Chance oder Risiko? Schreiben Sie Ihr Zeugnis doch einfach selbst

Chance oder Risiko? Schreiben Sie Ihr Zeugnis doch selbst!

Ihr Chef ist wieder mal schwer beschäftigt – und schlägt Ihnen vor, sich Ihr Zeugnis einfach selbst zu schreiben? Greifen Sie zu. karriere.de unterstützt Sie dabei.

Bewerbung – ganz einfach | Felix Ullmann | , aktualisiert

Sie haben die einmalige Chance, Ihre nächsten Bewerbungen gehörig aufzupolieren.

„Reine Routine“, dachte sich Stefan P., als er seine letzten drei Arbeitszeugnisse von einem Karriere-Experten prüfen ließ. Eigentlich war der Elektro-Ingenieur mit seinen Beurteilungen zufrieden – schließlich hatte er sie größtenteils selbst verfasst.

Ein Freund sagte ihm jedoch, dass Personaler auch zwischen den Zeilen lesen. Da war der 35-Jährige neugierig geworden. Zu seiner Bestürzung offenbarte der Check gleich mehrere Mängel.

Besonders der Satz „Sein Verhalten war ohne Tadel“ fiel dem Zeugnistester auf – eine versteckte Kritik, denn war das Verhalten ohne Tadel, war es umgekehrt auch ohne Lob, also unterdurchschnittlich.

Pech. Da die Beurteilungen Jahre zurücklagen, ließ sich an den Texten nichts mehr ändern.

Gute Karten für die nächste Bewerbung in 6 Schritten

Das Zeugnis Marke Eigenbau birgt die einmalige Chance, sich selbst gute Karten für die nächste Bewerbung zu geben.

Schritt 1: Bieten Sie dem Chef an, einen Zeugnis-Entwurf zu formulieren

Experten raten sogar, nicht erst zu warten, bis der Vorgesetzte die ungeliebte Pflicht an den Empfänger des Schriftstücks abwälzt. Auf die Frage „Darf ich Ihnen einen Entwurf ausformulieren?“ werden acht von zehn Chefs erleichtert nicken.

„Sie nehmen der Personalabteilung oder dem Geschäftsführer einiges an Mühe ab. Man wird es Ihnen danken“, sagt Online-Karriereberater Gerhard Winkler. Hinzu kommt, dass der Vorgesetzte einem „Sehr gut“ im Zeugnis stillschweigend schon zugestimmt hat, wenn er den Mitarbeiter formulieren lässt. Eine Steilvorlage.

Schritt 2: Greifen Sie zu den übersteigerten Ausdrücken der Personaler

Wer sein Zeugnis selbst verfasst, sollte sich die Superlativ-Sprache der Personaler ohne jede Scham aneignen: „Ein sehr gutes Zeugnis wirkt wie eine einzige Übertreibung“, sagt Personalmanager Klaus Schiller, Betreiber des Internetportals Arbeitszeugnis.de.

Aufwertende Adverbien (stets, sehr, in hohem Maße) und Adjektive (groß, hoch, äußerst) sind wichtig.

Nicht jedem fällt die Lobhudelei leicht. Doch Bescheidenheit ist hier fehl am Platz. Nur glaubwürdig muss das Zeugnis sein: Ein Satz wie „Er war der beste Außendienstler aller Zeiten“ kratzt an der Seriosität des ganzen Dokuments.

Schritt 3: Achten Sie auf die richtige Wortwahl

Bewerber sollten sich mit freien Formulierungen zurückhalten. Kleine Wortumstellungen haben mitunter große Wirkung. „Sein Verhalten gegenüber Vorgesetzten und Kollegen war stets einwandfrei“ ist beispielsweise eine sehr gute Bewertung.

„Sein Verhalten gegenüber Kollegen und Vorgesetzten war einwandfrei“ hingegen legt nahe, dass dem Mitarbeiter sein Verhältnis zu den Kollegen wichtiger war als das zu den Vorgesetzten.

Schritt 4: Vermeiden Sie Standards bei der Tätigkeitsbeschreibung

Größeren Spielraum gibt es bei der Beschreibung der Tätigkeit. Standard ist hier fehl am Platze. Gängige Praxis ist, dass bei Mitarbeitern mit wenig Berufserfahrung alle ihre bisherigen Aufgaben aufgelistet werden. 

Fatal jedoch, wenn das bei altgedienten Führungskräften noch so wäre. Hier gilt: Bei längeren Beschäftigungsverhältnissen sollte auf jeden Fall eine Weiterentwicklung erkennbar werden.

Schritt 5: Lassen Sie das Zeugnis im Zweifel gegenchecken

Der Zeugnis-Check durch einen Karriereberater kostet zwischen 15 und 150 Euro. Arbeitsrechtliche Fragen dürfen offiziell nur Juristen beantworten. Sie verlangen je nach Bruttogehalt des Kunden zwischen 40 und 220 Euro.

Schritt 6: Nutzen Sie die Chance auf Nachbesserung

Selbst wenn der Arbeitgeber das Zeugnis eigenhändig verfasst hat, sind noch Änderungen möglich. Wer mit seiner Beurteilung nicht zufrieden ist, sollte sich trauen, den Chef darauf anzusprechen.

„In der Regel ist der zum Verhandeln bereit“, sagt Personalexperte Schiller, „es sei denn, man hat sich im Streit getrennt.“ Auch wenn der Schritt unangenehm sein mag – ein schlechtes Zeugnis zu akzeptieren kann bedeuten, dass sich die Jobsuche verlängert.

Lässt sich an einem verpatzten Zeugnis nicht mehr rütteln, ist es zuweilen sogar besser, es ganz unter den Tisch fallen zu lassen.

Stefan P. hat sich schweren Herzens dazu durchgerungen. Die schlechten Arbeitszeugnisse – jene „ohne Tadel“ – hält er fortan unter Verschluss. Da sie nur kurze Stationen betreffen oder in grauer Vergangenheit liegen, fällt dies nicht so auf.

Und für die Zukunft hat der Ingenieur sich vorgenommen, darauf zu achten, dass seine Zeugnisse wirklich „ohne Tadel“ sind.

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