Bewerbung Anonym zum Traumjob?

Egal ob übergewichtig, tätowiert oder schon älter – Personaler sind nicht gefeit vor Vorurteilen. Warum auch anonymisierte Verfahren dagegen machtlos sind und wieso viele Unternehmen nicht einmal Absagen schicken.

Lisa Oenning, wiwo.de | , aktualisiert

Anonym zum Traumjob?

Foto: allvision / fotolia.com

Arbeitnehmer über 50? Die haben Alters-Wehwehchen und lassen sich von einem jüngeren Chef nichts sagen. Übergewichtige Menschen? Die sind faul und undiszipliniert – sonst würden sie ja abnehmen. Bewerber mit bunten Haaren, Tattoos und Blech im Gesicht? Das sind doch alles Asoziale, die sowieso nichts können und Unruhe stiften.
 
Viele umgehen das Antidiskriminierungsgesetz

Natürlich gibt kaum ein Personaler zu, dass er einen Bewerber aufgrund seiner Vorurteile aussortiert. Nicht nur, weil er dann als spießig und intolerant gilt, sondern auch, weil es das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) verbietet: Ethnische Herkunft, Glaube, Geschlecht, Alter und sexuelle Identität dürfen kein Grund sein, dass ein Personaler einen Bewerber abserviert. "Ein Unternehmen darf bei einer Absage nur sachbezogene Gründe angeben", erklärt Arbeitsrechtler Christoph Abeln. Das heißt: weil der Bewerber nicht die in der Stellenanzeige geforderten Qualifikationen mitbringt oder ein Mitstreiter besser ausgebildet ist.

Doch viele Unternehmen halten sich nicht an das Antidiskriminierungsgesetz. Erst kürzlich lud ein Firmenchef aus dem Sauerland Schüler zu einer Tagung ein – aber nicht alle. Seine Einladung richtete sich ausschließlich an Schüler ohne Piercings, Tattoos und Schlabberhosen.

Karriereberaterin Cornelia-Ines Pfeffer weiß, dass das sauerländische Unternehmen kein Einzelfall ist. Seit einem Jahr betreut sie einen 56-jährigen, arbeitslosen IT-Projektleiter. "Er ist hochqualifiziert und bringt langjährige Arbeitserfahrung mit." Trotzdem findet er keine neue Stelle. 120 Bewerbungen – 120 Absagen. "Es gibt zwar kein Personaler zu, dass sein Alter ein Problem ist, aber ich kann mir keinen anderen Grund für die Absagen vorstellen", sagt Pfeffer.

Warum Bewerber keine Antwort erhalten

Und die klingen meistens gleich: "Die Vorgesetzten bedanken sich für das Vertrauen des Bewerbers in das Unternehmen, müssen ihm aber leider mitteilen, dass sie sich für einen Bewerber entschieden haben, der für diese Stelle besser qualifiziert ist", sagt Pfeffer. Oft kommt es sogar vor, dass die Bewerber noch nicht einmal eine Absage auf ihr Anschreiben erhalten.

Das spart dem Unternehmen nicht nur Papierkram und Zeit, sondern ist auch Taktik: Die Unternehmen wollen dem Risiko aus dem Weg gehen, gegen das Antidiskriminierungsgesetz zu verstoßen. Sonst könnte der Bewerber gegen die Verantwortlichen vor Gericht ziehen. Also gibt es lieber gar keine Absage, als eine, die rechtliche Folgen haben könnte.
 
Rechtsweg lohnt sich meist nicht

Doch finanziell lohnt sich der Aufwand einer Klage laut Arbeitsrechtler Abeln nicht: Bis zu drei Bruttomonatsgehälter kann ein Kläger herausschlagen, wenn das Gericht ihm Recht gibt. Weil der Kläger noch Anwalts- und seinen Anteil an den Prozesskosten davon bezahlen muss, muss der Kläger meist sogar noch draufzahlen.

Auch muss der Bewerber beweisen können, dass Aussehen, Alter, Geschlecht oder Herkunft der Grund für die Absage waren. Und das ist aus Sicht des Arbeitsrechtlers heutzutage schier unmöglich. "Allenfalls wenigen kleinen Unternehmen kann man noch Diskriminierung beim Bewerbungsverfahren nachweisen", weiß Abeln. Zum Beispiel, wenn sie ihre Stellenanzeige unwissentlich nur für Bewerber in einer gewissen Altersklasse ausschreiben oder nur männliche oder weibliche Bewerber wünschen.
 
Anonyme Bewerbungsverfahren nehmen zu

Das anonymisierte Bewerbungsverfahren soll wieder Objektivität in die Unternehmen bringen – und die Qualifikation der Bewerber in den Mittelpunkt rücken. Die beruflichen Referenzen mit geschwärzten Zeitangaben sind das Einzige, was der Personaler erhält. Erst wenn er sie zum persönlichen Gespräch eingeladen hat, erhält er die kompletten Unterlagen – inklusive Namen, Foto, Adresse, Geburtsdaten und Familienstand.

In Amerika und Großbritannien hat sich das anonymisierte Bewerbungsverfahren schon vor Jahrzehnten als Instrument der Personalauswahl in den Unternehmen etabliert. Und auch in anderen europäischen Ländern wird es immer öfter eingesetzt, auch in Deutschland: Die Stadtverwaltung in Celle hat das anonymisierte Bewerbungsverfahren nach einem bundesweiten Pilotprojekt eingeführt, große Unternehmen wie die Deutsche Post, Deutsche Telekom und L'Oréal Deutschland zumindest teilweise.

"Anonymisierte Verfahren sind leicht umsetzbar, sie erlauben eine gezielte Personalauswahl und sie sorgen für Chancengleichheit", sagt Sebastian Bickerich, Pressesprecher der Antidiskriminierungsstelle des Bundes.

Aber auch beim anonymisierten Bewerbungsverfahren ist es spätestens beim Vorstellungsgespräch vorbei mit der 100-prozentigen Objektivität: "In den ersten paar Sekunden kategorisiert der Personaler ungewollt seinen Bewerber und entscheidet, ob er ihm sympathisch ist", sagt Karrierecoach Birte Püttjer.
 
Bewerber kommen wenigstens einen Schritt weiter

Trotzdem ist der Bewerber einen entscheidenden Schritt weiter als beim herkömmlichen Anschreiben: "Der Bewerber kann dem Chef persönlich beweisen, dass auch ein 60-Jähriger oder ein Übergewichtiger dynamisch genug für die ausgeschriebene Stelle sein kann", sagt Pfeffer.

Sie ist zwar überzeugt, dass das anonymisierte Verfahren so Bewerbern zu einer Stelle verhelfen kann, die vielleicht von vornherein abgelehnt worden wären. Sie hat allerdings ihre Zweifel daran, dass sich das anonymisierte Bewerbungsverfahren hierzulande genauso durchsetzen wird wie in den angelsächsischen Staaten. "Die deutschen Unternehmen wollen vollkommen frei sein in der Wahl, wen sie einstellen", sagt Pfeffer, die bereits einige Personaler zu ihrer Einstellung zum anonymisierten Bewerbungsverfahren befragt hat.

Anonyme Bewerbung schürt Skepsis

Das erklärt auch, weshalb eine ihrer Klientinnen hierzulande trotz guter Ausbildung keine Stelle findet. Die gebürtige Amerikanerin ist es aus ihrem Heimatland gewohnt, sich anonym bei den Unternehmen zu bewerben und hält auch in Deutschland an ihrer Bewerbungsmethode fest – ob die Unternehmen wollen oder nicht. Sie gibt die Kontaktdaten früherer Chefs an, bei denen sich Personaler persönlich nach ihrer Leistung erkundigen können.

Doch das kommt schlecht bei den Unternehmen an: Sie scheinen zu denken, dass die Bewerberin etwas zu verheimlichen hat. "Solange meine Klientin ihre Einstellung nicht ändert, wird sie auch weiter arbeitslos bleiben", glaubt Pfeffer.

Die Karriereberaterinnen Püttjer und Pfeffer beobachten allerdings, dass die deutschen Unternehmen in den vergangenen 20 Jahren deutlich toleranter geworden sind. Während früher noch bei jeder Berufsgruppe ein Anzug beim Vorstellungsgespräch verlangt wurde, ist es mittlerweile in einzelnen Branchen sogar üblich, in dunkler Jeans und Hemd zum Vorstellungsgespräch zu gehen.
 
Outfit beim Vorstellungsgespräch

"Je höher die Position ist, auf die man sich bewirbt, desto konservativer sollte das Outfit beim Vorstellungsgespräch sein", sagt Püttjer. Bei Jobs mit wenig Kundenkontakt, jungen Branchen oder in Szene-Läden seien Piercings und Tattoos selten ein Problem. In der Finanzbranche muss es ihrer Meinung nach schon ein Hosenanzug in gedeckten Farben sein, Tattoos und Piercings müssen verdeckt werden können.
 
Welche Dresscodes es in den Unternehmen gibt, können Bewerber leicht herausfinden: auf der Unternehmensseite, bei YouTube oder Xing. Die Vorab-Recherche gibt oft Aufschluss darüber, ob das Unternehmen eher konservativ oder locker eingestellt ist. "Die Bewerber können so feststellen, ob sie in das Unternehmen passen und sich ein Anschreiben überhaupt lohnt", sagt Pfeffer. Wer so seine Zweifel an der Toleranz des Unternehmens hat, dem raten die Experten dringend von einer Bewerbung ab. Denn wer wird schon in einem Unternehmen glücklich, der seinen Chef erst einmal davon überzeugen muss, dass Über-50-Jährige keine Alters-Wehwehchen haben, dass Dicke auch diszipliniert sein können und dass Menschen mit bunten Haaren, Tattoos und Piercings keine Unruhestifter sind?

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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