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Bundeswehr In schwieriger Mission

Die Reform der Bundeswehr steht an: Ab 1. Juli wandelt sich die Wehrpflichtarmee zur Freiwilligentruppe. Um Spitzennachwuchs zu gewinnen, feilt das Militär am Image und optimiert das Offiziersleben.

Diana Fröhlich, Martin Wocher / Handelsblatt | , aktualisiert


Die Zukunft der Bundeswehr ist weiblich, blond – und fest entschlossen. Foto: Bundeswehr
Auf der Suche nach qualifiziertem Nachwuchs

Die Zukunft der Bundeswehr ist weiblich, blond – und fest entschlossen. Die 18-jährige Vanessa Sydow aus Essen will Ärztin werden und hat sich die deutschen Streitkräfte als künftigen Arbeitgeber ausgesucht. Deshalb sitzt sie bei der Wehrdienstberatung in Recklinghausen und Oberleutnant Frank Flügel hat nur wenig Mühe, sie von den Vorzügen einer Armeekarriere zu überzeugen. 2012, nach ihrem Abitur, hat Sydow gute Chancen, zu den rund 1600 Offizieren zu gehören, die die neue Freiwilligenarmee dann jährlich benötigt.

Die Bundeswehr steht kurz vor der größten Zäsur ihrer Geschichte. Die Reform, die der ehemalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg in einer Hauruck-Aktion durchgesetzt hat, wird nun wirksam. Und stellt die Bundeswehr vor ein Dilemma: Auf der einen Seite muss die Zahl der Soldaten von 220.000 auf 185.000 verringert werden – die große Mehrheit stellen künftig Zeit- und Berufssoldaten, hinzu kommen bis zu 15.000 freiwillig Wehrdienstleistende. Und auch beim zivilen Personal werden kräftig Stellen gestrichen. Auf der anderen Seite braucht sie dringend qualifizierten Nachwuchs, um für den verstärkten Einsatz im Ausland besser gerüstet zu sein. Gesucht werden Informationstechnologie-Spezialisten, Fachleute aus der Luftfahrt und dem Schiffbau sowie Mediziner.

"Herkulesaufgabe" für die Armee

Mit dem Aussetzen der Wehrpflicht und dem damit verbundenen Werben nach Soldaten gerät die Bundeswehr zunehmend in Konkurrenz zur privaten Wirtschaft – und muss auch den Wettkampf um die High-Potentials aufnehmen. Mehr Gehalt, mehr Planungssicherheit, eine Perspektive: Um bestehen zu können, muss sie ihre Attraktivität als Arbeitgeber deutlich erhöhen. Und ihr Image verbessern. Die Armee selbst spricht von einer „Herkulesaufgabe“ – und hat trotzdem große Ziele: „Wir sind ein Weltunternehmen. In der Personalgewinnung muss die Bundeswehr in einer Liga spielen mit den erfolgreichsten deutschen Konzernen und sich daran messen lassen“, sagt Eric Schnell, der für die zivile Personalwerbung zuständig ist.

Doch realistisch ist das nur zum Teil. Denn gerade bei den Gehältern der Top-Karrieren in der Industrie kann die Bundeswehr kaum mithalten. Und auf Konzernmanager wartet auch kein Kampfeinsatz. „Es ist ein Fehler, wenn sich die Bundeswehr etwa in puncto Finanzen und Sicherheit mit Dax-Konzernen vergleicht“, sagt Falk Runge, Personalberater bei Kienbaum. Runge war selbst zehn Jahre lang Offizier, bis er in die freie Wirtschaft wechselte. Er rät, die Verhältnisse realistisch abzubilden und insbesondere die Ausbildungsmöglichkeiten und Freiheitsgrade in den Vordergrund zu stellen: „Bei der Bundeswehr habe ich gelernt, was es heißt, Menschen zu führen“, sagt er. Im Nachhinein ein unschätzbarer Vorteil.


Die Zukunft der Bundeswehr ist weiblich, blond – und fest entschlossen. Foto: Bundeswehr
Automatische Rekrutierung fällt weg

Bisher rekrutierte die Bundeswehr jährlich fast die Hälfte ihres Nachwuchses automatisch über die sechsmonatige Wehrpflicht. Die Vorteile dieses Modells lagen auf der Hand: Die Soldaten kannten den Bundeswehralltag – und die Streitkräfte kannten ihre Soldaten. Und jetzt? „Für 2011 werden wir genügend Freiwillige finden“, sagt Peter Beeger, verantwortlich für die Soldatengewinnung. „Die Bewerberzahlen sind gut, und für die Offizierslaufbahnen auch dadurch begünstigt, dass es dieses Jahr in Bayern und Niedersachsen gleich zwei Abiturjahrgänge gibt“. Doch was 2012 wird, wagt Beeger nicht abzuschätzen. Nur so viel: „Die Bundeswehr hat großen Bedarf an qualifiziertem Nachwuchs.“ Darum wurde der Etat für Eigenwerbung für 2011 kräftig angehoben. Allein für „personalwerbliche Anzeigen“ in Medien, meist aus dem Axel-Springer-Verlag, stehen der Bundeswehr rund 5,7 Millionen Euro zur Verfügung. Und auf dem Online-Portal Youtube will sich Verteidigungsminister Thomas de Maizière einem „Bürgerdialog“ stellen.

Das Image der Bundeswehr wandelt sich. Wer hier künftig freiwillig arbeitet, der dient der Sicherheit Deutschlands, hat eine Verbindung zum Staat und muss ein Stück Patriotismus mitbringen. Gebraucht werden junge Menschen, die interkulturelle Kompetenz, gekoppelt mit mindestens einer Fremdsprache, mitbringen. „Die Bundeswehr benötigt, wie die Privatwirtschaft auch, exzellentes Personal“, sagt Ulrich Kirsch, Vorsitzender des Bundeswehrverbandes. Und das kostet. „Man wird richtig Geld auf den Tisch legen müssen, um im Werben um die Besten mithalten zu können“, sagt Kirsch.

Suche in strukturschwachen Regionen

Im westlichen Ruhrgebiet zwischen Recklinghausen, Gelsenkirchen und Duisburg mit Arbeitslosenquoten bis zu 14 Prozent fällt es der Bundeswehr noch verhältnismäßig leicht, ihren akademischen Nachwuchs zu rekrutieren. Vanessa Sydow jedenfalls, angepeilter Abi-Schnitt von 1,6, ist überzeugt von ihrem künftigen Arbeitgeber. 17 Jahre wird sie sich verpflichten, um ihren Traum von der Truppenärztin zu verwirklichen. 21 Jahre sogar, wenn sie eine Facharztausbildung zur Chirurgin anhängt. Doch so leicht wie mit der ehemaligen Leistungsschwimmerin wird es die Bundeswehr nicht allzu oft haben. Auf regen Zuspruch kann sie nur dort hoffen, wo junge Menschen in strukturschwachen Gegenden Arbeit suchen. In Ostdeutschland ist die Bereitschaft, sich zu verpflichten, weitaus höher als im Süden der Republik, wo es mehr Ausbildungsplätze und berufliche Perspektiven gibt.


Die Zukunft der Bundeswehr ist weiblich, blond – und fest entschlossen. Foto: Bundeswehr
Als ziviler Arbeitgeber nahezu unbekannt

Ein weiteres Problem: Die Bundeswehr ist überaltert, der Durchschnittsbeamte ist 50 Jahre alt. Gerade im technischen Dienst aber ist eine dauernde Weiterentwicklung notwendig. „Uns fehlen mehrere Hundert Fachkräfte aus der Informationstechnologie, der Luftfahrt und dem Schiffbau. Das kann sich gerade in der Rüstung negativ auswirken“, sagt Eric Schnell.

Doch die freien Stellen werden kaum nachgefragt. Laut einer Bundeswehr-Studie ist nur einem Drittel der befragten Studenten und Absolventen aus den MINT-Studiengängen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) die Truppe als ziviler Arbeitgeber überhaupt bekannt.

Dabei hat sie einiges in die Waagschale zu werfen. 1500 Euro netto im Monat bekommen künftige Offiziere wie Sydow zu Studienbeginn, 1900 Euro, wenn sie ihr Studium an einer zivilen Universität wie geplant nach sechs Jahren abschließt. Und danach locken weitere Vorteile: der sichere Arbeitsplatz, die Möglichkeit, halbtags zu arbeiten, eine deutlich frühere Pensionierung als in der privaten Wirtschaft schon mit Ende 50.

Karriere mit Besonderheiten

Und wenn diejenigen, die sich für 17 Jahre verpflichten, dann ausscheiden, lockt ein zweijähriges Übergangsgeld von bis zu 91 Prozent des letzten Nettogehalts. Genug, um sich zu orientieren und eine zivile Existenz aufzubauen. Künftig will sich die Bundeswehr auch darauf konzentrieren, Bewerbern Modelle schmackhaft zu machen, bei denen sie Familie und Beruf besser miteinander vereinbaren können.

Doch wer Karriere bei der Bundeswehr machen will, muss sich über die Besonderheiten des Arbeitgebers im Klaren sein. Jeder kann jederzeit versetzt werden, muss mit der Waffe umgehen können. Das gilt auch für Ärzte, die sich notfalls verteidigen müssen. Das schmeckt nicht jedem und auch Wehrdienstberater Flügel stellt fest, dass immer mehr Bewerber mit völlig falschen Vorstellungen vom Dienst bei der Bundeswehr zu ihm kommen. „Bei denen steht die Ausbildung im Fokus und nicht die Tatsache, dass sie erst einmal Soldat sind.“

Vanessa Sydow schreckt das nicht ab. Sie weiß, dass ein Einsatz durchaus gefährlich sein kann. „Doch ich werde hoffentlich so gut darauf vorbereitet, dass nicht viel passieren kann.“

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