Bildungsmangel Privatschulen gründen mit neuen Lernkonzepten

Immer mehr Eltern gründen Schulen und wollen zeigen, dass es bessere Lernkonzepte gibt als in staatlichen Schulen. Doch die Hürden sind hoch.

Melanie Rübartsch | handelsblatt.com | , aktualisiert


Foto: Andres Rodriguez/Fotolia

Staatliche Lehrpläne plus fachübergreifende Projekte

Hartmut Fischer wollte nicht länger nur zuschauen. Er wollte es besser machen. Weil den dreifachen Vater nach den Schulwechseln seiner Kinder die pädagogischen Konzepte und Lehrmethoden an bestehenden Schulen nicht überzeugten, gründete er kurzerhand eine eigene.

Im November 2010 begann er mit der Gründung, nicht einmal ein Jahr später lief der Schulbetrieb: Seit Sommer 2011 besuchen 18 Schüler die siebte und achte Klasse des reformpädagogischen Galileo-Gymnasiums im Berliner Stadtteil Wilmersdorf.

"Schule kann mehr sein als eine Lernanstalt, in der standardisiertes Buchwissen auswendig gelernt wird", ist der Vater und Unternehmensberater überzeugt. Die fünf Lehrer der Schule vermitteln den Stoff über praxisnahe, fachübergreifende Projekte, die die Schüler mitentwickeln und in die der Stoff aus den staatlichen Lehrplänen eingewoben wird.

Praxisnaher Unterricht

Die Jugendlichen entwerfen etwa für einen Mittelständler ein Konzept, wie dieser sein Produkt und dessen Vermarktung verbessern kann, und erfahren dabei im Rahmen von Physik, Mathematik und Deutsch mehr über Fertigungstechniken, Produktkalkulationen und Marketing.

Gründer Fischer ist nur einer von vielen, die sich für ihre Kinder eine andere Schule wünschen. Laut einer aktuellen Umfrage des Allensbach-Instituts machen drei von vier Eltern die Qualität einer Schule daran fest, dass die Begabungen der Schüler gezielt gefördert werden. Allerdings glauben nur 24 Prozent der Befragten, dass dies im bestehenden Schulsystem gelingt.


Foto: Andres Rodriguez/Fotolia

Die Zahl der Privatschulen ist auch deshalb laut Statistischem Bundesamt seit 1992 um 67 Prozent auf insgesamt 5411 gestiegen. "Neben etablierten Bildungsträgern oder Kirchen sind es auch Elterninitiativen, die eine Schulgründung stemmen möchten", sagt Florian Becker vom Privatschulverband (VDP).

Schulgründer Fischer weiß allerdings auch: Wer solch ein Großprojekt plant, braucht viel Zeit und Durchhaltevermögen, gute Planung und ein starkes Team. Die Landesschulgesetze machen es Gründern nicht leicht. "Wenn einer von zehn Interessenten seine Idee nach Kenntnis all dieser Hürden weiterverfolgt, ist das viel", sagt Becker.

Per Grundgesetz hat jeder Bürger das Recht zur Errichtung von privaten Schulen. Diese müssen in Erziehungs- und Bildungszielen, Ausstattung und Qualifikation der Lehrer den Standards der staatlichen Schulen im jeweiligen Bundesland entsprechen.

Finanzielles Risiko bleibt

In der Praxis bedeutet das: Viel Papierkram, zahlreiche Behördengänge – und vor allem finanzstarke Unterstützer. Denn in den ersten Jahren bekommen die Schulen noch kein Geld vom Staat.

Auch für Maike Lohse waren die Finanzen eines der größten Hindernisse auf dem Weg zu "ihrer" Grundschule. Seit 2009 arbeitet die Personalberaterin gemeinsam mit einem Team aus Lehrern und Eltern an der Gründung der "Next", einer christlichen Grundschule in Elmshorn.


Foto: Andres Rodriguez/Fotolia

Die Idee hatte sie schon länger, die Geburt ihrer Tochter vor sechs Jahren habe dann den Ausschlag gegeben. "Als Personalleiterin war ich erschrocken, wie wenig die klassische Schulbildung die Kinder auf das Leben und das Berufsleben vorbereitet.

Als Mutter wünsche ich mir ein Schulumfeld, das Kinder individuell fördert. Als Christ ist es mir wichtig, dass Kinder die christlichen Werte vermittelt bekommen und so zu Bürgern heranwachsen, die als in sich gefestigte Persönlichkeiten unsere Gesellschaft positiv gestalten", erklärt Lohse ihr Engagement.

Seit Oktober 2011 gibt es nun einen ersten Vorschulkurs, ab Sommer soll der normale Schulbetrieb mit voraussichtlich 15 Schülern – darunter Lohses Tochter – in der ersten Klasse starten.

Spenden und Elterndarlehen

"Nachdem wir den Trägerverein gegründet hatten, haben wir mit Hochdruck um Spenden und Elterndarlehen geworben", erinnert sich die 39-Jährige.

Anschließend begann die Suche nach Gebäude und Personal. Die größte Hürde dabei: "Die Behörden wollen unterschriebene Darlehens-, Miet- und Arbeitsverträge sehen, noch bevor sie die Genehmigung erteilen", berichtet sie.


Foto: Andres Rodriguez/Fotolia

Das heißt, der Verein musste Vermieter, Mitarbeiter und Eltern finden, die bereit sind, Vereinbarungen rund um eine Schule zu unterzeichnen, die möglicherweise gar nicht an den Start gehen kann.

"Überzeugte Eltern und Lehrer investieren gerne die nötige Flexibilität", weiß Lohse. Aber zum Beispiel in Sachen Miete bliebe immer ein Restrisiko am Verein hängen.

Eine Schulgründung ist vergleichbar mit der Gründung eines kleinen Unternehmens – darin stimmen Personalberaterin Lohse und Unternehmensberater Fischer überein. Beide sind nach eigener Einschätzung vor allem deshalb so weit gekommen, weil sie ein Team aus Mitgründern und Beratern hatten, das verschiedene Kompetenzen mitbrachte – sowohl pädagogische als auch wirtschaftliche.

Freizeit opfern für Gründung

Zudem waren beide Initiatoren bereit, viel Freizeit zu opfern. "Ich habe meine Tätigkeit als Alleingesellschafter der gemeinnützigen Träger-GmbH ganz offiziell von meinem Arbeitgeber genehmigen lassen und letztlich acht Monate lang jeden Feierabend und jedes Wochenende investiert", sagt Hartmut Fischer.

Insbesondere die Suche nach passenden Räumen, die in der Nachbarschaft auch einen Sportplatz und Labore bieten, kostet Zeit. 


Foto: Andres Rodriguez/Fotolia

Ein regelrechter Profi auf dem Gebiet "Unternehmen Schule" ist da mittlerweile Philipp Graf von Hardenberg. Der Manager sanierte bereits eine klamme internationale Privatschule in Berlin – die Schule seiner Töchter –, saß im Vorstand des renommierten Internats Louisenlund in der Nähe von Kiel und eröffnete ein Internat in Thailand.
 
Aktuell arbeitet er an der Gründung des Nordsee Colleges Sylt (NCS). Die Eröffnung war ursprünglich für diesen Sommer geplant, wegen jüngster Sturmschäden am Bau musste von Hardenberg den Termin aber nun um ein Jahr verschieben.

Fünf Jahre Vorbereitung und Planung stecken bislang in dem Projekt. Lange musste er um das Grundstück ringen, brauchte Zeit, um namhafte Pädagogen für den Beirat zu gewinnen oder das aktuell zwölfköpfige pädagogische Team zusammenzustellen.

Das Netzwerk hilft

Sein internationales Netzwerk habe ihm sehr geholfen, sagt der Unternehmer. Dazu zählt unter anderem der Kontakt zu Uwe Christiansen, damals Referent im schleswig-holsteinischen Bildungsministerium, heute Schulleiter des NCS.

"Unsere Schule soll eine Lerninsel werden", sagt Hardenberg. Lehrer heißen Lerncoaches, einen traditionellen Klassenverband gibt es nicht mehr, Schüler treffen in Lerngruppen projektweise zusammen, jedes Kind hat seinen festen Arbeitsplatz im Großraumbüro.

Hardenbergs Antrieb ist dabei der gleiche wie bei anderen Eltern auch: "Wir können unser Lern- und Bildungssystem einfach besser machen." 


Foto: Andres Rodriguez/Fotolia

Diese Nachweise müssen Schulgründer in der Regel erbringen: 

• Allgemeine Informationen: Trägerschaft? Standort? Ist das Gebäude für aktuellen und künftigen Bedarf geeignet? Sind alle bauordnungs- und schulrechtlichen Auflagen erfüllt?

• Pädagogisches Konzept: Übergeordnete und individuelle Lernziele, Lehrpläne, Stundenplantafeln und Curricula muss dies enthalten. Nichtkonfessionelle Grundschulen benötigen einen pädagogischen Ansatz, den staatliche Schulen nicht bieten.

Personalplan

Schulleiter und Lehrer benötigen das erste und zweite Staatsexamen. Je nach Bundesland dürfen bis zu 20 Prozent Quereinsteiger mit Sondergenehmigung unterrichten, etwa ein pädagogisch geschulter Muttersprachler aus dem Ausland.

Finanzierungsplan

Privatschulen gelten so lange als Ergänzungsschule bis sie als Ersatzschule anerkannt sind und bekommen als solche kein Geld vom Staat. Auch danach erhält der Träger als Zuschuss je nach Bundesland nur zwischen 60 und 90 Prozent dessen, was ein Schüler einer vergleichbaren öffentliche Schule kosten würde.

Gründer müssen darlegen, dass und wie sich die Schule selbst tragen kann.

Zuerst veröffentlicht auf handelsblatt.com

Artikel teilen

Ihr Browser ist veraltet. Deshalb können Sie diese Webseite nicht korrekt darstellen!

Bitte laden sie einen dieser aktuellen, kostenlosen und exzellenten Browser herunter:

Für mehr Sicherheit, Geschwindigkeit, Komfort und Spaß.

Lade Seite...