Business Schools Imageverlust – der Fall Harvard

Die US-Elitehochschule hat die Lehrmethode im Managementstudium erfunden und deren Vertrieb perfektioniert. Doch immer mehr Dozenten suchen sich Alternativen.

Axel Gloger | , aktualisiert

Imageverlust – der Fall Harvard

Foto: Ritter/karriere.de

So richtig zufrieden war Wallace P. Donham nicht mit dem Inhalt des Wirtschaftsstudiums, wie er es kannte. "Zu flach, zu viel Vorlesungsstil, allgemeine Information statt Bezug zur Führungspraxis", fasste Donham, neuer Dekan der Harvard Business School (HBS), die Mängelliste zusammen. Und änderte das. Er führte im Unterricht des Managementstudiums Master of Business Administration (MBA) Fallstudien ein. Studenten lernen anhand nacherzählter Fälle aus der Praxis, wie man Probleme löst. Aus seinem Studium an der benachbarten Jurafakultät wusste er, dass diese Methode trockenen Stoff lebendig macht.

94 Jahre ist das nun her. Die Fallstudien sind heute Standard in so ziemlich allen MBA-Programmen der Welt. Sie erzählen Geschichten aus dem echten Unternehmer- und Managerleben, jeder "Case", wie der Stoff genannt wird, umfasst zehn bis 30 Seiten Text über die Firma, das Marktumfeld, das Problem, das gelöst werden musste. Harvard ist es gelungen, den Markt dafür über Jahrzehnte zu dominieren.

"In den meisten MBA-Fächern ist es kein Problem, den Unterricht von der ersten bis zur letzten Stunde mit Harvard-Fallstudien zu bestreiten", sagt Karlheinz Schwuchow, Professor an der Hochschule Bremen, der zuvor Wirtschaftshochschulen geleitet hat. Heute aber suchen immer mehr Dozenten nach Alternativen – und finden sie. Die Macht der Wirtschaftsfakultät der Traditionsuniversität – der Harvard Business School – schwindet.

"WalMart-Imperialismus"

Und das, obwohl die HBS ihre Dienstleistung doch immer weiter perfektioniert hatte. 1922 kam das erste Textbuch mit Harvard-Fallstudien auf den Markt. Das Material verbreitete sich rasch. Zwei Jahre nach dem ersten Erscheinen wurde es schon an 85 Wirtschaftshochschulen eingesetzt. Später sind immer wieder neue Anleitungsbücher für MBA-Dozenten hinzugekommen. Zudem lud der Monopolist über Jahrzehnte hinweg Dozenten aus aller Welt ein. "Professoren verbrachten ganze Sommer auf unserem Campus. Sie recherchierten, schrieben und lehrten immer neue Fallstudien", schreibt David Garvin, Leiter des Lehr- und Lernzentrums im Fachblatt "Harvard Magazine".

Trotz aller Perfektion, für die die Ostküstenhochschule steht, gibt es inzwischen Alternativen. Eine davon liefert Jürgen Zentes. Er hat ein Problem damit, dass Harvard-Fallstudien sich vor allem um amerikanischen Firmen drehen. Der BWL-Professor an der Universität des Saarlandes spricht von "WalMart-Imperialismus". "Was für Nordamerika gut ist, passt für den Rest der Welt nicht unbedingt", sagt er. Zentes bereitete Fälle aus Unternehmen in Deutschland und Europa auf. Sein Buch mit Fallstudien zum Internationalen Management kam im Jahr 2000 auf den Markt, gerade liegt die vierte Auflage in den Regalen.

Das Interesse speziell am Erfolgsmodell des deutschen Mittelstandes sei sehr groß. Deshalb entschlossen sich Zentes und seine Co-Autoren zu einer Aufwertung: In der neuen Auflage der Fallsammlung wird die Hälfte des Materials in englischer Sprache präsentiert. So können auch Studenten etwa am Indian Institute of Technology auf Lehrmaterial made in Germany zugreifen.

Die Fallstudien zu kaufen ist hier einfach und bequem. Das findet auch Urs Müller von der Berliner Wirtschaftshochschule European School of Management and Technology (ESMT). "Etwa 60 Prozent dessen, was wir für Weiterbildungsprogramme brauchen, beziehen wir aus dieser Quelle", sagt er. Gleichzeitig aber setzen er und seine Kollegen an der Berliner Schule auch auf europäischen Lehrstoff. 20 Prozent der in den Weiterbildungsseminaren genutzten Fälle haben Autoren der Berliner Hochschule selbst verfasst.

Weitere 20 Prozent der an der ESMT eingesetzten Materialien kommen von einer 40 Jahre alten gemeinnützigen Organisation, dem European Case Clearing House. Obwohl sie ein halbes Jahrhundert nach Harvard begonnen hat, Fallstudien zu sammeln und zu verkaufen, versammeln sich heute unter ihrem Dach 60 Wirtschaftshochschulen vor allem aus Europa und Asien. 47 000 Fallstudien hat sie im Angebot, das ist deutlich mehr als Harvard in seinem Archiv führt. Viele bekannte Marken-Anbieter füllen die digitalen Regale, auch deutsche Hochschulen wie die WHU – Otto Beisheim School of Managemenet aus Vallendar – letztere allein mit 247 Studien und Dozentenanleitungen.

Internationalität: Für alle Fälle

"Studenten sollten ein möglichst umfassendes Bild davon erhalten, wie Unternehmen weltweit arbeiten", sagt Christine Ecker, die die Forschungsabteilung der spanischen Wirtschaftshochschule Iese leitet. "Ein Familienunternehmen aus Süddeutschland tickt anders als ein indischer Großkonzern." Deshalb liefert Iese der Plattform rund 100 Fallstudien im Jahr – und ist damit einer der größten Produzenten neben dem renommierten Weiterbildungsinstitut IMD in Lausanne und der französischen Wirtschaftshochschule Insead.

Die Harvard Business School hat aus dem Erfolg der Konkurrenz gelernt. Das Portal, auf dem der eigene Verlag die Fallstudien verkauft, bietet inzwischen auch Fälle von vielen anderen Wirtschaftshochschulen an.

Die Angebote des Saarbrückener Professors Jürgen Zentes sind über den digitalen Ladentisch des europäischen Konkurrenten nicht zu bekommen. Das Buch reicht ihm und seinen Co-Autoren vorerst.

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