Bewerbungsmappe Du sollst nicht lügen

In seiner Bewerbung sollte man sich gut darstellen. Wer aber Angaben über Noten, Abschlüsse oder Berufserfahrung vortäuscht, begibt sich auf dünnes Eis. Viele Unternehmen lassen ihre Bewerber von Privatdetektiven überprüfen. Und ein aufgeflogener Schwindel kann ernste Konsequenzen haben.

Markus Schleufe / Zeit.de | , aktualisiert

In der Bewerbung sollte sich der Jobsuchende von seiner besten Seite zeigen. Gute Zeugnisnoten, einwandfreie Beurteilungen der vorherigen Arbeitgeber und am besten nachgewiesene Auslandserfahrungen gehören oftmals zur Mindestvoraussetzung. Manch ein Bewerber mag da in Versuchung kommen, seinem Glück ein wenig auf die Sprünge zu helfen und seine nicht ganz so blütenreine Vita ein wenig aufzupolieren. Empfehlen nicht viele Bewerbungsratgeber, Lücken im Lebenslauf zu glätten?

Aber ist es zulässig, im Vorstellungsgespräch aus der Vier in Mathe eine Eins mit Sternchen zu machen? Die Schulzeugnisse spielen, wenn überhaupt, nur bei Berufseinsteigern eine Rolle. Wird schon keiner so genau hinschauen, so die stille Hoffnung der Bewerber mit dem gefälschten beruflichen Werdegang. Weit gefehlt, sagt Manfred Lotze, Geschäftsführer der Detektei Kocks.

Seine Kollegen und er schauen ganz genau hin. "Im Lebenslauf darf nichts kaschiert oder anders dargestellt werden, als es ist. Eine Untersuchung unserer Detektei hat ergeben, dass von 5000 begutachteten Bewerbungen ungefähr 1500 Unregelmäßigkeiten aufwiesen", sagt Lotze. Das entspricht einer Quote von 30 Prozent. Grund genug, dass immer mehr Unternehmen bei der Bewerberauswahl auf die Dienste einer Detektei zurückgreifen.

Denn gefälscht wird alles, was dem Personalchef ein Dorn im Auge sein könnte. "Nicht nur der Lebenslauf selbst, auch Zeugnisse und Arbeitsnachweise werden gefälscht. Es werden Beschäftigungsverhältnisse angegeben, die gar nicht existiert haben oder nicht lange gedauert haben. Bewerber betrügen bei der Schulbildung, fälschen Beurteilungen früherer Arbeitgeber oder geben Titel an, die so nicht geführt werden dürften", sagt Lotze. 

Überprüfung mit Einverständnis

Kunden der Detekteien sind Unternehmen, die bereits schlechte Erfahrungen mit Lebenslauffälschern gemacht haben. Mittlerweile gehen einige Unternehmen dazu über, die Daten ihrer Bewerber grundsätzlich überprüfen zu lassen. Aber dürfen die Firmen das überhaupt? Immerhin geht es hier um sensible, personenbezogene Daten. Ja, sie dürfen – wenn sie sich vorher eine Einverständniserklärung für die Überprüfung der Bewerberdaten haben unterschreiben lassen. Ein Präventivinstrument mit Schlagkraft. "Ungefähr 15 Prozent der Bewerber ziehen anschließend ihre Bewerbung zurück", sagt Lotze und schränkt ein, "das bedeutet allerdings nicht, dass diese 15 Prozent der Bewerber alle ihren Lebenslauf gefälscht haben. Darunter sind auch Personen, die nicht bei einem Unternehmen arbeiten wollen, das seine Mitarbeiter derart überprüft."

Und wie arbeiten die Detekteien? Zunächst werden die Bewerbungsunterlagen auf Plausibilität und Glaubhaftigkeit durchgesehen. Häufig finden sich bereits hier Diskrepanzen. Außerdem stellen die Detektive Recherchen zu den Angaben an, beispielsweise wo der Bewerber früher gearbeitet hat. Diese Maßnahmen ersparen dem Unternehmen unter Umständen viel Ärger. Laut einer Studie haben 70 Prozent der Mitarbeiter, die gegenüber ihrem Arbeitgeber kriminell geworden sind, bereits bei der Bewerbung gelogen.

Die meisten Mogel-Bewerber werden allerdings nicht kriminell, sondern faken nur ihre Qualifikationen. Aber Mitarbeiter, die nicht das leisten, was sie versprechen, kosten ebenfalls.

Die meisten Fälschungen sind allerdings eher harmlos: Zeiten der Arbeitslosigkeit werden mit der Angabe einer Selbstständigkeit kaschiert. Oft kommt es aber auch vor, dass Bewerber Texte von Namensvettern, etwa als Beleg für selbst veröffentlichte Publikationen, verwenden. Und manche eignen sich Titel an. "In einem Fall hat ein Bewerber das Zeugnis der Lebensgefährtin als Vorlage für ein gefälschtes Diplom genommen. So wurde er zum Diplom-Ökonomen und der Arbeitgeber wunderte sich über mangelnde Fachkenntnisse", berichtet Lotze.

Der Detektiv empfiehlt Personalern daher, auf die Details in der Bewerbungsmappe zu achten. Bei Zeugnissen beispielsweise sollte auf ein fehlendes oder falsches Wasserzeichen geachtet werden. Auch das Ausstellungsdatum eines falschen Zeugnisses ist eine beliebte Fehlerquelle. "Kein Chef stellt ein Zeugnis an einem Sonntag aus", sagt Lotze.

Ein weiterer Rat: Den Textinhalt des Bewerbungsschreibens mit denen der Arbeitgeberzeugnisse zu vergleichen. Gleicht sich der Wortlaut beider Dokumente, so liegt der Verdacht einer Fälschung nahe. "Viele Personalchefs lassen sich die Originalunterlagen, beispielsweise Zeugnisse oder Empfehlungsschreiben, nicht zeigen. Das ist ein Fehler. Nur anhand von Kopien ist es schwer, Fälschungen nachzuweisen – selbst für uns Profis", sagt Lotze.

Kein Kavaliersdelikt

Eine Bagatelle ist das Fälschen des Lebenslaufs und der Bewerbungsunterlagen nicht. Wer einen Titel zu Unrecht führt, kann wegen Titelmissbrauchs rechtlich belangt werden. Von der Urkundenfälschung, der man sich beim Fälschen des entsprechenden Nachweises schuldig macht, ganz zu schweigen.

Häufig belassen es die Unternehmen dabei, den Betrügern eine Absage zu schicken. Manche erstatten allerdings auch Anzeige. Fliegt der Schwindel auf, geht es an den Geldbeutel der unehrlichen Bewerber. "Ein veränderter Lebenslauf bedeutet eine Täuschung. Und eine Täuschung liegt nah am Betrugsdelikt, weil man sich einen Vorteil verschafft hat. Der Vorteil ist das höhere Einkommen, welches einem aufgrund vorgetäuschter, nicht vorhandener Kompetenz nicht zusteht. Vor Gericht wurde entschieden, dass Betrüger ihrem ehemaligen Arbeitgeber das zu viel erhaltene Gehalt zurückzahlen müssen – und einen Schadensersatz noch oben drauf", erklärt der Detektiv.

(Zuerst erschienen auf ZEIT ONLINE)

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