Berufung Der Job – mein Ein und Alles

Beruf und Berufung werden eins, die Grenze zwischen Arbeit und Privatleben löst sich auf. Was zufrieden und glücklich machen kann, birgt eine große Gefahr.

Rabea Weihser, zeit.de | , aktualisiert

Der Job – mein Ein und Alles

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Foto: saxlerb/Fotolia.com

Selbstverständlich haben wir es nicht leicht. Wir leben im Land der Dichter, Denker und Maschinenbauer, von Fortschrittsangst gebremst.

Noch dazu sind wir geschlagen mit einer Sprache, die unsere alltägliche Arbeit durch bloß eine angehängte Silbe zum sonntäglichen Gottesdienst erhebt: Beruf oder Berufung? Wer wollte da nicht verzweifeln.

Martin Luther ist schuld. In seiner Übersetzung der lateinischen vocatio interna und vocatio externa ist das Problem bereits angelegt. Der innere Ruf kommt von Gott, einer höheren Macht. Der äußere Ruf kommt von einer weltlichen Instanz. Aber in der Wahl der deutschen Entsprechung blieb der Kirchenmann herzlich indifferent: Beruf, mit oder ohne ung, das war Luther ziemlich egal.

Berufung ist die Basis

Rund 500 Jahre sind seitdem vergangen. Zeit genug, um Worte mit neuem Sinn zu füllen und auch, um sie zu entleeren. Gott schreibt nur noch wenige Stellen aus, der Begriff Berufung wird stattdessen täglich in den säkularen Denkzentralen der Republik durchgewalkt.

Ein Wort als High Potential. Sein metaphysischer Sphärenklang ist überwältigend und gerade deshalb so geeignet als Grundton der Leistungsgesellschaft.

Alles wird leichter

Selbstverständlich fühlen wir uns berufen: zum Schreinern, Schweißen, Schreiben und Kehren, zum Beschützen, Beraten, Heilen und Lehren, zum Servieren, Sortieren, Frisieren und Kassieren.

Wir wissen, dass der Chef weiß, dass wir besser, effizienter, länger, härter arbeiten und dabei auch noch gesünder und zufriedener sind, wenn wir Beruf mit Berufung verwechseln.

Angloamerikanische Psychologen sehen da klarer. Sie unterscheiden zwischen Job, Career und Calling und finden diese Ausprägungen in nahezu allen Berufsgruppen. Der Job dient allein dem Lebensunterhalt, das Leben findet aber außerhalb der Arbeit statt.

Wer Karriere machen möchte, strebt nach strukturellem oder finanziellem Aufstieg und zieht aus dem damit gewonnenen Status persönliches Selbstbewusstsein.

Wer einem Calling, also einer Berufung folgt, trennt nicht zwischen Arbeit und Leben. Geld und Status interessieren ihn weniger als die Erfüllung, die ihm seine Tätigkeit bringt. Die Arbeit ist Teil seiner Identität.

Sinnstiftung erwünscht

Die individuellen Talente waren im Idealfall schon angelegt, bevor der Arbeitsvertrag unterschrieben wurde.

Viele Seelsorger, Ärzte oder Lehrer ergreifen ihren Beruf, weil er Fähigkeiten voraussetzt, die sie als wichtigen Teil ihrer Persönlichkeit betrachten, und sie ihn als sinnstiftend empfinden.

Es mag Kollegen geben, die dieselbe Arbeit als Job erledigen oder nur aufs Geld aus sind. Menschen, die ihre Leistung in den Dienst der Allgemeinheit stellen, folgen jedoch meist einem inneren Antrieb, wie arbeitspsychologische Studien belegen. Sei es nun Gott, das Schicksal oder diese winzige Spirale aus Nukleinsäuren, die dem Individuum seine Eigenschaften mit auf den Weg gegeben hat: Wer das Gefühl hat, in der Arbeit seine Talente entfalten und Ideale verfolgen zu können, mag seine Berufung gefunden haben.

Menschenfreund und Weltverbesserer

Die Krankenpflegerin bleibt bei ihrem Patienten, auch wenn daheim der Haussegen gerade gerückt werden müsste. Der Umweltaktivist lässt sich sogar feiertags an die Ölplattform ketten. Der Anwalt für Menschenrechte wird die Nacht vor dem großen Prozess ohne Murren durcharbeiten.

Die prekär beschäftigte Sozialarbeiterin haust auf 38 Quadratmetern, aber sie liebt ihren Beruf. Und der Journalist wühlt sich wochenlang durch Stapel geheimer Akten, weil er schon immer die Welt verbessern wollte.

Paradiesische Zustände, wenn Selbst und Tun zusammenfallen. Für den Arbeitgeber, weil der Angestellte vor lauter Spaß das Stempeln vergisst. Und für den Arbeitnehmer, weil er vor lauter Spaß die Arbeit vergisst.

Beide Seiten wollen dem diffusen Gefühl der Berufung habhaft werden.

Wo so viel Win-Win winkt, riecht natürlich auch die Beraterbranche ihr Geschäft: Volkshochschulkurse bringen jeden Verirrten in zwei Tagen auf die Spur zur beruflichen Erleuchtung. Ein Seminar wie Die eigene Berufung finden ist das Seepferdchen der neuen Arbeitswelt. Das Sinnvakuum im Job wird ganz schnell mit emotionaler Bedeutung gestopft. So optimieren sich die Hilflosen zur Übereffizienz. Personalmanager applaudieren. Das hatte sich Karl Marx sicherlich anders gedacht, als er von der Selbstverwirklichung durch Arbeit sprach.

Auf Martin Luther Kings Spuren

Unternehmensberater und Job Coaches geben den Optimierungswilligen gern ein paar kluge Sprüche an die Hand. Wie den von Martin Luther King aus seiner Rede Facing The Challenge of A New Age von 1957: "Wenn es Dir im Leben zufällt, Straßen zu kehren, dann kehre die Straßen, wie Michelangelo Bilder malte. Kehre die Straßen wie Beethoven Musik komponierte. Kehre die Straßen wie Shakespeare dichtete. Kehre die Straßen so gut, dass alle Heerscharen im Himmel und auf Erden innehalten müssen und sagen: 'Hier lebte ein großer Straßenkehrer, der seine Aufgabe gut gemacht hat.'"

Künstlerreligion statt göttlicher Berufung

Möglicherweise meinte King damit nur, man solle das Beste aus seiner Situation machen. Nimmt man ihn aber beim Wort, so propagiert der Bürgerrechtler die vollkommene Entgrenzung der Arbeit zugunsten der Selbstverwirklichung im Beruf.

Er fordert vom Straßenkehrer die Exzellenz eines künstlerischen Großmeisters, die absolute Hingabe zu seiner Tätigkeit, die Konzentration aufs Werk und damit einhergehende Weltabgewandtheit eines kreativen Genies. Kurz: An die Stelle göttlicher Berufung setzt er das individualisierte Spiegelbild einer Künstlerreligion, wie sie das 19. Jahrhundert prägte.

So vermessen dieser Anspruch zunächst wirkt, er könnte auf die folgenden Generationen zutreffen wie auf keine zuvor. Die fortschreitende Technifizierung der Arbeitswelt ersetzt Menschen durch Maschinen, wenn ihre Tätigkeit nicht intellektuell oder kreativ anspruchsvoller ist, als es Computer leisten können.

In Nürnberg grüßen U-Bahn-Führer ihre Roboter-Kollegen, wenn sich die Züge im Tunnel begegnen. Und jede Ikea-Kassiererin muss sich fragen, warum sie Blumentöpfe über den Scanner zieht, während das nebenan ein Automat erledigt.

Die einfachen Jobs sterben aus. Die mental oder emotional anspruchsvolleren nehmen zu.

Wessen Werte verwirklicht das Selbst?

Deshalb verändert sich unser Verhältnis zur Arbeit. Zwangsläufig bringt der Mensch von morgen seine Persönlichkeit in die Berufstätigkeit ein. Darin liegt sein einziger Vorsprung vor der Technik.

Das unternehmerische Postulat von Kreativität und Innovation nimmt den Mitarbeiter als Ganzen in die Pflicht und löst die Grenze zwischen seiner beruflichen und seiner privaten Person auf. Er kann und soll sich mit seiner Arbeit identifizieren, die Ziele der Firma sollen zu seinen werden.

Und wo Gott oder Schicksal geschlampt haben, bessern nun die Manager und Unternehmensberater nach, indem sie den Mitarbeitern die betrieblichen Werte "in die DNA einpflanzen", wie es so oft heißt. Das Selbst, das jeder meint zu verwirklichen, ist womöglich längst nicht mehr sein eigenes.

Risiko der Selbstaufgabe

Künftig werden mehr und mehr Menschen ihre Arbeit als Berufung wahrnehmen, ob aus oktroyierter Illusion oder echter Empfindung.

Durch die Konzentration auf ihre Talente und die dauernde, fast narzisstische Eigenreflexion finden sie Halt bei sich selbst, während sich der Rest der bekannten Welt in Unbeständigkeiten auflöst.

Das kann zu ihrem Selbstwertgefühl und ihrer Lebenszufriedenheit beitragen, birgt aber auch ein großes Risiko. Denn wer aus inneren oder äußeren Beweggründen ganz in seiner Arbeit aufgeht, dem bleibt kaum Zeit für andere Dinge.

Die engagierte Krankenpflegerin opfert ihre Ehe. Der Menschenrechtsanwalt verpasst wegen des Prozesses die Einschulung seiner Tochter. Die prekäre Sozialarbeiterin erleidet einen Bandscheibenvorfall, weil sie sich in ihrem Zweitjob im Warenlager verhoben hat.

Und der Journalist kommt mit dem Druck nicht mehr klar, mit dem all die geheimen Aktenordner seine Psyche beschweren. Sagt man nicht: Glück im Büro, Pech zu Hause?

Work-Life-Balance bleibt Berufenen ein Fremdwort.

Ziel erreicht

Das Glück aber liegt da, wo wir es aus freier Entscheidung finden. "Wenn sich die Grundsätze guter Arbeit – Exzellenz und Ethik – harmonisch zueinander verhalten, führen wir ein persönlich erfüllendes und sozial bereicherndes Leben", schreibt der Glücks- und Kreativitätsforscher Mihály Csíkszentmihályi.

Das gilt natürlich nicht nur für Arbeitnehmer, sondern auch für Unternehmer. Man stelle sich vor, sie alle fühlten sich berufen, diese Prinzipien zur Maxime ihres Handelns zu machen: Die sogenannte Generation Y, die den Sinn unbefriedigender Arbeit hinterfragt, müsste sich umtaufen in Generation Z. Sie hätte ihr Ziel erreicht.

Zuerst veröffentlicht auf zeit.de

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