Bildungsbericht Deutschland muss in Bildung investieren

Die Prognosen der Wissenschaftler im neuen Bildungsbericht sind alarmierend: Es mangelt 2025 in Deutschland weder an Menschen noch an anspruchsvollen Arbeitsplätzen. Was fehlt, ist Bildung, die die Menschen befähigt, diese Arbeiten auch auszuführen.

dpa | , aktualisiert

Migrantenkinder ohne Bildungschancen, zu viele Ungelernte, immer noch zu wenig Hochschulabsolventen und eine nach wie vor extrem hohe Abhängigkeit von Bildungserfolg und sozialer Herkunft. Der Weg in die von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) beschworene „Bildungsrepublik Deutschland“ ist noch weit, wie der am Donnerstag vorgelegte gemeinsame Bund-Länder-Bericht „Bildung in Deutschland 2010“ belegt.

So wirkt der neue von einer Wissenschaftlergruppe um den Bildungsforscher Horst Weißhaupt erstellte Bericht wie ein eindringlicher Appell, dass sich Bund und Länder nach ihrem in der vergangenen Woche geplatzten Bildungsgipfel doch noch über eine bessere Finanzierung von Bildung und Forschung zusammenraufen.

Munition für die Finanzminister, die sich von dem gewaltigen Schülerrückgang in den nächsten 15 Jahren Einsparpotenzial erhoffen, liefert der Bericht jedenfalls nicht. So gebe es bei der Kinderbetreuung, Schulangeboten, Hochschulen, Berufsbildung und Weiterbildung noch zu viele offene Baustellen und Herausforderungen, als dass man jetzt ans Sparen denken könnte. Zu zart seien noch die Reformpflänzchen der vergangenen Jahre.

An Bildung sollte nicht gespart werden

Die Fakten: Während 1991 noch 830 000 Kinder geboren wurden, waren dies 2008 nur noch 683 000. Die für den Bildungsbereich relevante Altersgruppe der unter 30-Jährigen schrumpft von heute 25,5 Millionen auf 21,3 Millionen im Jahr 2025. Die Zahl der „aktiven Bildungsteilnehmer“ in Kinderhorten, Schulen und Hochschulen geht im gleichen Zeitraum um 2,6 Millionen auf 14,1 Millionen zurück. Dieser „demografische Wandel“ eröffnet aus Sicht der Autoren bei der Bildung ein „Gestaltungspotenzial von knapp 20 Milliarden Euro“ - sofern der Teilnehmerrückgang für Qualitätsverbesserungen und nicht für Einsparungen genutzt wird.

Am härtesten trifft der Geburtenknick die Schulen, deren Schülerzahlen von 9 Millionen auf 7,3 Millionen zurückgehen. Das schafft vor allem auf dem Land Probleme, weiterhin möglichst ortsnah alle Bildungsabschlüsse anzubieten. Das gilt besonders in den Bundesländern, die sich gegen integrative Systeme sperren und an einer klaren Trennung von Haupt-, Realschule und Gymnasium festhalten wollen.

Zugleich steigen die Qualifikationsanforderungen auf dem Arbeitsmarkt weiter. Trotz steigender Hochschulabsolventenzahlen ist in mehreren Disziplinen ein Akademikermangel absehbar. Aber gleichzeitig leistet sich Deutschland den „Luxus“, 17 Prozent aller 20- bis 30-Jährigen ohne Berufsabschluss auf den Arbeitsmarkt zu entlassen. Das deutsche Bildungssystem - so die Forscher - bringe damit 1,3 Millionen Ungelernte mehr hervor, als ein künftiger Arbeitsmarkt jemals verkraften könne.

Geringere Bildungschancen für Migrantenkinder

Mit der Grundgesetzänderung zur Föderalismusreform haben sich Bund und Länder zur regelmäßigen Bildungsberichterstattung in der Verfassung verpflichtet. Und wie bei einem amtlichen Bericht üblich, enthält das 350-Seiten-Werk der unabhängigen Wissenschaftler auch
eine Menge Lob über die Arbeit der Bildungspolitik in den vergangen Jahren: Etwa der Ausbau von Kinderbetreuung und frühkindlicher Bildung, die Schaffung von mehr Ganztagsangeboten und der Rückgang der Sitzenbleiberquote.

Den Finger in die Wunde legen die Forscher jedoch bei den Bildungschancen für Migrantenkinder: Zu wenig Teilnahme an Vorschulerziehung und Sprachkursen und auch zu geringe Chancen beim Einstieg in eine Lehre. Dabei verweisen die Wissenschaftler nicht nur auf bildungspolitische, sondern auch auf kulturelle Probleme. Fast jede zweite türkische Frau zwischen 20 und 30 Jahren in Deutschland hat keinen Berufsabschluss und ist auch nicht mehr in einer Bildungsmaßnahme. Befürchtet wird hier neuer sozialer Sprengsatz - und dass sich Unbildung auf die Kinder quasi vererbt. Vier Prozent aller Schüler kommen heute bereits aus einer Familie, bei der die Eltern über keinerlei Schulabschluss verfügen.

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