keiner älter als 15 Jahre, sind mindestens so streng wie 35-Jährige. Da mahnt ein Zehntklässler schon mal die Führungskräfte, sich doch bitte zu beeilen, weil "wir die Rolle der Stakeholder noch definieren müssen".

Die Kinder sind perfekt vorbereitet. Manche der Manager finden am ersten Tag sogar: zu perfekt.


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Wenn sie nicht gerade Führungskräfte coachen, besuchen die Kinder und Jugendlichen die Evangelische Schule Berlin Zentrum (ESBZ), die auf ihrer Homepage mit einem "radikalen Wandel der Lernkultur" wirbt.

Dass es sich um eine der ambitioniertesten Vorzeigeschulen der Hauptstadt handelt, merkt man den Schülern an. "Sie sind das Rausgehen gewöhnt", sagt Carolin Treier, pädagogische Leiterin. "Sie trainieren soziale Kompetenzen und den Mut, sich auf Neues einzulassen."

So bringen ihre Schüler Kindern mit Migrationshintergrund besseres Deutsch bei, wählen ihre eigenen Schülerbischöfe, organisieren dreiwöchige Reise-Herausforderungen, schulen ihre Lehrer und trainieren so ganz nebenbei Managementmethoden, weil man ja nie weiß, wo man später mal beruflich hin will.

Kleingeknetete Probleme

Schon im Sommer haben die Schüler in einem Design-Thinking-Workshop professionelle Kreativitätstechniken geübt. Und die wollen sie nun endlich ausprobieren – an echten Führungskräften. Dumm nur, dass die meisten Manager sich mit diesen Techniken bereits auskennen und sich einfach nur kindliche Spontaneität wünschten.

Die zeigt sich aber am zweiten Tag, an dem die Flip-Charts Knete und Kostümen weichen: Die Schüler versetzen sich im Rollenspiel in die Unternehmer, und wenn ein Problem zu groß ist, wird es kleingeknetet.


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Oberste Regel: keine Idee zu verwerfen, sei sie auch noch so schräg. "Die Manager rufen sonst sofort: Das geht nicht", grinst der 14-jährige Anselm.

Es hätte sie immer schon gewundert, warum Erwachsene nicht an Außerirdische glaubten, sagt die 16-jährige Lotte. Nicht dass sie selbst schon mal Aliens gesehen hätte. Aber soll man deshalb alles gleich ausschließen? "Was, wenn doch?"

Denkblockaden, die dem einen oder anderen Manager durchaus bewusst sind: "Ich trage in mir jemanden, der so alt ist wie ihr", sagt einer der Teilnehmer. "Es ist aber schwer, den Kontakt zu diesem kleinen Jungen zu behalten."

Die Ideen sprudeln

Die Diskussionen mit Robert haben da geholfen. Der Zwölfjährige hat sich zum Seminar angemeldet, weil er wissen wollte, "was Manager eigentlich so machen den ganzen Tag". Seine Erkenntnis: "Telefonieren und am PC sitzen."

Allerdings muss er irgendwann zugeben, dass es verdammt anstrengend sein kann, ständig neue Ideen vorzulegen. Er selbst hat damit an diesem Tag keine Probleme: Das Spiel auf dem iPod braucht er nicht, stattdessen schreibt er eine SMS an einen Freund. "Die Ideen sprudeln aus mir raus."


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Am Ende legen die Kinder für jedes Problem eine Lösung vor, und die Erwachsenen hören staunend zu. Filmemacher Milsztein etwa erfährt, dass seine Idee für Jugendliche ein "Schnarchthema" ist und dass man schon sehr hippe Unternehmen als Financiers anwerben müsse.

Internet-Unternehmer Symanzik stellt fest, dass die jungen Nutzer vor allem Filme sehen, aber keine Texte lesen.

Karrierecoach Hirsch lernt, dass Ex-Profisportler eine Akademie gründen könnten, um ihre gesammelten Erfahrungsschätze für soziale Projekte einzusetzen.

Lieber Feriencamp als Seminarraum

Und die ELA-Macher selbst hören, dass die Kinder nicht in Seminarräumen sitzen, sondern mit den Managern lieber in ein Feriencamp wandern wollen.

Fiolka will sich das zu Herzen nehmen. Man will sich nämlich wieder treffen. Die Führungskräfte haben darum gebeten.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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