Bewertungsportale Noten für den Chef

Wie ist ein Unternehmen als Arbeitgeber – und wie geht es mit Bewerbern um? Bewertungsportale geben Aufschluss und zeigen Firmen, wenn Mitarbeiter unzufrieden sind.

Tina Groll, zeit.de | , aktualisiert


Foto: JensHertel/Fotolia

Erfahrungen mit der Bewerbung

Eigentlich ist Antje Schütt das, was Arbeitgeber suchen: Die 27-Jährige hat Marketing und Betriebswirtschaft studiert, hat internationale Erfahrungen, gründete mit Mitte 20 ihre erste Firma. Und trotzdem bekam sie auf ihre Bewerbungen keine Antwort.

Das war vor zwei Jahren, als Schütt mit ihrem ersten Kind schwanger war. Lag es daran? Oder war es einfach gängige Praxis bei den Unternehmen, sich nicht zu melden? Schütt suchte im Netz nach Erfahrungen von anderen Bewerbern. Und fand nichts.

"Damals habe ich gedacht, dass das kein guter Umgang mit Bewerbern ist und es gut wäre, so etwas öffentlich zu machen. So kam ich auf die Idee, ein Portal zu gründen, auf dem Jobsuchende ihre Erfahrungen mit Bewerbungen bei Unternehmen bewerten können", erzählt die junge Frau.

Frage der Einschätzung

Sie machte sich kurzerhand selbstständig, entwickelte zwischen Wickel- und Schreibtisch die Unternehmensidee und launchte im Sommer kurz vor der Geburt ihres zweiten Kindes das Portal Bewerbersicht.com. "Jobsuchende sollen sich hier künftig darüber informieren können, wie Firmen von anderen Bewerbern eingeschätzt werden", sagt die Gründerin.

Sie erfahren beispielsweise, wie lange es gedauert hat, bis man eine Empfangsbestätigung über die Bewerbungsunterlagen bekommen hat, wie lange man auf ein Vorstellungsgespräch warten musste oder welche Fragen im Gespräch gestellt wurden. So weit der Plan.


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Suche nach dem Kuschelfaktor

Noch fehlen dem Portal allerdings die Nutzer – und die Bewertungen. Darum macht die Gründerin derzeit Werbung für ihr Projekt.

Bereits etabliert ist das Bewertungsportal von Martin und Mark Poreda aus Wien. Ihr Arbeitgeberbewertungsportal Kununu ist seit vier Jahren online. 17 Mitarbeiter beschäftigen die Brüder mittlerweile.

Dabei suchte Martin Poreda seinerzeit nur Informationen über eine Firma im Internet, die ihm ein Jobangebot gemacht hatte. Weil er außer Imagebroschüre und Unternehmenswebsite nichts fand, entwickelte er gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder ein Portal, auf dem Arbeitnehmer ihre Arbeitgeber anonym bewerten können. Wie ist das Betriebsklima und wie die Kantine? Welche Goodies bietet die Firma ihren Mitarbeitern – und welche Aufstiegschancen haben sie? Gibt es ausreichend Parkplätze, und einen Betriebskindergarten?

Zufriedenheitsindikator für Arbeitgeber

Der Name des Portals ist Suaheli und heißt so viel wie "unbeschriebenes Blatt". Eine Abrechnungsplattform wolle man auf keinen Fall sein, betont Pressesprecherin Tamara Frast. Vielmehr soll Kununu transparent machen, wie es in Unternehmen wirklich zugeht.

Die Firmenprofile zeigen Bewertungen von "als Arbeitgeber mangelhaft" bis "super", daneben steht die Eigendarstellung des Unternehmens inklusive Werbevideo und Stellenangeboten.


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Keine Beleidigungen erwünscht

Die Unternehmen zahlen für ihr Profil auf Kununu, für die Nutzer ist der Service kostenlos. Rund eine Millionen User besuchen die Seite im Monat, mehr als 60.000 Unternehmen sind auf der Plattform vertreten.

Weil Firmen immer stärker auf Employer Branding setzen und als attraktive Arbeitgeber bekannt werden möchten, wächst das Start-up. Empörte Reaktionen von Unternehmen kämen nur noch selten vor, sagt die Pressesprecherin. "Manche Firmen verlangen aber trotzdem noch die Löschung von schlechten Bewertungen. Aber das machen wir nicht. Wir versuchen stattdessen die Unternehmen zu überzeugen, dass die Bewertungen ein wichtiger Indikator für die Zufriedenheit ihrer Mitarbeiter und für ihre Arbeitgebermarke sind."

Doch wie stellen die Betreiber der Bewertungsportale sicher, dass die Angaben richtig sind? Bei Kununu prüft eine Communityredaktion alle Einträge. Namen werden gelöscht, Beleidigungen sowieso. Eine Software scannt, mit welchen Emailadressen Einträge vorgenommen werden und schlägt Alarm, wenn auffällig viele Einträge von einem Absender vorgenommen werden.

Sensibler Datenschutz

Bei Bewerbersicht.com weist ein Trackingscript die Betreiberin darauf hin, wenn ein Unternehmen überdurchschnittlich häufig bewertet wird. Letztlich, sagen die Betreiber, könne man einen Missbrauch aber nie ganz ausschließen.

"Ohne Vertrauen geht es aber nicht", sagt Bewerbersicht-Gründerin Schütt. Entsprechend sensibel sei der Datenschutz.


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Wichtige Detailfragen

Wer sich auf dem Portal von Schütt registriert, muss viele Detailfragen zum Bewerbungsverfahren bei einer Firma beantworten: Nutzt das Unternehmen eine eigene Karrierewebsite, antwortet es persönlich oder nur mit einer automatisierten Standardantwort? Erfolgt das Bewerbungsgespräch telefonisch oder persönlich? Wird im Gespräch über Gehalt verhandelt?

Um eine Bewertung abzugeben, reicht aber nicht nur die Angabe einer Emailadresse. "Die Nutzer müssen bei ihrer Registrierung bestimmte Angaben zu ihrer Ausbildung und Berufserfahrung machen. Außerdem fragen wir ab, in welcher Region die Nutzer wohnen.

Aus diesen Daten errechnen wir, ob die Bewerber mit ihren Qualifikationen in ihrer Region gute Jobchancen haben und zeigen auf, wie lange es im Durchschnitt bei Bewerbern mit ähnlichen Qualifikationen in dieser Region gedauert hat, bis sie einen neuen Job gefunden haben", sagt Schütt.

Bewertung für Nutzer kostenlos

Für diese Analyse greift die Unternehmensgründerin auf Struktur- und Arbeitsmarktdaten von Eurostat und Zahlenmaterial der Wirtschafts- und Arbeitsministerien in Deutschland, Österreich und der Schweiz zurück. "Wenn das Portal in Zukunft genügend Nutzerdaten hat, können wir auch Aussagen über Trends der beruflichen Ausbildung und Weiterbildung je Region treffen. Das macht unser Angebot insbesondere für Jugendliche bei der Ausbildungsplatzsuche attraktiv", sagt sie.

Die Bewertung ist für die Nutzer kostenlos. Und das soll auch so bleiben. Um mit ihrem Portal Geld zu verdienen, hofft Schütt auf Werbeeinnahmen und Kooperationen mit Gewerkschaften, den österreichischen Arbeitskammern sowie den Arbeitsämtern.

Zuerst veröffentlicht auf zeit.de

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