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Betrugsermittlung Lug und Trug ist ihr Geschäft

Ob Versicherungsbetrug, Diebstahl oder Korruption - bei der Aufdeckung sind Spezialisten gefragt: Sogenannte Certified Fraud Manager jagen Betrüger bei Banken und Versicherungen. Verschiedene Schulen bieten entsprechende Ausbildungswege an.

Sonia Shinde | , aktualisiert

Sie ertappen Bankmitarbeiter, die fingierte Kredite vergeben und in die eigene Tasche wirtschaften. Sie stellen Ärzte und Apotheker, die die Krankenkassen um Millionen prellen. Sie outen Betrüger, die Versicherungsprämien abzocken, finden versteckte Konten in Steueroasen und klären, wer die teuren Laptops mitgehen ließ, die "vom Lkw fielen" oder aus dem Lager verschwanden.

Rund 500 Betrugsermittler gibt es derzeit in Deutschland, schätzen Experten. Bedarf steigend. Doch Fachleute sind rar gesät, meist rekrutieren sie sich aus Ex-Polizisten oder Staatsanwälten, Wirtschaftsprüfern oder Revisoren. Eine Ausbildung von der Pike auf gibt es bisher kaum, geschützt ist die Berufsbezeichnung nicht.

Banken haben Bedarf

Zu neu ist das Berufsbild, das es in den USA seit Ende der 70er-Jahre gibt und in Deutschland ungefähr seit Ende der 90er. Bekämpft haben Unternehmen Lug und Trug zwar auch davor, "aber das machte die Revision eben mal mit", sagt Peter Zawilla, der erst als klassischer Banker in der Revision begann und inzwischen mit seinem eigenen Unternehmen Betrüger jagt.

20 000 Mark fehlten seinem Arbeitgeber Mitte der 90er-Jahre - sein erster Fall. Zawilla musste suchen, wer sie genommen hatte. Er prüfte Auszahlungen, sichtete Buchungsbelege, stellte fest, wer die Auszahlungen abgezeichnet hatte, verglich Unterschriften, recherchierte, welche der verdächtigen Angestellten mehr ausgaben als sie verdienten oder Schulden hatten. Am Ende war es ein Mitarbeiter in finanziellen Nöten. Der Täter gestand und flog raus. Zawilla löste in den Folgejahren "ein paar Hundert solcher Fälle". "Das war vor allem "learning bei doing", sagt er.

Jetzt will er gemeinsam mit der Frankfurt School of Finance & Management die Ausbildung professionalisieren. Von Mai an trainieren dort 25 Studenten berufsbegleitend Ermittlungstechnik und Interviewführung, büffeln die aktuelle Gesetzeslage - und lernen vor allem, wie man im Vorfeld Wirtschaftskriminellen das Leben schwer macht. Nach einem Jahr sind sie Certified Fraud Manager. "Vor allem Banken müssen aufrüsten", sagt er. Laut Kreditwesengesetz (KWG) müssen sie sich vor Betrug und Korruption schützen. Doch nur wenige Institute haben sich gewappnet, wie es das KWG vorschreibt, sagen Branchenkenner.

Und auch bei den Versicherern liege noch so manches im Argen, monieren Insider. "Die Anordnungen der Versicherungsaufsicht sind den letzten Jahren verschärft worden, deshalb gibt es in der Branche einen erheblichen Bedarf", sagt ein Betrugsermittler bei der Allianz in München. Mehr als 800 Fälle habe er pro Jahr auf dem Tisch, der Schaden geht in die Millionen.

Das ist wenig im Vergleich zum Gesundheitswesen. Dort taxiert die Anti-Korruptions-Organisation Transparency International den jährlichen Schaden durch korrupte Ärzte, betrügerische Krankengymnasten, Optiker oder Sanitätshäuser auf mindestens 6 Mrd. Euro. Ein riesiger Markt nicht nur für die Täter, sondern auch für Ermittler. "Die Unternehmen rüsten auf, nicht nur in der Gesundheitsbranche", sagt Dina Michels, die zusammen mit acht Mitarbeitern bei der gesetzlichen Krankenkasse KKH-Allianz in Hannover Betrüger im Gesundheitswesen jagt.

Dickes Fell gefragt

"Freunde macht man sich mit der Arbeit nicht. Das ist nichts für Harmoniesüchtige, da braucht man ein dickes Fell", sagt sie. Für ihr eigenes Team setzt sie vor allem auf Fachleute aus den eigenen Reihen. Am liebsten sind ihr Juristen oder Experten aus dem Sozialversicherungsrecht. "Die kennen die branchenüblichen Verträge", sagt sie. Ihr jüngster Neuzugang ist nicht nur Juristin, sondern hat davor lange als Krankenschwester in einer Klinik gearbeitet. "Sie kennt wirklich alle dunklen Kanäle, in denen Krankenhausgelder verschwinden können", sagt Michels.

Die Juristin war eine der ersten Absolventinnen der School of Governance, Risk and Compliance an der privaten Steinbeis-Hochschule in Berlin. 20 Studenten können sich dort jedes Jahr berufsbegleitend zum Ermittler ausbilden lassen, so wie Michels.

Rund 100 Absolventen hat Direktorin Birgit Galley inzwischen ausgebildet. Alle sind gut im Geschäft. Zwischen 40 000 und 70 000 Euro verdienen Berufseinsteiger je nach Vorbildung in Konzernen oder bei Wirtschaftsprüfern. Chancen haben Betrugsermittler vor allem bei großen Unternehmen, mit mehr als 100 Mitarbeitern in der Revision.

Kleinere Unternehmen setzen eher auf externe Hilfe, so wie Béatrice Kroll. Sie ist Compliance-Chefin für Europa beim koreanischen Autobauer Kia und somit verantwortlich, dass alles gesetzeskonform zugeht. "Für die Betrugsermittlung kaufen wir uns derzeit noch Unterstützung von außen ein" sagt sie. Und meint externe Berater. Viele Betrugsermittler machen sich nach ein paar Jahren selbstständig, so wie Birgit Galley.

Betrugsermittlerin wurde sie eher zufällig. Eigentlich wollte die junge Betriebswirtin als Personalerin bei der Deutschen Bank einsteigen. Den Vertrag hatte sie schon in der Tasche.Doch dann lernte sie kurz nach der Wende einen kanadischen Betrugsermittler kennen und war von seiner Arbeit fasziniert.

Für die Treuhand jagte sie in den Folgejahren Betrüger, die den Staat bei der Wiedervereinigung abzockten, folgte unter anderem der Spur des Geldes beim Skandal um die Übernahme der Ost-Raffinerie Leuna durch die französische Elf-Aquitaine und forschte mit ihrer eigenen Firma nach Unregelmäßigkeiten bei der Pleite der Bremer Vulkan-Werft. 30 000 Leitz-Ordner hat sie damals durchgearbeitet, 4 000 Dokumente als Beweise isoliert.

Zähigkeit zahlt sich aus

Zähigkeit und Durchhaltevermögen zählen für sie zu den Kardinaltugenden von Ermittlern - plus kriminalistisches Bauchgefühl. Das half ihr bei ihrem bislang skurrilsten Fall: Eine Herde Milchkühe war als Sicherheit für Kredite vorgesehen, verschwand jedoch spurlos. Galley suchte wochenlang nach den Ohrmarken der Tiere und folgte ihrer Spur - bis zur Schlachtbank. Statt auf kleine stetige Erträge aus der Milchproduktion setzten die Gauner auf das schnelle Geld aus dem Schlachthof. Und verschwanden damit ins Ausland. Galley stellte sie in Südeuropa.

Auf die Schliche gekommen war sie den Betrügern, weil sie weniger Milch ablieferten als sie durften. "Das widerspricht jedem kaufmännischen Verhalten. Da hatte ich das Gefühl, dass etwas faul ist", sagt sie. Dieses Gefühl allerdings kann auch die erfahrene Ermittlerin niemandem vermitteln. "Entweder man hat es oder man hat es nicht. Aus Büchern lässt sich das nicht lernen", sagt sie.

Entsprechend skeptisch beurteilen Praktiker die Studiengänge in Frankfurt und Berlin, sehen die dort erworbenen Titel eher als Zusatzqualifikation. "Forensik kann man nicht lernen", sagt Uwe Heim. Er ist selbst Forensiker bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte in Frankfurt.

Heim begann als Prüfungsassistent, bekämpfte später die organisierte Kriminalität für das Bundeskriminalamt und leitet seit 2007 die Deloitte-Forensik. Ihm sind "profunde Branchen- und Bilanzkenntnisse" seiner Bewerber wichtiger als alle Ermittlertitel. "Sie müssen genau wissen, wie die Abläufe in der Wirtschaft funktionieren, Bilanztricks erkennen und die richtigen Soft-Skills mitbringen wie Teamfähigkeit und ein hohes Maß an Empathie", beschreibt er sein Anforderungsprofil.

Bewährte Pfade

Und eine hohe Belastbarkeit, denn kaum ein Täter bleibt gelassen, wenn er auffliegt. "Manche werden ironisch, einige ausfallend, wenige brüllen herum, einzelne fangen an zu weinen. Das müssen Sie als Ermittler aushalten", sagt er. Auch Frank Weller vom Konkurrenten KPMG setzt derzeit noch "auf die bewährten Pfade". Bei Nachwuchskräften rekrutiere er inzwischen aber auch Absolventen der Steinbeis-Hochschule und der forensischen Master-Studiengänge ausländischer Hochschulen, etwa der Dublin City University.

Ausbildung
Studiengänge: Berufsbegleitende Ausbildungen bieten die Frankfurt School of Finance & Management (Certified Fraud Manager), die Steinbeis-Hochschule in Berlin (Master & MBA) und die Deutsche Universität für Weiterbildung (Master Compliance) in Berlin an. Auch die Dublin City University bietet einen Studiengang an. Im Herbst startet in Laxenburg bei Wien die interdisziplinäre "International Anti-Corruption-Academy". Sie ist ein Gemeinschaftsprojekt der europäischen Anti-Betrugsbehörde OLAF, der UN-Drogenbekämpfer und dem österreichischen Innen- und Außenministerium.

Fortbildung: Die Association of Certified Fraud Examiners bietet eine Weiterbildung zum Certified Fraud Examiner an. In Zusammenarbeit mit der Steinbeis-Hochschule schreibt der Verein derzeit Teilstipendien für den MBA aus. Die IHK Rheinhessen bietet zusammen mit der Vereinigung für die Sicherheit der Wirtschaft Aufbaukurse zum Koordinator für Betriebliche Ermittlungen an.

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