Chancengleichheit Frauen und Migranten profitieren von anonymen Bewerbungen

Bei Bewerbungen ohne Foto, Alter und Namen haben Migranten und Frauen bessere Chancen. Das zeigt die Auswertung des Pilotprojekts für anonyme Bewerbungen.

Tina Groll, zeit.de | , aktualisiert


Foto: Johann Neuhard

Bewerber ohne Alter und Geschlecht

Serpil Klukon und Steffen Müller haben bei der Stadt Celle neue Jobs gefunden. Die Ökonomin hatte durch ihren türkischen Namen Schwierigkeiten bei der Jobsuche. Auch Müller, der mit Mitte 40 nach einer Erkrankung beruflich noch einmal neu durchstarten musste, machte Diskriminierungserfahrungen.

Heute ist Klukon Referatsleiterin, der Facharbeiter wurde als Verwaltungsfachangestellter eingestellt. Beide kamen durch eine anonyme Bewerbung zum Zug.

Die Stadt Celle beteiligte sich am Pilotprojekt der Antidiskriminierungsstelle des Bundes: Statt umfangreicher Unterlagen füllten Klukon und Müller einen standardisierten Bogen aus. Die Personalverantwortlichen erhielten im ersten Schritt nur Informationen über die beruflichen Qualifikationen der Bewerber, nicht aber über deren Geschlecht, Alter, Namen, Herkunft oder Familienstand.

Faire Jobvergabe

Erst im Vorstellungsgespräch erfuhren die Personalverantwortlichen, mit wem sie es zu tun hatten. Insgesamt wurden 246 Stellen in acht Verwaltungen und Unternehmen – darunter die Deutsche Post, die Deutsche Telekom, das Kosmetikunternehmen L’Oréal und das Bundesfamilienministerium – durch ein anonymisiertes Bewerbungsverfahren besetzt.

Dabei seien mehr Frauen und Migranten berücksichtigt worden, sagt Christine Lüders, Leiterin der Antidiskriminierungsstelle. "Anonymisierung wirkt. Sie stellt Chancengleichheit her und macht Bewerbungsverfahren fairer."


Foto: Johann Neuhard

Das Pilotprojekt war im Herbst 2010 gestartet. Mehr als 8550 Jobsuchende hatten sich bei den acht Arbeitgebern anonymisiert beworben. Wissenschaftlich ausgewertet wurde der Modellversuch vom Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) aus Bonn und der Kooperationsstelle Wissenschaft und Arbeitswelt der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt.

Besonders jüngeren Frauen, die sich auf Jobs bewarben, die sich an Personen mit einer gewissen Berufserfahrung richteten, wurden im anonymisierten Verfahren stärker berücksichtigt.

Die Forscher schlossen daraus, dass diesen Bewerberinnen im konventionellen Recruiting ein Kinderwunsch unterstellt würde und sie deshalb schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt hätten.

Lediglich Tendenzen

Auch Migranten wurden deutlich häufiger zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Für ältere Bewerber konnten die Forscher keine Aussagen treffen, weil im Modellversuch zu wenig Ältere unter den Bewerbern waren.

Auch die Personalverantwortlichen berichteten von positiven Erfahrungen: Das Bewerbermanagement koste beim standardisierten Verfahren weniger Zeit. Auch müssten nicht mehr Kandidaten eingeladen werden. IZA-Direktor Klaus Zimmermann betont, dass die Ergebnisse insgesamt nicht repräsentativ seien. Die Zahl der besetzten Stellen sei mit 246 zu gering.


Foto: Johann Neuhard

Dennoch hält er die Tendenzen auf Basis des Modellversuchs für aussagekräftig. So würden allein durch eine Teilanonymisierung insgesamt Verbesserungen bei der Einstellungspraxis erreicht. Fotos, Namen und Altersangaben lösten bei Personalern oft unbewusst Vorurteile aus.

Die anonyme Bewerbung lenke beim ersten Sortieren das Augenmerk allein auf die Qualifikation. Auf diese Weise hätten zumindest im ersten Schritt alle Bewerber die gleichen Chancen. Lüders wertet die Ergebnisse als Erfolg.

"Es ist eine Diskussion über die Rekrutierungspraxis in Gang gekommen. Uns erreichen viele Rückfragen von Unternehmen zu dem Verfahren." Deshalb bietet die Antidiskriminierungsstelle Schulungen für Arbeitgeber an.
 
Unternehmen profitieren durch anonymisiertes Verfahren

Auch wollten die Länder Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz eigene Modellversuche starten. Und auch Softwarehersteller für Online-Bewerbermanagement hätten bereits signalisiert, das anonymisierte Verfahren aufzugreifen.

Teuer sei die Umstellung nicht. Kleinere und mittlere Unternehmen, die noch kein Onlinesystem eingeführt hätten, könnten einfach den standardisierten Bewerberbogen bei der Antidiskriminierungsstelle herunterladen und ihren Bedürfnissen anpassen. Insgesamt dürften Unternehmen von dem anonymisierten Verfahren deutlich profitieren, erwartet Lüders.


Foto: Johann Neuhard

Zimmermann weist auf den volkswirtschaftlichen Schaden hin, der durch Diskriminierung von Bewerbern entstehe. Zuletzt hatte eine Studie der Unternehmensberatung Roland Berger festgestellt, dass Unternehmen, die auf Diversity setzten, bessere Ergebnisse erzielen.

"Es gibt handfeste ökonomische Gründe, für Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt zu sorgen", sagt der Arbeitsmarktforscher. Eine gesetzliche Regelung soll es nach Meinung Lüders erst einmal nicht geben. Sie setzt weiterhin auf die freiwillige Teilnahme von Unternehmen.

Vier Arbeitgeber wollen das anonyme Verfahren weiterhin fortsetzen. Auch Stadt Celle will künftig nur noch anonym rekrutieren.

Aus anfänglicher Skepsis sei deutliche Überzeugung geworden, sagt Dirk-Ulrich Mende, Oberbürgermeister der Stadt. "Das Verfahren sorgt für mehr Transparenz. Wir werden auch noch andere von unserem Weg überzeugen."

Zuerst veröffentlicht auf zeit.de

Artikel teilen

Ihr Browser ist veraltet. Deshalb können Sie diese Webseite nicht korrekt darstellen!

Bitte laden sie einen dieser aktuellen, kostenlosen und exzellenten Browser herunter:

Für mehr Sicherheit, Geschwindigkeit, Komfort und Spaß.

Lade Seite...