Chancen Die Politik-Industrie

Neben den Regierungspolitikern beschäftigen sich in Berlin noch viele andere Menschen mit den Geschicken der Republik. Wer politisch etwas bewegen will, muss nicht in den Bundestag. Vier Beispiele.

Til Knipper | , aktualisiert

Nicolas Höfer arbeitet zurzeit in der Nordkurve. Das klingt nach Fußballstadion, ist aber in diesem Fall kein Fanblock, sondern die SPD-Wahlkampfzentrale an der Nordseite des Willy-Brandt-Hauses in Berlin.

Der 30-Jährige Höfer ist Art Director bei der Werbeagentur Butter, die erneut die Wahlkampagne für die Sozialdemokraten gestaltet. Für Höfer ist es der erste Wahlkampf: "Ich wollte schon immer mal Wahlwerbung machen." Rechtzeitig zum Superwahljahr 2009 wechselte er deswegen zur SPD-Stammagentur. In der Nordkurve sitzen neun Mitarbeiter. SPD-Bundesgeschäftsführer Kajo Wasserhövel, Franz Münteferings Wahlkampfstratege, sitzt auf demselben Flur. "Das verkürzt die Abstimmung", sagt Höfer. Er freut sich vor allem auf die tagesaktuelle Arbeit in der heißen Phase des Wahlkampfes, die jetzt beginnt. "Wir müssen dann blitzschnell reagieren und können von hier in kürzester Zeit Sachen raushauen, die in ganz Deutschland zu sehen sind."

Experten für öffentliches Recht sind gefragt

Die Polit-Werber sind nur ein Teil einer ganzen Armada von Dienstleistern und Interessenvertretern, die sich im Berliner Regierungsviertel angesiedelt hat. Es gibt keine präzisen Zahlen, aber Schätzungen zufolge hat der Regierungsumzug zwischen 30000 und 50000 Stellen geschaffen. Allein 5000 Lobbyisten und Politikberater sollen in Berlin aktiv sein. Verbände, Unternehmensrepräsentanzen, PR-Agenturen und Anwaltskanzleien sind rund um den Reichstag ständig präsent. Streng vorgezeichnete Karrierelaufbahnen und Ausbildungen gibt es hier nur selten.

Das Büro von Rechtsanwalt Markus Rau ist gut einen Kilometer von der Nordkurve entfernt. Direkt am Potsdamer Platz, 20. Stock, hier sitzt die Wirtschaftskanzlei Freshfields, bei der Rau seit 2006 arbeitet. Der 35-Jährige spezialisierte sich im Studium auf öffentliches Recht, das zahlt sich jetzt aus. "Die Bedeutung des öffentlichen Wirtschaftsrechts hat in der Finanzkrise noch mal deutlich zugenommen", sagt Rau. Die Arbeit des staatlichen Rettungsfonds Soffin ist ein Beispiel öffentlich-rechtlichen Handelns, ebenso wie die Regulierung der Finanzmärkte. Zu Freshfields' Mandanten gehörte auch das Bundesfinanzministerium, das beim Finanzmarktstabilisierungsgesetz im Oktober 2008 den Rat der Anwälte einholte. "Auch wenn es gelegentlich anders geschrieben wird: Wir haben keinen Gesetzentwurf formuliert, sondern Rechtsfragen geprüft", sagt Raus Chef Benedikt Wolfers.

Insgesamt macht die Beratung der öffentlichen Hand 30 Prozent es Geschäfts der Abteilung der Kanzlei aus. Freshfields stellt auch weiterhin junge Anwälte mit dem Schwerpunkt öffentliches Recht ein. Voraussetzung sind gute Examina, Auslandserfahrung und Sinn für unternehmerische Zusammenhänge. Das Einstiegsgehalt bei Großkanzleien liegt momentan zwischen 80000 und 90000 Euro im Jahr.

Einfluss auf die Gesetzgebung hat auch die Arbeit von Ursula Menhart. Sie ist seit Anfang des Jahres Lobbyistin für Shell in Berlin. Neudeutsch heißt ihre Position Manager International Government Relations. Eine direkte Ausbildung für Ihren Job gibt es nicht, aber Menhart ist eine Art Prototyp des modernen Lobbyisten, weil die studierte Politologin beide Seiten kennt. "Ich kenne die Arbeitsabläufe in den Ministerien, weiß aber auch wie Unternehmen denken", sagt sie. Sie hat schon für die EU-Kommission, das Bundeskanzleramt, BASF und Siemens gearbeitet.

Ursula Menhart ist ein Beispiel dafür, dass sich die Branche professionalisiert und die grau melierten Männer mit den dicken Adressbüchern weniger werden. Ihre Tätigkeit sei vergleichbar mit der eines Botschafters. "Ich werbe in Ministerien und bei Abgeordneten für die Position des Unternehmens." Gleichzeitig müsse sie im Blick behalten, welche Themen die Politik auf der Agenda habe. Professionalisiert hat sich auch der Umgang der Politik mit den Lobbyisten. "Die Ministerien sind daran interessiert, von den Unternehmen aus erster Hand Informationen zu bekommen." Dadurch, dass die Abgeordneten möglichst viele Positionen einholten, kämen auch bessere Gesetze raus, sagt Menhart.

Je nach Größe der Hauptstadtrepräsentanzen der Unternehmen gibt es Stellen für Berufseinsteiger, die mit etwa 40000 Euro Jahresgehalt anfangen. Häufiger starten die zukünftigen Interessenvertreter aber in der Konzernzentrale, um die Firma kennen zu lernen. Anschließend wechseln sie nach Berlin.

Gute Chancen mit Initiativbewerbung

Gregor Strauch hat als seinen ersten Arbeitgeber den Bund der deutschen Industrie (BDI) ausgewählt. "Ich finde die Arbeit an der Schnittstelle zwischen Recht, Wirtschaft und Politik aus juristischer Sicht sehr spannend", sagt Strauch, der beim BDI Referent für Umweltpolitik war. Durch die flache Hierarchie tragen die Mitarbeiter von Anfang an eine hohe Verantwortung und erarbeiten in Kooperation mit anderen Fach- und Branchenvertretern Stellungnahmen zu Gesetzesentwürfen.

Für Strauch ist die Verbandstätigkeit aus zwei Gründen reizvoll: "Inhaltlich ist es sehr schmeichelhaft, wenn man sieht, dass die eigene Arbeit den Weg zu den Entscheidungsträgern findet", sagt Strauch. Außerdem konnte er sich schnell ein großes Netzwerk aufbauen, weil "man schnell mit hochrangigen Vertretern aus Unternehmen, Politik und Wirtschaft in Kontakt kommt". In den kommenden zwei Jahren arbeitet er bei der Bayer-Vertretung in Berlin; das ist Teil eines Austauschprogramms.

Der BDI stellt pro Jahr etwa 15 Akademiker ein. In der Regel rekrutiert der Verband Personal aus einem Pool von Initiativbewerbungen. Berufseinsteiger verdienen bei den großen Verbänden in Berlin je nach Ausbildung zwischen 35000 und 45000 Euro im Jahr.

Nicolas Höfer wird den Politikbetrieb und die Nordkurve nach der Bundestagswahl verlassen und wieder in die Agentur umziehen. Dann kann er auch den Schlafsack wieder einpacken, der unter dem Schreibtisch liegt. Denn die wahlkampferprobten Kollegen hätten ihn schon vorgewarnt, dass "ich in den letzten sechs Wochen vor der Wahl kaum zu Hause sein werde", sagt Höfer. Er hat es so gewollt.

Artikel teilen

Ihr Browser ist veraltet. Deshalb können Sie diese Webseite nicht korrekt darstellen!

Bitte laden sie einen dieser aktuellen, kostenlosen und exzellenten Browser herunter:

Für mehr Sicherheit, Geschwindigkeit, Komfort und Spaß.

Lade Seite...