Big-Data-Spezialisten BWLer sind die falsche Wahl

Ohne Datenanalyse geht es nicht. Doch die deutschen Unternehmen drohen den Anschluss zu verlieren. Auch, weil sie lieber Wirtschaftswissenschaftler statt Datenexperten einstellen.

Kerstin Dämon, wiwo.de | , aktualisiert

BWLer sind die falsche Wahl

Foto: Zerbor / fotolia.com

Deutschland ist analog: Beim Breitbandausbau hapert es, die Computerkompetenzen der Jugendlichen sind eher mies und vor Datenalayse – elektronischer Statistik – haben die meisten Angst. Entsprechend hinken auch die Firmen bei Data Analytics hinterher. Zwar nutzt fast die Hälfte der Finanzabteilungen Data Analytics als Entscheidungsgrundlage, doch schon in der IT, Marketing und Einkauf sind es nur noch 30 Prozent. In der Personalabteilung nutzen nur noch zehn Prozent Datenanalysen. Hauptentscheidungsgrundlage ist dort das Bauchgefühl.

"Das Gefühl kann oft täuschen. So haben wir vielleicht das Gefühl, dass es in letzter Zeit mehr Flugzeugabstürze gegeben hat, weil viel über die letzten Fälle berichtet wurde", sagt Henrik Jorgensen, verantwortlich für den deutschsprachigen Raum bei Tableau Software, einem Analyse- und Datenvisualisierungstool.

Mit Big Data zum Wettbewerbsvorteil

Er ist überzeugt, dass es Unternehmen viel Geld kosten kann, sich nur auf ihren Bauch zu verlassen. "Das heißt nicht, dass das Bauchgefühl keine Rolle spielt, aber bei großen Entscheidungen sollte man vorher die Zahlen kennen", so Jorgensen.

Um zu erkennen, ob es auf einem bestimmten Markt, mit einem Kunden oder in einer Region Absatzschwierigkeiten in einer Produktgruppe gibt, brauche man Datenanalyse, da helfe Intuition nicht weiter. "Der richtige Einsatz von Big Data ist ein milliardenschwerer Zukunftsmarkt. Wer die passenden Mitarbeiter, Strukturen und Technologien hat, schafft sich einen Wettbewerbsvorteil", sagt auch Alexander Börsch, Leiter Research bei Deloitte Deutschland.

In den letzten Jahren haben deshalb auch immer mehr Unternehmen die technischen Voraussetzungen fürs Analysieren von Daten geschaffen und die Mehrheit ist überzeugt, beim Thema ganz vorne mitzuspielen. Das dem nicht so ist, zeigt die Deloitte-Studie "Datenland Deutschland: Talent meets Technology – Data Analytics und der menschliche Faktor". Zwar haben rund 60 Prozent der Betriebe in Software und IT-Infrastruktur investiert. Doch das reicht nicht, wie Börsch sagt. "Oft fehlen die qualifizierten Experten."

Denn die Unternehmen haben zwar Mitarbeiter zu Datenanalysten weitergebildet und ein Drittel hat auch Spezialisten eingestellt. Doch die entsprechen oft den Anforderungen nicht: Bei 60 Prozent sind die Datenspezialisten nämlich klassisch ausgebildete Wirtschaftswissenschaftler: Volkswirte und Betriebswirte mit Bachelor oder Masterabschluss. Viele Unternehmen wollen laut der Studie Berufseinsteiger, die über statistisches Knowhow verfügen. Und mehr als ein Viertel weiß gar nicht, welche Ausbildungsprofile sie für Data Analytics suchen sollen.

Naturwissenschaftler müssen her

Deshalb verlassen sie sich auf traditionelle, quantitative Kompetenzen und setzen auf die Wirtschaftswissenschaftler. Erforderlich wären jedoch Fähigkeiten von Data Scientists wie sie promovierte Naturwissenschaftler haben, nach denen aber weniger als zehn Prozent der Unternehmen suchen.

Denn auch wenn die Wirtschaftswissenschaftler Statistik-Vorlesungen besucht haben: Wer Datenanalyse macht, sollte auch dafür ausgebildet sein oder zumindest die richtigen Fragen stellen, relevante Zusammenhänge finden und aus einem Algorithmus eine Handlungsempfehlung ableiten. "Wenn Unternehmen sich echte Wettbewerbsvorteile erarbeiten wollen, brauchen sie auch echte Experten, die Muster in den Datenbergen erkennen und interpretieren können", bestätigt Nicolai Andersen, Partner und Leiter Innovation bei Deloitte.

Ausbildungslücke an Hochschulen

Dass die Unternehmen diese Experten nicht einstellen, liegt aber nicht nur an ihnen selbst. Die Hochschulen bieten derzeit kaum entsprechende Studiengänge an, weil sich der Sektor schneller entwickelt, als sich Lehrpläne und Curricula erstellen lassen. "Wenn diese Lücke in der Ausbildung nicht bald geschlossen wird, können sich erhebliche Nachteile für den Standort Deutschland ergeben", so Andersen.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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