Chinesisch lernen Mit Stipendien ins Reich der Mitte

Einfache Sätze sind schnell gelernt. Wer aber mit Chinesisch die Karriere beschleunigen will, muss investieren. Ein wenig Geld, viel mehr Zeit – vor allem muss er aber ins Land selbst reisen. Doch der Aufwand lohnt sich.

Mark Fehr | , aktualisiert

Es ist schon nach Feierabend, doch am Konfuzius-Institut in der Düsseldorfer Innenstadt geht es jetzt erst richtig los. Im Konferenzraum büffelt eine Lerngruppe vorwiegend junger Leute chinesische Grammatik und Schriftzeichen. Auch in vielen anderen Städten wie Frankfurt, Hannover, Leipzig oder Trier bieten Konfuzius Institute im Auftrag der Pekinger Regierung neben einem umfangreichen Kulturprogramm neuerdings auch Sprachkurse für Anfänger und Fortgeschrittene; Geschäftsleute können „Business Chinese“ belegen.

Doch Vorsicht, die fremde Sprache lässt sich nicht mal eben an ein paar Abendkursen draufschaffen. Diese eignen sich für den Einstieg oder zur Wiederholung des vor Ort in China Gelernten.

Das Chinesische arbeitet mit einer anderen Logik als Deutsch, Englisch oder andere westliche Sprachen. Nach verblüffenden Lernerfolgen, die Anfänger dank auf den ersten Blick simpler Grammatik schon während der ersten Kurse erzielen, stehen ambitioniertere Lerner schnell vor einer Sprachmauer, die es zu erklimmen gilt. Zu den Herausforderungen gehören exotische Töne, die westliche Zungen mühsam trainieren müssen, komplexe Schriftzeichen, die nur versteckte Hinweise auf Aussprache oder Bedeutung enthalten und alltägliche Redewendungen, die auf altertümlichen Anekdoten basieren. Warum tun sich junge Leute das an?

Eine aufstrebende Wirtschaftssprache

Die Gründe, Chinesisch zu lernen, liegen auf der Hand: Es ist die Sprache von 1,3 Milliarden Menschen, die ihren einst rückständigen kommunistischen Staat in ein Wirtschaftswunderland ohne Gleichen verwandelt haben. Bald dürfte China zur zweitgrößten Ökonomie der Erde hinter den USA aufrücken und ist schon jetzt der weltgrößte Automarkt sowie umsatzstärkste Maschinenbaunation. Auf ihrem Weg an die Spitze suchen die Chinesen die Zusammenarbeit mit Ausländern, denen sie nicht nur zu glänzenden Geschäften verhelfen, sondern manchmal auch wertvolles Know-how abjagen.

Dieses Risiko bremst jedoch das Engagement deutscher Unternehmen nicht im Geringsten, denn sie bauen ihr China-Geschäft immer weiter aus. So groß ist der Lockruf des Milliardenmarkts, dass China in der Gunst deutscher Investoren ganz oben steht. Nach einer Studie des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) wollen in diesem Jahr 37 Prozent der heimischen Firmen Geld ins Reich der Mitte stecken.

Deshalb suchen Arbeitgeber fähige Ingenieure oder Marketingprofis, aber auch Berater, Steuerexperten, Wirtschaftsprüfer oder Anwälte, die neben Fachkenntnissen vor allem über eine händeringend gesuchte Zusatzqualifikation verfügen sollten: Sie müssen die chinesische Sprache und Schrift beherrschen. Chinesisch verliert damit den Nimbus einer Geheimwissenschaft, beherrscht von wenigen Sinologen, und wird zur zweiten Wirtschaftsweltsprache.

Das merkt auch Ingrid Knapp vom Chinareferat beim Deutschen Akademischen Austausch Dienst (DAAD) in Bonn: „In letzter Zeit haben wir immer mehr Bewerber, die mit Chinesisch im Job weiterkommen wollen.“ Jahr für Jahr schickt Knapp im Auftrag des DAAD ausgewählte junge Leute zum Studium in die Volksrepublik. Anna Radjuk ist eine von ihnen. Die 31-Jährige arbeitet seit Anfang 2009 als Rechtsanwältin im Stuttgarter Büro der Großkanzlei Gleiss Lutz. Doch im Herbst will sie wieder die Schulbank drücken – und zwar in China. Der DAAD finanziert in diesem Jahr Radjuk und etwa 30 weiteren Bewerbern im Rahmen eines Stipendiums zum Studium asiatischer Sprachen zwei Semester an einer chinesischen Universität.

Radjuks Interesse an der chinesischen Sprache und Kultur entstand während der Wahlstation ihres Referendariats bei der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in Peking. Dort half sie beim Training chinesischer Richter und Anwälte und stellte fest: China und Chinesisch sind nicht nur spannende Lernobjekte, sondern können auch die juristische Karriere beflügeln.

Zurück in Deutschland nahm Radjuk deshalb jeden Samstag privat Lektionen am Institut für Chinesische Sprache und Kultur in Stuttgart (ICSKS) – trotz hoher Arbeitsbelastung in der Kanzlei. Ihren knappen Urlaub nutzte sie darüber hinaus für einen Sommerkurs am College of Eastern Language and Culture in der südwestchinesischen Provinzhauptstadt Kunming. Das Lernen in der Freizeit reichte jedoch nicht, um die Kommunikationsfähigkeiten für einen beruflichen Einsatz auszubauen. Deshalb bewarb Radjuk sich beim DAAD für ein Vollzeit-Sprachstudium.

Mit oder gegen den Chef?

Wer die begehrte DAAD-Förderung ergattern will, muss sich durch ein Auswahlverfahren kämpfen, das es in sich hat. Erst, wenn die schriftliche Bewerbung, die Begutachtung durch Professoren und ein Sprachtest bestanden sind, dürfen die Kandidaten vor die Auswahlkommission des DAAD treten. Und dabei sollten sie sich auf einiges gefasst machen. Schon die erste Frage kann die Ohren der Bewerber zum Glühen bringen. Wie im Fall des Jurymitglieds, das einen angehenden Stipendiaten mit den Worten begrüßte: „Weiß ihr Chef, dass Sie hier sind?“

Auch Anna Radjuk stellte sich die Frage, wann sie den Arbeitgeber in ihre China-Pläne einweihen sollte. Ihre Befürchtung: Kollegen lassen sie nicht mehr an wichtige Projekte, sobald der Auslandsaufenthalt bevor steht. Doch dann entschied sie sich, die Karten früh auf den Tisch zu legen – und staunte über die Reaktion ihres Vorgesetzten. „Mein Chef war begeistert von meinem Chinesisch-Projekt“, sagt die promovierte Juristin. Die Kanzlei hat ihr eine Beurlaubung für die Dauer des Sprachstudiums angeboten – und will sie nach erfolgreichem Abschluss gleich wieder ins Boot holen.

Das tut die Firma nicht aus reiner Nächstenliebe. Unternehmen sind schon froh, wenn sie Berufseinsteiger mit hervorragenden wirtschaftlichen, juristischen oder technischen Fähigkeiten finden. Noch begehrter sind junge Leute, die neben Fachkompetenz auch Kenntnisse einer fremden Sprache und Kultur vorweisen können. Diese würde Radjuk sich am liebsten an der Beijing Foreign Studies University (BFSU) aneignen. Die Hochschule im Nordwesten Pekings gilt als beste Sprachenuni Chinas. Ob Radjuk tatsächlich an das Ziel ihrer Wahl kommt, ist nicht sicher. Wer an welcher Hochschule studieren darf, entscheidet der China Scholarship Council (CSC), zuständig für ausländische Studenten in der Volksrepublik. Oft berücksichtigt die Stipendienbehörde allerdings die Wünsche der Gäste.

An Radjuks Wunschuni hat auch Jens Grünenberger Chinesisch gelernt. Der 33-Jährige arbeitet heute im China Competence Center der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young. Er und seine Kollegen prüfen und beraten von einem Hamburger Büro aus in Europa tätige chinesische Unternehmen. Mit seinen Sprachkenntnissen hatte Grünenberger beste Voraussetzungen für diese Aufgabe. Zurück aus China musste er deshalb nicht lange nach einem Job suchen, sondern konnte gleich bei Ernst & Young in Hamburg anfangen.

Grünenberger eroberte 2005 einen von zwölf Plätzen im DAAD-Austauschprogramm „Sprache und Praxis in der Volksrepublik China“. Dieses lässt sich allerdings nur an der Pekinger Fremdsprachenhochschule BFSU realisieren. Nicht möglich ist es in anderen Städten, in denen es ebenfalls hervorragende Sprachunis gibt, etwa die Shanghai International Studies University. Eine weitere Besonderheit des Konzepts: Nach zwei Semestern Sprachstudium können die Stipendiaten noch ein halbes Jahr Praktikum in einem chinesischen Unternehmen dranhängen, das der DAAD sponsort. Die Stelle müssen sich die jungen Leute allerdings auf eigene Faust besorgen. Schaffen sie das nicht, endet die Förderung.

Neben Sprachkursen bietet Sprache und Praxis ein Zusatzprogramm mit Vorträgen oder Exkursionen in chinesische und internationale Unternehmen vor Ort. Der enge Rahmen hat auch Nachteile. Da sich das Programm vorwiegend an Leute mit wenig chinesischen Vorkenntnissen richtet, reserviert die Gastuni eine separate Klasse und kommandiert englischsprachige Lehrer ab. Der ambitionierte Grünenberger fühlte sich da unterfordert. Er und ein Mitstreiter setzten deshalb gegen den Widerstand der Uni durch, in die regulären Kurse mit internationalen Kommilitonen einsteigen zu dürfen.

WEGE ZUM ZIEL

DAAD-Stipendien: Der Deutsche Akademische Austauschdienst finanziert jährlich maximal 40 ausgewählten jungen Leuten zwei Semester Sprachstudium an einer chinesischen Uni ihrer Wahl. Außerdem gibt es zwölf Plätze im Programm „Sprache und Praxis“, bei dem noch ein halbes Jahr Praktikum in China dabei ist. Infos bietet die Stipendiendatenbank des DAAD: www.daad.de

Sprachkurse: Konfuzius Institute, die Pendants zu den deutschen Goethe Instituten, bieten hierzulande Chinesisch-Sprachkurse für Anfänger und Fortgeschrittene. Am Düsseldorfer Institut kosten zehn Lektionen 140 Euro. Auch Sommerkurse an Universitäten in der Volksrepublik kann man dort buchen: www.konfuzius-duesseldorf.de

Sinicum: Das Landesspracheninstitut (LSI) der Ruhr-Universität Bochum veranstaltet Intensivkurse für alle Lernniveaus. Ein dreiwöchiger Grundkurs kostet bis zu 1.700 Euro, ohne Lehrmaterial und Übernachtungen: www.landesspracheninstitut-bochum.de

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