Bildungs-Biotop Die Unternehmer-Uni

Die private Zeppelin University gilt als Bildungs-Biotop – eigenwillig, experimentierfreudig, forschungsstark. Deutschlands Unternehmer lassen hier ihren Nachwuchs ausbilden, jeder fünfte Student gründet eine Firma. Die Studenten bekommen fürs Querdenken jetzt sogar zwei Semester mehr Zeit, zahlen dafür aber einige Tausend Euro zusätzlich.

Stefani Hergert | , aktualisiert

Eines Morgens ist die Hälfte der Fensterfront der Mensa mit einem Muster aus halbdurchsichtigen Discounter-Logos verklebt. Die Wiese dahinter und den Zugang zum See kann man lediglich erahnen. „Brand new view“ heißt das Kunstwerk – ein Wortspiel, das so viel bedeutet wie „der neue (Marken) Blick“. Die Studenten sind überrascht und irritiert. Einen Tag später haben sie auch die andere Hälfte der Fensterfront verklebt – mit Plastiktüten von Lidl, Aldi und Co. „Brand no view“ – frei übersetzt „gar kein Blick mehr“ – nannten sie das. So sehen „Studentenproteste“ an der Zeppelin University aus, dem privaten Bildungs-Biotop in Friedrichshafen am Bodensee.

Es sind Szenen, die Stephan Jansen, Gründungspräsident der Hochschule, gefallen. „Die Studenten wissen, dass ich Meckerei nicht mag. Also werden sie aktiv“, sagt der 39-Jährige. Seit acht Jahren leitet er die private Hochschule – ebenfalls unkonventionell: So hat er Vorlesungen zugunsten von Seminaren und Projektarbeit abgeschafft und stellt seine Studenten mitunter bewusst vor Aufgaben, die sie nicht lösen können. Humboldt 2.0 nennt er das, in Anlehnung an den Gelehrten Wilhelm von Humboldt, an das Ideal der Einheit von Forschung und Lehre. Bei Jansen kommt noch Dienstleistungsgedanke dazu.

Das Ergebnis ist eine Unternehmer-Hochschule. Und das gleich im doppelten Wortsinn: Weil Jansen und seine Mitarbeiter wie kaum eine andere Hochschule ihre Studenten zu unternehmerischem Denken und Selbstständigkeit erziehen und weil sie seit Jahren zeigen, dass sich eine forschungsorientierte Universität sehr wohl rein privat finanzieren lässt.

25 Lehrstühle hat die Uni

Um zu verstehen, wie das geht, sind Menschen wie Marcel Tyrell wichtig. Auf in den ersten Stock des Campus am See, die breite Treppe hoch, den Gang zur Hälfte entlang. Marcel Tyrell besetzt einen von zwölf Stiftungslehrstühlen, 25 Lehrstühle hat die Uni insgesamt. Für viele private Hochschulen gehören die –nicht ganz unumstrittenen – gesponserten Professuren zum Finanzierungsmodell. Der Stifter zahlt meist Gehälter und Teile der Ausstattung. Ein Drittel des Haushalts machen solche Zuwendungen von Sponsoren an der Zeppelin University aus. Allein 1,1 Millionen Euro überweist der Hauptfinanzier Zeppelin-Stiftung jährlich, plus 175 000 Euro für einen von ihr gesponserten Lehrstuhl. Das zweite Drittel sind die Studiengebühren, den letzten Teil ergeben Forschungsdrittmittel. Und die Zeppelin-Stiftung bürgt dafür, dass die Studenten einen Abschluss machen können, sollte die Uni einmal pleite sein. Doch die sorgt weiter vor: Seit 2007 baut die Uni in einer eigenen Stiftung einen Kapitalstock auf.

Fast 100 Unternehmen aufgebaut

Dass auch die Studenten ihr Studium als Investition sehen, belegt eine Zahl: 66 Prozent. So viele der rund 770 Immatrikulierten lassen sich die 3000 bis 5000 Euro Studiengebühren je Semester von der örtlichen Sparkasse vorfinanzieren – ohne zusätzlichen Bonitätsnachweis. Die Sparkasse vertraut auf das Auswahlverfahren der Hochschule.

Wer das geschafft hat, sitzt irgendwann in der „Seele“, dem Mittelpunkt des Campus am See. Der offene Bereich mit den langen Holztischen vor der Fensterfront ist Aula, Mensa, Arbeitsplatz und Café zugleich. Die University – Universität darf sie sich nach dem baden-württembergischen Hochschulrecht nicht nennen, bietet ihnen ein fächerübergreifendes Studium in den Departments Politik, Wirtschaft und Kultur. Im ersten Jahr, dem Studium generale, müssen sie sich auf alle drei Disziplinen einlassen. Zeppelin-Jahr nennen sie das. Und schon da steht ein Projekt an.

Studenten haben zum Beispiel ein Marketingkonzept für die Initiative zur Bundesstraße 31 erarbeitet, die sich um den nördlichen Bodensee schmiegt und seit 50 Jahren das Nadelöhr der Region ist. Andreas Brand, Oberbürgermeister der Stadt Friedrichshafen, hat die Zusammenfassung in seinem Büro griffbereit neben sich. „Viele positive Ideen sind da drin“, lobt er. „Wir schauen gerade, wie man das umsetzen kann.“

Fast 100 Unternehmen wurden aus der Uni heraus aufgebaut. „Es ist schon bemerkenswert, wie viele der Studenten hier gründen“, sagt Simon Pagany, der in einem Semester seinen Masterabschluss macht. Jeder fünfte, besagt die Statistik, hat Gründungserfahrung. Im deutschen Durchschnitt sind es maximal zwei Prozent. Aktuelles Beispiel, dass am Bodensee wohl jeder zitieren kann: Die Firma von drei Studenten, die mit Deinbus.de und ihren nach Bedarf organisierten Fahrten zwischen deutschen Großstädten die Deutsche Bahn gerade mächtig nervt. Diese Gründer sind für Präsident Jansen das beste Beispiel für den interdisziplinären Ansatz seiner Uni. Ihre Idee sei in Seminaren über das Recht der Regulierung und Vergleichende Regierungsforschung entstanden, nicht in einem Kurs zur Unternehmensgründung.

Künftig will die Uni den Bachelorstudenten mehr Raum für solche Projekte und die Forschung, für „Eigenzeit und Eigenwilligkeit“ geben. „Substanz statt Schmalspur“ verkündet die Internet-Startseite. Statt sechs Semester werden sie künftig acht studieren, bis sie den Bachelorabschluss in Händen halten. Klaus Landfried, früherer Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, hält das auch für kluges Marketing. Die Uni passe sich internationalen Trends an. Kritiker merken an, dass das Bachelorstudium so aber insgesamt teurer wird.

Die Unternehmerkinder

„Die jungen Leute lernen, dass Wirtschaften mit Unternehmen zu tun hat, mit Risiko und Haftung, nicht nur mit einem abgesicherten Angestelltendasein“, sagt Landfried, der selbst einmal für die Uni tätig war. Vielleicht ist auch das ein Grund, warum etliche Familienunternehmer ihren Nachwuchs hierherschicken. Die Namen Würth oder Bahlsen hört man. Die Studenten erwartet eine Ausbildung, die man so kein zweites Mal findet. Das Studium generale ist ja nur der Anfang. Generalisten will Jansen ausbilden, keine stromlinienförmigen Nachwuchsmanager. „Im ersten Semester lesen sie bei mir nur Nobelpreisträger – um in das Denken reinzukommen“, sagt Jansen. Er selbst überlegt gerade, ob er Theaterkurse ins Studium integriert. „Ein Ökonom muss Theater spielen, richtig atmen, Präsenz auf der Bühne zeigen können“, sagt er. Rhetorik- und Powerpointkurse belächelt er. Einen Eid für Manager, der andernorts diskutiert wird, auch. Wer seine Uni als Business School abtut, fliegt aus seinem Büro. Sagt er zumindest. Man weiß nicht so genau, ob das wirklich nur ein Scherz ist.

Vor wenigen Monaten hat die Uni den ersten berufsbegleitenden Master für all jene ins Leben gerufen, die als interner oder externer Nachfolger ein Familienunternehmen führen wollen. Angedockt ist das Studium an das Institut für Familienunternehmen, Zeppelin gilt neben der Uni Witten-Herdecke als die Anlaufstelle für Familienunternehmen. Die Uni lässt für den Master nur Bewerber zu, die ein Projekt oder Problem der Firma oder Familie angehen wollen.

Anpacken – das gilt an der Zeppelin University eben auch für angehende Familienunternehmer, nicht nur für Studenten, denen die Kunst den Seeblick raubt.

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