Bürobeziehungen Mehr als nur "Kollegen"

Freundschaften haben vielfach bereits den Wert von Ehen und Familien abgelöst - im Job machen sie kreativer und produktiver. Aber sie bergen auch Gefahren: Wenn die Interessenkonflikte die Beziehung gefährden, können aus Freunden erbitterte Feinde werden.

Liane Borghardt, wiwo.de | , aktualisiert


Foto: Yuri-Arcurs/Fotolia

Weil der deutsche Sommer dieses Jahr so bescheiden war, haben Tanja Janz und Alexandra Frenz zusammen eine Auszeit genommen. Auf Formentera und Ibiza haben sie in der Sonne gelegen, gebadet, gefeiert.

Über die Arbeit haben sie dort kaum geredet. Könnten sie aber: Die beiden sind nicht nur gute Freundinnen, sondern auch Kolleginnen. "Frollegen", wie solche Bürobeziehungen scherzhaft genannt werden.

Vor eineinhalb Jahren lernten sich die beiden bei der Targobank in Düsseldorf kennen. "Frau Janz", die Pressesprecherin, und "Frau Frenz", die Marketing-Managerin, sollten sich um das Thema soziale Medien kümmern. Seither verantworten die beiden den Auftritt der Bank auf Internet-Plattformen wie Twitter oder Facebook.
 
Eine Anwenderkonferenz hier, ein Arbeitsessen dort – so begann das Projekt. Inzwischen arbeiten Tanja und Alexandra täglich zusammen. Und in ihrer Freizeit gehen sie gemeinsam einkaufen oder verabreden sich mit ihren Partnern.

Bester Freund im Job gesucht

Solche Büro-Freundschaften sind fester Bestandteil des Arbeitslebens. Wer beruflich viel miteinander zu tun hat, kommt sich oft auch privat näher. 40 Prozent der deutschen Arbeitnehmer treffen sich in der Freizeit gerne mit Kollegen, ermittelte kürzlich eine Umfrage der Jobbörse Monster. Laut einer Studie des Forschungsinstituts Gallup wiederum hat jeder dritte Deutsche im Job einen "besten Freund".

Aus soziologischer Sicht überrascht das nicht. "Jeder braucht Bestätigung. Deshalb mögen wir Menschen, die uns ähnlich sind", sagt Christof Wolf vom Mannheimer Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften. Freundschaft bedarf eines Fundaments aus gemeinsamen Interessen. Häufiger Kontakt, ähnliche Werdegänge und Ziele fördern solche Beziehungen.

Eine Befragung der WirtschaftsWoche unter Mitarbeitern der Targobank in Düsseldorf passt ins Bild: Freundschaft am Arbeitsplatz ist für alle ein Thema, unabhängig von Alter, Geschlecht und Position. Wer mit seinen Kollegen auf derselben Wellenlänge liegt, hat nicht nur mehr Spaß bei der Arbeit. Auch von Vorteilen wie einander "den Rücken stärken", "mehr Hilfsbereitschaft" und damit "effizienterem Arbeiten" ist die Rede.


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Tatsächlich bestätigt die Organisationspsychologie, was der Einzelne im Berufsalltag erlebt: Büro-Freundschaften sind gut fürs Business. Motivierter, engagierter und ausgeglichener seien betroffene Mitarbeiter, resümiert das Gallup-Institut.

Eine aktuelle Studie der Universität von Tel Aviv kommt sogar zu dem Ergebnis, dass solche Freundschaften die Kreativität beflügeln. Gute Beziehungen erhöhen das individuelle Sicherheitsgefühl – und deshalb gehen Mitarbeiter eher neue Wege.
 
In die gleiche Richtung weist eine Untersuchung des Organisationspsychologen Francis Flynn von der amerikanischen Stanford-Universität: Kollegen, die sich untereinander mochten und gegenseitig halfen, waren produktiver als jene, die sich stur auf ihre eigene Arbeit konzentrierten.
 
Freundschaften lassen sich zwar nicht erzwingen, durch ein offenes, konstruktives Miteinander aber fördern. Davon profitiert ein Unternehmen genauso wie der Einzelne: Von einem befreundeten Kollegen kann man vor allem Unterstützung und ehrliche Rückmeldung erwarten. Freunde sagen einander Dinge, die sich sonst keiner zu sagen traut, geben Rat ohne versteckte Agenda und interessieren sich für das Wohlergehen des anderen.

Das ist nicht nur gut für die Psyche, sondern auch für die Karriere. Der Psychologe Shawn Achor von der Harvard-Universität untersuchte jüngst den Zusammenhang zwischen Job-Freundschaften und beruflichem Fortkommen. Sein Fazit: Wer sich auch menschlich für seine Kollegen interessiert, erhöht seine Chancen auf eine Beförderung um 40 Prozent.

Freundschaften oft wichtiger als Ehe und Familie

Sozialmuffel hingegen wurden der Studie zufolge nur in sieben Prozent der Fälle befördert. Das Ergebnis darf man allerdings auch nicht missverstehen: Sich nur um der Karriere willen bei den Kollegen anzubiedern geht garantiert nach hinten los, warnt Achor.

Soziologen zufolge hat sich der Wert von Freundschaft mit der sinkenden Zahl von Ehen und Familien erhöht. Sie lieferten "ersatzweise Vertrautheit und Geselligkeit", sagt Christof Wolf.

Tatsächlich rangieren "Freundschaften" in Umfragen über das Wichtigste im Leben bei den Deutschen regelmäßig an der Spitze – manchmal noch vor "Partnerschaft" und "Familie".

Der Begriff "Freund" bleibt jedoch im konservativen Sinne ein enger: Im Privaten wie im Berufsleben zählt nach wie vor Qualität vor Quantität. Daran ändert die inflationäre Begriffsverwendung auf Plattformen wie Facebook genauso wenig wie das mittlerweile übliche "Du" im Büro.


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Zwar definiert jeder die Bezeichnung "richtiger Freund" anders. Doch ein gemeinsamer Nenner ist der Grad der Vertrautheit, der sich – wenn überhaupt – erst mit der Zeit entwickelt. Intuitiv ahnt allerdings jeder, dass hier ein Stolperstein liegt.
 
Auf keinen Fall sollten gute Zusammenarbeit und Freundschaft vorschnell miteinander verwechselt werden. Der Kontext der Arbeit gibt viel Ähnlichkeit vor – und die kann trügen.

Loyalität, Verlässlichkeit und Hilfsbereitschaft sind bei gemeinsamen Projekten zwar gefragt. Dies sollte jedoch nicht dazu verführen, "die persönlichen Bindungen bei der Arbeit zu überschätzen", sagt der Frankfurter Psychologe Hermann Refisch.

Unangebrachte Vertraulichkeit schadet der Arbeit genauso wie der persönlichen Beziehung. "Lassen Sie alles weg, was den Zuhörer belastet. Und wägen Sie ab, wie weit Sie im Vertrauen etwas preisgeben, was möglicherweise gegen Sie verwendet werden könnte", sagt Refisch. Dazu gehören zunächst alle heiklen Gesprächsthemen wie Krankheiten oder Beziehungsprobleme. Im modernen Büroalltag und der zunehmenden virtuellen Vernetzung gilt das speziell für soziale Netzwerke. Wenigstens aber sollten private und berufliche Profile voneinander getrennt sein.

Gesunde Halbdistanz ist angebracht

Besonders eindrucksvoll demonstrierte das kürzlich eine Auszubildende aus Düsseldorf: "Ab zum Arzt und dann Koffer packen", verkündete die ihren "Freunden" auf Facebook das geplante Blaumachen. Dummerweise dem im Netzwerk ebenfalls assoziierten Chef genauso.

Selbst wenn ein Lapsus selten so gravierend ist: Der Dortmunder Arbeitspsychologe Michael Kastner rät zu einer "gesunden Halbdistanz" unter Kollegen. Das ist die andere Seite der Medaille: Enge Beziehungen am Arbeitsplatz können auch zu Interessenkonflikten, Enttäuschung und Neid führen. Dann etwa, wenn freundschaftliche Gefühle mit den Anforderungen der Arbeit kollidieren. Zum Beispiel wenn aus Kollegen und Freunden durch eine Beförderung Chef und Mitarbeiter werden.

Als Faustformel gilt: Je größer die Konkurrenz zwischen Gleichgestellten oder je stärker die berufliche Abhängigkeit voneinander, desto mehr Vorsicht ist bei der privaten Beziehung geboten.

Gerade im Top-Management sind enge Freundschaften unter Vorstandskollegen eher die Ausnahme. Nur selten schließen die Chefs Freundschaften im direkten Arbeitsumfeld. Zwar würde die überwiegende Mehrheit der Manager privaten Beziehungen am Arbeitsplatz Positives abgewinnen, hat Psychologe Refisch bei seiner Dissertation über "Führung und Freundschaft" herausgefunden. Jeder vierte Manager aber trennte persönlich lieber zwischen beruflichen und privaten Kontakten.


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Dafür aber vernetzen sie sich umso öfter mit Gleichgesinnten, die in ihrer jeweiligen Branche zur Spitze zählen. Das gemeinsame Leistungsethos verbindet, wissen Soziologen – und das unterschiedliche Betätigungsfeld ermöglicht den ungeschminkten Austausch.
 
Klar ist, Büro-Freundschaften müssen weder am Wettbewerb noch an Hierarchien scheitern. Es bedarf allerdings offener Aussprachen über unterschiedliche Rollen und den damit verbundenen Erwartungen – etwa wenn sich befreundete Kollegen um den gleichen vakanten Posten bewerben oder der Freund zum Vorgesetzten wird.
 
Ehrlichkeit ist im Umgang miteinander das oberste Gebot. Dennoch muss klar sein: "Es gibt Dinge im Job, die man einfach nicht weitersagen kann", sagt die Targobank-Managerin Alexandra Frenz.

Derlei Fingerspitzengefühl ist nicht nur in der Zweierbeziehung am Arbeitsplatz gefragt, sondern auch gegenüber Dritten.

Häufig werden befreundete Kollegen der Kumpanei verdächtigt. Für Freundschaften im Büro gilt dasselbe wie für Liebespaare, die sich bei der Arbeit kennengelernt haben: nicht ständig zusammen glucken oder gar das Gespräch verstummen lassen, wenn Kollegen hinzukommen.

Unter scharfäugiger Beobachtung

Wer seine Freundschaft demonstrativ zur Schau stellt, riskiert, von Informationen abgeschnitten zu werden, und sät Misstrauen: Bevorzugt der Vorgesetzte den Freund? Oder trägt der Details aus Kollegengesprächen nach oben? "Sobald man das Gefühl hat, Kollegen könnten die Freundschaft negativ interpretieren, sollte man sich erklären und die anderen auch dazu einladen", sagt Unternehmensberater Moritz Freiherr Knigge, der unter anderem Seminare zum Thema gibt.

Über den Wert von Freundschaft sinnierte bereits 1788 dessen berühmter Vorfahr Adolph Freiherr von Knigge. In seinem Standard-Werk "Über den Umgang mit Menschen" schrieb er: "Es gibt Menschen, die gar keinen vertrauten Freund haben. Andre sind aller Welt Freunde. Lasset uns zu keiner von beiden Klassen gehören!"

Mehr als 200 Jahre später und in Zeiten von Online-Netzwerken gilt das Bonmot mehr denn je.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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